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Aussimuliert

Peer Sturmkrähe bringt wieder unangenehme Kunde. Diesmal geht es um den Tabletop Simulator.

Tabletop Simulator (oder kurz „TTS“) ist eine App, die einen, nun ja, Spieltisch in 3D simuliert. Man merkt der App an, dass die Macher sich bemüht haben, TTS so universell wie möglich zu gestalten: Nicht nur kann man Karten mischen, geben oder ansehen, sondern auch Chips aus Beutel ziehen oder Gegenstände schnipsen. Das Ergebnis ist in der Benutzer nicht so komfortabel wie eine App, die speziell auf ein bestimmtes Spiel zugeschnitten ist, erlaubt es aber eben viele Dinge auszuprobieren. Ein  großer Erfolg, der allerdings schon immer mit einem Sternchen versehen werden musste, da ein nicht unerheblicher Teil der Verkäufe darauf basieren, dass das Urheberrecht unterlaufen wird. Viele Mods sind von (unbezahlten) Fans zusammengeschraubt und werden ohne Wissen der Autor:innen und Verlage betrieben. Das ist für eine kostenfreie App im privaten Rahmen OK, für eine App, die einige Euro kostet und eine internationale Gemeinschaft ist das zumindest diskussionswürdig. Berzerk (die Macher von TTS) gibt diese Verantwortung allerdings ab und agiert nur auf ausdrückliches Verlangen von Verlagen, wenn ein bestimmter User ein bestimmtes Mod nicht löschen möchte.

Ein ähnliches Verhalten legte Berzerk im eigene Chat und in den eigenen Foren zu Tage: Ist doch egal, was die Leute schreiben! Wir sind ja alles Freunde! Leider funktioniert die Welt so nicht. Wer nicht moderiert, stellt bald fest, dass sich die aggressiven Stimmen durchsetzen und die Minderheiten an den Rand gedrängt werden. So auch hier. Und doch auch wiederrum nicht, denn Berzerk agierte auf eine Art und Weise, auf die man auch erst einmal kommen muss: Wer sich im Chat als Mitglied oder Sympathisant der LBQT+-Bewegung zu erkennen gab (z.B. im Usernamen oder im Gespräch), wurde aus dem Chat geworfen. Begründugn: Das sei „politisch“ und TTS sollte ja unpolitisch sein! Der in dem Satz inhärente Wiederspruch scheint niemanden aufgefallen zu sein. Dass sie damit Minderheiten als unerwünscht deklarieren anscheinend auch nicht – oder doch? Jedenfalls war der Effekt sofort sichtbar: Rechtspopulisten fluteten die Foren und Discord-Kanäle und graturlierten Berzerk zu ihrem „mutigen“ Schritt, Gamergater sprangen sofort auf die Möglichkeit an von Video- auf Brettspiele überspringen zu können und verwiesen auf die ebenfalls auftauchenden schlechten Bewertungen von TTS durch die nun rausgeworfenen Minderheiten im Steam-Shop. Außerhalb der virtuellen Welt gaben viele „echte“ Verlage an, TTS-Mods ihrer Spiele nicht mehr zu tolerieren und forderten deren Löschung. Alternativen für Online-Spiele, aber auch zum virtuellen Playtesten wurden gesucht und Georg Engelstein überlegt eine Open-Source -Variante zu starten. Mit anderen Worten: Eine große Mehrheit der Spieleszene ist auf dem Weg TTS aus dem System zu entfernen. Berzerk hätte das vermeiden können.

Tatsächlich hätten die TTS-Macher an dieser Stelle das Steuer noch rumreißen können. Doch das hätte Arbeit bedeutet. Stattdessen: Eine knappe Entschuldigung, Geld dass der Transgender-Community gespendet wird und das Abschalten der Chatfunktion. Das ist insofern problamtsich, weil es das Problem nicht löst: Die Trolle sind ja noch da und sie werden auch Möglichkeiten finden, sich Gehör zu verschaffen. Und vor allem ist es jetzt ein leichtes der LBQT+-Community den schwarzen Peter zuzuschieben: „Nur, weil ihr so empfindlich seid, haben wir jetzt keine Chatfunktion mehr! Ihr macht uns das Spielen kaputt!“ An dieser Narrative wurde seitens der Verantwortlichen nichts verändert.

Es zeigt sich an dieser Stelle wieder, dass „unpolitisch“ eine sehr problematische Haltung ist, einfach weil die Existenz bestimmter Gruppen von einer lautstarken Minderheit als Politikum angesehen wird. Man entgeht dieser Problematik nicht, wenn man sie ignoriert, man befeuert sie nur. Wer eine Community aufbaut, muss sich von Anfang an im Klaren sein, wo man steht und welche Regeln man durchsetzen will. Ansonsten erreicht man das Gegenteil.

Ein kleiner Screenshot, der das verdeutlich zum Schluss: Die positiven Bewertungen sind vor allem „Ich bin Anti-Trans und TTS ist Anti-Trans deswegen mag ich TTS“ und die negativen sind „Ich bin als Mensch bei TTS offiziell nicht mehr willkommen“. Diese Aussage bleibt hängen.

 

Peer Sylvester
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