Tugendfurorfurie

Das Stefan Duksch in der aktuellen Spielbox von “Gutmenschen” redet, hat mich irritiert. Schließlich wird dieser Begriff mittlerweile vor allem von den Rechten verwendet, um alle, die denken, man sollte den Flüchtlingen helfen, als moralisch verblendet dazustellen. Er mag es nicht gewusst haben. Kann ja passieren. Vielleicht bin ich ja auch ein Gutmensch (ich hoffe das sogar, schließlich will ich ja kein Schlechtork sein, oder was immer man ist, wenn man kein Gutmensch ist).

Tatsächlich gibt es in der aktuellen Spielbox gleich mehrere Artikel, in denen sich die Autoren genötigt fühlen, klarzustellen, dass nur Moralapostel und übertriebend empfindliche Naturen sich an dem Spiel reiben könnten – so z.B. bei Die unüblichen Verdächtigen, dem Artikel zur Entstehung von Mombasa oder dem Spiel zur Serie Homeland. Ich will gar nicht auf die jeweiligen mehr oder minder gelungenen Formulierungen eingehen -sonst hätte ich einen Leserbrief geschrieben – sondern um das Phänomen an sich.

Richtig ist erst einmal, dass Brettspiele in der Regel nur bestimmte Aspekte abbilden. Spiele mit aufgesetztem Thema sowieso, aber auch das thematistischte Spiel kann sich nur mit einem Teilaspekt befassen. Bei Wir sind das Volk werden die Mauertoten nicht erwähnt. Mir ist kein 2-Weltkrieg-Cosim bekannt, dass KZs beinhaltet. Bei Archipelago werden Eingeborene auf dem Markt gekauft und sind traurig, wenn sie nicht zur Arbeit gezwungen werden. Das ist alles legitim. Aber: Es ist eben auch legitim das zu kritisieren. Wie jede Entscheidung ist auch die Eingrenzung des Themas Bestandteil des Spieldesigns und muss sich somit der Kritik stellen. Es ist ebenfalls Bestandteil des individuellen Geschmacks. Jemanden dafür zu kritisieren, dass er die immer vorhandenen Geschmacksgrenzen anders zieht, als man selbst, ist genauso intolerant, wie wenn man jemanden dafür kritisiert, dass dieser jemand das eigene Lieblingsspiel doof findet.

Es gibt immer wieder Diskussionen über grenzwertige Themen oder grenzwertige Umsetzungen oder fragwürdige Themenbezeichnungen; Man denke an die Sklaven/Fakire in Five Tribes oder das Spielziel in Vikings Warriors of the North. Auch Diskussionen waren dabei, wo ich persönlich kein Problem sehe, z.B. beim Thema Zoo von Zooloretto . Doch wenn ich eine Meinung nicht teile, kann ich sie doch zumindest akzeptieren – zumindest so lange sie angemessen kommuniziert wird und nicht nur trollisches Störfeuer ist. Ich wundere mich aber regelmäßig darüber, dass viele Spieler die Grenzen der anderen in diesem Bereichen nicht akzeptieren können und sich genötigt fühlen, ihr Empfinden zu rechtfertigen oder eben den anderen als spaßbremsende Mimose abzukanzeln. Anscheinend sind Menschen eben sehr empfindlich was die eigenen Moralvorstellungen betrifft. Nicht überraschend, definieren sich die meisten doch darüber. Das sieht man immer wieder, wenn es um Themen wie Integration, Feminismus etc. geht.

Nun ist die Akzeptanz anderer Meinungen ein sehr viel schwer wiegenderes Thema für die Verlage selbst, die sich bei problematischer Themenwahl oft heftigster Kritik ausgesetzt fühlen. Daher sind sie gut beraten, problematische Bezeichnungen oder Themen zu umgehen. Das mag man doof finden, aber letztlich ist es ein positives Zeichen unserer moderner, aufgeklärten Welt. Es ist keine Schande bezüglich anderen Kulturen, Vorstellungen und historisches Fehlverhalten  ein gewisses Feingefühl an den Tag zu legen. Themen gibt es genug.

