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Hasta la Vista, Boardgame!

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Anfang der 90er war einer der größten Erfolge ein Film, der den Rekord aufgestellt hatte, der erste Film zu sein, der mehr als 100 Millionen Dollar gekostet hat. Die Rede ist von Terminator 2 – Judgement Day. Nach heutigen Schätzungen wären das über 180 Millionen Dollar. Ein solcher Preis würde aber den wenigsten heute mehr als ein Schulterzucken rauskitzeln. Was aber viel wichtiger ist, alle haben den Film damals gesehen, in meinem Umkreis. Und nicht nur da. Star Wars hatte auch jeder an der Schule gesehen damals in den 80ern. Und Dirty Dancing war nicht nur in Deutschland über 60 Wochen im Kino. Das waren Filme, die lange Füße hatten. Es gab viele, die sie gesehen haben, und es gab auch Leute, die dafür mehrmals ins Kino gegangen sind. Heute schaffen die Filme mehr Umsatz, sind aber gleichzeitig immer kürzer im Kino.

In meiner Schulzeit waren auch so manche Serien ein tolles Gesprächsthema. Jeder hatte die neue Folge von Knight Rider oder Ein Colt für alle Fälle oder MacGyver oder ähnliches gesehen. Später war auch Akte X ein großes Thema und was Twin Peaks anrichtete, lässt sich heute wohl nur noch schwer erklären. Es war die erste Serie, die tatsächlich eine große Geschichte erzählte, ohne den Case-of-the-Week dazwischenzuwerfen. Und keine 10 Jahre ist es her, wo alle auf Lost geschaut haben und die neusten Folgen besprochen hatten und dem Ende entgegenfieberten und einige waren entsprechend entäuscht.

Sowas erleben wir auch derzeit mit Game of Thrones. Als das vor 8 Jahren losging, schlug das ordentlich ein und nun, da es sich seinem Ende nähert, ist das für alle Feuilletonisten wichtig sich daran abzureiben und auf die Bedeutung dieses Epos hinzuweisen und es persönlich zu verarbeiten. Am spannendsten fand ich dazu diese Beiträge auf Vulture,
NY Times und DWDL

Es steht halt die Frage im Raum, ob jemals wieder eine Serie diesen Hype auslösen kann. Wenn ich bedenke, dass Twin Peaks und Lost und sogar 24 dies auch schon machten und für unwiederholbar galten, kann ich mir nicht vorstellen, dass dies nicht wieder passieren sollte, obwohl ich die Gründe in dem Artikel gut nachvollziehen kann. Ich würde dem eher widersprechen und sagen, es wird wieder was geben und es wird noch ein größerer Hype. Aber die Schlüsselaussage ist: Was große Serien ausgezeichnet hat, ist die Gemeinschaft, die sie gebildet haben. Und das schaffen nur noch sehr sehr wenige Serien.

Und das ist auch die Aussage mit den Brettspielen. Zum einen haben wir ein paar riesige Erfolge, die ihre eigene Community anziehen und alle müssen das mal gespielt haben. Dazu zählen für mich solche Erfolge wie Gloomhaven. Ein Spiel das wie ein Wunder eingeschlagen hat und seine Kreise zieht und schließlich auf Platz 1 bei BGG landet. Auch ein Pandemic Legacy ist ein Spiel, an welchem keiner vorbeikam, egal ob es einem gefällt. Auch Dominion hat einen Boom ausgelöst und Klone und Nachahmer gefunden.

Aber nicht nur solche Erfolge sind entscheidend. Sondern auch kurz aufflammende Spiele, welche für viele das Thema sind, und dann nach 2 Monaten keinen mehr interessieren. Als vor 30 Jahren die Zahl der Neuheiten noch überschaubar war, wurde einfach alles gespielt. Inzwischen muss darum gekämpft werden, gespielt zu werden. Denn was hier entscheidend ist, ist oft auch der vielgescholtene Cult of the New. Oder wie manche es nennen: FOMO – Fear of Missing Out. Die Spiele werden durchs Dorf getrieben, weil einer anfängt über ein Spiel zu reden und andere mitreden wollen. Auf einmal kommt etwas auf, was einige als Hype bezeichnen und was einen negativen Unterton enthält, ohne dass es das tun sollte. Es steht halt schon lange nicht mehr das Spiel selber im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft. Alle reden darüber, und ich möchte mitreden und wenn ich das Spiel habe und es spielen kann, kann ich mitreden. Wenn das Spiel dann der Riesenerfolg wird, welcher sich über Jahre zieht, kann ich sagen, ich war damals dabei.

