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[Buchbesprechung] „What Board Games Mean to Me“

Nach dem Spielen selbst ist das Sprechen über Brettspiele vielleicht eine der interessantesten Beschäftigungen, die dieses Medium zu bieten hat. Man kann sich über Erfahrungen und Erlebnisse austauschen. Man kann Strategien besprechen oder frei assoziieren, was Spiele über ihre Themen vielleicht aussagen könnten. Wobei ich zugebe, dass ich als Podcaster durchaus voreingenommen bin. Das Reden über Spiele ist für mich von ganz besonderes hohem Stellenwert. Wer jedoch Podcasts eher als Hintergrundgelaber bei der Autofahrt oder dem Küchenabwasch nutzt, findet im gedruckten Wort eine gehaltvollere Beschäftigung. Ein Buch, welches genau das zu erfüllen versucht, ist „What Board Games Mean to Me“.

Es ist eine Sammlung an Essays verschiedener Personen aus der internationalen Brettspielszene. Darunter bekannte Namen wie Geoff Engelstein („Space Cadets“), Steve Jackson („Munchkin“), Ian Livingstone (Games Workshop-Gründer) und Susan McKinley Ross („Qwirkle“). Aber auch John Kovalic („Dork Tower“), Reiner Knizia („Stephenson’s Rocket“) und Sen-Foong Lim („Mind MGMT“) kommen zu Wort. In der Kurzbeschreibung auf dem Umschlag ist von „players, designers and fans“ die Rede, welche hier ihre Gedanken zu Brettspielen äußern. Wer also die Namen der Schreibenden nicht erkennt, muss sich nicht schämen. Es sind Menschen wie du und ich, die vor allem ihre Beziehung zu Spielen eint.

Überhaupt zeichnen sich viele der Texte durch die Nähe aus, die sie beim Lesen zulassen. Ein Großteil der Essays hat autobiografische Züge. Der eigene Lebenslauf wird darin an Hand der Verbindungen zu einzelnen Spielen nachgezeichnet. Dazu gehören oft Momente früher und anhaltender Freundschaften mit anderen Spielbegeisterten. In der Selbstreflexion der Schreibenden wird mehrfach das gemeinsame Spielen als Grundstein und auch langjährige Verbindung zu Menschen benannt. Aber auch weniger erfreuliche Momente finden Erwähnung. Etwa wenn die Gedanken an einen verstorbenen Menschen zurückbleiben, weil das gemeinsame Spielen Erinnerungen geschaffen hat. Es sind kurze, rührende Absätze, die in manchen Essays erscheinen. Nicht selten beschleicht einen das Gefühl, dass man sich selbst schon in der guten alten Zeit befindet, auf die man in einigen Jahrzehnten mit einem lachenden und weinenden Auge zurückblicken wird.

Aber es sind nicht die emotionalen Momente, die das Buch am Besten umschreiben. Es ist allerdings auch nicht der Titel, der zumindest bei mir die Erwartung weckte, unterschiedliche Perspektiven auf Spiele zu lesen. Die Texte zeigen vor allem, wie präsent und auch einflussreich Spiele im Leben der Schreiber*innen waren. Sie bezeugen, größtenteils unaufgeregt, was es heißt, wenn Spiele Teil der gelebten Wirklichkeit von Menschen sind. Die Texte bieten Einblicke in die individuellen Lebensläufe ihrer Autor*innen. Dadurch treten Spiele in diesen Texte auf unterschiedlichste Art in Erscheinung. Mal sind sie persönliche Begleiter über die Jahrzehnte hinweg; Bindeglied zwischen Familienmitgliedern unterschiedlicher Generationen; die erste Brücke, die zu lebenslangen Freundschaften führt. Aber sie zeigen auch Spiele als Ausdrucksform individueller Kreativität und Pfad zur Selbstfindung; als Mittel um Gemeinschaften zu formen und am Leben zu erhalten; oder einfach nur als ein Hobby, welches zu einem Beruf wurde.

Stilistisch sind fast alle Texte sehr persönlich und nahbar geschrieben. Sie lesen sich als wäre man in ein entspanntes Gespräch beim Spazieren gehen vertieft. Eine Unterhaltung, bei der man unweigerlich feststellt, wie viel Raum Spiele im Leben einnehmen. Wie Spiele gerade nicht als flüchtiger Teil des Alltags in Vergessenheit geraten. In manchen Berichten erkennt man vielleicht auch eine Parallele zur eigenen Erfahrung mit Spielen und Spieler*innen. Andere Texte zeigen wie unterschiedlich die Rolle sein kann, die Spiele im Leben der Autor*innen einnehmen. „What Board Games Mean to Me“ ist kein Buch, welches den Blick auf Spiele grundlegend verändern wird. Dafür geht es dann doch zu wenig darauf ein, was es heißt gemeinsam zu spielen. Aber es normalisiert den Gedanken, dass Menschen Spiele wichtig sind. Dass wir sie gerne und oft spielen; aber auch dass es eine Bereicherung ist, wenn sie einem wichtig sind. Bei manchen mag diese These offene Türen einrennen und viel zustimmendes Nicken ernten. Wer aber noch daran glauben will, dass Spiele nur ein triviales Luxushobby sind, auf das man jederzeit verzichten können sollte, wird sich mit dieser Essaysammlung schwer tun.

Verlag: Aconyte
Zusammengestellt von Donna Gregory
Sprache: Englisch
Seiten: 288
Erschienen: November 2023

Georgios Panagiotidis
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