004 Brettspielradio Tim Koch

Passend zur Episode 003 der letzten Woche habe ich heute ein Interview mit Tim Koch für Euch. Er ist einer der neuen Juroren in der Jury Spiel des Jahres, die Tom Felber in der letzten Woche erwähnt hat. Tim ist daneben ein Gründungsmitglied des Beeple-Netzwerks einiger Brettspiel-Blogs und hat dementsprechend auch seinen eigenen Blog mit Spielerezensionen (Link siehe unten). Tim berichtet mir im Rahmen des Interviews davon wie es war, den Anruf der Jury zu erhalten. Und was daraus alles für Konsequenzen folgen. Ein spannendes Interview, welches wir am Tag nach der Bekanntgabe seiner Ernennung nach der Spiel des Jahres-Verleihung in Berlin 2017 aufgenommen haben.

Shownotes:

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Credits Intro/Outro:
Künstler: Scott Holmes
Song: A Wee Tipple
Album: Music for Media 2
Lizenz: CC BY NC
Quelle:
A Wee Tipple von Scott Holmes: http://freemusicarchive.org/music/Scott_Holmes/Music_For_Media_Vol_2/Scott_Holmes_-_03_-_A_Wee_Tipple_1169
Datum: 2017-08-19

Wenn der Postman zweimal liefert

Ich bin ein positiver Mensch. Denke ich zumindest von mir. Viele haben mir über schon gesagt, dass sie mich als einen fröhlichen Menschen wahrnehmen und das freut mich immer, denn eigentlich will ich genau das sein. Und dennoch könnte ich oft genug mich über Sachen ärgern und bin froh, wenn ich das auf anderen Kanälen ablassen kann. Es muss nicht jeder meinen Unmut hören und oft genug ist es auch gar nicht nötig jeden mit diesen Gedanken zu nerven.

Manchmal könnte ich mich auch erschlagen mit welcher Masse an Themen ich mich täglich auseinandersetzen muss und was ich darüber hier schreiben könnte. Oft sind das aber wieder die negativen Dinge. Umso glücklicher bin ich, wenn ich die Muse habe darüber zu schlafen, so für eine Woche oder zwei und es dann in Ruhe nochmal innerlich Revue passieren zu lassen. Ich werde mich dann gerne nochmal nach draußen wagen, wenn sich das Thema gesetzt hat.

Solch ein Thema ist heute mal Amazon.

Ich war mal ein großer Freund von Amazon. Das war so um das Jahr 1999 oder so. Ich bin einfach und schnell an Bücher oder DVDs gekommen, oder so manch anderes Ding was ich mir schon immer mal holen wollte. Das schlug aber irgendwann um. Die Seite ist über die Jahre für mich immer dämlicher zu bedienen geworden und in vielen Punkten auch nicht mehr so deutlich wie ich es mir wünschte.

Der Umschwung kam als Amazon angefangen hat nicht mehr alles selber zu verkaufen, sondern als Handelsplattform zu funktionieren. Jeder Depp konnte auf einmal die Ware verkaufen und es war die Amazon-Seite über die das kam. Wenn man nicht aufmerksam war und das war Amazon wichtig, dass es nicht immer sofort offensichtlich ist, dann bestellte man nichts ahnend, um festzustellen, dass Versandkosten dazukamen, der Händler ein Raubritter aus China ist, oder jemand anders versucht einen abzuzocken. Amazon ist da sehr gut was die Kundenpflege angeht, aber der Stress ist mir zu blöd.

Der nächste Umschwung kam dann mit ihrem Prime. Man wird jedes Mal gegängelt doch endlich Prime-Kunde zu werden, was mich einfach nicht interessiert. Ich brauche kein Fire-TV, ich brauche keine Mega-Express-Lieferung am selben Tag und den ganzen anderen Schund will ich auch nicht. Zu wissen, dass man als Nicht-Prime-Kunde mit Absicht ein paar Tage warten muss, bevor sie manchmal Lust haben überhaupt die Sendung zu bearbeiten ist der Rest.

Ich habe in den letzten 2 Jahren eine Menge Bestellungen dort gemach die ich an einer Hand abzählen kann. Jüngst wieder für ein paar Schulbücher meiner Söhne. Aber von alleine gehe ich nicht mehr auf die Seite.

Für viele andere Menschen ist das aber anders. Sie kaufen gerne bei Amazon, weil es immer noch einfach und bequem ist. Manchmal auch bei einem der vielen anderen Händler, die online so rumlaufen. Ich möchte das nicht verurteilen. Oft genug verstehe ich, dass man nicht die Zeit hat, zu einem Händler zu gehen oder gar keinen in der Nähe hat. Ich möchte mich eigentlich wieder über eine Sache aufregen, die Amazon neuerdings macht. Und mit Neuerdings meine ich seit etwa einem Jahr. Nicht mit jedem Kunden und nicht mit jeder Bestellung, aber scheinbar in letzter Zeit häufiger.

Wenn man genau ein Spiel bestellt und nicht darauf achtet dies in einem Versandkarton zugeschickt zu bekommen, dann nimmt Amazon das Spiel in der Form, klebt den Aufkleber drauf und ab in die Post. Als wäre der Spielekarton die Verpackung. Oft ist da ja noch eine Folie drum rum, aber es gibt auch Spiele wo das nicht so ist, wie etwa der Escape-Room Box von Noris. Nun könnte man sagen, ist doch nur die Schachtel, aber ich sehe das anders. Und nicht nur ich.

Im Jahre 1999 gab es ein wichtiges Urteil für Spieleverlage. Zu dessen Geschichte ein paar Infos. Es ging darum, dass die Verpackungsverordnung vorsah, dass ein Grüner Punkt auf eine Verpackung gehört und dafür eine Abgabe geleistet werden muss. Den grünen Punkt, also das Logo, hat es umsonst. Das hätte vermutlich niemanden gestört. Auf einer Schachtel sind oft genug etliche Symbole und wenn ich bedenke, welche davon bei ausländischen Verlagen fehlen und da der Zoll in Essen rummarschiert und Ware einkassiert, da können einem schon die Ohren flackern. Nein es geht um die Abgabe.

Die Verpackungsverordnung sieht vor, dass nicht nur der Endkunde und die Gemeinden für die Entsorgung zuständig sind, sondern das möglichst viel Müll verhindert wird, indem die Kosten dafür auch beim Produzenten anfallen. Wenn Umkartons oder Plastiktüten gekauft werden, muss ein Teil der Kosten für die Entsorgung mitbezahlt werden. Vertreiber von Transport- und Umverpackungen müssen diese wieder zurücknehmen. Das ist der Grund warum Supermärkte auf einmal die ganzen Mülltonnen aufgestellt haben. Warum man die Pizzaschachtel gleich dort zurücklassen kann. Die müssen das zurücknehmen. Genauso wie den Flaschenpfand.

