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Here Comes the Turnsplainer

Turnsplaining ist ein Kunstbegriff, der von Tiffany Leigh ins Leben gerufen wurde. Der Begriff lehnt sich an „mansplaining“ an, aber überträgt das darin umschriebene Verhalten auf einen Brettspielkontext. Konkret geht es um einen Mitspieler (für gewöhnlich sind es immer Männer), der den aktuellen Spielzug bzw. die aktuelle Spielsituation bis ins letzte Detail erklärt. Das Besondere am turnsplaining ist, dass diese Erklärung nicht erbeten wird. Turnsplaining umschreibt nicht die Antwort auf die Frage „Welche Möglichkeiten gibt es in dieser Situation und wie schätzt du sie ein?“

Turnsplaining ist immer eine Erklärung aus Eigenmotivation. Vor allem ist es eine Erklärung, welche wie auch das „mansplaining“, neben der reinen Information noch einen anderen Zweck erfüllt. Beim turnsplaining geht es zum einen darum den eigenen Intellekt, das analytische Geschick, die große Spielerfahrung und generelle Überlegenheit zur Schau zu stellen. Gerade wenn man allein den eigenen Zug und die eigene Spielsituation „laut denkend“ den anderen vorträgt, ist es eine Performance, die eine konkrete Wirkung auf andere haben soll. Die Anwesenden sollen genau wissen, was man sich für Gedanken zum Spielgeschehen macht.

Mit diesem Verhalten kann man aber versuchen sich einen spieltechnischen Vorteil zu erhaschen. Denn ein Turnsplaining im Zuge anderer kann dazu dienen, die Entscheidungen der Mitspieler*innen zu beeinflussen. Konkret kann man durch eine sorgfältige und umfassende Erklärung der aktuellen Spielsituation schnell die „objektiv beste“ Aktion für die Person identifizieren, welche gerade am Zug ist. An Hand der Informationen, welche vermeintlich allen Anwesenden zur Verfügung stehen, wird eine „sachliche“ Analyse betrieben. Eine Analyse, die zur Folge hat, dass man genau benennen kann wie eine andere Person am Tisch daran gehindert werden kann das Spiel zu gewinnen. So kann man eine klare Handlungsanweisung äußern, aber diese als Empfehlung formulieren.

Spätestens jetzt mag man einwerfen, dass turnsplaining ja nur ein anderes Wort für „Alphaspieler“ oder „quarterbacking“ ist. Zugegeben, mit dieser Methode kann sich ein Spieler zum de facto Anführer die Spielrunde aufschwingen. Ist das jedoch geschehen, muss ein Alphaspieler nicht mehr jeden Zug im Detail erklären, um alleine zu entscheiden was die Gruppe tut.

Aber was ist mit Spielen, in denen dieses Vorgehen eine gängige, wenn nicht sogar notwendige Taktik ist? Wenn niemand am Tisch gewillt ist zu erklären wie man das Ende des Spiels verhindern kann, dann hat man doch verloren!

Gerade in semi-kooperativen Momenten in Spielen, wenn kurzfristige Bündnisse nötig sind, um die führende Person aufzuhalten, scheint turnsplaining naheliegend. Die Versuchung ist groß, allen die Situation genau zu erklären und sie so davon zu überzeugen, die „einzig richtige“ Option zu wählen. Wie sonst soll man die Niederlage verhindern? Wie sonst soll man das Ende des Spiels verzögern, um selbst den Sieg zu holen? Wenn so ein Verhalten nicht vom Design gewollt ist, warum gibt es solche Situationen dann überhaupt im Spiel?

Auf ähnliche Art wird auch oft „quarterbacking“ gerechtfertigt und als notwendiger Kompromiss im kooperativen Spiel erklärt. Es gilt als unvermeidliche Realität eines kooperativen Spielerlebnis. Wenn eine Person die Spielsituation genau analysieren kann, gibt es keinen Grund diese Analyse nicht allen Teilnehmer*innen mitzuteilen.

Dabei ist es ohne Bedeutung, ob andere am Tisch das gleiche Spielziel verfolgen oder nicht. Der Fehler im Verhalten des „Turnsplainers“ findet sich jenseits des Spiels. In diesen Fällen kommt turnsplaining einer Entmündigung der Spieler*innen gleich. Man beschränkt sie in ihrer Fähigkeit sich eigenständig mit dem Spiel auseinanderzusetzen, eigene Entscheidungen zu fällen und selbst auf das Spielgeschehen zu wirken. Mehr als das, Mitspieler*innen werden instrumentalisiert, um dem „Turnsplainer“ selbst mehr Einfluss auf das Spiel zu geben.

Die Beteuerung, dass man lediglich Möglichkeiten aufzeigt, aber die endgültige Entscheidung weiterhin anderen überlässt, hat hier kein Gewicht. Die unaufgeforderte Spielanalyse und Erklärung des „Turnsplainers“ ist immer ein Machtspiel. Es geht darum eine dominante Position innerhalb der Gruppe in Anspruch zu nehmen, in dem man das eigene spielerische Können verbal zur Schau stellt.

Es muss ein unumstößlicher Grundsatz des gemeinsamen Spiels sein, dass die Teilhabe der Mitspieler*innen nicht beeinträchtigt werden darf. Auch und gerade wenn sie den vorteilhaftesten Spielzug nicht von alleine erkennen, muss man ihnen diese Entscheidung unkommentiert überlassen. Alles andere ist unzulässig und respektlos. Turnsplaining anderer Mitspieler*innen ist Bevormundung. Damit ist es auch eine Herabsetzung der Menschen, denen wir am Tisch eigentlich auf Augenhöhe begegnen wollen.

Georgios Panagiotidis
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