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Wahrheit qua Dokumentation

Es gibt Content-Creator*innen, die in ihren Spielbesprechungen gerne erwähnen wie oft sie das Spiel tatsächlich gespielt haben. Gerade wenn spielbegeisterte Menschen anfangen ihre Überlegungen, Meinungen und Überzeugungen zu Spielen zu veröffentlichen, ringen sie früher oder später mit der Frage: wie oft muss man ein Spiel gespielt haben, bevor man es besprechen kann? (Oder darf, je nach persönlichem Freiheitsverständnis.)

Man will sich dem im Vorfeld befürchteten Vorwurf verwehren, das Spiel wäre nur ein Mal gespielt worden, bevor man zu Kamera/Mikrophon/Morse-Station/etc. gehetzt ist, um umgehend „Content“ zu produzieren. Entsprechend gilt die erste Partie als nicht aussagekräftig, um allein darauf eine Kritik zu formulieren.

Das leuchtet ein, denn wer ein klein wenig über vergangene Spielrunden nachdenkt, entdeckt mit Sicherheit, dass es sehr viele Gründe geben kann, weshalb eine solche Partie besonders gut oder auch besonders schlecht ausfallen kann. Ganz unabhängig davon was das Spiel tatsächlich bietet oder nicht. Einzelne oder auch mehrere Spielende sind in der falschen Stimmung, um eine bestimmte Art von Spiel zu spielen. Vielleicht ist man nach einem aufreibenden Arbeitstag nicht in der Stimmung, sich bei Root ständig in Schach zu halten und anzugreifen. Oder man wünscht sich etwas rauflustige Interaktion, und kein stilles Legen von Polyominos auf das eigene Tableau. Oder die Regelerklärung ist derart konfus oder verklausuliert, dass die Partie vor allem von Verwirrung und Orientierungslosigkeit gezeichnet ist. Oder, oder, oder… Wie gesagt, es gibt eine unüberschaubare Zahl an Gründen, weshalb die erste Partie eines Spiels eigentlich ignoriert werden sollte.

Unter Vielspielenden ist diese Erkenntnis sogar so weit gereift, dass es unter manchen Gruppen gängig ist, den ersten Eindruck eines Spiels nicht als endgültiges Urteil zu einem Spiel zu behandeln. Zumindest in der Theorie. Bekanntermaßen ist ja die Theorie mit der Praxis identisch, nur in der Praxis ist sie das nicht. Das bedeutet, dass der Eindruck den die erste Partie eines Spiels hinterlässt, unweigerlich prägend ist. Man kann natürlich versuchen unvoreingenommen an Folgepartien zu treten. Man kann versuchen die eigene Erinnerung an das Spiel (oder auch vergleichbare Spiele) zu verdrängen, um „objektiv“ zu bleiben. Aber auch das bringt eine Form der Urteilsverzerrung mit sich.

Es ist auch gar nicht schwer nachzuvollziehen, warum das so ist. Eine Spielerfahrung, ob negativ oder positiv, bleibt vor allem deshalb in Erinnerung, weil sie mit Emotionen verbunden ist. Es ist das gute Gefühl der Bestätigung, wenn man während des Spiels handeln und Dinge sinnvoll verändern konnte. Wenn die eigenen Entscheidungen zielführend waren und den Spielverlauf genau so beeinflussen konnten, wie man es beabsichtigt hatte. Kurz: ein Spiel in dem man Eigenwirksamkeit erlebt ist eine positive Erfahrung, die die eigene Erwartung an die nächste Partie setzt. Allein zu wissen, dass diese Form der Selbstwirksamkeits-Erfahrung möglich ist, setzt den Rahmen wie und woran man das Spiel beurteilen wird. Das gilt für einzelne Spiele als auch für ganze Genres. Man „mag“ jene Mechanismen und Spielgenres, bei denen man das Gefühl hat sinnvoll am Spielgeschehen teilzunehmen. Umgekehrt hat man eine Abneigung gegenüber Spielen und Mechanismen in denen man Sorge hat, sich durch das eigene Unvermögen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Man kann sich noch so sehr verstellen: die derart gesetzten Vorlieben und Abneigungen formen für viele Content-Creator*innen das was sie unter Spielgeschmack verstehen. Damit muss sich jedes neue Spiel an diesen Vorannahmen messen lassen, bevor eine nähere Betrachtung möglich ist. Der gleiche Gedanke trifft aber auch auf Spielende zu, die keinen Brettspiel-Content produzieren. Wer bei Social-Deduction-Spielen vor allem feststellt, wie hilflos man nach Mitteln sucht um die Motive der Mitspielenden zu entschlüsseln, wird kaum in der Lage sein das nächste Spiel dieser Art ohne Vorbehalte zu spielen.

Kurz gesagt: es ist ein Ding der Unmöglichkeit eine erste Partie ohne Vorurteile zu spielen. Man würde vermuten, dass damit unwiderruflich belegt ist, dass die erste Partie keine Aussagekraft für eine Spielbesprechung haben sollte. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Die erste Partie wird mit Voreingenommenheit gespielt und ob es überhaupt zu einer Folgepartie kommen wird, hängt davon ab, wie gut diese Erwartungen erfüllt wurden. Diese Erwartungen richtig zu setzen, liegt in erster Linie an den Verlagen selbst. Diese müssen die Inszenierung des Spiels verantworten. Daher sollten sie auch ein Interesse daran haben, dass die formgebenden Elemente des Spiels auch in der Präsentation im Mittelpunkt stehen. Die Brettspielkritik leistet hier im Vorbeigehen Hilfestellung, wenn sie den Kern des Spielerlebnis und damit auch die wichtigsten Merkmale des Spiels benennt. Wie oft das Spiel dafür gespielt wurde, ist hier jedoch nicht von oberster Bedeutung.

Diese Zahl ist für Content-Creator*innen jedoch umso wichtiger. Ihre Erfahrung an Hand wiederholter Partien mit einem Spiel, dient Spielenden als Datenpunkt. Sie sind meistens gewillt einem Spiel eine zweite, dritte oder auch fünfte Chance zu geben, wenn der/die Content-Creator*in des Vertrauens versichern kann, dass nach „der steilen Lernkurve“ ein tolles Spielerlebnis wartet. Dieses Urteil wird mit jeder weiteren Partie, in der das Spiel getestet wurde, noch belastbarer. Es gilt als gesetzt, dass die Gültigkeit einer Meinung an der Anzahl der gespielten Partien abgelesen werden kann. Was zumindest für Spiele, die nur ein Mal gespielt werden können, zutrifft.

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Georgios Panagiotidis
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