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Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Die für mich interessanteste Meldung diese Woche war, das Asmodee Deutschland keine weiteren Lokalisierungen von Imperial Assault rausbringen wird. Es wird wohl noch was in der App übersetzt, aber das war es dann.

Die Meldung ist dabei schon sehr kurz und kann von vielen Kunden falsch verstanden werden. Sofort kommt die Hoffnung auf, das könnten dann ja die Heidelbärger wieder machen oder vielleicht ein anderer, oder FFG würde sich gar von Asmodee trennen. Lauter schöne Geschichten, wo für viele Kunden nicht deutlich ist, wie die Asmodee-Gruppe aufgebaut ist. Das jetzt im Detail zu erklären würde den Rahmen hier sprengen, aber ich hatte mit Carol Rapp letztes Jahr ein Interview geführt wo sie das im Detail erklärte.

Was mir bei der Meldung durch den Kopf gegangen ist, ist etwas schwerer zu verstehen und kann wieder nur erklärt werden, indem ich etwas aushole. Und dabei muss ich wieder einen Blick auf meine TCG-Vergangenheit werfen.

Ich hatte mit Magic 1994 angefangen. Zu dem Zeitpunkt gab es nur englische Karten. Es kam das Gerücht auf, das es auch auf Deutsch kommen sollte, aber die Idee einer Lokalisation erschien vielen abwegig. Wo sollten sie anfangen. Bei den ersten Karten die es nicht mehr gibt? Bei den neusten? Aber wenn ich die alten spielen will auf Turnieren, muss ich ja irgendwie rankommen. Formate wie Standard bzw. Type II gab es ja noch nicht. Aber Wizards of the Coast (WotC) hat es gemacht und einfach irgendwo angefangen.

Ich gehörte zu den Menschen, die die Übersetzung jedoch furchtbar fanden ich war jung und es war cool mit englischen Karten zu spielen und gemischte Sprachen in einem Deck fand ich eher abwegig und unschön. Nennen wir es ein leichten OCD oder auch den inneren Monk. Aber es gibt Menschen deren Englisch ist nicht so gut, oder sie haben kein Sprachengefühl. Die Lokalisierung hat den Markt vergrößert und war wichtig für den Wachstum des Spiels. Und den habe ich auch positiv gemerkt.

Deutsche Magic-Karten mussten unter so manchem Stigma leiden. Es gab gruselige Übersetzungsfehler, welche zum Teil am Übersetzer lagen, zum guten Teil aber auch an der Zeitspanne, die dafür zur Verfügung stand. Und schlimmer noch, die Karten waren teurer als die Englischen. Die Auflage war kleiner und die Übersetzung musste auch bezahlt werden. Alles einfache Punkte, die einem schnell einleuchten, aber am Ende entscheidet für manche Spieler doch oft der Geldbeutel. Andere Länder hatten auch so ihre Probleme aber bei weitem nicht in dem Maß. Die Menschen in Italien und Frankreich wollten lokalisierte Karten.

Als ich 2004 Jahre bei Upper Deck anfing zu arbeiten. Hatte ich das Problem der Lokalisierung mehrfach hautnah mitbekommen, egal ob es um Yu-Gi-Oh!, Vs.-System oder dem World of Warcraft TCG ging.

Bei Vs. System wurde das meiste, wenn nicht alles falsch gemacht. Die Deutschen Karten kamen später, wenn die Spieler meist schon die englischen Karten hatten. Es gab die Idee nur lokal verfügbare Karten zuzulassen und andere abstruse Ideen. Schon nach wenigen Sets wurden alle Lokalisierungen eingestellt. Es war ein Draufzahl-Geschäft. Das Ergebnis war, dass der Markt in Deutschland einbrach und noch weniger das Spiel spielten. Die Spirale ging noch weiter, denn mit der sinkenden Spielerzahl, gingen dann auch die Verkäufe für das englische Produkt runter. Das Spiel war gut, aber die Fehler die am Anfang gemacht wurden, konnten nicht mehr ausgeglichen werden.

Bei Yu-Gi-Oh! hatten wir den Vorteil, dass vor 15 Jahren die meisten Spieler jünger waren und ihr Englisch nicht das Beste. Aber dennoch mussten wir auch da mit diesem Problem kämpfen, vor allem auf Turnierebene. Aber da hatten wir einen Chef der die Problematik verstand und anfing für besseren Verkauf zu kämpfen. Und er stieß auf eine Gegenseite die es Verstand. Ob es an der Art lag wie mein Chef das vermittelt hatte oder ob da noch Zahlen nachkamen, kann ich nicht sagen. Aber wir führten einen 3-Step-Rollout ein. Montags kam das Produkt in Deutschland auf den Markt. Dienstag in andere Ländern Europas und erst Mittwoch in England und den USA. So ein Tag oder zwei mag jetzt nicht nach viel klingen, aber schon vor 15 Jahren war es so, dass die Leute vor allem das neuste schnell haben wollten. Englisches Produkt gab es auch in Deutschland, aber wenn ich montags den neusten Kram haben will und es gab nur Deutsch, dann kaufe ich halt Deutsch und warte nicht noch 2 Tage. Was ich jetzt habe kann ich nutzen spielen und damit der Coole sein. Das deutsche Produkt war angesehen bei den Spielern, weil es schnell und gut verfügbar war.

