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Wir stehen Ihrem Dilemma mitfühlend gegenüber

Nächste Woche wäre Nürnberg gewesen. Die Spielwarenmesse 2020 war die letzte große Veranstaltung, die ich besucht hatte. Cannes fand auch noch statt und danach die GAMA, aber dann war es durch. Präsenzveranstaltungen wurden Stück für Stück abgesagt und das Spielen war nur noch im heimischen Zimmer.

Nürnberg scheint nicht ein Jahr her zu sein, sondern gefühlt 5 Jahre. In diesem Jahr ist so viel passiert. Nicht nur Corona, sondern auch die Folgen dafür für unser Business. Ich werde dieses Jahr zum Beispiel nicht im Sommer in Nürnberg sein. Alle wichtigen Termine werden schon vorher über zoom durchgeführt. Letztes Jahr war noch ein Jahr, wo ich in Nürnberg Gespräche führen konnte.

Und diese Zeitliche Komponente spielt sich auch in den Aufträgen wieder. Wenn die Partner noch einsteigen wollten, hat man die Woche nach Nürnberg die Bestellung zB bei LudoFact oder Altenburger eingegeben und hatte dann zu Ostern die Ware. Wenn ich dieses Jahr heute, also noch vor der theoretischen Nürnberg-Woche, eine Bestellung bei Ludo eingebe, bekomme ich die Ware mit Glück noch zur Spiel in Essen. Die Vorlaufzeiten sind von 8 Wochen auf 35 Wochen angewachsen.

Der erste Reflex ist einen anderen Drucker zu finden. In Europa wird man zum Teil mit dem Auftrag abgelehnt, wenn es nicht mindestens 5000 oder mehr Spiele sind. Und schneller als man glaubt wandert der Blick rüber nach China. In China sind die Zeiten noch sehr flexibel. Die Auslastung ist dort nicht überall so am Limit. Natürlich kommen sofort die ersten die China gleich verdammen von dem CO2-Abdruck beim Transport reden. Und diese Leute haben natürlich zum Teil recht. Aber nicht so pauschal, wie sie es ausdrücken.

Zum einen kann man, wenn man bei einer Produktion miteinsteigt, leider die Druckerei nicht wählen, wie es man es manchmal selber gerne möchte. Zum anderen ist es sogar so, dass wenn man selber so eine Gemeinschaftsproduktion kontrolliert man mit Partnern in aller Welt zusammenarbeitet. Dazu gehört nicht nur der Partner in Polen und Frankreich, sondern auch der in China, Japan, Korea und Australien. Macht es so viel Unterschied im CO2-Abdruck, ob ein Container von China nach Spanien, oder von Polen nach Japan fährt? Die Situation ist halt etwas komplizierter und der CO2-Abdruck ist sicher kein gutes Argument.

Aber dieser Transport ist gerade ein noch viel größeres Problem. Denn bei den gestiegenen Preisen ist ein eventueller Preisvorteil in der Tonne und die Spiele werden deutlich teurer. Falls man überhaupt einen Platz in einem Container erwischt. Und wenn man bestimmtes Material in seinem Spiel einsetzen möchte, werde die Elemente dennoch in China gefertigt und beigestellt. Und wenn einzelne Komponenten wegen des Transports deutlich teurer werden, wird es am Ende auch das Spiel, und die Verzögerung kommt noch on top. Und ein kleines 20 Euro-Spiel bekommt man einfach nicht für 30 Euro verkauft. Nur weil der Transport alleine so viel gekostet hat wie ein Kleinwagen.

Aber das ist alles Jammern auf hohem Niveau. Man kann versuchen das meiste einzuplanen oder zu um-planen. Aber es gibt Planungsmomente, die liegen außerhalb des eigenen Einflusses. Und dazu zählt das Spiel des Jahres. Es wird im Juli gewählt. In dem Moment müssen die Druckereien anfangen auf Volldruck genug Exemplare zu produzieren, um es im Weihnachtsgeschäft verkaufen zu können. Der erste Anruf auf der Veranstaltung ist der bei der Druckerei bitte doch loszulegen.

Nun plant niemand sowas erst ab Juli, sondern ab Mai, wenn die Nominierungen raus sind. Ab dem Zeitpunkt kann man realistisch Kontingente einplanen. Ab dem Moment produziert man schon mal für den Zeitraum bis Juli und klärt mit den Druckereien die Mengen für die nächsten Monate mit den Optionen, für alle Ergebnisse im Juli. Allerdings wenn im Mai zu Ludo gehe und sage, ich brauche vielleicht fürs Weihnachtsgeschäft 2021 einfach mal 300.000 Spiele, so sagen sie vermutlich, dass sie das für das Fest 2022 locker schaffen. Das kann nicht die Lösung sein.

Was ist also die Lösung? Jetzt schon Kontingente buchen in der Hoffnung, dass man wenigstens nominiert wird? Sowas zu buchen, bevor es Mai ist, ist komplett unrealistisch und außerhalb dessen was Sinn macht. Außer man zählt sich jetzt schon zu den Favoriten. Aber zu erwähnen wie oft Favoriten am Ende von der Jury dann nur empfohlen oder gar überhaupt nicht beachtet wurden, würde alleine auch wieder einen Artikel füllen. Niemand kann sich wirklich sicher sein und realistisch planen.

Sollten also die Druckereien Luft freilassen für Aufträge die sie vielleicht gar nicht bekommen? Und selbst wenn sie die bekommen, es macht schon einen Unterschied, ob ein Spiel ein kleines Die Crew oder ein großes Colt Express oder ein Pictures ist. Sowohl von den Komponenten als auch den Beistellungen. Hier sauber zu planen ist einfach nicht sinnvoll.

Einer der Gründe warum das Spiel des Jahres nicht erst im Oktober vergeben wird, sondern im Sommer war die nötige Zeit fürs Weihnachtsgeschäft zu produzieren. Wenn diese Frist durch die aktuelle Situation in den Februar nach vorne geht, haben wir alle eine Herausforderung. Und die Lösung ist leider nicht so einfach zu klären. Entspannung könnte es nur durch mehr Maschinen bei den Druckereien geben. Eine Investition, die auch eine Auslastung benötigt, für die nicht garantiert werden kann. Denn was ist, wenn es in zwei Jahren wieder runter geht?

Die aktuellen Zeiten sind herausfordernd. Die Lösungen sind nicht so einfach zu finden. Aber ein Blick auf den Dezember ist schon im Januar nötig. Vor allem wenn man bedenkt, das so mancher Verlag am 1. Dezember gesagt hat, das sie erst wieder im Januar Bestellungen entgegennehmen, wie letztes Jahr.

Matthias Nagy

SPIEL.digital

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