Und die Kosten sind nicht einfach irgendwie zu berechnen, sondern nach einem relativen einfachen Schema. Gewicht. Die Folie um eine Spieleschachtel ist schnell berechnet. Das wiegt sehr wenig. Die Spieleschachtel selber kann aber sehr schnell locker einige Kilo im Jahr zusammenbringen. Alleine Ravensburger bringt genug Spiele im Jahr heraus, dass sie einen Kostenfaktor berechnen müssten, der Spiele viel zu teuer machen würde.

Es wurde also eine Klage angestrebt. Um im Jahre 1999 haben die Verlage gewonnen: Eine Stülpkarton-Spieleverpackung ist kein Verpackungsmaterial im Sinne der Verpackungsvorschriften. Der Trick mit dem das unter anderem erreicht wurde sind Spiele, welche die Schachtel als Spielmaterial benutzten. Der zerstreute Pharao und Sphinx waren solche Spiele. Natürlich kann man auch einfach festhalten, dass Die Schachtel manchmal nicht nur Teil des Spiels ist, sondern vor allem immer auch Aufbewahrungselement ist. Und nie eine reine Transportverpackung ist.

Wie so viele Dinge, wenn man es nicht weiß, denkt man sich nichts dabei. So auch Amazon. Für die ist die Idee, dass das eine Transportverpackung ist, irgendwo aufgekommen. Da sollte man sich wehren, bevor da Dämme reißen. Arne hat neulich ein Great Western Trail gekauft mit einer großen hässlichen Delle in der Schachtel (bei einem anderen Online-Händler). Das hat er beanstandet. Sein gute Recht, denn es ist nun mal Teil des Objekts. Wer eine kaputte Kamera bekommt, würde sich auch beschweren und sei es nur ein hässlicher Kratzer über das ganze Gerät, welches den Gebrauch nicht einschränkt. Aber man möchte ein Einwandfreies Produkt. Den Stülpkarton als Transportverpackung zu sehen, darf daher keine Selbstverständlichkeit werden.

003 Brettspielradio Tom Felber

Kurz nach der Verleihung des Spiel des Jahres 2017 an Kingdomino von Blue Orange Games/Pegasusspiele und des Kennerspiel des Jahres 2017 an die ersten drei Exit-Spiele von Kosmos hatte ich Gelegenheit zu einem Interview mit Tom Felber. Er ist Vorsitzender der Jury Spiel des Jahres und wirft in wenigen Minuten einen Blick auf die Medienszene und das „Nachwuchsmanagement“ bei der Jury. Mindestens für engagierte Blogger mit Ambitionen hörenswert. Und für alle, die das Schweizerdeutsch lieben 🙂

Shownotes:

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Tom Felbers Kolumne bei der NZZ: https://www.nzz.ch/gesellschaft/spiel

Intro/Outro:
Künstler: Scott Holmes
Song: A Wee Tipple
Album: Music for Media 2
Lizenz: CC BY NC
Quelle:
A Wee Tipple von Scott Holmes: http://freemusicarchive.org/music/Scott_Holmes/Music_For_Media_Vol_2/Scott_Holmes_-_03_-_A_Wee_Tipple_1169
Datum: 2017-08-19

Asiatische Geschichte und das Internet

Eigentlich hatte ich recht genaue Vorstellungen was für Artikel ich in den Wochen vor Essen schreiben wollte. Und gestern setzte ich mich dann vor den Rechner um endgültig zu entscheiden welches von zwei Themen ich heute behandeln wollte und welches in zwei Wochen (nächste Woche ist Matthias dran) und dann vielleicht schon ein bisschen anfangen. Und dann habe ich mich über eine Diskussion so geärgert, dass ich erst einmal eine längere Rechnerpause brauchte. Betrachtet diesen Artikel als Katharsis! (Und bleibt bitte bis zum Ende dabei, damit zumindest auch wirklich klar wird, worüber ich mich wirklich geärgert habe…

Grundsätzlich beginnt alles mit der Neuauflage von Legends of the 5 Rings, einem Sammelkartenspiel aus den 90er Jahren, dass dieses Jahr von FFG wieder aufgelegt wurde. Thematisch ist das Spiel eine etwas krude Mischung aus vielen fernöstlichen Klischees, eine Mischung aus Japanischen und Chinesischen Mythen und, äh ja, Klischees. Darüber würde ich mich nicht weiter aufregen – wie ich bereits schrieb halte ich so etwas durchaus für ein Zeichen von Faulheit, aber es ist nichts was meine Gesichtsfarbe ändern würde.

Ich habe mich auch nicht über das Titelbild geärgert – ich schwanke eher zwischen Zynismus und peinlicher-Berührtbarkeit, dass ein Spiel, dass in einem (Pseudo-) Asiatischen Setting spielt, Nicht-Asiaten auf dem Cover hat, die sich als Asiaten verkleidet haben. Keine Ahnung ob das Absicht oder fehlendes Feingefühl war und was schlimmer wäre. Inklusiver wird unser Hobby dadurch aber nicht.

Wie stand es so schön bei Shutupandsitdown: “Sieht gut aus, aber es wäre besser, sie würden weniger nach [westlichen] Cosplayern aussehen

Geschockt (nicht wütend!) war ich dann, als ich las, dass es Usus ist, dass auf Legends of the 5 Rings – Turnieren ““UTZ!” “BANZAI!” “UTZ!” “BANZAI!” “UTZ!” “BANZAI!”” skandiert wird.

Nun, das wirkt auf den ersten Blick natürlich harmlos, wenn auch ein bisschen schräg. Es soll wohl auch ein harmloser Gag sein, ein witziger Witz. Und ich vermute, dass kaum einer der (westlichen) Turnierspieler, so genau weiß, was er da ruft, außer dass es wohl ein Japanischer Schlachtruf ist. Nun hat dieser “harmlose” Schlachtruf in Südostasien ganz andere Konnotationen, dort wird er nämlich mit den japanischen Truppen des zweiten Weltkrieges assoziiert, insbesondere in den Ländern, die von Japan damals besetzt wurden und in denen die Japaner die Zivilbevölkerung gnadenlos abschlachtete und/oder in Arbeitslager steckte. In Europa konzentriert sich das Geschichtswissen des zweiten Weltkrieges naturgemäß auf die Nazis, aber dank einer Philippinischen Frau habe ich auch Einblicke in die dortige Kriegsgeschichte mit all ihren Leiden bekommen, in der die Japaner eine ähnliche Rolle einnehmen, wie die Deutschen in Europa.

Die Tradition an sich hat mich aber noch nicht auf die Palme gebracht – wie gesagt, im Westen fehlt einem i.A. das nötige Wissen um zu verstehen, warum diese Schlachtrufe ein Problem darstellen und ich sehe, dass die völlig harmlos gemeint waren und schlicht niemand diese Tradition in Frage gestellt hat.

Was mich aber wirklich, wirklich wütend gemacht hat, sind die Reaktionen von Spielern, als Calvin Wong  (mit recht deutlichen Worten, aber durchaus sachlich in der anschließenden Diskussion) auf diesen Sachverhalt hingewiesen hat. Ja, es ist das Internet. Aber dennoch.

