Brettspiel Burnout und andere dunkle Seiten des Hobbies

Spielen ist ein Hobby – zumindest für die meisten. Selbst wenn jemand bloggt, rezensiert oder auch (wie ich) in der Freizeit ein Spiel entwickelt, bleibt es doch ein Hobby. Da man ein Hobby freiweillig betreibt, kann es sowas wie “Stress durch spielen” gar nicht geben.

Oder?

Oder???

Vor kurzem kündigte ein Rezensent, den ich folge, an, in Zukunft kürzer zu treten, da er einen “Brettspiel Burnout” haben würde. Was ist damit gemeint? Ist das ansteckend?

Vereinfacht gesprochen ist (normalerweise) nicht das Brettspiel an sich stresserzeugend, sondern eine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt wird. Damit ist jetzt nicht die Erwartungshaltung an das Brettspiel gemeint, sondern die Erwartungshaltung an sich (durch sich selbst oder andere), einen gewissen Spielepensus zu erreichen. Das kann schlicht dadurch geschehen, dass auf Twitter, auf BGG oder sonstwo ständig über die neuesten Spiele geschwärmt wird, die man unbedingt ausprobieren müsse. Wer Ansprüche an sich selbst hat, alles wichtige zu spielen, kommt schnell in Bedrängnis; selbst wenn man sich noch so oft sagt, dass man nicht alles ausprobieren kann, was neu ist – die angst etwas zu verpassen ist größer als die Vernunft. Und nur die wenigsten haben Geld und Zeit, mit den größten mitzuhalten. Natürlich ist der Denkfehler, das man das müsste (also “mithalten” jetzt), aber es ist liegt doch irgendwie in der Natur eines Brettspielers, einen Wettstreit “gewinnen” zu wollen. Vom Gatekeeping (“Du kennst dich ja gar nicht aus!”) ganz zu schweigen – gerade unter Rezensenten.

Ironischerweise wird die Sache nicht unbedingt einfacher, wenn man Rezensionsexemplare bekommt. Natürlich fällt der Geldfaktor weg, aber wer Ansprüche an sich selbst hat, der wird schnell bemerken, dass die Resource “Zeit” ebefalls endlich ist. Als ich zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, Rezensionsexemplare zu bestellen, habe ich gleich alles mitgenommen was ging… nur um dann festzustellen, dass ich ein ganzes Jahr brauchte, um alles “abzuarbeiten”, ein Jahr, in dem ich fast nichts anderes mehr gespielt habe, als Rezensionsexemplare. Ich sag mal: Optimal ist das auch nicht. Dies war auch der Grund, warum oben erwähnter Rezenent sich aus dem Geschäft verabschiedete (und er ist nicht der einzige, den ich persönlich kenne): Es wurde einfach zu viel Arbeit und das Hobby fiel hinten runter.

Wenn man über Stress spricht, insbesondere von einer privilegierten Stellung heraus (und wenn man Rezensionsexemplare bekommt ist man privilegiert), setzt man sich schnell Sozialneid (fragt mal Per Mertesacker) und/oder blöden Sprüchen aus! Natürlich ist das alles ein “First World Problem”, aber es kann für Betroffene durchaus ein Problem darstellen. Insbesondere eben weil das Problem von anderen nicht als solches ernst genommen wird, insbesondere weil man auch selbst natürlich sieht, dass man wegen “Nicht genügend Spiele schaffen” nicht depressiv sein dürfte – was die Selbstzweifel erhöhen kann – Teufelskreis!

Für dieses Problem gibt es auch keine Lösung; Dem Betroffenen  “Sei entspannter!” zuzurufen, ist jedenfalls keine. Und Rezensionsseiten veröffentlichen nun einmal Rezensionen und Leute sprechen über Spiele – das ist eben so. Was man nur machen kann (und ich tue das hiermit) ist den Nicht-Betroffenen darauf hinzuweisen, dass dieses Problem existiert und für die Betroffenen durchaus ernst ist.

Ein anderes Problem kann Stress für Autoren und andere Kreative bedeuten, insbesondere wenn sie, nunja, gerade nicht so kreativ sind. Som plagen mich z.B. durchaus gelegentlich (insbesondere bei Jahreswechseln) erhebliche Selbstzweifel habe, was meine Spieleautorentätigkeit betrifft. Ich kann damit mittlerweile einigermaßen umgehen. Ich weiß, dass jeder gelegentlich in das eine oder andere Loch fällt, egal wie erfolgreich er ist. Die Gedankenfalle funktioniert so: Ist man nicht erfolgreich, ist man genau deswegen depressiv, ist man erfolgreich, so “weiß” man, dass man solche tollen Spiele nie wieder schaffen kann… Ich bin zu meinem Glück ein recht positiver Mensch und diese “Löcher” sind selten. Bei anderen mögen sie häufiger sein oder auch nicht, aber es dürfte nur wenige Autoren geben, die niemals derartige Zweifel haben (wobei es auch eine Frage der Intensität ist). Einen Autoren dafür zu kritisieren, dass er gerade nicht kreativ ist, ist entsprechend nicht hilfreich. Ob es GRR Martin ist oder der kleine Kickstarter-Autor von Nebenan: Schreien hilft nicht. Wirklich nicht!

Unsere Community ist recht gut, aber ab und an wäre etwas mehr Verständnis für andere durchaus hilfreich.

ciao

peer

Warum uns Brettspiele nicht zu Tränen rühren

Spiele sind narrative Medien. Seitdem ich vor etwa 20 Jahren mit diesem Hobby angefangen habe, hat sich die Reaktion auf diese Aussage gewandelt. Von augenrollender Ablehnung bis zu vorsichtigen, mit Einschränkungen versehenen Zustimmung, dass es vielleicht, möglicherweise und unter bestimmten Umständen vorstellbar wäre, dass man Spiele als narrative Medien bezeichnen könnte. Nun gibt es viele sorgfältig gewählte, präzise formulierte und aufwändig geschaffene Definitionen für die Begriffe „Spiel“, „narrativ“ und „Medium“ mit denen man die Anfangsaussage so auslegen kann, dass sie für einer Mehrzahl oder Minderheit an Spielen gilt. Aber ich denke der Grund weshalb die meisten Menschen nicht aus dem Bauch heraus zustimmen – so wie sie es etwa bei Büchern oder Filmen tun würden – hat damit zu tun wie Spiele auf uns Einfluß nehmen. Genauer gesagt, welche Art der Gefühle sie aus uns herauslocken können. Bücher sind ein narratives Medium und Literatur kann uns tief empfundene Freude oder Trauer fühlen lassen. Filme sind narrative Medien und im Kino können wir uns in tief empfundener Ehrfrucht oder Angst verlieren. Spiele hingegen machen halt Spaß.

Brettspiele können uns zum Lachen bringen. Manchmal bringen sie uns dazu unser Augen verblüfft und überrascht aufzureißen. Aber sie scheitern daran uns zu Tränen zu rühren. Ich möchte darüber sprechen warum das so ist.

Eine unwahrscheinliche Reaktion auf ein Brettspiel

Aber da es sich hier um einen Blogeintrag und kein Buch handelt, werde ich nur zwei Hauptgründe für den augenscheinlichen Mangel an emotionaler Tiefe ansprechen, und warum diese Einschränkungen nicht unüberwindbar sind.

1. Belanglosigkeit

Es gilt als gegeben, dass Spiele bedeutungslos sind. Sie sind, wenn man sie genau betrachtet trivial und irrelevant. Es ist nicht schwer zu verstehen warum dieser Glaube anhält. Der Magische Kreis (Huizinga) ist eine strukturierendes Konzept mit der wir eine Art kleine Realitätsblase erschaffen. Darin gelten neue Regeln und Bräuche und dieser Kreis ist untrennbar mit unserem Verständnis von Spielen verbunden. Die Regeln des Spiels gelten nur innerhalb der Grenzen des Spiels selbst. Sie können nicht darüber hinaus wirken um uns zu verändern, unsere Beziehungen oder sogar die Realität selbst. Sie funktionieren ähnlich wie das Holodeck aus Star Trek – Das Nächste Jahrhundert. Jede phantastische und wunderliche Simulation die darin geschieht, gehorcht bestimmten Regeln der Simulation. Aber sobald man aus ihr heraus tritt, haben die Regeln keine Macht mehr darüber was man tun kann und was nicht. Es ist also vollkommen logisch, dass ein Spiel, welches außerhalb seiner Spieldauer keine bleibende Veränderung bewirken kann, demnach auch belanglos ist, oder?

Ich würde dagegen halten, dass wir hier zwei Dinge gleichsetzen, die zwar verwandt aber nicht identisch sind, oder gar austauschbar. Es ist in diesem Zusammenhang sogar enorm wichtig diese Dinge klar von einander zu trennen. Spiele sind folgenfrei, aber nicht belanglos. Sie sind vorübergehend von Bedeutung während wir sie spielen, aber diese Bedeutsamkeit löst sich schnell auf, sobald wir den Magischen Kreis verlassen, oder unsere intensive Immersion oder unseren „Flow State“ oder wie auch immer man eine fesselnde Spielerfahrung nennen will.

Wenn man den Magischen Kreis verlässt…

Aber während wir spielen, ist das Spiel für uns von Bedeutung. Denn sonst gäbe es im Spiel auch keine Spannung. Wenn Sieg oder Niederlage uns wirklich egal wären, dann hätte unser Spiel keine Ausrichtung. Es wäre nicht möglich eine Entscheidung darüber zu fällen was wir als nächstes tun wollen, oder welches Ziel wir als nächstes anstreben möchten. Diese Entscheidungen sind nur möglich, weil wir das eine Ergebnis für wertvoller halten als das andere. Dadurch dass wir ihnen einen Wert zuschreiben, nehmen wir unausgesprochen an, dass es eine übergeordnete Bedeutung gibt, welche einer Möglichkeit mehr Gewicht verleiht als einer anderen. Sich 4 Siegpunkte zu holen, statt nur 2, ergibt nur Sinn, weil es besser ist mehr Siegpunkte bei Spielende zu haben als weniger. Und es ist nur deshalb besser, weil es mir wichtig ist das Spiel zu gewinnen. Wäre mir gewinnen egal, dann wäre es mir auch egal wie viele Siegpunkte ich bekomme; und wenn mir das egal ist, kann ich keine vernünftige Entscheidung fällen.

Spannung existiert als logische Folge meines emotionalen Investments in ein konkretes Ergebnis. Wir wollen dass Martys DeLorean bei 140 km/h vom Blitz getroffen wird, weil wir emotional in seinen Erfolg investiert haben. Wir wollen dass Rey Kylo Ren abweist, weil wir nicht wollen, dass sie der dunklen Seite der Macht verfällt. Wir wollen, dass Ferris nicht von Mr. Rooney geschnappt wird, weil wir nicht wollen das der fantastische Eskapismus zerstört wird, bevor der Film zu Ende ist. Diese Momente sind spannend, nicht nur weil sie so gut gefilmt sind, sondern weil wir auf eines der Ergebnisse unsere Emotionen gesetzt haben. So lange diese Filme laufen, ist uns ihr Ausgang wichtig. Wir haben sie mit Bedeutung versehen, in dem wir unsere Gefühle daran geknüpft haben.

All diese Gefühle werden verloren sein in der Zeit…

Aber jeder der sich noch an seine erste Liebe erinnert, wird wissen: nur weil wir ein Mal tiefe Gefühle empfunden haben, heißt das nicht, dass wir es immer noch tun. Aber dadurch werden diese Erfahrungen dennoch nicht belanglos. Ihre Folgen mögen sich verlaufen haben, aber während wir sie erlebten, waren sie von Bedeutung. Das Gleiche gilt auch für Bücher oder Filme. So lange wir emotional drin stecken, sind sie uns wichtig und sind von Bedeutung. In einigen seltenen Fällen nehmen wir diese Erfahrungen mit uns und werden von ihnen eine nicht unbedeutsame Zeit lang beeinflußt. Auch das unterstreicht nur, dass wir all diese Dinge bedeutsam nennen, die uns im jeweiligen Moment, emotional beeinflußen. So wie wir durch das Eintreten in den Magischen Kreis eines Spiels es akzeptieren, dass das Spiel während des Spielens (d.h. so lange wir uns im Magischen Kreis aufhalten) für uns von Bedeutung ist. Wenn wir uns dabei ertappen wie wir das Spiel intensiv erleben und unsere Emotionen an einen bestimmten Ausgang knüpfen, müssen wir auch akzeptieren dass Brettspiele Bedeutung haben. Sie mögen zwar außerhalb des Spielens keine Folgen haben, aber es ist ihre Bedeutsamkeit, die es uns ermöglicht sie überhaupt zu spielen.

Warum also fällt es uns so schwer vom Gedanken los zu lassen, dass Spiele nicht nur von geringer Konsequenz, sondern auch von vernachlässigbarem Wert sind? Es kann sein, dass es dafür ganz praktische Gründe gibt, wie Jesper Juul in Art of Failure sehr anschaulich erklärt. Um uns darauf gefasst zu machen, dass wir womöglich ein Spiel verlieren könnten, an einer Aufgabe scheitern und so unangenehme Erfahrungen ausgesetzt sind, nutzen wir vorsorglich den Begriff der Bedeutungslosigkeit, um die Wirkung, die Spiele auf uns haben, wortwörtlich klein zu reden. Bevor wir uns der Gefahr aussetzen, dass unsere emotionale Einbindung zu intensiv wird, streiten wir Spielen ihre Bedeutung und damit auch ihre Effektivität ab, unser Gefühlsleben zu beeinflußen. Es ist ein geistiger Taschenspielertrick, den wir seit Kindesbeinen einstudiert haben. Es wird uns beigebracht sich nicht über ein Spiel aufzuregen, da ein Spiel bedeutungslos ist. Man sagt uns wir sollen würdevoll verlieren (d.h. so, dass andere davon nicht belästigt werden) und dass wir unsere emotionale Reaktion auf die Ereignisse in einem Spiel dämpfen sollen, mit der vermeintlich vernünftigen Erklärung, dass es „nur ein Spiel ist und nicht so wichtig“. Man bringt uns bei und wir geben diese Lehre weiter, dass Spiele belanglos sind und unsere emotionale Antwort darauf (von einigen erlaubten Ausnahmen abgesehen) unpassend und unangemessen sind. Daher sollte es nicht überraschen, wenn unsere Spielerfahrung sehr oberflächlich bleibt und es uns schwer fällt Spiele als legitimes, narratives Medium anzuerkennen.

Man stelle sich folgendes Experiment vor und wer möchte, kann es gerne selbst mal ausprobieren: Wir machen es uns gemütlich und wollen uns einen guten Film anschauen. Kein hin geklatschter Schund, voller lauter Geräusche und nackter Haut, sondern „großes Kino“. Ein Film, der echte Gefühle herbeibeschwören will, in dem das Mitgefühl der Zuschauer für die Figuren geweckt wird und sie mit den Ereignissen der Geschichte mitfiebern. Jedes Mal, also, wenn man sich dabei ertappt mit einer Figur mitzufühlen, sich Sorgen um ihr Schicksal macht, oder sich über den Egoismus des Gegenspielers empört, kann man sich einfach daran erinnern: „es ist nur ein Film!“. Während diese Szene gefilmt wurde, stand die Filmcrew gelangweilt hinter der Kamera beim 15. Take dieser Szene; oder einer der Schauspieler hält während er seinen Text spricht einen Furz zurück, usw. usf. Kurz gesagt, man rufe sich einfach durchgehend ins Gedächtnis, dass die Bedeutung dieses Films vollkommen künstlich ist. Man tut das einfach immer wieder, wenn man bemerkt, dass der Film versucht einen emotional zu packen. Die Chancen stehen gut, dass man sich vom Film nur sehr oberflächlich angesprochen gefühlt hat. Es war bestenfalls eine nette, unterhaltsame Ablenkung für den Kopf. Vielleicht hat man versucht den wahren Täter in einem Krimi zu erraten, oder die unausgesprochenen Beweggründe des Gegenspieler, etc. Eine solche Erfahrung würde es einfach machen zu argumentieren, dass Filme zwar eine nette geistige Herausforderung darstellen, aber einen wohl kaum auf eine emotionale Reise mitnehmen. Die Künstlichkeit des Films wäre ja so offensichtlich, es wäre zu einfach sich einfach davon zu distanzieren.


“Es ist nur ein Film. Da geht‘s um nichts, außer zu Spaß haben.”

Nichts anderes machen wir mit Spielen. Wir weigern uns die Erfahrungen das Spiels als vorübergehend bedeutungsvoll oder relevant zu erkennen, weil wir indoktriniert wurden, sie nur als belanglos zu begreifen. Bisher gibt es nur eine vorherrschende Erfahrung für die Brettspiele konzipiert werden: der Wettstreit. Man stelle sich vor Filme und Bücher hätten ein Genre, eine emotionale Erfahrung, die so präsent ist, dass ein Großteil der Spiele sie versuchen umzusetzen oder sie irgendwie zumindest teilweise einzubinden. Wie verzerrt, wie einseitig und wie wenig massentauglich würden diese narrativen Medien uns dann vorkommen?

Aber jenseits unserer Vorurteile was Spiele leisten können, und dadurch was wir ihnen zugestehen zu tun, stellt sich auch die Frage, was wir mit ihnen eigentlich anstellen. In wie weit erlauben wir Emotionen Teil des Spiels zu sein? Das ist der zweite Grund, weshalb wir bei Brettspielen nicht weinen.

2. Erlaubnis

Ich denke ich werde niemals müde werden zu sagen, dass Spielen eine soziale Erfahrung ist. Nicht nur wegen der offensichtlichen Tatsache, dass wir die meisten Spiele nur in Gegenwart anderer Leute spielen können. Aber die soziale Erfahrung reduziert sich nicht nur darauf, dass wir gemeinsam Zeit verbringen, wenn wir spielen.

Spiele sind im Kern interaktiv. Bei Videospielen findet diese Interaktion mit der Maschine und dem Programm statt. Diese legen die Grenzen der Interaktion fest. Sie schaffen die Regeln nach denen wir spielen und sorgen dafür, dass sie eingehalten werden. Bei Brettspielen übernehmen Spieler diese Aufgabe. Wir etablieren die Normen des Spiels in dem wir ausdrückliche Regeln (Spieldesign) und indirekte Regeln (Spielgewohnheiten) wählen. Wir sind es, die die Grenzen des Magischen Kreises setzen und einhalten. Alles was innerhalb des Magischen Kreises geschieht, ist gemeinsames Spielen. Alles was außerhalb geschieht, ist gemeinsamer Zeitvertreib. In Brettspielen drückt sich die soziale Erfahrung und das Gemeinschaftliche durch das Spielen aus. Es sind nicht – wie oft fälschlich gedacht – die Gespräche, das Essen und Trinken oder die persönliche Interaktion, die außerhalb des Spiels stattfinden. Diese können natürlich auch soziale Erfahrungen sein. Arten auf die wir Gemeinschaftlichkeit formen und erleben können. Aber sie finden zusätzlich zum Spielen statt, nicht wegen des Spiels oder durch das Spiel. Auch wenn es Leute gibt, die Spiele als Vorwand nutzen um mit anderen Zeit zu verbringen, liegt das Soziale am Spiel in der Spielhandlung selbst. Wenn wir Spiele also soziale Erfahrung sehen wollen, müssen wir akzeptieren, dass sie nicht Auslöser für ein soziales und gemeinschaftliches Miteinander sind. Spiele sind das gewählte Mittel mit denen wir uns spielend mit anderen Menschen austauschen wollen. (Das ist auch der Grund, weshalb es so wichtig ist, dass Spieldesigns mehr erforschen müssen als Siegpunktesammlungs-Wettbewerbe, die nur einen Gewinner kennen.)

Was ist denn falsch an dem wie wir es immer gemacht haben?

Innerhalb des Spielens haben sich kulturelle Normen etabliert. Meistens durch sozialen Druck, der manche Verhaltensarten begrüßt aber andere ablehnt. Bei Brettspielen sind aufrichtig empfundene Gefühle während des Spiels an jedem Spieltisch tabu. Frustration wird meist nur akzeptiert wenn man sie ironisch überzeichnet ausdrückt. Tatsächlicher Frust wird als Zeichen fehlender Reife gesehen. Ein Sieg darf nur in gemäßigter und zurückhaltender Art gefeiert werden, um nicht als schlechter Gewinner abgestempelt zu werden. Wer es wagt beim Verlieren eines Spiels sich so zu ärgern, dass er einen Moment braucht um sich wieder zu fangen… wie man es etwa bei einem besonders rührendem, tragischen Film tun würde… der wird schnell verdächtigt emotionale Probleme zu haben. Denn „traurig sein“, geht bei Brettspielen so gar nicht! Unsere persönlichen Spielgemeinschaften, d.h. die Leute mit denen wir spielen, kontrollieren genau welche Gefühle man ausdrücken darf und grob in welcher Form. Lautes, herzhaftes Gelächter ist in der Regel in Ordnung. Aber Schadenfreude ist nur unter bestimmten Umständen erlaubt. In Gruppen in denen ich teilnehme, scheint es mir, dass Spieler die sehr arrogant oder überheblich auftreten, bei Niederlagen durchaus verspottet werden dürfen. Allerdings würde ich es für völlig indiskutabel halten sich über einen Spieler lustig zu machen, der kämpfen muss aus dem letzten Platz herauszukommen. Aufrichtiger Ärger darf sich meiner Erfahrung nach nur durch „offensichtlich“ ironische Wort- oder Tonwahl äußern, oder muss stoisch geschluckt werden. Wer sich nicht an die Spielgebräuche einer Gruppe hält, gefährdet das zerbrechliche Gleichgewicht zwischen Freundschaftlichkeit und Wettstreit.

