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Der Fall des Hauses Asmodee?

Nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, dass ich einen etwas pessimistischen Blogeintrag verfasste: Embracer, die Firma, die einige Jahre zuvor Asmodee für viel zu viel Geld erwoben hatte, hatte damals etwa 1.400.000.000$ Schulden angehäuft und mussten Studios schließen und sich generell überlegen, wie sie auch nur hoffen könnten, diesen Schuldenberg jemals bewältigen zu können. Asmodee war (und ist) der Teil Embracers, der tatsächlich Gewinn abwirft. Dennoch war ich ob der Lage von Embracer pessimistisch, eine Haltung die nicht von allen geteilt wurde; Asmodee ist so erfolgreich – da macht es doch gar keinen sinn, dort herumzuschrauben!

Und tatsächlich: Während Embracer insgesamt etwa 1400 Mitarbeiter entließ, Studios schloß und IPs verkaufte, wurde an Asmodee nur wenig verändert. Branchenberichte sprechen von lediglich 82 Mitarbeiter*innen, die entlassen wurden, bei einer Gesamtzahl von (weltweit) etwa 2500 Personen. IPs und Markenspiele blieben im Portfolios, Studios oder Zusammenarbeiten wurden nicht gestrichen. Alles schien gut zu laufen für Asmodee.

In dem oben verlinkten Blogeintrag sprach ich von drei möglichen Szenarien: Verschlankung, Konzentration auf Marken oder Verkauf. Völlig überraschend hat Embracer eine vierte Option gezogen, die am Spieltisch vermutlich mit dem Umwerfen des Tisches geendet hätte: Asmodee kauft sich frei. So in etwa. Theoretisch.

Was tatsächlich passiert: Asmodee zahlt 900 Millionen Dollar an Embracer, die das Geld natürlich nutzen, um ihre Schulden zu tilgen. Im Gegenzug ist Asmodee dann (in etwa zwölf Monaten, wenn der Prozess abgeschlossen ist) wieder ein unabhängiger Verlag. Konstrukt. Konglumerat. Was auch immer. Obwohl: Ganz unabhängig auch nicht, denn wenn es zum Split kommt, bekommen Embracer-Aktionäre auch Anteile an Asmodee.  An den Besitzverhältnissen ändert sich so potentiell nur wenig; nur auf dem Papier sind die beiden unabhängig voneinander.

Das größte Problem sind natürlich die 900 Millionen Dollar, die Asmodee zahlt. Die hat Asmodee nämlich nicht, sondern werden geliehen. Embracer zahlt also die eigenen Schulden, in dem sie Asmodee Schulden machen lässt, weil Asmodee  eine höhere Kreditwürdigkeit bei den Banken hat, weil die Geschäfte eben so gut laufen. Die 900 Millionen dürften so das Maximum sein, was die Banken aufgrund der Gewinne zu beleihen bereit waren – Mehr und Asmodee könnte den Betrieb wegen der hohen Schuldenrückzahlungen nicht aufrecht erhalten. Laut eigener Auskunft entsprechen die Schulden das 3,9fache des erwarteten Gewinns in der Zeit, für die der Kredit genehmigt ist (Leider konnte ich den Zeitraum nicht Erfahrung bringen – nach Ablauf dieser Zeit wird dann umgeschuldet). Embracer selber muss dann nur noch das 0,6fache des eigenen erwarteten Gewinns aufbringen. Zahlen unter 3 gelten als solide. Die Banken haben Asmodee also mehr Geld geliehen, als üblich, als Grund wurden die vielen physischen Produkte (also die Spiele, Immobilien etc.) genannt.

Zusammengefasst: Asmodee läuft gut und darf zum Dank Embracers Schulden abbezahlen. Und das in einer Menge, die deutlich über dem liegt, was wirtschaftlich als verantwortungsvoll gilt. Schafft Asmodee es nicht, den Schuldenberg zu verkleinern – und Gewinn lässt sich eben nicht ins Unendliche steigern, gerade im Spielebereich – dann besteht die reelle Gefahr, dass Asmodee pleite geht. Embracer ist seine Schulden dann aber dennoch losgeworden, denn sie sind ja von Asmodee unabhängig (und die Kredite sind derart, dass Embracer keine Zahlungsverpflichtungen hat, sollte Asmodee pleite gehen). Lavabo inter innocentes manus meas. Schafft Asmodee aber das kleine Wunder und befreit sich aus den auferlegten Finanznöten, dann ist Embracer nicht nur die Schulden los, sondern hat auch noch Anteile an einer dann gesunden Firma – Win-Win. Für einen der beiden zumindest.

Man muss betonen: Asmodee macht das alles nicht freiwillig. Sie können das gar nicht freiwillig machen, weil sie Embracer gehören. Wie befürchtet ist Asmodee aus Embracersicht nichts anderes als eine Regelfeinheit, die es erlaubt, Schulden auf schmerzfreie Art zu tilgen. Der Hyperkapitalismus frisst seine Kinder. Was das für die die Szene bedeuten kann, habe ich im November  schon geschrieben:

(…) : aber es sind eine große Anzahl an Arbeitsplätze gefährdet. Für den Kunden werden viele Titel nicht mehr so ohne weiteres verfügbar sein und auch für die Spieleschaffenden wird es unangenehm, wenn ggf die Rechtelage unklarer wird oder Titel nicht produziert oder zumindest nicht weiter beworben sondern nur abverkauft werden. Das Beben wäre vergleichbar mit dem Verlagssterben Ende der 90er Jahre.

Das Szenario ist leider deutlich wahrscheinlicher geworden. 12 Monate sind es noch, bis dieser Schritt vollzogen sein wird. Dann ist die Schonfrist vorbei und man muss sehen, wohin die Reise geht.

Machts gut und danke für den Fisch.

Peer

P.S. Auch Lucky Duck Games wurde erworben – von Goliath Toys. Das sind die, die das Funko Toys Spieleteam gekauft haben, alle Angestellten entlassen und die Spiele-IPs weiterverkauft haben. Ich wünsche Lucky Duck alles Gute.

Peer Sylvester