Neben einigen Argumenten, die man aus dem Rechten Lager her kennt (insbesondere der Streit um Worte, das “Ich kenne auch…. und die finden das gut” und “Wenn nur Asiaten asiatische Spiele machen dürfen (hat natürlich keiner gefordert, aber das Argument kommt dennoch), ist das genauso Rassismus!”), gab es insbesondere zwei Argumente, warum sich die Betroffenen mal nicht so haben sollen:

  1. Das ist Historisch nun einmal wichtig
  2. Das hat mit der Historie gar nichts zu tun, sondern ist halt irgendsoein Ruf.

Ähm, Ja. Ich wünschte, es wäre ein Scherz.

Zu 1: Es ist nicht einzusehen, dass Historie irgendeine Bedeutung haben sollte, denn Legends of the 5 rings, ist ja kein historisches Spiel, sondern Fantasy. Um mal Godwin einzuladen: Niemand erwartet Nazi-Symbole in “Westlichen” Fantasy-Settings, weil das historisch passen würde. Selbst bei WW2-Spielen sind die oft auf ein Minimum beschränkt. Hakenkreuze gehören zum Hinduismus dazu, dennoch habe ich noch kein Spiel mit indischem Setting gesehen, wo man die aus historischen Gründen sehen würde. Dabei wäre die Historie da sogar noch irgendwie  gegeben – anders als bei Legends, dass ja mehr so ein Setting ist, wie sich ein Westler die Ostasiatische Fantasywelt vorstellt.

Zu 2: Nein, ist er nicht. Der Spruch “Sieg Heil” und der ausgestreckte Arm stammt über Umwegen aus dem Römischen Reich. Dennoch würde man den nicht bei Ruhm-Für-Rom-Turnieren zeigen wollen, obwohl er historisch doch passen würde. Es ist geschmacklos, weil er eben mittlerweile – ob wir wollen oder nicht! – eine andere Bedeutung hat. Und was auch immer die Assoziationen bei “Banzai” bei einem Westler sind, es sind nicht die, die ein Spieler aus einem Land hat, dass im zweiten Weltkrieg von den Japanern besetzt wurde. Das kann man doof finden, das ist aber nun einmal so.

Und an dieser Stelle fasse ich zusammen: Es gibt keinen systemimmanenten Grund, warum man auf einem Turnier ““UTZ!” “BANZAI!”skandieren müsste. Es ist ein Ruf, der in einem Teil der Weltbevölkerung sehr, sehr negative Assosziationen auslöst. Also spricht aus meiner Sicht alles dafür, den einfach in Zukunft sein zu lassen. Fertig. Das kostet nichts und tut niemanden weh. Warum es da überhaupt eine Diskussion gibt, ist mir absolut unbegreiflich!

Viele Spieler fühlen sich vermutlich persönlich angegriffen. Man bekommt nicht gerne gesagt, dass etwas, was man im treuen Glauben und mit guten Gewissens aus Spaß getan hat, moralisch verletztend ist. Dagegen wehren sich viele und deswegen die zum Teil surreale Diskussion bei Shutupandsitdown. Aber letztlich muss einem klar sein, dass es hier gar nicht darum geht, Personen zu verurteilen – sondern ganz klar nur darum einen überflüssigen Spruch abzuschaffen (*). Und niemand kann mir erzählen, dass der so eine wichtige Tradition wäre, dass sein Herz wirklich daran hängen würde!

Auch auf die Gefahr hin einen ohnehin langen Post noch länger zu gestalten, sei mir noch ein kleiner Gedankensprung gestattet: Hier ein sehr interessanter Ted-Talk von Paul Piff über ein interessantes Experiment: Es ging um Monopoly. Vor einer Partie wurden Spieler zufällig ausgewählt, die einen enormen Vorteil bekamen – zum Beispiel deutlich mehr Geld. Wenig überraschend gewannen diese bevorteilten Spieler. Durchaus überraschend: Durch die Bank weg führten die Gewinner den Sieg nicht auf den Startvorteil zurück, sondern auf ihre überlegende Spielweise; Ja, natürlich hatte ich anfangs mehr Geld, aber ich habe auch deutlich besser eingekauft: Sieh her, diese Straßen waren alle sehr lukrativ. Deine dagegen – das war einfach schlecht! Hättest du stattdessen das und das getan, hättest du durchaus gewinnen können... Dass die guten Investitionen überhaupt möglich waren, weil diese Spiele zufällig mehr Geld hatten, wurde ignoriert.

Die Bedeutung der Studie für Rezensionen und Spieleautoren zu ergründen überlasse ich dem Leser, aber es ist auch ein schönes Beispiel für White Privilege – Wer privilegiert aufwächste bemerkt das nicht mehr und führt seine Erfolge auf Taten zurück und nicht auf den Startvorteil (bzw. den Startnachteil der anderen). Es fehlt der Perspektivwechsel – und der fehlt eben auch in Internetdiskussionen um Dinge wie Orientalismus, Cultural appropriation oder die schlichte Tatsache, dass andere Kulturen und Länder auch andere Erfahrungsschätze haben.

ciao

peer

(*) Es ging auch nicht gegen Japan. Genauso wie wir in der Regel zwischen den Gräueltaten der Nazis und der heutigen Deutschen Bevölkerung unterscheiden, wird auch zwischen dem damaligen und dem heutigen Japan unterschieden.

 

 

002 Brettspielradio Helge Landmesser

Auf der BerlinCon 2017 hatte ich die Chance Helge Landmesser von Smiling Monster Games vor das Mikrofon zu bekommen. Während unseres Interviews berichtet Helge über seine regelmäßigen Reisen zu den asiatischen Verlagspartnern und über ein ganz und gar ungewöhnliches Talent.

Shownotes:

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Intro/Outro:
Künstler: Scott Holmes
Song: A Wee Tipple
Album: Music for Media 2
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Quelle:
A Wee Tipple von Scott Holmes: http://freemusicarchive.org/music/Scott_Holmes/Music_For_Media_Vol_2/Scott_Holmes_-_03_-_A_Wee_Tipple_1169
Datum: 2017-08-19

Der heiße Scheiß von Früher

Mal Zeit für ein kleines, sommerliches Fun-Posting! Keine Sorge, im kalten Herbst  werde ich mich wieder mit allem und jedem anlegen!

Jedenfalls wird ja immer so ein Gewese über “Der Kult des Neuen” gemacht und gefragt, wie viele Spiele denn “Ex & Hopp” gespielt werden und ob der “Heiße Scheiß” nicht eigentlich nur letzteres ist. Diese Diskussionen gab es übrigens auch schon auf KMWs Spielplatz, dem Vorläufer des Spielbox-Forums (das übrigens der Vorläufer des Spielen.de-Forums war). Meiner Meinung nach gab es früher gute Spiele und heute gibt es gute Spiele und manches Bekannte wird durch besseres überholt und manches neues nicht. Oder ähnlich anders. Jedenfalls, so dachte ich, könnte man ja mal einen lockeren Blick auf vergangene Dekaden werfen.

