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Kickstarter hat vorletzte Woche offenbar angefangen Krallen zu zeigen und die eigenen Richtlinien konsequenter umzusetzen: Ein Projektgründer darf nämlich eigentlich keine neuen Projekte einstellen, bevor die alten nicht ausgeliefert wurden. Ich weiß von zwei betroffenen Projekten: Folding Space von Maple Game und Papillon von Kollosal Games wurden von Kickstarter “suspended” also abgebrochen, weil ältere Spiele noch nicht ausgeliefert wurden – im Falle von Kolossal Games auch kaum überraschend, hat man da doch gerade erst drei Projekte in diesem Jahr (!) erfolgreich abgeschlossen.

Man darf sich natürlich fragen, warum Kickstarter die Projekte stoppt, anstelle diese gar nicht erst zuzulassen. Wie gesagt hat gerade Kolossal Games einen enormen Kickstarter-Output und vermutlich ist das erst gerade aufgefallen. Für die Verlage ist es so ärgerlicher, denn eine Kampagne nicht starten zu können bedeutet wenigstens, dass man die PR-Maschine noch nicht anwerfen konnte.

Auch wenn ich eines der betroffenen Projekte durchaus interessant fand, ist dieses Vorgehen von Kickstarter richtig. Der Grund ist natürlich, dass ein Projektgründer, der zwischendurch pleite geht oder aus anderen Gründen ein Projekt nicht abschließen kann oder will (von kriminellen Machenschaften ganz zu schweigen), eben nur die Backer eines Projektes enttäuscht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Leute überschätzen und gleich drei Kampagnen auf einmal fahren wollen, nur um dann festzustellen, dass man keinem davon gerecht wird und das Geld schnell versiegt, insbesondere wenn Leute regelmäßig bezahlt werden wollen (so wie es schon so mancher Videospielkampagne ergangen ist). Die Regel sorgt damit erst einmal dafür, dass sich keiner übernimmt. Das Risiko für Backer wird minimiert. Das ist sinnvoll.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Kickstarter immer wieder betont, kein Laden zu sein, sondern tatsächlich eine Plattform für das Verwirklichen von Ideen. Wenn Verlage das nutzen um ihre Neuheiten abzuwickeln, wird diese Idee konterkariert. Auch das kommt letztlich den Usern zugute – wenn Kickstarter zu einer Art “Vorbestellungs-Amazon” verkommt, dann haben Liebhaber-Projekte von echten Anfängern endgültig keine Chance mehr. Auch heutzutage schon haben es Kampagnen ohne Blingbling von Neulingen schwer. Spielen die wirklich dicken Player mit, haben sie es unmöglich.

Drittens soll das Geschäftsmodell verhindert werden, dass die Einnahmen eines Projektes zur Finanzierung des nächsten genutzt werden. Auch das ist ein Schutz der Backer, denn so ein System ist natürlich extrem anfällig. Wirft eine Kampagne mal nicht so viel ab, wie erhofft oder scheitert sie gar, besteht die Gefahr, dass Backer beider Kampagnen am Ende mit leeren Händen dastehen, das dem Verlag das Kapital fehlt. Kickstarter will eine Vorschussfinanzierung erlauben, aber nicht einen Verlag finanziell stützen.

So viel Sympathie ich für die betroffenen Verlage habe, die jetzt betroffen sind und ihre Finanzpläne neu ordnen müssen: Der Schritt von Kickstarter ist richtig. Auch um die Verlage zu stärken, die nach den Regeln spielen und deshalb Gefahr geraten zwischen den Kampagnen unterzugehen oder die nicht so regelmäßig Spiele auf den Markt werfen wollen oder können – und die deshalb Ein-Mann-Unternehmen bleiben. Es wird interessant zu sehen sein, ob Kickstarter da in Zukunft weiterhin konsequent bleibt und was das ggf. für CMON oder Queen bedeutet, die Kickstarter auch regelmäßig und oft nutzen. Vor allem CMON ist von Kickstarter aufgrund der sehr hohen Anschaffungskosten für die Miniaturenformen abhänging. Insofern wird man dort ganz genau auf die Kampagnen geschaut haben.

Allerdings gibt es auch eine andere Lesart: Nach dieser geht es hier ausschließlich um Kolossal Games (die bei Maple Games als Kollaborateur gelistet sind) und deren Produkte. Kolossal soll unter verschiedenen Einträgen bei Kickstarter operieren und das wäre nicht nur ein Verstoß gegen die Kickstarter-Regeln (was das Neueinstellen von Projekten, wenn alte noch nicht ausgeliefert sind auch wäre, aber eine Regel, die bislang nur auf dem Papier existierte), sondern ein potentieller Betrugsversuch. Und Kickstarter schaltete sich bislang nur dann ein, wenn sie befürchten, dass es rechtliche Probleme gibt, für die sie potentiell mitverantwortlich wären (wie z.B. Copyright-Verstöße). In diesem Fall dürften die Probleme bald ausgeräumt werden und jeder darf weiterhin werkeln, wie es ihm gefällt. Das wäre nicht unbedingt ein Gewinn – siehe oben.

ciao

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Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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