Alle reden über Flügelschlag, alle reden über L.A.M.A. und alle reden über Tavernen. Sind das gute Spiele, weil über sie geredet wird, oder wird über sie geredet, weil sie so gut sind oder wird einfach nur über sie geredet, weil über sie geredet wird? Es gibt bestimmt viele Leute, die Teil sein wollen. Oder es genießen einfach auch mal mitreden zu können, wenn alle über die neusten Spiele reden. Und wenn ein Spiel einen dann verwundert zurücklässt, weil man den Erfolg oder den Hype oder das Gerede nicht nachvollziehen kann, dann wird dennoch über das Spiel geredet.

Brettspiele stellen sich auch immer weniger als die Beschäftigung der Familie unterm Weihnachtsbaum dar. Wollen sie auch gar nicht sein. Spiele wollen derzeit mit anderen Menschen erlebt werden. Es ist ein Happening, wie viele Spieletreffs es in Deutschland gibt und immer mehr kommen aus allen Ecken. Die Zahl der Veranstaltungen nimmt zu und das sind sowohl Messen wie die Spiel Doch in Duisburg oder die neue Spielemesse in Hamburg. Aber auch die Veranstaltungen wo einfach nur gespielt werden kann wie in Willingen oder Rotenburg oder Flensburg oder…. Es gibt immer mehr dieser Treffen und immer mehr Übersichten über diese Treffen, welche auch schon lange keine Möglichkeiten bieten können vollständig zu sein.

Spielen wird immer mehr als das Gemeinschaftliche empfunden. Die Zahl der Kommunikationsspiele nimmt in meiner Wahrnehmung auch immer mehr zu. Just One gilt als ein Highlight, das jedem gefällt und jeder bemängelt aber im selben Atemzug, dass es erst ab einer größeren Spielerzahl gut funktioniert, dabei ist das doch egal, wenn es dennoch jeder gepinselt hat. Im selben Maße kommen aber Solospiele immer mehr auf, was andere mit einem Kopfschütteln quittieren, denn da fehlt ja die Gemeinschaft, das Gesellige, welche sie in Spielen suchen. Dabei finden sich Freunde der Solospiele in ihrer eigenen Gemeinschaft.

Und wenn morgen der nächste Hype kommt und alle aufspringen, hat das keine Aussage über die Qualität des Spiels, weder im Positiven wie im Negativen, sondern nur nach unserem inneren Bedürfnis Teil der Gemeinschaft zu sein. Was Verlage aber suchen, ist der große Erfolg auch Außerhalb der Gemeinschaft. Sei es mit einem Spiel, welches auch Seltenspieler spielen, einem Spiel des Jahres oder auch einfach nur einem Bestseller, der das Arbeiten für alle vereinfacht. Denn es werden immer mehr Spiele, aber die Auflagen werden gleichzeitig immer kleiner. Aber echte Highlights können immer noch die großen Zahlen bewegen.

Für mich gibt es da nur eine Schlussfolgerung. Ich habe meine guten Erinnerungen an die Filme und Serien die ich in meiner Kindheit gesehen habe und habe auch Freude an Filmen und Serien die ich heute sehe. Und ich habe Spaß an einigen Spielen die ich in den letzten 30 Jahren gespielt habe und auch an Neuheiten. Ich muss nicht mit Absicht was anderes Spielen und mir nicht sagen lassen müssen warum Spiele gut oder nicht gut sind, und mag mich auch ungern dafür verteidigen müssen. Und Game of Thrones wird daher auch nicht der letzte Serien-Epos bleiben. Wir sollten aber auch nicht jedes Jahr so etwas erwarten.

Nachwort

Eine andere Gemeinschaft ist übrigens die Europäische Union. Eine Gemeinschaft für die demnächst Wahlen anstehen. Bitte geht wählen!

Und wählen könnt ihr derzeit auch beim Deutschen Spielepreis, einem Preis, der aus einer Gemeinschaft entstanden ist und der auch für eine Gemeinschaft steht. Wofür ihr stimmt ist mir egal, aber macht mit.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy