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Der Sirenengesang des puren Wettkampfs

Die Sirenen in der griechischen Mythologie führten Seefahrer mit ihren wundervollen Gesängen ins Verderben. Angelockt von ihren vielversprechenden Klängen eilten Seeleute ihnen entgegen und rissen sich und oft die ganze Mannschaft ins Unglück. Es geht natürlich nicht um antiken Seemansgarn, sondern um Spiele.

Der geneigte Leser, der die Grundlagen des Deutschunterrichts noch im Kopf hat, wird vermutlich feststellen, dass ich mich hier einer Allegorie bedient habe. Das Schiff ist unser Spiel. Die Mannschaft sind die Spieler und das Unglück ist die angespannte Stimmung bis hin zum eskalierten Streit, den einige Spiele nach sich ziehen

Wie der Titel schon andeutet, ist es die Aussicht und das Streben nach einem puren Wettbewerb, der uns verführt und mehr oder weniger hart auflaufen lässt. Unser Fehler besteht dabei nicht, dass wir den Wettbewerb schätzen und suchen; sondern wie weit wir gewillt sind zu gehen, um diesen zu erleben.

Oft ist es eine feine, kaum wahrzunehmende Entscheidung, welche den Erfolg einer positiven Spielerfahrung unnötig in Gefahr bringt. Oft merkt man gar nicht, dass man in eine Falle getappt ist, bis es zu spät ist und das Schiff vom schweren Seegang übel zugesetzt bekommt.

Die Selbstwahrnehmung des hoch-kompetitiven Spielers

Es ist der Moment, wenn wir unsere Rollen als Spieler für verbindlicher ansehen als unsere Rollen als Spielende. Wenn wir den Vorgaben des Regelwerks mehr Gewicht zusprechen als den Vorgaben das gemeinschaftlichen Beisammenseins. Wir sind nicht Freunde UND Gegner, sondern nehmen uns vor allem und auch ausschließlich als Widersacher wahr.

Wir nehmen die Gründe und Absichten des gemeinsamen Spielens und ersetzen sie durch die Ziele und Anreize des Spiels. Wenn man also im Laufe des Wettkampfs versucht die Anderen zu Verlierern zu machen, ist plötzlich viel mehr in Gefahr als nur der nächste Siegpunkt. Daher verwundert es wenig, wenn der eine oder andere unerwartet laut reagiert.

Dabei ist der Wettkampf an sich weder problematisch noch eine Gefahr. Stänkern und andere Spieler ärgern, muss nicht zwingend negative Folgen haben. In vielerlei Hinsicht sind es gerade diese Aspekte, welche im Wettstreit für Spannung und Aufregung sorgen können.

Es wird aber in dem Moment ein Problem, wenn „sehr kompetitives“ und „gemeines Spiel“ benutzt wird, um Leuten das Recht abzusprechen ihrem Unmut über eine Aktion Luft zu machen. Es ist ein Problem, wenn man sich nicht aufregen darf, weil man ja gewarnt wurde wie gemein und fies das Spiel sei. Wer sich heißen Kaffee über den Schoß schüttet, ist selbst Schuld, wenn er sich verbrennt. Kaffee ist nun mal heiß.

Diese Argumentation fußt jedoch auf einem grundlegenden Missverständnis was Regelwerke angeht. Ein Regelwerk umreißt unsere Rollen als Spieler nur grob. Es erfasst bestimmte Arten der Interaktion meist nur dann sehr genau, wenn es um Spielkomponenten geht. Aber es sagt nichts über den sozialen Rahmen aus, in dem wir diese Regeln anwenden sollen. Das ist etwas, was wir selbst erschaffen, entdecken und handhaben müssen.

Den meisten das auch zu einem gewissen Grad bewusst. Es ist der Grund, weshalb wir manche Spiele als „hundsgemein“ und „Freundschaften zerstörend“ umschreiben. Wir versuchen zu kommunizieren, welche Form von Wettbewerb dieses Spiel anstrebt. Wir tun das, um die richtigen Erwartungen zu wecken. Nur mit der richtigen Einstellung kann man das Beste aus einem Spiel herausholen.

Die Aussenwahrnehmung des hoch-kompetitiven Spielers

In der Theorie klingt das auch alles schlüssig und solide. Einfach einen Sicherheitshinweis vorher geben und alles ist gut. Wenn es ein Spiel um Lügen und Verrat ist, kann man sich nicht darüber aufregen, belogen und verraten worden zu sein. Ein Spiel in dem man Bündnisse bricht und anderen in den Rücken fällt, kann man nicht beanstanden, weil einem genau das widerfahren ist. Man wurde schließlich gewarnt! Hören Sie mal zu, junge Dame. Sie haben heißen Kaffee bestellt. Sie können nicht auf Schadensersatz klagen, nur weil sie sich daran verbrannt haben. Das ist doch lächerlich!

Es sei dann, natürlich, der Kaffee hat Verbrennungen dritten Grades ausgelöst. Dann hat man durchaus Recht zu klagen.

Selbst wenn ein Spiel mit einer Warnung daherkommt, dass es sich um einen hart umkämpften Wettstreit handeln wird, kann die tatsächliche Spielerfahrung weit über das hinausgehen was man erwartet hat, oder dem man zugestimmt hat. Erst im tatsächlichen Spielmoment, kann man erkennen, ob eine Aktion zu weit geht oder nicht.

Daraus folgt, dass die Grenzen des Wettbewerbs erst beim Spiel entdeckt und ausgelotet werden, nicht davor. Wenn unser Verhalten außerhalb des Spiels jemanden benachteiligt oder stört, entschuldigen wir uns und versuchen die negativen Folgen unseres Tuns irgendwie zu minimieren. Wenn mir mein Glas umkippt, versuche ich den Schlamassel zu beheben. Wenn ich mich verspäten werde, schreibe ich eine kurze Nachricht, um andere wissen zu lassen, dass sie auf mich warten müssen. Kurz gesagt, wenn ich weiß, dass ich anderen Probleme machen werde, versuche ich den Schaden zu begrenzen.

Aber wenn wir versuchen den puren Wettbewerb am Spieltisch aufleben zu lassen, tun wir dieses Verhalten als unnötig ab. Schließlich war jedem klar, dass man sich „auf ein hoch kompetitives Spiel einlässt.“ Mit diesem Argument sprechen wir in Wahrheit nur Spielern das Recht ab, negativ auf das Spielgeschehen zu reagieren. Anstatt die Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen, geben wir den Spielern die Schuld, die einen niederschmetternden Rückschlag nicht locker wegstecken können.

Um Spaß am Wettkampf zu haben, muss man auch etwas dafür tun. Es reicht nicht einfach nur hartnäckig auf Sieg zu spielen. Wir müssen uns auch darum kümmern, was außerhalb des Spiels passiert, und mit dem Frust und Ärger unserer Mitspieler so umgehen, wie wir es bei Freunden nun mal tun.

Dieses Hobby ist kein Null-Summen-Spiel. Unser Spaß hängt nicht davon ab, dass es anderen schlecht geht. Ganz im Gegenteil.

Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.
Georgios Panagiotidis