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Leviathan Wilds

Autor:  Justin Kemppainen

Verlag: Frosted Games

Für 1-4 Spielende ab 10 Jahren

Spieldauer: 45-90 Minuten (je nach Monster Anzahl der Spielenden)

Kooperativ und Kartenbasiert gegen große Monster mit unterschiedlichen Fähigkeiten? Ja, das sind sie ri…was? Ach so, nein, zu Boss Fighter QR geht es dort entlang. Das fehlende Verb im ersten Satz hätte das aber gleich klarstellen kann, denn, hier wird nicht gekämpft, die Avatare der Spielende hängen dafür zu sehr an den großen Monstern.

Das hat einen einfachen Grund: Diese großen Monster, sind groß. Wirklich groß. Leviathane quasi. So groß, dass wir auf denen herumklettern. Das machen wir nicht aus Spaß an der Freud, sondern aus veterinärmedizinischen Gründen: Auf den Wesen wachsen Kristalle, die sind böse, die müssen weg. Und wer macht sie weg? Richtig! Wir! Die Leviathane sind nun aber nicht kooperativ, und rütteln  sich und schütteln sich und werfen ihre Bäckchen hinter sich und wir müssen wie Rodeoreiter diese Ausbrüche abwettern. Nur dass die Rodeoreiter in diesem Fall an der Eiger Nordwand hängen, einer Eiger Nordwand allerdings, die wütend ist und sich auch noch bewegt.

Die Gegner sehen zumindest origineller aus, als die von Bossfighter QR

Mechanisch wird die Klettertour, wie so vieles im Leben, von Karten gesteuert. Dabei gibt eine Karte vor, wie viel in der Runde getan werden kann und mit den anderen Karten kann man dann Sonderaktionen durchführen. Das ist nicht gänzlich neu, aber ein großer Fokus ist hier, dass alle Spielenden jederzeit Karten mit Sonderaktionen spielen können. Durch geschicktes Kombinieren diverser Standard- und Sonderzüge sind tolle Kombos möglich. Wenn man sie denn findet.

Leviathan Wilds ist ein knobliges Spiel, dass eben für solche komboinduzierten Züge lebt, bei der mehr erreicht wird, als auf den ersten Blick für möglich gehalten wurde. Kartenhände sind seit Pandemie als Mittel, die Aktionen in kooperativen Spielen nicht von Beginn an, komplett durchplanbar zu machen (insbesondere nicht von einer einzelnen Person), legitimisiert. Allerdings sind kooperative Spiele mittlerweile auch schon etwas weiter, als Pandemie – Spiele wie Spirit Island lassen alle am Tisch simultan puzzeln und gelegentlich wird halt eine bestimmte Ausgangslage bestellt – „Hey ich könnte an dieser Stelle ein Haus gebrauchen!“ (Zugegebenermaßen kein Zitat aus Spirit Island, sondern eines aus dem Bauzuschusses des Berliner Senats, aber ist ja auch egal). Leviathan Wilds geht da etwas konservativer vor, mit einer festen Zugabfolge und einer Person, die jeweils im Mittelpunkt einen optimalen Zug sucht, dabei unterstützt durch freundliche Angebote der anderen am Tisch, die mit ihren Karten beim Kristalle kloppen behilflich sein wollen. Zwar ist die Anzahl der Aktionen begrenzt, aber mit Kombis kann eine Zugoptimierung auch schon fleißiges Abzählen und ausprobieren beinhalten. Immerhin sind alle am Tisch am Ergebnis interessiert. Dass dies u.U. auch mal etwas länger dauern und/oder einzelne überfordern kann ist bei knobligen Koops nun kein Alleinerstellungsmerkmal.

Was neu ist an den Leviathanen ist damit nicht das Spielgefühl, auch nicht unbedingt die Hintergrundstory (nicht dass die unwichtig wäre, aber halt auch nicht wichtig), schon gar nicht die Graphik, sondern dass sich hier eine überraschend gelungene Klettersimulation versteckt. Die Mechanismen sind abstrakt (auch wenn es sehr elegant gelöst ist, dass der Nachziehstapel den „Halt“ darstellt – wer nicht mehr nachziehen kann, fällt runter. Das tut zwar etwas weh, ist aber ganz OK), aber die Bewegungsmöglichkeiten lassen sich gut mit möglichen Bewegungen möglicher -wenn auch extrem kompetenter-  Personen auf möglichen lebenden Eiger Nordwänden in Einklang bringen. Und wer will das nicht?

Anders als der Eindruck, der von dem Spiel erweckt wird, ist Leviathan Wilds kein narrativ angelegtes Spiel. Man versinkt nicht im Thema, man immersioniert nicht in seinen Handlungen: Stattdessen knobelt man sich kooperativ über einen interessant gestalteten Kletterkurs, der hin und wieder zurückschlägt.

Peer Sylvester