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Meine Neuheitenshow II: Upland & Prairie

Wer genau hingesehen hat, hat vielleicht festgestellt, dass oben auf unserer  Leiste neben Interviews und Rezensionen ein neuer Reiter aufgetaucht ist: Spiel 2026. Erstmals seit 2020, machen wir hier eine irgendwie sortierte Messeschau. Unter dem Reiter werden wir bis ca. Ende Dezember jegliche Vor- und Nachberichterstattung bündeln. Ob das hilft – keine Ahnung. Es ist ein Experiment. Schaut ruhig ab und an mal rein, hier werden wir relevante Rezensionen, aber auch Blog- und Sprechbeiträge verlinken. Auch diesen hier, denn hier darf ich Eigenwerbung betreiben und über eine meiner beiden Essen-Neuheiten sprechen. Nur über eine, denn über die andere habe ich bereits gesprochen: Infiltradores ist der Name des Social-Deduktion-Spieles mit echter Deduktion, über das ich bereits hier sprach. Und eine weitere Neuheit, North American Railways, ist eine Neuauflage von Playte, hier der Artikel über das ursprüngliche Spiel.

Hier schreibe ich jetzt dann über Upland&Praire, mein neues Spiel bei Osprey Games, das ab Ende September erscheinen soll. Kurz beschrieben ist ein ein schnelles (15-25 Minuten) Spiel für 2-4 Personen, bei dem es drei Farben gibt, die aber niemandem direkt zugeordnet sind. Vielmehr versucht man genügend Würfel der Farbe zu sammeln, die am Ende auf dem Brett gewinnt. Oh, und zu viert spielt man in Teams, wobei die gewinnende Einzelperson entscheidet welche Team gewinnt.

Die offensichtliche Frage ist: Habe ich einfach noch einmal König von Siam erfunden? Ist Upland&Prairie eine Kinderversion oder abgespeckte Variante von The king is dead? Nein. Ich will nicht sagen, dass die sehr oberflächlichen Parallelen kompletter Zufall wären (Ich spiele nun einmal unheimlich gerne Teamspiele und so mache ich auch eine Teamversion, wenn es sich anbietet), aber vom Spielgefühl liegen TKID und Upland&Praire weit auseinander.

Alles begann mit einer Partie Turncoats (einem Spiel von Matilda Simonsson), das mir zum einen sehr gefällt und das zum anderen im Aspekt des “Unterstütze die Gewinnerfarbe”  sicherlich von The king is dead inspiriert wurde (und wenn auch nur indirekt via Pax Pamir). Ich ließ mich nun meinerseitig von Turncoats inspirieren – aber natürlich in einem anderen Aspekt, denn sonst wäre ja wieder The king is dead herausgekommen. Nein, was ich mochte, war das risikoreiche Ziehen von Steinen mit dem Beutel und zugegeben auch der minimalistischen Spielplan.

Meine Idee war im Prinzip, dass man Steine aus dem Beutel zog und überlegen musste, ob man die behält (und so auf das Gewinnen der entsprechenden Farbe setzt) oder diese auf das Brett bringt und so der Farbe hilft zu gewinnen. Dabei sollten Wahrscheinlichkeiten eine Rolle spielen – ich hatte so vage Erinnerungen an Showbiz von Derek Carver, bei der man Bands unterstützen sollte, die möglichst noch Kugeln im Beutel haben, da sie nur durch Ziehen Erfolg haben konnten (Ich weiß die Details nicht mehr, nur dass das Einschätzen der Wahrscheinlichkeiten hier IIRC sehr gut gelang).

Der Vorteil einer solch “kleinen” Idee ist, dass man praktisch keine Zeit braucht, einen Prototypen zu basteln, sondern gleich mit dem ausprobieren loslegen kann. Und so experimentierte ich ein bisschen mit Karten und dann mit Hexfeldern herum und es entstand ein Verbindungsspiel, bei dem entweder zwei bestimmte Ziele oder drei der allgemeinen Ziele mit einer durchgehenden Linie verbunden werden musste. Auf diese Weise gibt es eine eindeutige Gewinnerfarbe und keine Tiebreaker (Georgios Einfluß färbt langsam ab…). In seinem Zug zog man zwei Würfel, von denen einer auf das Brett und einer hinter den Sichtschirm kam: Der Stein auf dem Brett kann entweder dazu dienen, die unterstützte Farbe zu puschen oder wird irgendwo abgelegt, wo sie nicht stört. Das entscheidende Element zum Ausbalanzieren war es hier genügend taktische Spielräume zu lassen und dafür zu sorgen, dass auch eigentlich unbedarft abgesetzte Steine wieder entscheident sein können (daher die verschiedenen Ziele). So bastelte ich ein bisschen an der Topologie herum, auch damit die Landschaft nicht immer gleich wäre. Ein Problem: Wie viele Steine sollen in ein Gebiet gesetzt werden können? Nur ein Stein war der ursprüngliche Plan, aber dann endet es schnell in einer Totalblockade. Zu viele Steine und man hat wenig Kontrolle auf dem Brett. Also führte ich einen neutralen Stein ein: Erst wenn der gezogen wird, dürfen zwei Steine auf einem Feld stehen. Der Stein wird wieder eingeworfen und erlaubt, wenn erneut gezogen (und dann kommt er raus) einen dritten Stein auf jedem Feld. Dadurch entsteht auch eine gewisse Dramaturgie, denn Engpässe werden plötzlich frei oder -wenn der Stein nicht gezogen wird – müssen umspielt werden. Soweit war das Spiel schon recht rund und ich machte mich in erster Linie daran, die Wahrscheinlichkeiten auszutarieren: Wie viele Steine jeder Farbe, wie viele neutrale Steine?