Diese Beispiele sind nicht dafür da um zu sagen, dass die persönliche Meinungsäußerung in keinster Form beeinträchtigt werden darf. Für so einen fundamentalistischen Unsinn ist mir meine Zeit zu schade. Es ist auch kein Plädoyer, dass man Spielern erlauben sollte zu wüten, zu schreien und zu heulen wenn sie Spiel spielen. Was ich damit verdeutlichen will, ist dass diese Einschränkungen der emotionalen Bandbreite und Tiefe in Brettspielen nicht dem Medium selbst innewohnen. Sie sind eine Folge der Spielkultur, die wir am Tisch verbreiten und ein Resultat der Sozialisierung an der wir uns als Mitglieder dieses Hobbies beteiligen. Der Grund weshalb uns Brettspiele nicht zu Tränen rühren, liegt nicht darin dass Spiele diese Emotionen nicht wecken können. Es liegt daran, dass wir wir es verbieten solche Emotionen beim Spielen auszudrücken.

Ich denke für viele Menschen ist die geringe, emotionale Einbindung im Spiel, die sie mit ihrer Spielgruppe erleben, Teil dessen was das Hobby so attraktiv für sie macht. Wie ein verlässlicher Episodenfluss einer familienfreundlichen Sitcom, oder die beruhigende Vertrautheit eines Genres wie der romantischen Komödie. Brettspiele sind eine Möglichkeit Spiel wie einen Entspannungstee zu erleben. Aber Spiele können mehr als das leisten. Es kommt allein darauf an, ob wir gewillt sind das auch umzusetzen.

Komm rein, das falsche Gras ist unglaublich!

Pitch Perfect + Ersteindrücke

Wie so viele Blogartikel vor ihm, begann auch dieser bei Twitter. Es ging um die Diskussion, wie man als Autor seine Prototypen einem Verlag anbieten sollte. Ein Autor und Spieleblogger meinte, dass Verlage nicht am Thema interessiert sind und nur die Mechanismen wissen wollen. Dem Gegenüberstand gerade ein Artikel von Ignacy Trzewiczek, in dem er schrieb, dass er nicht wissen will, was für ein Genre das Spiel ist (“Workerplacement mit Area Control”), sondern was für eine Geschichte erzählt wird.

Bevor ich auf den Wiederspruch eingehe, noch eine andere Anekdote: Auf der UK Gamees Expo gab es so eine Art”Höhle der Löwen” für Brettspielautoren, die ihr erstes Spiel eine Handvoll von Verlagen anbieten wollten. Die Prototypen waren wohl vorher auch ausgestellt und mit einem Text versehen. Ein Redakteur meinte zu mir: Keiner der Prototypen hat die Spieldauer angegeben und nur einer die Spieleranzahl. Keiner gab das Alter der Spieler an. Alle hatten eine große Hintergrundgeschichte des Spieles auf ihrem Informationszettel.

Nun bin ich kein Redakteur und nehme keine Spielevorschläge entgegen. Aber aus meiner Erfahrung als Autor heraus, sollte man für den ersten “Pitch” folgendes aufschreiben:

Die Daten: Titel, Spieleranzahl und Alter, Spieldauer

Ein Satz zur Zielgruppe und zum Genre: “Kommunikationsspiel für Familien”, “Aufbauspiel für Vielspieler”, “Storylastiges Rätselspiel miit Schwierigkeitsgrad von TIME Stories”  etc. (Ja, es ist durchaus erlaubt, andere Spiele als Referenz anzugeben.

Und dann ein Absatz max. was das Spiel besonders macht, was es aus der Masse an Spielen hervorhebt. Und hier sind wir bei der Einleitung: Für Portal Games ist hier das Thema besonders interessant, die Geschichte, die das Spiel erzählt. Für viele Deutsche Verlage sind es eher die Mechanismen, denn das Thema eines Eurogame ist oftmals eh veränder- und vernachlässigbar. Es ist an dieser Stelle natürlich wichtig, dass man den Verlag kennt. Es kann nicht schaden, wenn man einen Satz schreibt, warum man gerade diesem Verlag das Spiel anbietet. Ich weiß, das klingt trivial, aber ich weiß, dass viele Neu-Autoren erst einmal alle Verlage anschreiben, unabhängig ob der Verlag passt oder nicht. Das ist nicht nur eine Verschwendung von Ressourcen, es ist auch nicht sehr erfolgsversprechend: So konnte ich meine diesjährige Neuheit Chiffre nur deswegen bei Gmeiner unterbringen, weil ich das eigentlich abstrakte Spiel in eine Krimigeschichte verpackt habe – Gmeiner nimmt nur Krimispiele. Auch davon ab, verlangen manche Verlage ein bestimmtes Format für Spieleinsendungen oder nehmen gleich gar keine Vorschläge an. Wer sich hier nicht im Vorfeld informiert, nimmt in Kauf, dass seine Vorschläge ungelesen abgelehnt werden. Und natürlich: Wer offensichtlich keine Ahnung hat, wem er sein Spiel anbietet, signalisiert dem Verlag eine gewisse Unprofessionalität, die sich durchaus auch auf die Bewertung eines Spieles auswirken kann. Einem Zeimat traue ich eher zu, dass die Minimalidee wirklich  lustig ist, als einem Unbekannten.

Tatsächlich reichen die eben gennanten Informationen für eine erste Kontaktaufnahme aus meiner Sicht völlig aus. Ist der Verlag interessiert, kann man die geschriebene Spielregel schicken und erst dort stehen dann die Details und ggf. die Hintergrundgeschichte der Fantasywelt. Ist der Verlag immer noch interessiert, dann erst schickt man einen Prototypen.

Ich habe jetzt nicht viel neues geschrieben. Ich weiß auch nicht, ob die Spielbar die richtige Seite ist, um Jungautoren anzusprechen, die nicht wissen, wie man einen Verlag anschreibt. Aber ich hatte das Thema schon länger auf meiner Liste und wer weiß? Vielleicht hilft es ja jemanden!

Was mich aber wirklich freuen würde: Ich weiß, dass hier Redakteure mitlesen. Ich würde es total toll finden, wenn ihr in den Kommentaren noch ein paar Ergänzungen postet oder erzählt worauf ihr achtet oder meine Ausführungen kommentiert (und sei es nur mit “Ja genau so!” oder “Hört nicht auf ihn, er redet wirr!”)

Um noch etwas mehr Substanz anzubieten, lege ich noch ein paar Ersteindrücke dazu:

Pandemic Legacy Season 2: Eine Rezi folgt, wenn wir das Spiel beendet haben. Aber das dauert naturgemäß noch ein bisschen, daher mein Kurzeindruck der ersten 4 Spiel-Monate:: Ich bin froh, dass das Spielprinzip variiert wurde! Es ist natürlich immer noch Pandemie, da es aber deutlich weniger Städte gibt, ist das Grundprinzip variiert wurden und das spielt sich durchaus frisch. Meine Hauptsorge war, dass ich durch die erste Staffel etwas  Pandemie-müde sein würde, aber die Gefahr wurde abgewendet. Auch erscheint es mir im Moment deutlich storylastiger und man muss ein paar grundlegende Entscheidungen fällen (versucht man alle Städte zu retten oder konzentriert man sich?), welche die ganze Kampagne beeinflussen. Das wäre nochmal eine Verbesserung gegenüber der ersten Staffel. Aber mal sehen – meine größte Sorge jetzt ist, dass dem Spiel die Luft ausgeht, weil nichts mehr dazukommen kann (alles geöffnet etc.) – so weit sind wir noch nicht, aber das Tempo ist hoch!

Skyjo: Viel Begeisterung auf Twitter über dieses Spiel, dass schon länger auf dem Markt ist, aber die Brettspieleszene ziemlich weiträumig umfahren hat. Hier geht es darum eine Kartenauslage zu optimieren: Man fängt mit 12 zugedeckten Karten an und darf jede Runde eine (offene oder verdeckte Karte Austauschen oder eine Karte aufdecken. Dabei gilt es möglichst niedrige Zahlen in die Auslage zu bekommen oder dreimal dieselbe Zahl untereinander zu legen. Hinzu kommt ein Timing-Mechanismus: Wer die letzte Karte aufdeckt läutet das Spielende ein – sollte aber die niedrigste Auslage haben, sonst werden die Minuspunkte verdoppelt. Spielt sich fluffig web, ist glücksabhängig aber durchaus spannend. Die Kinder mögen es, ich spiele es gerne mit.

Facecards: Jeder hat eine Kartenhand mit Gesichtern (von Menschen, Tieren, Gegenständen) und wählt verdeckt zwei davon aus, die irgendwie zusammengehören. Eine davon kommt in die Mitte, wo alle Karten -ergänzt durch mindestens eine Zufallskarte – gemischt aufgedeckkt werden. Jetzt versucht jeder ein Pärchen der anderen zu identifizieren. Das wars auch schon. Fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie Krazy Wördz an, geht aber schneller und ist etwas kinderfreundlicher. Dafür ist man stärker von seiner Kartenhand abhängig, denn zu weit hergeholte Verbindungen errät keiner, aber manchmal passt es einfach nicht. Dennoch: Lustiges Spiel für Zwischendurch.

Mutabo: Im Prinzip Titelbilder (wie es in meinem Jam Dudel-Buch heißt) bzw. Eat Poop your cat (wie es bei Boardggamegeek heißt) bzw. Stille Post Extrem (wie es bei Goliath heißt). Der Block bietet vorgefertigte Falzlinien, aber vor allem sind Karten im Spiel aus denen Sätze entstehen, die gezeichnet werden sollen. Das ist lustiger als die Begriffe aus Stille Post Extrem und sorgt für kreativere Titel als wenn man sich die aus den Fingern saugen muss. Das funktioniert gut, ob mans braucht, muss jeder selbst entscheiden. Ist aber ein gutes Geschenk!

Neos: Auch wenn die verschiedenen Spielekulturen sich gegenseitig befruchten und beeinflussen und so, gibt es doch gewisse Trends. Einer davon ist, dass Deutsche Spieleautoren den Spielern möglichst viel Kontrolle über möglichst alles geben wollen. Das fällt besonders auf, wenn ein (in diesem Fall japanisches) Spiel daherkommt und praktisch das Gegenteil macht: Man hat eine Kartenhand, aber kann immer nur wenige Karten davon spielen. Welche bestimmt eine zufällig aufgedeckte Karte. Aber erst einmal: Das Ziel ist es, Linien auf den Karten zu verlängern. WElche Linien verlängert werden dürfen, bestimmt die erwähnte aufgedeckte Karte und gibt dabei immer genau zwei Optionen, z.B. A oder B? Sind weitere Linien auf den Karten, dürfen die aber natürlich mit verlängert werden, sonst wäre es kein Spiel. So gilt es darum flexibel zu bleiben und sich nichts kaputt zu machen. Ein bisschen wie eine linieare Version von Take it Easy. Tatsächlich funktioniert das gut, ähnlich wie Take it easy, geht aber schneller und ist weniger Gerechne. Aber den Kontrollverlust muss man abkönnen. Nett, auch weil ästhetisch schön!

Inis: Hat mir durchaus gefallen, aber ist natürlich ein ziemliches Gegeneinander-Spiel. Andererseits vernichtet man den Gegenspieler hier nicht oder so, im Gegenteil, es ist wichtig, dass man seine Kämpfe weise wählt. Manchmal reicht es auch, sich nur “einzuschleichen”. Das Drafting funktioniert zudem sehr gut und die Reihenfolge der Gebiete bestimmt viel vom Spielablauf und sorgt so für Abwechslung. Wird sicherlich nicht mein Lieblingsspiel – einfach wegen des Genres – aber innerhalb der Prügelspiele sehe ich durchaus viel Gutes.

ciao

peer

Verlagsvorstellung: Helvetiq

Mit den Spielen von Helvetiq habe ich seit Essen schon ein bisschen geliebäugelt: Sie sehen einfach so verdammt super aus! Ich hatte in Essen  selbst aber keine Zeit für den Verlag, aber irgendwann ist auch Zeit für ein Interview mit dem Verlagsgründer Hadi Barkat! Da der Verlag zudem so großzügig war, mir ein paar Freiexemplare zukommen zu lassen, gibt es ein paar Spieleeindrücke am Ende!

Bitte stelle Dich und Helvetiq kurz vor!

Ich habe den Verlag Helvetiq vor 10 Jahren gegründet. Damals hab ich die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Während dem Einbürgerungsprozess ist mir aufgefallen, dass viele meiner Freunde wenig über ihr Land wissen. So ist mir die Idee für das Spiel Helvetiq gekommen, um auf spielerische Art die Schweiz kennenzulernen. Das Spiel war – und ist noch immer – sehr erfolgreich. Von da an haben wir weitere Spiele, nicht nur über die Schweiz, entwickelt. Wir kreieren Gesellschaftsspiele für die ganze Familie, die schnell erlernt sind, damit man möglichst rasch mit dem Spielen beginnen kann. Für alle die, die Helvetiq noch nicht kennen, empfehlen wir Bandido als Einstiegspiel. Im Moment ist das unser Bestseller und kommt bei Gross und Klein gleich gut an.

Heute besteht Helvetiq aus einem internationalen Team von neun Leuten. Unsere Spiele werden in über 20 Ländern vertrieben, auch in Deutschland via Spiel direkt. Unser Büro liegt in Basel. Etwa 3 km von der deutschen Grenze entfernt.

Übrigens sind wir wohl der einzige Spielverlag, der auch ein Buch mit dem Namen Bierwandern veröffentlicht hat. 🙂 Wir publizieren nämlich auch Bücher aller Art.

Was würdest Du sagen, charakterisiert Helvetiq-Spiele?

Wie bereits erwähnt, fokussieren wir vor allem auf einfache und schnelle Gesellschaftsspiele mit grossem Spielspass. Einige würden wahrschienlich sagen, dass das Format der kleinen Taschenspiele, die man überall hin mitnehmen kann, auch typisch Helvetiq ist. Das Design charakterisiert unsere Spiele sicherlich auch. Wir legen grossen Wert auf die visuelle Gestaltung unserer Spiele. Als Verlag wollen wir immer wieder für Überraschungen sorgen und setzen uns selbst möglich wenig Grenzen. Kreativität und Spass übertrumpfen bei uns normalerweise wirtschaftliche Überlegungen.

Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Dieses Jahr ist unser erstes Spiel mit Holzteilen erschienen. Team UP ist eine Art Tetris in 3D, das auf einer Mini-Europalette gespielt wird. Die Verpackung aus Kraftpapier passt wunderbar zum Inhalt, finden wir. Diese Reihe von Holzspielen wollen wir in nächster Zeit vergrössern.Bald erscheint auch unser neues Spiel Kartel von Rainer Knizia. Die originellen Illustrationen der Gangsterbosse werden die Spieler hoffentlich zum Schmunzeln bringen.

Für 2019 haben wir ausserdem ein Outdoor-Spiel geplant, sowie ein komisches Partyspiel von einem koreanischen Spielautor. Wie vorhin gesagt, gibt’s für uns kaum Grenzen, wenn es darum geht, neue Sachen auszuprobieren.

Wir sind eigentlich immer offen für neue, unerwartete Projekte, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Wir sind also selbst auch gespannt, was die Zukunft bringt.

Ihr habt eine ganze Reihe mit “Streichholzspielen” – Hat sich das so ergeben oder war das geplant? Wie kam es dazu?

 

Als Erstes sollten wir vielleicht festhalten, dass sich in den Spielen keine echten Streichhölzer befinden sondern Holzstäbchen.Die Idee für diese Reihe kommt von einem alten Spiel mit Streichhölzern, welches ich oft mit meiner Familie im Urlaub gespielt habe. Danach haben wir uns die kreative Herausforderung gesetzt, komplett unterschiedliche Spiele zu kreieren, die alle das gleiche Format und Spielmaterial (Karten und Holzstäbchen) haben. Dazu kommt, dass uns das Format der Strichholzschachteln einfach gefällt und wir die Spiele auch als Gegenstände schön finden. Man kann sie auf einem Couchtisch liegen lassen und sie sehen gar nicht wirklich aus wie Spiele.

 Nehmt Ihr auch Spieleideen von Außenstehenden an? Wenn ja, wie geht man am besten vor?
Ja, wir nehmen auch Ideen von externen Spielautoren an. Dabei ist es am einfachsten, uns eine kurze Zusammenfassung oder vielleicht sogar ein Video des Spiels zu schicken. Bei Interesse fragen wir dann einen Prototypen an. Unsere Entscheidungsmonate sind April und Oktober.
Wenn jemand mit einer oder mehreren Spielideen bei uns im Büro in Basel vorbeikommen will, ist er oder sie jederzeit herzlich willkommen. Wir freuen uns immer, Spielautoren persönlich kennenzulernen. Es vereinfacht auf jeden Fall den Arbeitsprozess und ermöglicht eine schnellere Rückmeldung.
Vielen Dank für das Interview!

Jetzt zu meinen PEEPS der von mir ausprobierten Spiele:

Bandido

Das Bandido ein großer Hit ist, düfte sicherlich auch an Eric Martin liegen, der das Spiel auf BGG vorgestellt hat. Aber auch daran, dass die Schachtel schön klein ist (ähnlich der OINK-Spiele). Und vor allem daran, dass das Spiel originell ist und Spaß macht! Prinzipiell ist Bandido so quasi Saboteur – die kooperative Patience oder so: Reihum legen die  Spieler Tunnelkarten an die Auslage mit dem Ziel alle Ausgänge zu verschließen – entweder durch Sackgassen oder durch das Verbinden zweier loser Enden zu einem “Kreiverkehr”. Dabei kämpft man ständig gegen Windmühlen: Für jeden Gang, den man verschließt tauchen zwei neue auf. Dabei gelingt dem kleinen Spiel die für kooperative Spiele wichtige Gradwanderung aus “Das schaffe ich nie” und “Wir stehen kurz vorm Sieg!”. Abgesehen davon, dass die Auslage recht raumgreifend ist, ist Bandido ein ideales Reisespiel. Meine ältere mag es ebenso und da die Spieldauer kurz ist, wird man es gerne immer wieder rausholen. Der Autor Martin Nedergaard Andersen hat hier vielleicht sein bisher bestes Spiel abgeliefert. Hier spreche ich eine klare Empfehlung aus!


Roadkill

Roadkill würde ich dagegen nicht uneingeschränkt empfehlen. Das liegt aber in der Natur des Spieles: Roadkill ist ein hundsgemeines Ärgerspiel und liegt nicht unbedingt in der Zielgruppe dieses Blogs.

Prinzipiell hat jeder Spieler einen Straßenabschnitt und eine Kartenhand mit Tieren und Sonderkarten. Ziel ist es, am wenigsten tote Tiere bei Rundenende auf Straße und Hand zu haben und daher muss man die übergefahrenen Vierbeiner beim Gegner ablagen. Wortwörtlich. Tote Tiere können mit passenden lebenden Tieren reanimiert werden und umgekehrt. Sonderkarten verschieben ebenso Karten bei sich und beim Gegner, blockieren Straßenabschnitte oder blockieren Tierkadaver bis zum Rundenende.

1000 KM oder Mille Bourne ist so etwas wie der Urvater des “Ärgerkartenspielgenres”(Hier ein passender Meilenstein). Roadkill ist das, was übrig geblieben ist, wenn das Autorennen von Mille Bournes beendet ist. Quatsch, so wollte ich den Satz gar nicht beenden! Also noch mal: Roadkill ist das, was einem “modernen 1000 KM” am nächsten kommt (vom genialen Saboteur einmal abgesehen). Ja, es ist immer noch ein Ärgerkartenspiel, mit allem was das bedeutet (hoher Glücksfaktor, viel negative Interaktion…), aber mit einigen potentiellen Entscheidungen  (wenn man die Karten hat), passender Spieldauer und vor allem einen schönen Rhytmus, der zu großen Frust verhindert: Die einzelnen Runden sind recht kurz, die Wertung nicht brutal (es werden Siegpunktchips aufgedeckt, die dann verteilt werden, je nachdem wie gut die Spieler die Runde überstanden haben, dadurch wird niemand wirklich abgehängt) und danach wird wieder Tabula Rasa gemacht. Dadurch ist man nie wirklich aus dem Spiel.

