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Das geheime Leben der SdJ-Preisverleihung

Die Preisverleihung des Spiel des Jahres fand diesmal wieder in dem kleinen Fenster zwichen „Ich habe Ferien“ und „Ich bin noch nicht im Urlaub“ statt und daher konnte ich das erste Mal seit Corona wieder teilnehmen. Es war so wie früher, nur voller und mit mehr Preisträgern. Mittlerweile dürfte sich rumgesprochen haben, wer gewonnen hat: Unlock/Unlock Kids einen  Sonderpreis, Mysterium Kids Kinderspiel des Jahres, Challengers das Kennerspiel und Dorfromantik das Spiel des Jahres. Gratulation an alle Beteiligten!

Überraschenderweise will ich hier gar nicht groß über die Preisträger reden, denn es gab bereits zwei Redebedarffolgem (hier und hier ) einen Blogeinträge  und zwei Rezensionen (Dorfromantik und Challengers) dazu und es haben ja durchaus die Wettfavoriten gewonnen. In der Megakurzzusammenfassung: Der Sonderpreis für Unlock ist hochverdient, die Reihe wurde wirklich stetig besser und lässt mittlerweile in der Breite alle anderen Reihen hinter sich. Mysterium Kids ist sicherlich OK, ich kenne die anderen Nominierungen nicht, aber das schien mir zumindest das originellste zu sein. Challengers wäre ein super Spiel des Jahres gewesen, wenn es eine Catan-mäßige Einstiegsregel gehabt hätte, als Kennerspiel weckt es mMn etwas falsche Erwartungen, aber es freut mich für das Team. Dorfromantik ist die „sichere“ Wahl gewesen, ich persönlich hätte wohl Next Station London bevorzugt, weil ich das mit gemischten Gruppen spielen kann, ohne dass jemand das Gefühl hat, irgendwo in der Mitte eines Prozesses einzusteigen. Wenn das Spiel des Jahres ein Fingerzeig an die Industrie ist, dann fällt dieses Jahr -wie schon letztes Jahr – eher so aus: Spielt im Familienbereich auf sicher! Keine Experimente, keine Dinge, die negativ ausgelegt werden könnten. Schöne Graphiken und Wohlfühlathmosphäre sind gefragter als offener Wettkampf. Und tut alles dafür, dass die Einstiegshürde sinkt, sonst landet ihr im Kennerspielbereich! Ich persönlich hoffe darauf, dass letzteres zu einstiegsfreudigen Regeln führt. Schnellstartregeln sollten nicht auf Krimispiele á la Cluedo Krim&Rätsel beschränkt sein. Was den Wettbewerbcharakter betrifft: Auf der einen Seite könnte man argumentieren, dass es das ist, was viele Leute an Spielen reizt. Auf der anderen Seite ist es dass was andere Leute am Spielen hindert. Es ist keine so eindeutige Aussge wie „Partyspiele sind auch gute Spiele“ (Pictures) oder Auch im Grenzbereich zwischen Spielen und Rätseln kann man erfolgreich sein (Exit, MicroMacro), aber es ist eine Aussage, auf deren Anwendung wir gespannt sein können.

