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Der Fels der Nostalgie

Nach meinem letzten Beitrag bekam ich einen Kommentar, das früher doch wirklich alles besser war, und das neue oft nur noch dasselbe mit Anstrich ist. Immer dem neuen Nachhetzen wäre doch zu viel und gerade in der Masse ist das nicht mehr vertretbar. In der Fairplay wurde erst neulich (im Editorial von Ausgabe 101) berichtet das es schon 1991 eine Neuheitenflut von (Achtung festhalten!): 40 (In Worten: V-i-e-r-z-i-g!) Spielen gab. Wer sollte die denn alle spielen?

Ja damals war alles cool und früher war alles besser. So einen Spruch kann man überall hören. Da die Leute das früher auch gesagt haben hängt damit zusammen, das der Mensch Veränderungen sucht aber auch scheut. Die Veränderung wirkt wie Unbehagen und macht Angst. Früher war alles so wie ich es gelernt habe. Ein Grund warum bestimmte Spieler auch lieber die x-te Variante eines Spiels kaufen, statt mal in eine andere Richtung zu gehen und andere Spieletypen ausprobieren. Wie dieses Gefühl aber schon damals war kann man an einem wunderbaren xkcd-Cartoon sehen.

Aber auch etwas anderes spielt mit rein: Nostalgie. Zur Nostalgie gehört aber auch ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl das durch geteilte Erinnerungen entsteht.

Gerade im Rollenspiel ist das überdeutlich. Fast jeder Amerikaner der schon in den 80ern Dungeons and Dragons gespielt hat, hat auch die großen bekannten Abenteuer gespielt: Temple of Elemental Evil, Tomb of Horror, Isle of Dread und Ravenloft um nur ein paar zu nennen. In Deutschland haben die meisten in Havena gesessen, dem damals vermutlich besten Kasten, für Das Schwarze Auge. Viele haben dieselben Erfahrungen gemacht und in der Vergangenheit waren diese Abenteuer eh alle besser. Dieses gemeinsame Erinnern an diese Abenteuer verbindet die Spieler und lässt sie eine gemeinsame Vergangenheit haben. Geteilte Erfahrungen sind ein starker Verbindungsmotor. Heutzutage spielt jeder ein anderes System und die Menge an Abenteuern, die einem heute zur Verfügung stehen, sind exorbitant groß. Die Chance das ein zufälliger anderer Rollenspieler den ich treffe dasselbe Abenteuer gespielt hat ist deutlich gesunken.

Für Brettspieler ist das nicht viel anders. In den 70ern spielten alle die coole 3M Reihe, selbst in den 80ern wurden alle Spiele auf dem Markt gespielt und zwar öfters, aber in den letzten 10 Jahren ist die Zahl der Spiele so stark gestiegen, dass niemand mehr alles gespielt haben kann. Dieser Umstand wird jedes Jahr im Vor- und Rückblick auf Essen unterstrichen. Auch wenn ein Guido sich schon outet muss, wenn er noch nie Elfenland gespielt hat, so hat in Wahrheit fast jeder die großen Spiele gespielt. Die gemeinsamen Erfahrungen mit Hase & Igel, Heimlich & Co, oder Siedler von Catan. Das sind die Felsen an denen die Brettspieler sich festhalten und die zur guten alten Zeit gehören.

Ich bin ein Verfechter der Masse. Ich finde es richtig, dass es mehr und mehr Spiele gibt. Dies gehrt zum Evolutionsprozess bessere Spiele zu entwickeln und vor allem gibt es für immer mehr Spielergruppen immer mehr Spiele. Zum Teil entstehen auch gerade dadurch neue Spielergruppen. Die Zersplitterung ist ein eigenes Problem für sich, aber auch wieder eins das nur unterstreicht, dass früher alles viel besser gewesen sein soll.

Gemeinsame Erinnerungen können aber auch heute noch entstehen. Spiele wie sie die Jury jedes Jahr auswählt sind nicht nur der Leuchtturm für Nichtspieler, die jemanden brauchen der sie führt, sondern vor allem auch der Fels, an welchem wir uns an die alten Jahrgänge erinnern. Sei es das tolle Torres 2000, das hervorragende Zug um Zug 2004, das wegweisende Dominion 2009 oder das dominierende 7 Wonders 2011. Eigentlich hat jeder diese Spiele gespielt und jeder wird in 15 Jahren von diesen Spielen noch sprechen und dabei von der guten alten Zeit reden. Die Nostalgie ist nämlich immer vorhanden und gibt uns selbst dann etwas zum festhalten, wenn die Millionengrenze in Essen geknackt wird. Ob an Neuheiten oder an Besuchern.

PS: Spielbar geht jetzt in die Sommerzeit. Peer und ich werden jetzt eher einen zweiwöchigen Rhythmus pflegen. Ab August geht es jedoch mit voller Fahrt weiter.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy

1 Kommentar

  • Folgende Ergänzung des Satzes finde ich am schönsten: Früher war alles besser, sogar die Zukunft.
    In diesem Sinne halte ich es auch mit den Spielen und ihrer Vielfalt. Die Komponenten werden immer besser, die schlechten Regeln oft noch vor der Veröffentlichung verissen (Danke Blog-Welt) … also ich freu mich über die damals bessere Zukunft – Aber Monument mal, das ist ja heute ;)
    Hauptsache Spiel.