Und noch eine abschließende Bemerkung: Schon vor mehr als zehn Jahren hat Reinhold Wittig kritisiert, dass sich Spiele mit Afrika-Thema fast immer um Ausbeutung drehen. Es ist ein bisschen schade, dass das immer noch gilt.

ciao

peer

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

7 Gedanken zu „Tugendfurorfurie“

  1. Moin, Peer,
    supertoll! Besser kan man es kaum ausdrücken. Die gleichen Gedanken kamen mir beim Durchlesen der Spielbox auch.
    Herzlichen Dank für deinen gelungenen Artikel.
    Diese Frage “Was darf/soll/kann in einem Spiel vermittelt werden, und was darf/soll/kann nicht?” liegt uns bei Spieltrieb natürlich immer sehr am Herzen – immerhin machen wir oft Spiele, bei denen es um Informationsvermitllung geht.
    Wir sind auch durchaus schon von Gruppenleitern beschuldigt worden, wir würden ihre Kids zu Rassisten erziehen (naja, in der Auswertung waren die dann eher kleinlaut…).
    Auch die Frage des persönlichen Spielbegriffs ist essentiell – aber dieser ist eben subjektiv wie Harro.
    Viele Grüße
    Till

  2. Hallo Peer,

    danke für die interessanten und tiefgängigen Artikel auf dieser Seite.

    Leider kann ich dir bei diesem Satz nicht zustimmen:

    „Daher sind sie gut beraten, problematische Bezeichnungen oder Themen zu umgehen. Das mag man doof finden, aber letztlich ist es ein positives Zeichen unserer moderner, aufgeklärten Welt.“

    Selbstzensur ist meiner Meinung nach etwas sehr gefährliches und nie ein Zeichen von einer modernen, freien und aufgeklärten Gesellschaft. Es ist eher ein Zeichen für Unfreiheit und Totalitarismus. Der Autor/Verlag fürchtet eine Art der Repression, wenn er den „Flaschen Leuten“ auf die Füße tritt.

    Dabei haben gerade die großen Werke der Literaturgeschichte vielen Leuten auf die Füße getreten und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Dies hat der westlichen Gesellschaft sicher nicht geschadet. Auch will ich als Autor doch nicht einfach nur „Contentartige“ Unterhaltungswerke schaffte, die keine Gedankenanstöße liefern oder kein Wissen/Geschichte vermitteln.

    Auch halte ich es theoretisch für unmöglich ein Werk/Spiel zu schaffen das nicht „irgendjemand offended“. Desweitern halte ich es für fraglich ob der Brettspielbranche mit nur „weichgespülten und unwichtigen Themen“ gegenüber anderen Unterhaltungsbranchen florieren kann.

    Kommt man als Autor seiner Verantwortung nach, wenn man alle schweren und wichtigen Themen immer nur ausweicht?

    Mit freundlichem Gruß
    Sebastian H. Schulz

  3. Hey, Sebastian,

    Prinzipiell würde ich dir zustimmen, doch doch. Die Sache ist aber die: wenn du wirklich Denkanstöße in einem Spiel vermitteln willst, kauft´s keiner.
    Es gibt eine subtile Grenze zwischen Realitätsbezug und Realitätsbezug, die ich selbst nicht so richtig nachvollziehen kann.
    Spiele zum Thema 2.WK gibt´s zuhauf, aber keins – wie Peer schon schrieb – das KZ´s einbezieht (Ich kenne auch keins).
    Spiele mit dem Thema Eisenbahnbau werden dir aus den Fingern gerissen, aber eins, bei dem Menschen nach Osteuropa transportiert werden, wäre verdammt grenzwertig (Sebastian Wenzel hat bei Zuspieler.de vor langer Zeit einen tollen Artikel über so ein Spiel geschrieben).
    Deine Verantwortung als Spieleautor….? Jaaaa, ich denke, du und ich denken da ganz ähnlich. Die grundsätzliche Frage ist: willst DU mit deinen Spielen Geld verdienen, oder Menschen zum Denken bringen?
    Beides zusammen ist, meiner Erfahrung nach…ääääh… schwierig.
    Die “Brettspielbranche” an sich wird nur mit weichgespülten Themen florieren.
    Liebe Grüße
    Till

  4. Pingback: Klischees töten

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