Beim World of Warcraft TCG hatten wir mit diesem Wissen auch versucht durchzusetzen, dass wir einen vergleichbaren Rollout bekommen. Leider hatte das nicht geklappt. Aber wir kamen ab Tag 1 zeitgleich raus. Dem Produkt hat es geholfen und es gab bis zum letzten Set alles auf Deutsch. Eine gute Übersetzung hat natürlich auch geholfen. Und das Produkt würde es immer noch geben, wenn Blizzard es nicht eingestellt hätte (durch beenden der Lizenz) für Hearthstone.

Magic erscheint inzwischen am selben Tag in 10 Sprachen und in guter Qualität. In der Distribution hat sich viel getan und tut sich immer noch, aber das Produkt ist gesetzt und läuft in jeder Sprache stabil. Einzig skurille Sonderprodukte für Sammler in sehr kleiner Auflage erschienen nur in Englisch. WotC versteht diesen Punkt der lokalen Märkte und sorgt dafür das die Übersetzungen rechtzeitig in Angriff genommen werden, und dass die Märkte außerhalb der USA auch wichtig sind.

Und nun sind wir wieder bei FFG und Asmodee.

Wenn ein Brettspiel mit Verspätung lokalisiert wird, kann man das verkraften. Spirit Island hat es nicht geschadet ein Jahr später erst auf Deutsch zu kommen. Oder das Harry Potter Deckbauspiel, das Kosmos später dieses Jahr rausbringt wird nicht schlechter, wenn es seine Fans später erreicht. Oder Hanabi, dass auch erst über ein Jahr nach der Veröffentlichung in Frankreich den Weg nach Deutschland fand und dann sehr erfolgreich wurde.

Aber wir reden bei Imperial Assault nicht von einem klassischen Brettspiel. Wir reden hier von einem Produkt, welches von Anfang an Erweiterungen eingeplant hat, ein Produkt, zu dem es Organized Play gibt und viele weitere Punkte. Man könnte es ein LCG nennen, wenn es nur Karten wären, Aber es sind halt auch noch Bretter und Minis mit dabei. Aber von seiner Art bleibt es dasselbe. Und nur weil man Netrunner auch mit dem Grundset alleine immer spielen kann, sind die Erweiterungen Teil des Produkts für die Meisten. Man kauft nicht nur das Grundspiel, außer man möchte es kennenlernen. Man kauft auch das Wissen, das da viel nachkommt. Sowie alle wissen das was nachkommt, wenn sie das neue Herr der Ringe Spiel von FFG sich ansehen. Oder Legions oder X-Wing.

Und das könnte das Problem bei Imperial Assault sein. Die Zielgruppe will das neuste Zeug, sie will es sofort und nicht 6 Monate warten. Und wenn es Deutsch nicht gibt, dann halt auf Englisch. Harald Bilz hatte LCGs kräftig subventioniert, weil er nicht immer zeitgleich da sein konnte, damit die Leute dann mit ihrem Geld entscheiden, aber Asmodee kann das aus rein wirtschaftlicher Sicht schon nicht machen.

Wir reden hier davon, dass es Leute gibt, die nun natürlich jammern und sagen sie kaufen nie wieder was auf Deutsch und nur noch auf Englisch, damit sie diese Probleme nicht haben, aber sie verkennen das Problem. Ich bin mir sicher das Asmodee Deutschland gerne genau das machen wollen würden, was die Kunden sich wünschen. Aber lässt FFG sie? Bekommen sie die Daten rechtzeitig? Ist FFG der deutsche Markt oder jeder Markt außerhalb der USA egal? Vielleicht kommt eh nichts mehr für Imperial Assault und das Ganze ist nur ein Aufbäumen um zu zeigen wie der Markt da draußen auf sowas reagiert. Eine Nachricht an den Partner auf der anderen Seite des Teiches. Oder das Produkt ist in unserem Markt gefloppt und bewegt sich eh nicht. Klar es gibt Produkte wo es klappt, wie Discover letztes Jahr, aber sind die dann nicht die Ausreden um zu sagen, wir arbeiten doch mit euch?

Ich kann, wie ihr merkt, auch nur raten. Eigentlich zu viel raten, was ich nicht tun sollte. Ich weiß, was ich für sinnvoll halte und wie es laufen sollte. Ich sehe das es so nicht läuft. Wer am Ende wirklich daran schuld ist, ist dem Kunden egal. Den Entscheidern sollte es nicht egal sein, weder wie es dazu gekommen ist, noch wie die Nachricht draußen angenommen wird.

Matthias Nagy
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