Roadkill ist und bleibt ein Ärgerkartenspiel. Wenn man das weiß und abkann, dann wird man daran Spaß haben. Ich hatte ihn (mit einer Gruppe Wenigspieler) – ich würds nicht jeden Tag spielen wollen, aber innerhalb dieser Gruppe ist Roadkill aufgrund des schlanken Designs sicherlich sehr weit oben! Zumindest wenn man sich am Thema nicht stört…

Forest

… sieht super aus! Vermutlich ist Forest das schönste der Helvetiq-Spiele. Spielerisch hat es leider nicht so überzeugen können: Man legt immer eine der Karten an den Wald an und wenn 7 (oder mehr) von einem der Tiere oder Weihnachtsmänner oder Feen zu sehen sind, bekommt man die entsprechenden Karten, was je nach Variante gut oder schlecht ist (Ich empfehle letzteres). Dabei kommt ein Wimmelbild-Mechanismus zum tragen, denn z.T. sind die Motive etwas versteckt. Das kann man durchaus zum Bluffen nutzen, aber dennoch ist man doch sehr seinen Karten ausgeliefert. Damit ist es auch ein Ärgerspiel, aber eher der Uno-Sorte (auch wenn es sich natürlich ganz anders spielt), in dem sinne, dass man die richtigen Karten braucht, um Ärgern bzw. Punkten zu können. Als Geschenk für Nichtspieler mit Kindern dennoch geeignet, weil der Spielablauf einfach ist und die Karten so schön sind. Für mich aber das Schwächste der hier vorgestellten Spiele.


Team Up!

Team Up ist ein 3D-Puzzle, wo man versucht Bauteile möglichst kompakt auf eine Palette zu stapeln. Da nichts überstehen darf, ist dies tatsächlich kein Geschickliichkeitsspiel, sondern ein Puzzle. Die Bauteilauswahl ist eingeschränkt: Eine Karte bestimmt Form oder Farbe des zu platzierenden Bauteils. Außerdem ist bei jedem Holzteil eine Seite als “oben” deklariert. Daher sollte man so puzzlen, dass möglichst viele Ebenen fertig gestellt werden (dafür gibt es Punkte), man aber möglichst flexibel bleibt. Was nicht verbaut werden kann, gibt Minuspunkte.

Oben stand etwas von einer Gradwanderung bei kooperativen Spielen. Leider bekommt Team Up diese nicht so gut hin  wie Bandido, was vor allem an zwei Faktoren liegt: Zum einen gibt es keine Handkarten, man weiß also nicht, was demnächst kommt. Strategisch zu bauen ist daher schwierig. Vor allem aber gibt es keine “Niederlage”: Man hört auf, wenn man meint, dass es sich nicht lohnt weiterzu machen, weil man keine Ebenen mangelns Bauteile mehr beenden kann. Und dann gibt es mehr oder weniger Punkte. Da gibt es kein echtes “Mitfiebern”.

Außerdem macht es spielerisch keinen Unterschied, ob man mit mehreren oder alleine spielt – außer dass man sich natürlich Tipps geben kann. Da aber niemand Handkarten hat, ist Team Up nichts anderes ein Rätsel, das man gemeinsam löst. Ich habe es in der Osterwoche daher hauptsächlich alleine gespielt. Da sorgt es für eine gewisse Herausforderung (es geht auch schön schnell), aber ich bin kein großer Solopuzzler und mir persönlich fehlt einfach das gewisse “Etwas”. Das mag auch daran liegen, dass die ersten beiden Ebenen immer gelingen, die dritte eigentlich auch (wenn man keine blöden Fehler macht), die vierte aber dann schon sauschwer ist (zumindest für mich). Als Resultat liegen die Punktzahlen immer sehr dicht beisammen. Ich mag die Grundidee eigentlich wirklich, aber so ganz hat mich das Spiel bislang leider nicht packen können. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es deutlich Puzzle/Solobegeisterte Spieler als mich gibt.


Stickman
Die Idee: Man zeichnet auf dem Rücken der Mitspieler Streichholzfiguren nach und diese müssen die dann anschließend erkennen. Dabei gibt es noch einen kleinen Gedächtnis-Faktor, denn alle bekommen erst einmal ihren “Stickman” aufgemalt, bevor sie anhand von Karten raten dürfen.

Ich finde die Idee gut und orginell und kann mir das gerade mit Kindern sehr gut vorstellen. Aber das Prinzip mit zwei Kartensätzen (einen zum bestimmen des Motivs, eine anderer für das Raten) war verwirrend und die Auswahl an Karten zu groß zum Raten. Auch haben wir bei zwei Karten gar keinen Unterschied feststellen können. Das mag der Frühjahrsmüdigkeit geschuldet sein, aber ich müsste mir Stickman noch einmal in Ruhe vornehmen (die Zeit vor Veröffentlichung des Interviews war knapp) und dann noch einmal ggf. darüber schreiben. Im Moment wirkt es, als hätte man aus der originellen Idee etwas mehr rausholen müssen.

Ob man dem Grundgedanken “Auf dem Rücken der anderen Malen” überhaupt etwas abgewinnen kann, ist natürlich Geschmackssache…

 

Die fabelhafte Welt der Männer und warum es sich ändern muss

Letztes Jahr, wie eigentlich jedes Jahr, hatte die Jury nach der Bekanntgabe der Nominierten im November und der Gewinner im Juli einiges an Gegenwind erhalten. Die Wahl der Spiele ist unterirdisch. Wieso wird dieses Spiel beachtet und jenes nicht. Diese Diskussion ist so alt und langweilig, dass es gefühlt müßig ist aber gelichzeitig aufzeigt, wie die Außenwirkung der Arbeit immer noch nicht die ist, welche jeder für sich selber möchte. Da könnten wir Journalisten vielleicht auch etwas mehr Erklärung und Aufklärung durch die Nachrichten schieben. Wobei ich nicht mal wüsste, ob es die, die es erklärt bekommen müssten, überhaupt hören wollen. Unsere Zeit ist da sehr merkwürdig.

Sie ist auch sehr merkwürdig, wenn es um die Rechte einzelner oder ganzer Gruppen geht. So musste die Jury sich letztes Jahr auch vorwerfen lassen sie wäre zu männlich. Die aktuelle Jury setzt sich aus 9 Männern und 1 Frau zusammen. Dazu kommt die Kinderspieljury, welches nochmal 3 Frauen und 2 Männer sowie 2 Frauen und 1 Mann im Beirat sind. Aber die Kinderspieljury stimmt ja nicht über den großen roten Pöppel ab, der doch die größte Marktwirkung hat. Ein Blick auf die Entwicklung der Jury zeigt auch eher eine sehr geringe Menge an anderen Frauen die mal den Job hatten.

Warum ist das so? Wenn ich auf einem Spieletreff bin, dann sehe ich da locker 50% Frauen. Wenn ich in meine Spielerunden in Berlin schaue sehe ich locker 50% Frauen. Wenn ich mir aber ansehe wer alles über Spiele schreibt und podcastet und Videobeiträge macht, dann ist die Zahl der Frauen schon deutlich geringer. Und dennoch glaube ich, dass da noch mehr drin ist. Im Beeple-Netzwerk sind wir 4 Frauen und 15 Männer. Immer noch ein Ungleichgewicht.

Und dann war im März die Hippodice Endrunde. Ich war sehr froh wieder eingeladen worden zu sein. Als das Bild der Jury dann gepostet wurde, fragte mich eine aus meiner Spielerunde, warum da nur Männer drauf sind. Ich versuchte Erklärungen zu bringen, aber eigentlich wurmte mich das auch. Es saß. Und nur einen Tag später twittert mich ein Kollege an mit dem Wortlaut:

„Hippodice: Das Foto hat mich betroffen gemacht – alles Männer! Ganz ernsthaft, wenn es der Veranstalter 2019 nicht schafft, 3-4 Frauen in die Jury zu holen, werde ich passen. Es gibt in einigen Verlagen Frauen in Positionen, dazu muss man dann eventuell Bloggerinnen holen.“

Und dann wurde es mir nur noch bewusster. Es gibt tatsächlich einige Frauen aber diese sind oft in anderen Positionen. Bei den Bretterwissern hat es über 40 Folgen gebraucht, bis wir endlich eine Frau als Gast hatten, und die war dann aus dem Marketing. Viele Marketign Abteilungen haben viele Frauen. Und die Kinderspielredaktionen sind voll mit Frauen. Aber die Redaktionen für die Erwachsenenspiele sind doch wieder dann nur voll mit Männern. Interessiert es die Frauen nicht? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe so manche Partie schöner Kenner- und Expertenspiele mit Kolleginnen gespielt, welche sonst nur Kinderspiele betreuen. Sie haben auch ein Spielerleben neben ihrem Job.

Als kleiner 1-Mann Verlag kann ich da nur mich selber aufbieten, aber ich würde all die Verlage, die jedes Jahr eingeladen werden bei der Hippodice-Endrunde mitzumachen, einfach mal bitten eine Frau zu schicken. Der Hippodice könnte dies auch fordern. Ravensburger hatte das 2016 gemacht und das könnten noch mehr Verlage. Ein Kinderspiel ist auch jedes Jahr in der Endrunde dabei, so das da ein geschultes Auge auch nochmal einen anderen Blick drauf hat. Und schließlich eine Bloggerin noch dazuzuholen ist auch ein super Vorschlag. Der Guido war auch mal da, als er nur Blogger war. Und auch die Jury hatte viele Jahre einen hingeschickt. Alles was die Diskussion vor Ort ergänzen kann ist hilfreich.

Am 8. März war Weltfrauentag. Dieser Tag wird seit über 100 Jahren begangen um an die Rechte der Frauen zu appellieren. Man muss mal sehen was wir heutzutage alles als selbstverständlich hinnehmen, aber eigentlich von den Frauen sich erkämpft werden musste. Das Recht zu wählen etwa. Oder das Recht frei einen Beruf nach eigener Wahl auszuführen. Konkreter muss es wohl heißen, für die meisten ist es selbstverständlich. Für andere scheinbar nicht. Und es gibt immer noch Punkte, wo diese Benachteiligung gegenwärtig ist. Und der Kampf noch nicht vorbei. Sei es bei der Entlohnung ode einem Platz im neugegründeten Heimatministerium oder dem Platz in einer Jury wie der Spiel des Jahres oder dem Hippodice.