Beginnen wir vor zehn Jahren, AD 2007. Bush Junior war Präsident, der G8 war in Heiligendamm, die No Angels haben sich wiedervereinigt und mein König von Siam erschien in Essen (und verfehlte die endgültige Fairplay-Scout-Liste um zwei Stimmen).

Auf jenem Essen waren die zehn heißesten Spiele laut der Farplay-Scout-Aktion:

1. TRIBUN von Karl-Heinz Schmiel (Heidelberger)
2. AGRICOLA von Uwe Rosenberg (Lookout)
3. HAMBURGUM von Walther „Mac“ Gerdts (PD/Eggert)
4. CUBA von Rieneck/Stadler (Eggert)
5. VOR DEM WIND von Torsten Landsvogt (Phalanx)
6. IM JAHR DES DRACHEN von Stefan Feld (Alea)
7. FILOU von Friedemann Friese (2F)
8. KINGSBURG von Chiarvesio/Iennaco (Truant)
9. AMYITIS von Cyril Demaegd (Ystari/Huch & friends)
10. DARJEELING von Günter Burkhardt (Abacus)

Brass war übrigens auch in dem Jahr, aber IIRC scheiterte auch das an der abgegebenen Stimmenanzahl. Tribun, Vor dem Wind und Darjeeling sind vielleicht die größten Überraschungen, Amyitüddelüt ist heutzutage wohl auch eher vergessen. Agricola ist immer noch heiß, Hamburgum und Cuba dürften auch immer noch große Fangemeinschaften haben, Im Jahr des Drachen sowieso und Filou mag ich persönlich sehr gerne. Aber das ist ja auch die Scoutliste! Dort sind immer ein paar Merkwürdigkeiten drauf, die auch davon abhängen, welche Verlage in der Nähe des Fairplay-Standes ihre Zelte aufgeschlagen haben. Was gab es denn noch in dem Jahr?

Der Deutsche Spielepreis hatte folgendes zu bieten:

1. DIE SÄULEN DER ERDE von Michael Rieneck und Stefan Stadler (Kosmos)
2. NOTRE DAME von Stefan Feld (alea/Ravensburger)
3. WIKINGER von Michael Kiesling (Hans im Glück Verlag)
4. YSPAHAN von Sébastien Pauchon (Ystari Games)
5. ZOOLORETTO von Michael Schacht (ABACUSSPIELE)
6. DIE BAUMEISTER VON ARKADIA von Rüdiger Dorn (Ravensburger)
7. IMPERIAL von Walther Gerdts (eggertspiele)
8. MAESTRO LEONARDO von F. Brasini, V. Gigli, S. Luperto, A. Tinto (dV games/Abacus)
9. JENSEITS VON THEBEN von Peter Prinz (Queen Games)
10. COLOSSEUM von Markus Lubke und Wolfgang Kramer (Days of Wonder)

Zooloretto war auch ein Spiel des Jahres und ein großer Erfolg vom Verlag – es ist immer noch verfügbar. Die Baumeister von Arkadia waren ebenfalls nominiert und haben damals auch beim Sylvester gut abgeschnitten – immer noch ein tolles Spiel! Ebenfalls nominiert: Yspahan und Jenseits von Theben, beides ebenfalls Spiele, die auch heute noch originell und gut sind.Überhaupt war das ein starkes Jahr – aus meiner Sicht sind nur Maestro Leonardo und Colosseum mittlerweile überholt (und letzteres hat seine Fans). An das letzte nominierte Spiel, Der Dieb von Bagdad, habe ich nur noch vage Erinnerungen.

Die Liste des DSP ist übrigens von den Spielen her auch erstaublich deckungsgleich mit dem Pfefferkucherl: Dort finden sich mit Trapper und Burg Appenzell aber zwei größere Überraschungen – vor allem das erste dürfte tatsächlich ziemlich vergessen sein.

Kurzes Zwischenfazit: So wahnsinnig viele “It-Spiele”, die mittlerweile vergessen sind, gabs vor zehn Jahren gar nicht! Aber vielleicht war es ja nur ein starker Jahrgang? Naja, 2008 bildete der DSP fast die Scoutliste ab (ergänzt noch um Keltis, Stone Age und Galaxy Trucker). 2006 war tatsächlich deutlich schwächer – aber der galt damals schon als schwach.

Wie sah es denn in den vor 20 Jahren aus? Da ist doch schon deutlich mehr Wasser die Elbe hinabgeflossen! Nun gab es 1997 weder die Scoutliste noch den Pfefferkucherl und der DSP stand damals noch auf eher tönernden Füßen… aber mal sehen. Ich habe 1997 übrigens mein Studium angefangen (wenn ich mich nicht verzählt habe). Der DSP hatte damals folgendes zu bieten:

1. LÖWENHERZ von Klaus Teuber (Goldsieber)
2. SIEDLER-KARTENSPIEL von Klaus Teuber (Kosmos)
3. SHOWMANAGER von Dirk Henn (Queen-Games)
4. MISSISSIPPI QUEEN von Werner Hodel (Goldsieber)
5. BOHNANZA von Uwe Rosenberg (Amigo)
6. SERENISSIMA von Dominique Ehrhard und Duccio Vitale (Eurogames)
7. DER ZERSTREUTE PHARAO von Gunter Baars (Ravensburger)
8. EXPEDITION von Wolfgang Kramer (Queen-Games)
9. BEIM ZEUS von Klaus Palesch (Kosmos)
10. MANITOU von Günter Burkhardt (Goldsieber)

WOW! Was für eine Liste! Löwenherz ist eines meiner absoluten Lieblinge. Das Siedler-Kartenspiel ist ein Klassiker und ich kenne Leute, die das immer noch (im Original) spielen. Showmanager war (mit ein paar Regeländerungen) als Atlantic Star auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres. Bohnanza ist zweifelsohne ein Evergreen und ähnliches gilt für Expedition (Wer es nicht kennt: Ist gerade wieder bei Amigo erschienen!). Selbst die “Misses” sind erwähnenswert: Missessippi Queen (SWIDT?) gewann immerhin das Spiel des Jahres, auch wenn es als eines der schwächeren zählt (die Erweiterung soll toll sein, leider kenne ich die nicht). Serenissima hat auch seine Fans (ich mags, aber es ist etwas zu lang und auch nicht mehr ganz up to date, was einige Mechanismen betrifft), Der zerstreute Pharao ist als Longseller immer noch bei Ravensburger im Programm. Einzig die beiden letzten Plätze fallen etwas heraus.

Ein paar weitere erwähnenswerte Spiele in dem Jahrgang sind Husarengolf (gerade wieder aufgelegt), mein Geheimtipp Comeback von Reinhard Staupe (tolles Versteigerungsspiel für drei) und Visionary, bei dem man mit verbundenen Augen bauen musste – der Teampartner erklärt was man bauen soll. Spielt mittlerweile meine Tochter sehr gerne.  Formula DÉ erschien m:W. ebenfalls in dem Jahr, genau wie Friedemanns Wucherer.