Erste Steine sind auf dem Brett

Doch bis zum Schluss war mir zu viel Zufall im Spiel. Eine kleine Änderung schaffte Abhilfe: Jetzt zieht man drei Steine aus dem Beutel: Einen fürs Brett, einer geht hinter den Sichtschirm und einer geht zurück in den Beutel. Drei Steine hat sich als Optimum herausgestellt: Taktisch genügend flexibel, Züge wo man ausschließlich eine Farbe zieht sind sehr viel seltener (und eher am Ende, wenn andere Farben ausgedünnt wurden), aber nicht so viele Steine, dass man keine Kompromisse und gelegentliche Kurswechsel verziehen müsste/könnte. Und man kann jetzt herrlich bluffen – eine Partie gewann ich, ohne einen eigenen Steiner “meiner” Farbe aufs Brett gesetzt zu haben – die Arbeit überließ ich den anderen und sammelte fleißig Steine (wobei man abschätzen muss, wie viel Steine zum Sieg reichen – auch ein schönes Dilemma!)

Zu viert sollte Upland&Praire eine Teamvariante werden, weil ich zwei Parteien auf drei Farben eine bessere Verteilung finde. Damit es nicht nur ein Nebenherspiel wird, kann man einen Stein statt hinter den eigenen auch hinter den gegnerischen Stein stellen – wohlgemerkt ohne diesen einsehen zu können. Auf Vorschlag von Georgios hin kam noch eine kleine Möglichkeit hinzu, dem anderen Informationen zuspielen zu können: Wenn der oben erwähnte neutrale Stein gezogen wird, dann geben alle gleichzeitig einen Stein an ihre/n Partner:in.

Die sind schon schick. Und deutlich mehr als man braucht.

Spielgeschichte hin oder her, eines ist vermutlich deutlich geworden: Wo The king is dead grüblerisch ist, ist Upland&Prairie locker-leicht, mit Bluff und Zock und Hoffen und Bangen und dem ständigen Drahtseilakt nicht zu viel zu früh zu tun und das sollte so. Ich versuche immer Spiele zu machen, die es so noch nicht gibt, und ich glaube mir ist das gelungen. Ein solches Absackerzockspiel kenne ich in der Art nicht. Tatsächlich war es in dem Jahr, als ich es gemacht habe, mein meistgespielter Proto, zum einen, weil es schnell geht, zum anderen aber auch weil ich es tatsächlich auch sehr mag – und meine Kinder auch. Durch das Zockelement spielt man auch gerne eine Revanche, sag ich als Autor mal so.

Osprey hat auch zu meiner Freude recht schnell zugegriffen und dass es ein paar Jahre dauerte lag am vollen Veröffentlichungskalender. Es ging aber recht schnell durch die einzelnen Phasen durch. Das Naturthema stammt von Osprey, auch weil es die Chance auf tolle Bilder von Hannah Cohen eröffnete. Tatsächlich sollte es ursprünglich erst im Januar erscheinen, aber es erscheint nun doch in Essen. Das ist nicht unwichtig: Wie vielleicht mitbekommen: Bloomsbury möchte, dass Osprey Publishing die Brettspielsparte verkauft und nur noch Bücher produziert (Bloomsbury ist ein Buchverlag und will sich aufs Kerngeschäft konzentrieren). Ob das klappt ist m.W. nach wie vor offen, ich hoffe es für das Team, dass sonst sehr unsicheren Zeiten entgegen geht. Sollte es nichts mit dem Verkauf werden, wird Osprey keine neuen Spiele mehr produzieren, aber die alten -sofern sie laufen – im Druck lassen, so dass sich für mich nicht viel ändern dürfte. Durch das Vorziehen des Veröffentlichungstermines, gehört Upland&Prairie jetzt zum Portfolio und wird ggf nicht nur mitgekauft, sondern eben auch weiter mit produziert. Damit wurde das Erscheinen gesichert, wofür ich sehr dankbar bin. Dennoch hoffe ich natürlich auf eine Zukunft des Teams, wie und wo sie auch immer aussehen möchte, denn ganz ehrlich: Die haben schon ein sehr gutes Händchen für Redaktionsarbeit bewiesen. Und es sind sehr nette Leute. Wer möchte einen Verlag in England kaufen?

ciao

peer

 

 

 

Peer Sylvester
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