Vorhang auf für Asmodee!

OK, ich habe gestern einen kompletten Blogpost fertig geschrieben und jetzt kommt Asmodee mit einer Meldung um die Ecke, die ich nicht unkommentiert lassen kann: Der Gründung von Asmodee Entertainment. Als erstes einmal: Ist es gewollt, dass der Titel impliziert, dass die Spieleabteilung  nicht zum “Entertainment” gehört, also nicht unterhalten? 😉

Na gut, wollen wir heute einmal keine Haare spalten, sondern uns auf inhaltliches beschränken. Und das ist genau genommen nicht viel: Asmodee Entertainment soll die IP (ergo: Marken und Spiele) des Verlages auch anderen Kanälen zufügen, insbesondere wurden Filme, Serien und Comics (inkl. Graphic Novels) genannt. Dies soll durch “Lizenzen und strategische Parnterschaften” geschehen. Asmodee Entertainment produziert also erst einmal nicht selber, sondern versucht (vermutlich proaktiv, wie es so schön in Neusprech heißt) andere zu überzeugen, die eigenen Spiele als Basis für einen Film/Serie/Comic zu nutzen.

Das ergibt natürlich sinn: Hasbro hat vorgemacht, wie ein solcher Deal aussehen könnte, insbesondere was (Kinder-)Serien betrifft. Aber da Hasbro Universal Pictures ziemlich erfolgreich in die Beinahe-Pleite getrieben hat (Hier mein Prä-Battleships-Artikel), dürfte sich die Anzahl der potentiellen Abnehmer in der Filmbranche in überschaubaren Grenzen halten. Zumal Videospielumsetzung auf die große Leinwand ebenso fast ausnahmslos gefloppt sind (trotz potentiell größerer Zielgruppe) bei Brettspielen sieht es fast noch düsterer aus: Die einzigen einigermaßen erfolgreichen Brettspielfilme waren ein Cluedo-Film und Jumanji – und der basierte auf einem fiktionalen Spiel (Ja, es gibt ein Jumanjispiel, das kam aber nach dem Film heraus, war also ein Merchandisingprodukt) Wer sich schon auf  Dragon-Castle-Film gefreut hat, muss sich folglich noch ne Runde gedulden.

Bei Serien mag die Lage etwas besser aussehen, vielen serienproduzierenden Streamingdiensten zum Dank. Auch hier muss aber erst einmal jemand überzeugt werden, eine Serie zu produzieren. Asmodee wird da bestenfalls auls Sponsor auftreten, finanzieren muss die Serie sich schon selbst – die Idee ist ja, dass der Serienproduzent eine Serie erhält, die erfolgreich ist und somit für sich Einnahmen generiert. Asmodee profitiert dann davon, dass das ursprüngliche Spiel quasi das Merchandisingspiel zur eigenen Serie ist. Problem ist: Was bei Hasbro geklappt hat waren ikonische Spielzeuge wie My little Pony oder Transformers. Für Ikonen ist Asmodee noch zu jung. Und: Diese Serien richteten sich an Kinder, bei Kinderspielen ist Asmodee aber gerade nicht so stark aufgestellt. Ergo würde ich vermuten (und mehr kann ich eh nicht tun), dass Serien nur dann in Frage kommen, wenn deren Setting interessant genug ist, um eine Serie ganz unabhängig von der Vorlage zu rechtfertigen. Das wäre am ehesten bei TIME Stories der Fall. Der Charakter des Spieles mit den Zeitreisen und den verschiedenen Szenarien ist schon sehr TVesk. Eine TIME-Stories -Serie wäre interessant, wenn auch teuer in der Produktion. (Winter der Toten ginge natürlich auch, aber diese Serie gibt es schon…)

Als drittes wurden Comic/Graphic Novels genannt und ich habe mich sofort gewundert, warum nicht normale Romane aufgezählt wurden. Immerhin sind z.B. die Battletechromane meines Wissens recht erfolgreich gewesen und das obgleich Battletech als Tabletop sicherlich jetzt nicht die ganz große Verbreitung hatte. Aber Asmodee ist als französischer Verlag vielleich dichter an der französichen Comicszene dran. Tatsächlich kann ich mir hier sogar am ehesten Auftragsarbeiten vorstellen (obwohl davon im Pressetext nicht explizit die Rede war); mit einigen Zeichner arbeitet man eh schon zusammen, die Kontakte sind also da. Die Kosten halten sich im Vergleich zu Filmen oder Serien in Grenzen und bei Comics nehme ich am ehesten an, dass große Fans des jeweiligen Brettspieles diese ebenso kaufen würden. Ich sehe rein vom Narrativ die meisten Spiele auch eher im Graphic Novelbereich. Pandemic Legacy ist z.B. meiner Meinung nach zumindest in der ersten Staffel (die zweite beginne ich erst Ostern) storytechnisch zu dünn für einen Film oder gar eine Serie. Als Graphic Novel kann ich mir den Kampf gegen Krankheiten und den Weltuntergang aber sehr gut vorstellen: Viel kann man mit einzelnen Bildern erzählen und man kann ohne Budget-Probleme Szenen in der ganzen Welt spielen lassen. Auch Wettstreit der Diebe ergäbe eine schöne Geschichte, denke ich (aber eben keine ganze Serie)

Aber bevor ich mich in Spekulationen verliere noch ein kleiner Besuch in der kalten Realität: Erst einmal wurde Asmodee Entertainment gegründet. Jetzt werden Partner gesucht. Ob tatsächlich welche gefunden werden, ist offen. Und selbst wenn: Schon so manche Film/Fernsehumsetzung ist in der Entwicklungshölle verschwunden. Ich erwarte daher erst einmal nicht viel. Wenn ich überrascht werde – um so besser! Dem Hobby kann eine weitere Verbreitung nur guttun.

ciao

peer

Bei Spielen ist nur der PH-Wert neutral

Was heißt es eigentlich politisch zu sein? Ist ein Appell politisch? Sind provokative und kritische Fragen politisch? Allgemein gesprochen geht es ja beim Thema Politik um Menschen. Es geht darum wie wir miteinander umgehen bzw. es tun sollten.

Politisch ist aber auch immer das was für sich in Anspruch nimmt normal, vernünftig und richtig zu sein. Niemand schreibt sich ein politisches Ziel auf die Fahnen, das abweichend, irrsinnig und falsch ist. Darum ist es auch so einfach und bequem alles das als unpolitisch zu bezeichnen, was wir bereits unkritisch geschluckt haben. Wenn man dann doch etwas als politisch bezeichnet, ist es ein Störfaktor. Politik unterbricht die Normalität und stört den Frieden (persönlich, gesellschaftlich oder seelisch). Politik wird so zu etwas dass man eher meiden will und im eigenen Umfeld ausmerzen möchte, eben weil es so viel Anstrengung mit sich bringt. Es wundert mich daher wenig, dass gerade unser Hobby gerne für unpolitisch gehalten wird. Wer will denn schon den entspannten Zeitvertreib und schöne Beschäftigung mit schwierigen, nuancierten Fragen zur Gesellschaft besudeln?

Die Wahrheit ist aber, dass Spiele per se politisch sind. Der immer weiter um sich greifende Glaube, Spiele seien eine politikfreie Zone, scheint mir grundlegende Eigenschaften von Spielen zu ignorieren. Fangen wir beim Design eines Spiels an: der Rahmen, der das gemeinsame Miteinander in eine Form zwängt. Jeder Designer macht Annahmen darüber wie sich Spieler verhalten. Ausgehend von diesen Annahmen werden Regeln entwickelt und formuliert. Durch das Regelwerk werden diese Annahmen explizit gemacht und eben jenes Regelwerk wird zur verbindlichen Ansage, nach der sich die Spieler zu richten haben.

Wenn ich also über das Politische an Spielen spreche, geht es mir weniger um die Wahl des Spielhintergrundes, oder die selektive Auswahl was in einem Spiel und Regelwerk abgebildet wird und was nicht. Es geht mir auch nicht darum wie politisch einzelne Menschengruppen in einem Spiel präsentiert werden. Das sind sicherlich Bereiche in denen politische Ansichten (gezielt oder unbeabsichtigt) zu Tage treten können, aber mir geht es um das Spielerlebnis selbst. Ich will darüber sprechen wie das Spielerlebnis selbst eine politische Dimension besitzt, welche die Gruppe eventuell nicht bewusst wahrnimmt, aber sich ihr dennoch unterordnet. Ich möchte darüber sprechen wie ein Spiel uns vorschreibt wie wir über eine bestimmte Situation zu denken und zu fühlen haben.

Beweisstück #1 – The Landlord‘s Game (später Monopoly)

Auch damals schon hübscher als die 18XX Spiele

Wer die Ursprünge Monopolys kennt, wird wissen, dass es als Veranschaulichung eines politischen Anliegens entstanden ist. Es ging darum die finanzielle Abwärtsspirale aufzuzeigen, die durch das Wohnen auf Miete entsteht, wenn man nicht selbst anderen Leuten per Mietzahlung das Geld aus der Tasche ziehen kann. Diese Veranschaulichung findet jedoch nicht mit Pamphleten und Reden statt, sondern in dem man beim Spielen selbst erlebt wie ein Spieler Reichtum ansammelt, in dem er die anderen in die Armut und später den Bankrott treibt. Auch in der „modernisierten“ Monopoly-form bleibt ein Spielerlebnis zurück, welches dem politischen Anliegen Elizabeth Magies nicht widerspricht: eine zermürbende Erfahrung, welches die eigene Wut und Frustration erst auf den Monopolisten und dann auf das Spiel lenkt.

Beweisstück #2 – Diplomacy

Bekanntermaßen ein Glanzstück der Gesamt-Europäischen Geschichte

Entgegen landläufiger Meinung ist Diplomacy genau genommen ein primitives Nullsummen-Spiel, bei dem Spieler versuchen ihre Präsenz auf dem Spielbrett zu vergrößern. Dabei findet ein Großteil des Spiels nicht auf dem Spielbrett, sondern in den Verhandlungen und Unterhaltungen zwischen den Spielern statt. Da man schon nach wenigen Zügen sein Gebiet nur noch auf Kosten anderer Spieler erweitern kann, verfestigt sich schnell eine Dynamik in der Gruppe, die dem allseits beliebten Sozialdarwinismus gleicht. Es gilt das schwächste Glied am Spieltisch ausfindig zu machen und so zu manipulieren und in Sicherheit zu wiegen, dass man ungehindert dessen Gebiete an sich reißen kann. Diplomacy wird zwar oft wegen seiner Absprachen und Abmachungen gelobt, aber wenige sprechen von dem psychologischen Druck, der einen vorantreibt von seinen Nachbarn nicht als “schwach” und “Beute” eingestuft zu werden. Schnell ist man von Angst, Verfolgungswahn und Misstrauen getrieben. Natürlich findet das selten auf der Oberfläche statt, aber diese Gefühle lauern dahinter und lenken unsere Entscheidungen. Dieses Wecken tief sitzender Emotionen trägt dazu bei, dass Diplomacy-Spiele eine packende Narrative besitzen. Ein solches Spiel jedoch Diplomatie zu nennen, zeugt von einem kaltschnäuzigen Zynismus. Durch die Regeln wird ein Miteinander unmöglich gemacht. Durch das Verhalten der Spieler wird das Bedürfnis danach sogar als Fehler und fatale Naivität gebrandmarkt. Wer nicht von Beginn an darauf hinspielt einen Mitspieler zu eliminieren, verweigert sich der Logik des Spiels. Man kann genauso wenig Risiko spielen ohne ein Land anzugreifen, oder Dominion ohne eine Karte zu kaufen. Diplomacy ohne das Ziel einen Spieler rauszuwerfen, ist ähnlich unspielbar. Es stellt sich einem die Frage welche Annahmen und Überzeugungen über menschliches Verhalten hier eingeflossen sind.

Beweisstück #3 – Pandemie

In diesem Zusammenhang ist Pandemie sehr interessant, da das Spielerlebnis Impulse setzt, die – zumindest als das Spiel 2008 erschienen ist – ungewöhnlich und frisch wirken. Auf ein gemeinsames Ziel hinspielen? Spielzüge mit anderen Leuten verbindlich absprechen? Die Spielidee setzt schlichtweg voraus, dass die Spieler in der Lage und gewillt sind demokratisch Entscheidungen zu fällen. Idealerweise einstimmig, aber im Zweifelsfall auch nur mit einfachen Mehrheiten. Eine Besonderheit an Pandemie wird jedoch nur selten direkt angesprochen. Die Herausforderung vor die das Spiel einen stellt sind zwar die vier Krankheiten, die es zu bekämpfen gibt; das eigentlich Spiel findet aber in den Verhandlungen und Gesprächen statt, die für eine Einigung benötigt werdet.

Nicht abgebildet: Enzian zum Farbvergleich

Es ist der Umgang mit den anderen Spielern, durch den sich der kompetente Pandemie-Spieler vom brachialen Alpha Gamer unterscheidet. Die Qualität des Spielerlebnisses wird nicht durch Erfolg oder Niederlage bestimmt (wie etwa bei Monopoly), sondern dadurch wie konsensfähig und gesprächsoffen die einzelnen Spieler sind. Das Spiel legt eine bestimmte Art des Miteinanders nahe und kommt merklich ins Schleudern, wenn dieser zuwidergehandelt wird.

Beweisstück #4 – Secret Hitler

Wem das alles viel zu viel Interpretation ist, dem sei ein Spiel nahegelegt dessen Spielerlebnis ausdrücklich und vorsätzlich eine politische Aussage anstrebt: Secret Hitler. Ein Spiel, welches die Spieldynamik von Der Widerstand übernimmt und durch kleine Veränderungen vertieft und verdeutlicht. Der Hintergrund und Titel ist dabei sicherlich ein zweischneidiges Schwert. Durch den Fokus auf die angespannte Zeit der späten Weimarer Republik wird man zwar für die politische Dimension des Spiels sensibilisiert. Gleichzeitig wird durch die Nennung des großen Schreckgespenstes der europäischen Geschichte jeder Versuch an Subtilität in Schockeffekten und vermeintlicher Provokation ertränkt. (Ich empfehle hier die Print-and-Play Variante Secret Voldemort, die das gleiche Spielprinzip auf einen weniger kontroversen Hintergrund überträgt.)

In jeder Runde wird bei Secret Hitler ein Gesetz verabschiedet, welches je nach Farbe als Siegpunkt für die Liberalen oder die Faschisten zählt. Die Entscheidung darüber trifft jedoch nicht die gesamte Gruppe, sondern zwei gewählte Vertreter. Wurden diese mit einer absoluten Mehrheit gewählt, so zieht der erste zufällig 3 Gesetze vom Stapel, wirft eines ab und gibt die restlichen an den zweiten Vertreter ab. Dieser entscheidet sich eins der beiden Gesetze auszuspielen und so entweder der einen oder der anderen Seite einen Punkt zu geben. Schon in dieser reduzierten Beschreibung zeichnen sich die Konfliktherde und Streitpunkte im Spiel ab. Hat jemand vom anderen Team ein wichtiges Gesetz abgeworfen, um seiner Seite zum Sieg zu verhelfen? Wer hat gelogen? Wem kann man trauen? Wer sollte als nächstes in diese wichtige Position gewählt werden?

Das gesamte Spiel kreist um die Frage: wie legitimieren wir eigentlich Macht? Die beiden Spieler, die die Gesetze auswählen, haben für eine Runde Macht über den Fortgang des Spiels. Um in ihre Rolle gewählt zu werden, müssen sie jedoch genügend Stimmen der anderen Spieler für sich gewinnen. So muss sich jeder einzelne mit der Frage auseinandersetzen: warum traue ich diesem Spieler? Warum misstraue ich dem anderen? Warum sollten sie mir trauen? Wer jetzt einen Moment innehält und diese Fragen vielleicht auf einen vergleichbaren, größer angelegten gesellschaftlichen Prozess überträgt, dem werden hoffentlich einige aufschlußreiche Parallelen auffallen. Insbesondere wenn man sich klar macht, dass die Faschisten bei Secret Hitler ihr Ziel vor allem dadurch erreichen in dem sie

Zwei besonders vertrauenswürdige Mitspieler

Misstrauen säen, die Glaubwürdigkeit ihrer Gegner angreifen und sich dabei im Deckmantel des “legitimen Zweifels” bewegen, um die liberale Gruppe zu verunsichern und gegen sich selbst auszuspielen.

Heißt das also, dass Spiele eine hoch-politische Angelegenheit sind? Nein. Aber ich hoffe gezeigt zu haben, dass Brettspiele nicht per se in einer apolitischen Zone der Neutralität sitzen, nur weil sie sich abseits aktueller Debatten bewegen. Kratzt man mit leicht kritischen Fragen nur ein wenig an der Oberfläche der meisten Spiele, so legt man schnell unausgesprochene Annahmen über uns selbst, über die Sicht auf unsere Gesellschaft und über unser Miteinander frei.

Spielen ist vor allem die Interaktion mit anderen Menschen. Wie und warum das Spiel diese Interaktion auf eine bestimmte Weise formt, ist genau das was Politik im großen Rahmen tut. Politische Arbeit strebt an den Umgang der Menschen miteinander anzuleiten und zu verändern. Das geschieht durch Gesetze oder das Verändern gesellschaftlicher Normen. Im kleinsten Rahmen sehen wir das Gleiche auch am Spieltisch. Die Regeln setzen fest was erlaubt ist und was nicht. So wird ein Verhalten nahegelegt, das mit der Zeit normal und einfach nur vernünftig und richtig erscheint.

Verlagsvorstellung: City of Games

Manchmal bin ich einfach ein bisschen spät dran. Als ich zufällig via Twitter The city of Kings gesehen habe, war ich durchaus angetan von dem, was ich da gesehen habe. Leider ist das Spiel gerade ausverkauft. Ein bisschen als  Übersprungshandlung ist dieses Interview zu verstehen, in dem man auch erfährt, ob es eine zweite Chance geben wird…

Bitte stelle Dich und Deinen Verlag kurz vor!

Hallo, mein Name ist Frank West und ich führe einen kleinen Verlag mit dem Namen The City of Games. In den letzten Jahren habe ich eine Welt erschaffen mit dem Namen The City of Kings und ich habe das Ziel eine Reihe von Spielen zu veröffentlichen, welche die Geschichte dieser Welt erzählen.

Bitte erzähle uns ein wenig über euer aktuelles Spiel!

Mein erstes Spiel heißt ganz einfach The City of Kings und ist ein kooperatives Fantasyspiel, inspirert durch meine Liebe zu Videospielen, insbesondere MMORPGs. The City of Kings wurde mit dem Ziel entwickelt, die Welt durch eine Reihe von Abenteuern zu erkunden.

Jedes Abenteuer bietet die Möglichkeit eine offene Welt zu erkunden, Ressourcen zu sammeln und gegen Gegenstände zu tauschen, Charaktere zu entwickeln und strategische Kämpfe auszufechten. Das Spiel soll Spielern das Gefühl geben, ein RPG Computerspiele in einzigen Session zu spielen, aber mit endlosen Möglichkeiten.

Wird The City of Kings mehrmals spielbar sein oder ist jedes Szenario nur für eine Partie vorgesehen?

Jede Geschichte kann erneut gespielt werden; Auch wenn man dann die überbordene Geschichte kennt, wird die Strategie jedes mal abweichen. Das Spiel wurde so entwickelt, dass es verschiedene Geschichten gibt, jede Geschichte aber beliebig oft gespielt werden kann.

 

Was habt ihr für die Zukuft geplant?

Während es kommenden Jahres werden wir zwei neue Spiele auf den Markt bringen: Vadoran Gardens und Rising Blades. Außerdem kommt noch weiteres Material für The City of Kings.

Vadoran Gardens ist ein schnelles Kartenlegespiel, in dem die Spieler Tiere füttern, Pflanzen wässern und Relikte studieren müssen, während sie einen Garten erkunden. Die Vadora sind eine der Rassen im The City of Kings- Universum und dieses Spiel ergründet deren Lebensweise.

 

Rising Blades ist ein kooperatives, asymmetrisches Spiel, in dem die Spieler die bösen Fraktionen aus The City of Kings spielen und die Welt vernichten müssen.

Wie kann man in Deutschland Eure Spiele beziehen?
Unsere erste Auflage ist bereits ausverkauft, aber eine zweite sollte demnächste beginnen. Am besten aboniiert man unseren Newesletter auf www.thecityofkings.com , dort erfährt man dann alles wichtige!

Werdet Ihr dieses Jahr in Essen sein?