Auch hier ist das Bild prinzipiell dasselbe: Die bekannten Spiele von damals sind auch heute noch weitestgehend bekannt. Ein paar fallen naturgemäß heraus, aber ich bin überrascht, wie viele Spiele von vor ZWANZIG Jahren auch heute noch gern gespielt werden…

Und vor 30 Jahren? Jetzt wirds schwierig – Das Internet hatte noch keine große Verbreitung. Der Deutsche Spielepreis ar nichtexistent. Was damals der “heiße Scheiß” war, lässt sich kaum rekonstruieren. Immerhin gab es die Auswahlliste des Spiel des Jahres und den Vorläufer des DSP, den “Goldenen Pöppel”, eine Abstimmung der Leserschaft der Pöppel Revue, wobei alles gewählt werden konnte, auch ältere Titel (und vermutlich lag das nicht zuletzt daran, dass sehr wenig spielerisch anspruchsvolles pro Jahr hinzukam). 1987 (ein Jahr nach Chernobyl, mitten im kalten Krieg, ich kaufe meine erste Happy Computer und bekam einen Amiga zu Weihnachten) wählten die Pöppel-Revue-Leser Kreml, Acquire und Heimlich & Co zu ihren Lieblingsspielen. Sicherlich nicht das was man erwartet, aber Acquire ist natürlich ein absoluter Klassiker – und zu Recht- und mit Shark war gerade eine Weiterentwicklung davon erschienen und sogar nominiert worden (wobei mir Acquire besser gefällt). Kreml war auch nominiert (aus heutiger Sicht sicherlich überraschend, bedenkt man die Komplexität) und auch wenn man das eine oder andere heute anders machen würde – Das Spiel ist immer noch witzig. Gemein und zuweilen Brutal, aber durchaus spielenswert. Heimlich & Co gewann ja auch das Spiel des Jahres -allerdings schon 1986, wo es sich für mich überraschend gegen das verrückte Labyrinth durchsetzte (das ich für das etwas bessere Familienspiel halte, wobei wir beide sehr oft und gerne gespielt haben). Spiel des Jahres wurde 1987 übrigens Auf Achse und auch wenn das Spiel vor einigen Jahren ein Comeback versuchte, halte ich es doch für mittlerweile spielerisch für etwas angestaubt. Hier ist die Zeit tatsächlich drüber hinweggegangen – aber wie gesagt: Auf Achse ist 30 Jahre (!) her und mittlerweile herrscht das Goldene Zeitalter.

Die Empfehlungsliste hat neben einigen Merkwürdigkeiten (Restaurant? Maritim???) auch Tatort Nachtexpress zu bieten, bei dem die Spieler gegeneinander einen Mordfall lösen müssen. Das Spiel ist Szenariobasiert und nahm gemeinsam mit Sherlock Holmes Criminal Cabinet (1985) den heutigen Trend von textlastigen “Story-Spielen” á la TIME stories um fast 30 Jahre vorweg. Sauerbaum war damals der Archetyp von kooperativen Spielen und als Kampf gegen den sauren Regen ein echtes Kind der 80er. Es war so ca 20 Jahre im Programm wechselnder Verlage, konnte aber nicht gegen moderne Ko-ops bestehen. Der fliegende Teppich befindet sich immer noch in meinem Besitz. Es war damals tatsächlich (in der würfellosen Variante) eines meiner Lieblingsspiele in den späten 80ern, ich habe es aber seit über 25 Jahren nicht mehr gespielt. Ich glaube nicht, dass man es noch “braucht”. Zwei weitere 87´sind heute noch bekannt: Black Vienna hat als sehr reines Deduktionsspiel immer noch Fans – obwohl wirklich der kleinste Fehler das Spiel für alle unlösbar macht. Und Continuo ist ein kleines Legespiel, das immer noch zu haben ist. An der Spieleszene ist es weitestgehend vorbeigegangen, aber man findet es in vielen Spielwarengeschäften bei den “Reisespielen”. Unter denen ist Continuo eines der besseren. Wir haben es damals häufig dabei gehabt, auch wenn es als “Kopfschmerzspiel” etwas verschriehen war (Man starrt 30 MInuten auf kleine Quadrate).

1977 war die Spieleszene in dem Sinne noch nicht existent. Es gab wohl schon eine Postspielszene, aber das war es auch schon. Ich war drei Jahre alt. Jenga und Boggle waren noch nicht erfunden. Es wurden erste Experimente mit Videospielen gestartet, noch ohne Cartridges oder anderen flexibeln Speichermedien. An erwähnenswerten Spielen aus der Zeit besitze ich noch Jockey, das in den verschiedensten Versionen immer wieder auf dem Markt war und für mich immer noch ein gutes Wettspiel darstellt (auch wenn viel von der Kartenverteilung abhängt). Slotter erschien 1977 und ist tatsächlich immer noch auf dem Markt. Es ist todsimpel, aber Anfang der 80er war ich eine Zeitlang unschlagbar. Alaska fand sich zwei Jahre später auf der Auswahlliste wieder. DAS ist wirklich ein Spiel, dass man wohl runderneuern müsste, um es heutzutage einigermaßen tauglich zu machen. Es ist aber vom Szenario und von der grundsätzlichen Idee her so reizvoll, dass ich tatsächlich ab und an mal nachdenke, wie das gehen könnte. Ballonrennen wurde ob des Materials und der (für damalige Verhältnisse) tollen Graphik gelobt. Waren diese Spiele bei damaligen Spielern beliebt? Der “neueste Scheiß”? Keine Ahnung. Vermutlich war man damals froh, wenn überhaupt was einigermaßen interessantes erschien und die Spiele, die man hatte, wurden länger gespielt. Weil man es musste. Ich erinnere mich an einige Spiele, die keiner von uns so richtig mochte, und die wir trotzdem mehrmals spielten. Weil wir sie halt hatten und Abwechslung wollten. Schon damals.

ciao

peer

 

001 Brettspielradio Neustart

Schon 2005 habe ich drei erste Podcast-Episoden für spielbar.com produziert. Die sind glücklicherweise nicht mehr im Internet abrufbar. Warum dies so ist, erläutere ich in der ersten Episode des nun neu gestarteten Brettspielradios. Des Brettspiel-Podcasts von spielbar.com.
Die erste Episode ist eine kleine Vorstellung, künftig soll es eine neue, ca. 5-7 Minuten lange Folge pro Woche geben. Um was es darum gehen soll, ist ebenfalls in Episode 001 zu hören.

Shownotes:

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Brettspielradio – Der Brettspiel-Podcast von spielbar.com: https://www.spielbar.com/wordpress/category/podcast
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Intro/Outro:
Künstler: Scott Holmes
Song: A Wee Tipple
Album: Music for Media 2
Lizenz: CC BY NC
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A Wee Tipple von Scott Holmes: http://freemusicarchive.org/music/Scott_Holmes/Music_For_Media_Vol_2/Scott_Holmes_-_03_-_A_Wee_Tipple_1169
Datum: 2017-08-19

Kurze Messevorschau mit der Wir sind das Volk-Erweiterung, Big Cityz, Cuckooo! und 3 Japan Brand Titeln

Essen rückt näher und es ist Zeit sich ein paar Neuheiten anzusehen. Insbesondere vielleicht die, die nicht woanders besprochen werden. Oder Neuheiten von mir. Oder beides.

Beginnen wir mit diesem hübschen Ding:

Wie man auf dem Bild entziffern kann, ist dies die Erweiterung zu Wir sind das Volk! Doch warum heißt sie 2+2?

Ich bin froh, dass Du fragst! 2+2 spielt auf die 2+4-Verträge an und gleichzeitig steht es für die Mitspieleranzahl. Spielte man Wir sind das Volk! noch zu zweit (einer West- einer Ostdeutschland), spielt man jetzt zu viert. Dabei spielen die USA und Westdeutschland gegen die UdSSR und Ostdeutschland. Das klingt nach einem Partnerspiel, aber das ist nicht ganz richtig: Zwar agieren die “Partnermächte” auf derselben Seite, gewinnen tut aber immer nur ein Einzelspieler!

Das funktioniert im Prinzip folgendermaßen: Neben der bekannten Deutschlandkarte kommen drei Bereiche dazu, um die nur die Supermächte kämpfen (Abrüstung, Weltraum, Globale Dominanz), die zudem selbst ein gewissen Budget haben, mit dem sie umgehen müssen. Dazu dienen 40 neue Karten, die überwiegend etwas globalere Ereignisse beziffern. Um zu gewinnen, muss eine Supermacht der anderen in den Bereichen insgesamt überlegen sein UND das jeweils assoziierte Deutschland muss seine Siegbedingungen erfüllen. Für die Deutschen gilt entsprechend: Nicht nur muss die Seite siegreich sein, der Partner darf nicht zu stark werden. Gelegentlich muss man seinen “Partner” also ein bisschen sabotieren.

Tatsächlich ist es so, dass ich bereits bei Erscheinen von Wir sind das Volk eine Partnervariante im Kopf hatte. Ich spiele verhältnismäßig selten zu zweit und wollte daher das Grundspiel auf vier Personen “aufrüsten”. Aber ein reines Partnerspiel wäre nicht nur nicht sehr thematisch, es wäre auch spielerisch nichts neues. Schon damals hatte ich die Idee, dass es nur einen Sieger gibt, so dass die Partner einer Seite, die sich siegessicher ist, gegenseitig behindern und so die andere Seite wieder kommen lassen. Das hat nun nicht so funktioniert, wie ich es mir ursprünglich dachte, aber mittlerweile haben wir ein System gefunden, dass dieses Dilemma wirklich  gut umsetzt und sich zudem sehr thematisch anfühlt.

Ebenfalls muss es thematisch natürlich die Gefahr eines Atomkrieges geben. Spielerisch haben “Alle verlieren”-Szenarios aber immer die systemimmanente Gefahr, dass ein Spieler, der nicht mehr gewinnen kann, auf “Alle verlieren” spielt, was sich blöd anfühlt (Archipelagos ist eines der wenigen Spiele, die dieses Problem vernünftig in Griff bekommen haben). Daher ändern sich die Siegbedingungen im Falle eines Atomkrieges, wobei der Auslöser selbst niemals gewinnen kann. Auch gibt es natürlich auch andere “Sofortsieg”-Szenarien, wie beim Grundspiel.

Zu viert ist die Dynamik natürlich eine andere als im Grundspiel, damit auch die Spieldauer in etwas dieselbe bleibt, gibt es einen neuen Mechanismus: Die Halbdekaden wurden durch Dritteldekaden ersetzt. Die letzte Karte, die in einer solchen Dritteldekade liegen bleibt, wird automatisch ausgeführt. Das macht das Spiel einen Tacken schneller und sorgt für schöne Überlegungen. Es macht auch das Handkartenspiel interessanter, denn die Gelegenheiten für Handkarten sind seltener. Das war eine Idee von Richard und daher kann ich fast unbeeinflusst sagen, dass dieser Mechanismus das Spiel noch einmal extrem verbessert!

Ich drücke jedenfalls alle Daumen, dass bis Essen nichts unvorhersehbares passiert 🙂

Sicherlich etwas weniger spektakulär ist die Veröffentlichung von Big Cityz bei moses. Hier werden immer Karten mit Städten gezogen – etwa Timbuktu oder Wolfsburg – und dann muss man eine von vier Ja/Nein-Fragen beantworten: Mehr als eine Million Einwohner? Liegt die Stadt am Meer? Sowas halt. Dabei gibt es mehr Punkte, wenn man potentiell mehr rsikiert. Die Regeln sind wirklich simpel, aber Geographiefreunde kommen m.E. auf ihre Kosten! Das Spiel ist schnell gespielt (30-40 Minuten) und schnell erklärt und ich konnte gewissermaßen meine “Quizspielexpertise” ausspielen 😉

Soweit von mir.

Ich erlaube mir aber noch einen Hinweis auf ein Spiel von József Dorsonczky (Mind Fitness Games), das in Essen vorgestellt wird: Cuckooo! (Full Disclaimer: Ich habe die Regeln übersetzt). Cuckooo! ist ein Kartenspiel und eine Mischung aus Black Jack und Mau-Mau. Das klingt komisch und tatsächlich kenne ich kein Spiel, dass sich auch nur ansatzweise ähnlich spielt. Das alleine ist schon aller Ehren wert, aber das Spiel ist auch sehr spannend! Prinzipiell muss man versuchen genau 21 Punkte zu erreichen, aber die Art wie das geschieht ist höchst originell: Man spielt eine Art Mau-Mau, wobei man die Karten auch (zweimal) in seinen Punktestapel legen kann. Ansonsten muss man bedienen oder -wenn man das nicht kann – alle Karten ablegen und die Runde für sich beenden, wobei in diesem Fall noch Punkte dazukommen. Manchmal will man die und manchmal nicht. So balanciert man die ganze Zeit herum: Gehe ich schnell raus und treffe die 21 nicht ganz? Kann ich überhaupt schnell rausgehen? Oder bleibe ich im Spiel und hoffe die 21 genau zu treffen, mit der Gefahr, dass ich überschieße, weil ich nicht bedienen kann und der Bonus mich grillt? Wirklich sehr cool! Ich habs zu dritt und zu fünft gespielt und es funktioniert in beiden Besetzungen sehr gut, auch wenn mir persönlich die Dreiervariante etwas besser gefällt. Empfehlung!

Von Japan Brand habe ich bislang von drei Spielen die Regeln gelesen. Ich gebe eine ganz kurze Beschreibung ab: Shinobijust ist eine Art Kartenversion von Heimlich & Co: Man legt Karten an andere Karten und die anderen Karten geben an, wer Punkte bekommt und wie viele. Nur sind die Identitäten geheim. Oh und man punktet auch, wenn der linke Nachbar besonders wenig Punkte bekommt. Klingt verwirrend, aber auch interessant.