Nachdem Jahrelang der Kinderspielpreis weitestgehen losgelöst von den anderen Preisen vergeben wurde, gab es dieses Jahr die Wiedervereinigung. Das war nicht die einzige Änderung, die Jury schraubt weiter an dem ganzen Prozedere der Preisverleihung herum und da ist sie meines Erachtens auf den richtigen Weg von der schnöden Presseveranstaltung zu einer Verleihungszeremonie. Als alter, zynischer Ewigspieler brauche ich ICH das nicht, aber etwas mehr Oompf hilft es schon, wenn man den Stellenwert der Preisverleihung im Bewusstsein der Bevölkerung besser verankern will. Die gemeinsame Verleihung der drei Preise ist da der richtige Schritt. Auch erklären vor jeder Verleihung die jeweiligen Vorsitzenden die Besonderheiten der Preise, was insbesondere beim Kinderspiel interessant ist. Dann wurden die Spiele per Video kurz erklärt, was den Juroren die Möglichkeit gab, zu erklären, warum die Spiele nominiert wurden (hier gebührt ein besonderes Lob Bernhard Löhlein, derdas sehr knapp und nachvollziehbar schaffte, ohne die Regeln zu wiederholen). Dann kamen die Autor*innen zu Wort, während die Verlagsleute auf der Bühne nur ihre Urkunden bekamen. Da war eine richtige Entscheidung, denn die Spieleschaffenden selbst sollten im Mittelpunkt stehen. Gerade die Franzosen um Mysterium Kids machten da ne richtige Show draus. Verlesen wurden die Preise diesmal klassisch per Umschlag – das Enthüllen der Pöppel war wohl etwas angestaubt. Das Eröffnete die Möglichkeit dafür Gäste einzuladen, was ich für eine sehr gute Entscheidung halte, denn dadurch wurde die Veranstaltung angenehm aufgelockert. Den Kinderspielpreis verlas einer der Grundschüler, der half die Spiele zu testen, den Kennerspielpreis ein Organisator für Brettspielevents aus der Ukraine (ein sehr empotionaler Moment) und den Spiel des Jahres – Preis einer der beiden Wettkandidaten, der Spiel des jahres-Titel am Ausschütten erkennen konnte. Während die Autor*innen und Verlagsleute jetzt die Bühne stürmten wurde die Begründung der Jury vorgelesen. Nach der Vorstellung war diese Begründung dann doch etwas redundant und zudem ging die im Trubel zimelich unter. Kann man mMn weglassen, vor allem, wenn es eh noch eine normale Presseerklärung und – konferenz gibt.

Die Veranstaltung als solche muss man unabhängig davon wie man zu den Preisträgern steht als gelungen bezeichnen. Die Athmosphäre ist gut, das Programm durchdacht und vor allem auch gut getaktet. Ich bin gestern durchaus psoitiv gestimmt nach Hause gegangen.

Ein paar Schnipsel:

-Die Veranstaltung begann mit einem emotionalen und angemessenen Nachruf auf Klaus Teuber.

– Die Autorin von Carla Caramel, Sara Zarian, hat einen guten Einblick über ihren Debkprozess gegeben: Die Sonne in Kinderspielen ist sonst immer etwas positives. Das ist aber durchaus schon eine etwas Eurozentrierte Sicht. Insofern wollte sie der Sonne auch mal eine negative Rolle geben: Sie schmilzt das Eis. Man hat gemerkt, wie gut sie verstanden hat, wie Kinder Spielelemente wahrnehmen!

– Man merkte Harald Schrapers an, dass er in seiner kleinen Rede viele Sachen unterbringen wollte, die ihm wichtig waren. Im Internet wird ihm ein Nebensatz, dass Spiele ja von den Mitspielenden leben, als Angriff aus Solospiele ausgelegt. Ich halte das für falsch, genauso gut könnte man seine Rede als Angriff auf Freibäder und Konzerte und „andere Hobbies“ verstehen, die „in Konkurrenz zu Brettspielen stehen“ . Genauso wie man beim Umgang mit Büchern von „Lesen“ sprechen kann, ohne dass damit die Abschaffung von Hörbüchern zu assoziieren, kann man schon festhalten, dass die meisten Leute mit „Brettspiel“ „Gesellschaftsspiele“ assoziieren. Bei einem anderen Juroren (die in der Vergangenheit kein Spielbox-Editional über Solospiele geschrieben haben) wäre dieselbe Aussage nicht so negativ aufgenommen worden. Dass die Jury mit Dorfromantik zudem ein Spiel prämiert hat, dass sich zumindest sehr an Solospielende richtet, sollte zeigen, dass hier vielleicht etwas überempfindlich reagiert wird. Unter den Kinderspielempfehlungen sind übrigens ein paar Solobücher…

-Das Kartoffelgratin beim Buffett war echt gut.

ciao

peer

 

 

 

Peer Sylvester