 Wir sind uns noch nicht sicher, ob wir es dieses Jahr schaffen, aber das sollte sich in den nächsten sechs Wochen herausstellen. Ich bin sehr optimistisch!
Vielen Dank für das Interview!

Immer Ärger mit Werewords und andere Kurzgeschichten aus der Welt der Spiele

Gerade wieder Hochwasser was Schule betrifft, daher ein paar kurze Dinge, die ich immer zwischendurch mal vorschreiben kann.

Werewords stand ja bereits wegen der Ähnlichkeiten zu Insider in der Kritik (Siehe Plagiatswatch). Nun wird eine Deluxe-Version via Kickstarter angeboten. Urspünglich war es ein Stretch-Goal, also ein erweitertes Ziel, “weibliche Dorfbewohner” im Spiel zu haben. Das gab Kritik. Warum? Ist doch schön? Naja, weibliche Charaktere in ein Spiel zu nehmen sollte im Jahr 2018 eigentlich schon selbstverständlich sein. Macht man daraus ein Stretchgoal, unterstreicht es die Besonderheit von Frauen in Spielen und zementiert die so eher. Zumal es von den Kosten her ja nun keinen Unterschied macht, ob ich eine Frau oder einen Mann auf meine Karte pinsel. Hier wollte der Verlag sich in meinen Augen für eine Selbstverständlichkeit feiern lassen. Aber das Gute Ende der Geschichte: Bezier Games hat die vielfach geäußerte Kritik angenommen, das Stretch Goal rausgenommen und benutzt jetzt von Anfang an eine gute Mischung aus männlichen und weiblichen Illustrationen.

Apropos Plagiatswatch: Der Autor Samuel Dailey hat Cole Wehrle des Plagiats beschuldigt. Die Lage ist unübersichtlich. So wie ich das verstehe, haben beide an asymmetrischen Spielen gearbeitet, die bei Leder Games erscheinen sollten (Dailey an Vast Deep, Wehrle an Roots) Deep wurde gecanceled, Roots hatte einen Kickstarter im Herbst. Dailey beschuldigt Wehrle jetzt, dass sich dieser in wesentlichen Punkten mechanismustechnisch an seinem Deep bedient hat. Anhand von Wehrles Designer Diaries kann ich nur vermuten, dass es sich hier nicht um ein direktes Plagiat handelt. Allerdings waren beide Playtester bei den Prototypen des jeweils anderen und ich kann mir durchaus vorstellen, dass da Inspirationen von einem Proto zum anderen geflossen sind. Das ist Urheberrechtlich nicht relevant (einzelne Mechanismen sind nicht geschützt), aber es zeigt, dass es vielleicht ungüngstig ist, wenn Autoren, die mit ähnlichen Projekten beim gleichen Verlag Konkurrenten sind, gegenseitig ihre Prototypen testen. Inspirationen lassen sich da nie ausschließen. Das hätte man vorher klären müssen oder auf die Mitarbeit bei diesem speziellen Projekt verzichten. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Als drittes eine Beobachtung: Kinderspiele für zwei Personen sind anscheinend verpönt, jedenfalls sind sie selten. Meistens steht 2-x auf der Schachtel und leider sind viele Kinderspiele erst so richtig ab 3 Leuten spielbar. Das halte ich als Vater für ein Problem. Einmal haben viele Familien nur noch 1 Kind und wenn nicht beide Elternteile gleichzeitig spielen wollen oder können, dann ist man eben nur zu zweit. Wir haben nun zwei Kinder, aber der Altersunterschied ist dann doch 4,5 Jahre und das bedeutet das viele Spiele entweder für die Jüngere noch nicht oder für die ältere nicht mehr geeignet sind. Ergo: Ich spiele wieder zu zweit. Mittlerweile wird es etwas besser, aber meine Ältere ist eigentlich schon langsam aus dem Kinderspielalter raus. Geht es nur mir so? Oder sollten die Verlage vielleicht verstärkt auf die Zweipersonentauglichkeit von Kinderspielen achten und sich auch nicht so zieren mal reine 2-Personenspiele in diesem Sektor herauszubringen?

Ohne weiteren Kommentar: Das Schwarze-Auge-Quellenbuch zu “Sex und Liebespraktiken in Aventurien” hat mal eben knapp 250.000€ eingesammelt.

Zum Abschluss ein kleines Peep vom letzten Spieleabend: Krass Kariert von Katja Stremmel (Amigo) erinnert mich an meine Jugend. Da habe ich viel Schwimmen gespielt – ich glaube heutzutage ist dieser Kartenklassiker ein bisschen untergegangen (haha). Egal, Krass kariert funktioniert natürlich ziemlich anders als Schwimmen, aber das Feeling ist ähnlich, weil es nur ums überleben geht. Alle, die nicht verlieren, gewinnen und das sorgt für eine ungewöhnliche Spielweise. Zudem wird gutes Kartenspiel belohnt, aber das Spiel hat genügend Unsicherheiten für spannende Runden. Durchaus eine Empfehlung  trotz einer Graphik, die ich auch noch hinbekommen hätte (und beim Titel tun mir spontan alle Redakteure leid, die sich immer neue Titel für komplett abstrakte Karten- oder Würfelspiele  aus den Fingern saugen müssen). Mechanisch geht es darum seine Kartenhand loszuwerden – aber primär immer anspielbar zu bleiben (wer nicht kann, verliert ein “Leben”). Dabei werden Tichu-mässig Kombinationen ausgelegt, die höher sein müssen als die des Vorgängers. Passen darf man nur zweimal, bekommt dafür aber eine Karte. Allerdings geht es nicht mehrmals rum, sondern die Runde endet immer, wenn alle dran waren. Außerdem darf man seine Handkarten nicht sortieren, aber die Kombinationen überall aus der Hand ziehen, sofern die Karten benachbart sind – Dadurch ist Kartenpflege möglich. Sehr schön, sehr trickreich!

Und als Bonus: Am 23. September erscheint die (erste?) Erweiterung zu The Lost Expedition: The Fountain of Youth. Jetzt mit “pulpigem” Thema, statt dem Realismus des Urspieles (aber das war ja schon bei den Promos der Fall). Natürlich viele neue Karten, aber auch ein paar neue Regeln und Elemente, unter anderem neue Wegekarten.  Mehr Infos folgen irgendwann…

ciao

peer

Liebe und Hass sind beides Spieler

Der Uli Blennemann kann gut schimpfen und sich freuen. Er jubelt für seinen Eishockey-Verein und schimpft über die Fußballvereine, welche in seinen Augen die falschen sind. Und er schimpft über die SPIEL in Essen. Nicht weil er die Messe nicht mag, aber er mag diese Art von Messe wohl nicht. Wobei schimpfen ist verkehrt. Er mag wohl einfach nur seinen Unmut äußern. So erkläre ich es mir.

Ich habe schnell gelernt, dass es verschiedene Arten von Messen, Events und Conventions gibt. Auf der einen Seite sind die großen fast schon anonymen, für mich persönlich nur noch auf Meetings und Verkauf gestalteten, wie die SPIEL in Essen, die Spielwarenmesse in Nürnberg oder auch vergleichbare Veranstaltungen. Auf der anderen Seite sind die kleinen Veranstaltungen wo es vor allem ums Spielen geht. Da wären Ratingen, Willingen, Braunschweig oder Baesweiler genauso erwähnenswert wie die BGG.CON in Dallas oder Leiria in Portugal, wo ich dieses Wochenende bin.

Ich kannte am Anfang auch nur die SPIEL und ich habe sie genossen. Sie war allerdings schnell groß und Spielen war oft nicht mehr vernünftig möglich, aber ich mag sie. Ich mag es Alle zu treffen und gerade abends in Ruhe mit Freunden abzuhängen und was zu spielen oder einfach nur zu quatschen. Die SPIEL wird immer größer und das hat viele Vorteile, aber auch Nachteile. Der größte Nachteil für mich: Ich treffe viele nicht mehr. Man sieht sich nicht, verpasst sich oder übersieht sich. Nürnberg ist dagegen schon ruhig. Vielleicht zu ruhig.

Ich habe mit Oberhof vor ein paar Jahren eine andere Art von Con kennengelernt, die ich schon lange nicht mehr kannte. Man sitzt einfach nur zusammen und spielt von morgens bis abends. Und je mehr man von den Leuten kennt, desto schöner. Ich war im Januar auf einer kleinen Con mit nur 10 Teilnehmern, aber das waren grandiose 4 Tage, die wiederholt gehören. Leiria ist mit seinen 70 Teilnehmern auch überschaubar und vermutlich die größte Veranstaltung im Land, aber der Flair stimmt. Keine Arbeit und viel Freizeit. Kein Stand auf den man aufpassen muss, aber viele Tische an denen man auch testen kann und Arbeit rausholt, wenn es passt.

Es gibt auch andere Veranstaltungen. Die in Stuttgart oder die Modell-Hobby-Spiel in Leipzig fallen mir da ein. Ein großer Teil der Veranstaltung hat nicht mal was mit Spielen zu tun. Da geht es um andere Hobbies. Für die Veranstalter funktioniert die Messe nur auf Grund der Mischung. Für jeden Teil alleine würden nicht genug Besucher zusammenkommen, dass es sich lohnt überhaupt seine Zeit zu investieren, aber in der Summe sind dann die Veranstalter und die Messe zufrieden. Ob es auch die Aussteller sind, mag ich nicht so abschätzen. Beide leiden seit einer Weile gefühlt. Dass Kosmos zu der Veranstaltung vor der eigenen Haustür nicht da ist, sollte einen stutzig machen. Die Spielwiesn in München macht mir echt Spaß, aber auch diese wird jedes Jahr teurer und wenn eine ganze große Ecke mit Fressständen gefüllt sind, dann denkt man sich seinen Teil, ohne zu wissen was da genau los ist.

Und doch, ich liebe es all diese Seiten an Veranstaltungen zu sehen. Ich liebe es nur Spieler um einen zu haben, welche wie wild an Tischen spielen oder welche durch Gänge laufen und kaufen. Ich liebe es Fremde zu sehen, die Spiele kennenlernen wollen oder einen Partner für einen Kracher suchen. Die Abwechslung macht das Spielejahr rund für mich und ich brauche die Mischung, um mich auf etwas anderes wieder einzulassen. Und daher freue ich mich auf die nächste Con in Bochum genauso wie auf die SPIEL. Und vor allem, dass mir Uli von seinen Roosters erzählt und warum er nächstes Jahr nicht in Essen sein will.