Perfect Hotel ist ein Sammelspiel, bei dem man Kartensets sammelt und auslegt und für jede Sorte wird ein Mehrheitengewinner bestimmt. Für mich liegt in der Einfachheit der Reiz. Außerdem verwendet es einen Mechanismus, den ich auch mal verwenden wollte (Abgelegte Karten werden sortiert und mann zieht entweder eine Zufallskarte oder nimmt alle Karten einer Sorte).

Tagiron ist ein reines Deduktionsspiel, bei dem man mit Fragekarten versucht die Hand des Gegners zu entschlüsseln. Interessant die Mehrpersonenvariante, bei der man versucht die Karten in der Tischmitte zu entschlüsseln, man aber nur die Handkarten der Gegner abfragen kann. Klingt sehr “Gehirnschmelzend”.

ciao

peer

Games Workshop wird verklagt, Randolph plagiiert und Skandinavische LARPS missverstanden

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Kaum macht man mal ein bisschen Urlaub, gibt es gleich mehrere Meldungen, die meiner Aufmerksamkeit bedingen. Fang ich gleich mit der ersten an:

Games Workship wird auf 62,5 Millionen Dollar verklagt. Nun ist Games Workshop ja nicht gerade der beliebteste Verlag auf diesem Planeten (die Gründe sind vielfältig und werden weiter unten z.T. angedeutet) und entsprechend gabs durchaus eine Reihe von Schadenfreuden-Posts im Netz. Doch für mein Rechtsverständnis hat die Klage wenig Aussicht auf Erfolg, so sie denn überhaupt zugelassen wird. Die Summe ist vermutlich sowieso erst einmal mehr Presseevent, als realistischte Schadenssume.

Die Hauptstoßrichtung ist eine Anweisung von GW an die Läden, sich bei Onlinepreisen an einen bestimmten Richtwert zu halten (wobei 20% Abweichung erlaubt ist). Laut Kläger wiederspricht dies einerseits einem vorherigen Versprechens GWs an seine Läden (nämlich Freiheit bei der Preisfindung) und zum anderen ist eine derartige Anweisung nach Amerikanischen Recht eine illegale Preisabsprache. Um das beurteilen zu können, fehlen mir das nötige Wissen, aber Sätze wie “In Amerika haben wir (…) einen freien Markt, der sich vom Sozialismusbasierten System Europas unterscheidet” lassen mich vorsichtig werden, was die Substanz der Klageschrift betrifft. Außerdem wirft er Games Workship Produktpiraterie vor, wobei er das Urheberrecht anscheinend nicht richtig durchdrungenn hat: Er wirft GW vor, dass Warhammer 40.000 ein Plagiat von Battlemech ist, weil auch dort Maschinen, Space Marines, Ramschiffe etc. gegeneinanderkämpfen. Er geht noch einen Schritt weiter und erklärt, dass der Begriff “Space Marine” von Robert Heinlein stammt (Tut er nicht) und dass GW außerdem auch die Elfen und Zwerge aus von Tolkien klaut und Gigers Alien. Nun sind die Aliens aus Warhammer tatsächlich sehr Giger-artig und es stimmt, dass Games Workshop versucht hat, den Begriff “Space Marine” für sich zu beanspruchen (und so kurzzeitig ein E-buch mit dem Titel aus Amazon entfernte), aber letztlich ist das nicht relevant; Urheberrechtlich bildet Warhammer 40.000 ein Werk, dass sich sicherlich aus anderen Werken großzügig bedient, aber dennoch stellt es klar ein eigenständiges Werk dar.
Ich sehe aber auch nicht, wieso diese Frage für die eigentliche Klage relevant wäre.
Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Klageschrift: Es wird  vieles beschrieben, was durchaus kritikwürdig ist -und was auch ein Grund für die Unbeliebtheit Games Workshops darstellt – aber das meiste davon ist für den eigentlichen Fall irrelevant. Manches ist schlicht bizzar: Er behauptet die Preismarge einer Figur liegt bei 50.000%, vergleicht dabei aber nur die Herstellung mit dem Verkaufspreis. Ich meine, dass Games Workshop-Krams überteuert ist, wissen wir alle. Auch dass es als Luxusgut kaum relevant sein dürfte, wie hoch die Gewinnmarge nun ist (Wucher liegt dann vor, wenn Notsituationen ausgenutzt werden, wenn es z.B. um Medikamente oder Grundnahrungsmittel geht). Aber davon ab fehlen auch Verpackung, Transport, Bezahlung aller Personen, Werbung und bei GW eben auch das Store-System, dass sich finanzieren muss in der Berechnung. Irgendwie wiederspricht sich der Kläger mit diesem Punkt in meinen Augen sogar, wenn er vorher den freien Markt zitiert, dann aber anprangert, dass Games Workshop den nutzt, um überteuerte Figuren zu verkaufen. Games Workshop hat ja kein Monopol auf MIniaturenspiele, ist halt nur der Marktführer…
Immerhin will der Kläger das Geld nicht für sich, sondern es nutzen, um aus einigen Produkt Common Use zu machen. Mal sehen. Wie gesagt, man darf Games Workshop von mir aus jeden Tag verklagen. Aber bei dieser Klage habe ich das Gefühl, sie ist mehr Mittel zum Zweck um Medienecho zu erzeugen und die Presse auf Games Workshops Geschäftsmethoden zu lenken.

Etwas anders gelagert ist die Lage bei Alex Randolphs Twixt. Laut diesem Thread besteht kein Urheberrechtsanspruch seitens der Erben mehr. Wenn dem so ist, so liegt das an einer Gesetzesänderung in den USA, dass bei älteren Urheberrechtlichen Dingen eine Erneuerung verlangt, die aber (vermutlich aus Unkenntnis) nicht existiert. Damit ist das Urheberrecht in den USA verfallen und das Spiel frei verfügbar. Nun hat sich ein Wayne Dolezal wohl die Titelrechte an dem Spiel gesichert und möchte es in den USA herausbringen ohne Randolphs Erben zu beteiligen. Er hat sich wohl auch die Titelrechte in Europa gesichert, wohl ohne zu wissen, dass Randolph das Spiel hier erfunden hat, daher in Europa Österreichisches Recht gilt und dort die Urheberschaft nicht einfach verfällt (erst 70 Jahre nach dem Tod, u.U. auch etwas länger). Hier kann er das Spiel also schon einmal nicht vermarkten, ohne die Erben um Erlaubnis zu bitten (Günter Cornett weist im Spielboxforum darauf hin, dass selbst der Titel nicht unbedingt verfügbar war und die Markenanmeldung u.U wirkungslos sein könnte) (Bei Gelegenheit muss ich mal einen Post über die Unterschiede von Urheberrecht, Markenrecht, Titelrecht und Patent schreiben. Oder besser noch: Schreiben lassen).
Bleiben also die USA. Wenn Herr Dolezal Recht hat, kann er tatsächlich das Spiel in den USA herausbringen. Aber jeder andere auch. Nichts hält mich davon ab “Alex Randolphs Bridge Game” in den USA zu vermarkten – und damit zu werben, dass bei meiner Version die Erben beteiligt sind (wenn dass denn der Fall ist). Marketingtechnisch könnte sich Dolezal ins Knie geschossen haben, wenn er nicht gerade einen starken Vertrieb an der Hand hat. Kleiner Nebenaspekt: Er möchte durchaus mit Randolphs Namen werben. Ich bin nicht sicher, ob das ohne Genehmigung erlaubt ist, denn jetzt ist wieder ein anderes Gesetz betroffen (Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Namen) und da sind die Amerikanischen Gesetze sicherlich wieder anders, als die Deutschen.

And now for something completly different.

Manchmal entsteht aus eher negativen Geschehnissen auch etas Positives. So wurde beim World Con in Finnland ein LARP abgesagt, weil es so viel Kritik am Setting gab. Das entpuppte sich im Nachhinein als Schnellschuß und wurde sehr kritisiert. Das Positive: Ich weiß jetzt mehr über die Skandinavische LARP-Szene und die ist faszinierend (auch wenn ich nur einen Mini-Blick hineinwerfen konnte). Das Problem der Kontroverse: Die vorwiegend Nicht-Skandinavischen Gäste erwarteten beim Begriff LARP ein Spiel. LARP steht für Live-Action-Rollenspiel und auch hierzulande assoziiert man das am ehesten mit Schaumstoffwaffen und Herumschleichen in irgendwelchen Wäldern (überspitzt formuliert).
In Skandinavien sieht man LARPs aber eben auch als Medium, dass nicht primär der Unterhaltung dienen muss, sondern auch dazu dienen kann, sich mit einem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen. So ging es bei dem dort angebotenen Programmpunkt “Home for the old” um ein LARP, dass sich mit dem Umgang mit Demenzkranken befasst. Kritik kam von Leuten, die aufgrund der (rein sachlichen) Beschreibung vermuteten, dass es als Spiel um Lachen und Spaß und so geht und das Thema zu ernst ist, um sich darüber lustig zu machen. Nun interpretiere ich diese Rollenspiele eher so wie die pädagogischen Rollenspiele: Durch das Einnehmen einer definierten Rolle, sollen neue Perspektiven gewonnen werden. Eine gute Leitung ist da natürlich wichtig, aber das hier erwähnte Spiel scheint mir die nötoge Sachlichekit zu haben. Bei meinen (kurzen) Recherchen bin ich auf ein anderes LARP gestoßen, bei dem es um den Umgang mit AIDS geht. Hier sind sie also: Die Spiele, die mehr sein wollen als Unterhaltung. Gut zu wissen, dass es so etwas gibt – ein Kulturgut braucht auch diese Aspekte! Ich werde da bei Gelegenheit mal weiter in diese Richtung recherchieren und bitte um weitere Hinweise!

ciao
peer

 

Vom Sommerloch und Winterschlaf

Mein Sohn hatte als kleiner Junge eine schöne Kurzgeschichte über einen Bären, der mitten im Winterschlaf aufwacht und zum ersten Mal von Weihnachten hört. Das Fest verschläft er ja sonst. Schön erzählt und witzig. Und auch ein Beweis, dass man manchmal nur aufwachen muss, um zu merken was um einen rum passiert. Etwas, was kleine Kinder definitiv nicht sehr gut können, denn, seien wir ehrlich, das ist ganz schön viel verlangt von 4-jährigen.

Aufwachen ist auch das, was ich mir von Manchen wünsche. Da philosophieren andere über die Masse in Essen, und dass das ja keiner mehr schaffen kann. Ehrlich? Das Lied wurde schon vor 20 Jahren gesungen, als noch eine 2-stellige Zahl an Neuheiten raus kam. Fakt ist ja auch, dass es keiner schaffen muss. Ich frage mich, ob wir im Spielebereich einfach nur verwöhnt sind? Wer wollte, konnte einfach alles spielen. Es war kein Problem die 50 bis 100 Neuheiten zu überblicken, mit genug Freizeit. Und natürlich muss jeder ja alle 1200 Neuheiten gespielt haben, um ehrlich einen Eindruck zu haben. Mir fällt es schwer nicht ins Augenrollen zu verfallen.

  • Bücher: Ich muss überlegen, wann das letzte mal ein Buchrezensent sich beschwert hat, dass er nicht mehr alle Bücher lesen kann, die erscheinen. Dazu mal ein paar Zahlen, um das zu Vergleichen (Quelle).

    Zahl der Buch-Verlage in Deutschland 2012: 2209. Nur Deutsche Verlage!
    Zahl der erschienen Bücher, welche Neu waren: 81.919. Nur neue Titel!

    2012 war ein Schaltjahr und hatte daher 8748 Stunden. Ein Rezensent der den Überblick behalten will und alles Gelsen haben will, hätte also 6 Minuten pro Buch und dürfte weder schlafen noch essen noch sonst was.

  • Filme: Allein 2011 wurden 6573 Filme produziert. Und da sind nur die erfasst, die extra fürs Kino produziert werden. Wer also alles gesehen haben will, um da einen Vergleich zu haben, wird auch nicht viel Schlaf haben. (Quelle). Abgesehen davon, dass man echt viele Sprachen können muss, denn das erscheint ja nicht unbedingt alles auf Englisch, geschweige denn auf Deutsch.
  • Computerspiele: Wollen wir das Gebiet mal etwas einengen und sagen wir spielen nur auf Steam, dann kamen allein 2016 schon 4207 Spiele raus (Quelle). Da ich davon ausgehe, dass man da auch für die meisten etwas mehr Zeit investieren muss, reden wir also nur grob von der vierfachen Menge. Von Spielen auf anderen Plattformen sehen wir mal ab, denn Steam bedient sehr viele. Sonst würde das ja noch explodieren hier an Zahlen.

Gibt es also zu viele Brettspiele? Bringen die Verlage in Essen zu viel auf den Markt? Für mich lautet die Antwort einfach mal: Nein! Ich würde soweit gehen, dass wir nicht genug Blogs haben. Wir brauchen mehr Blogs die sich spezialisieren. Ich hatte schon bei der Podiumsdiskussion auf der Berlin-Con dieses Jahr gesagt, das es wichtiger wird, dass kuratierter berichtet wird. Wir sind nicht allein auf dieser Welt. Wenn einer weiß, dass ihn Partyspiele nicht interessieren, kann er das ausblenden. Wenn einer weiß, dass Erweiterungen ihm am Allerwertesten vorbei gehen, dann einfach ausblenden. Und wenn einer weiß, dass ihn vor allem die neusten Solospiele interessieren, dann soll er einen Blick auf genau diese Neuheiten werfen. Und er braucht einen Blog, der das bedient.

Alles weitere Jammern ist nur eine Möglichkeit, das Sommerloch zu füllen.