spielbar.com

The Lie

Autoren: Eugeni Castaño, Eloi Pujadas

Verlag: Kosmos

Für 2-6 Personen ab 8 Jahren (eher 4-6 Personen)

Spieldauer 15-25 Minuten

Es hätte vielleicht nicht überraschen sollen, dass ein Spiel mit diesem Titel nicht hält, was es verspricht.

Nominell ist die Lüge im Titel, die Information auf den Kartenrückseiten: Dort steht nämlich was auf der Vorderseite zu finden ist, jedenfalls so halb: Die Karten zeigen Zahl und Farbe und die Rückseite ebenfalls, nur ist eines davon falsch: Eine Rote 1 auf der Rückseite deutet auf eine Nicht-Rote 1 oder eine Rote -Nicht-1 auf der Vorderseite hin. Es ist also nicht „ichts wie es scheint“, sondern nur „eine Sache ist nicht wie es scheint“. Das ist weniger eine Lüge, denn eine unvollständige Information oder ein Code, aber es ist auch eine interessante Idee mit potentiellem Potential oder so. Schließlich ließe sich diese Info zur Deduktion oder zum Bluffen oder zum Zocken nutzen.

The Lie nutzt diese Information nicht zur Deduktion oder zum Bluffen oder zum Zocken.

Die Vorderseiten…

Stattdessen nutzt man sie, um sich vor dem eigentlichen Spiel eine Kartenhand zusammenzustellen: Aus dem Kartenhaufen suchen alle anhand der Rückseiten die Karten, die sie gebrauchen könnten. Dabei hilft die Rückseite zu 50% eine passende Vorderseite zu finden. Besser wird’s nicht.

Erst einmal zusammengestellt spielt man dann mit der Hand ein Shedding-Spiel in der Tradition von Scout. Shedding-Spiele gibt es zur Zeit viele. Zum Beispiel Scout. Dieses auch. Eigentlich könnte ich jetzt hier auf die feinen Unterschiede

... und die Rückseiten derselben Karten. Leider Pech gehabt!

eingehen, aber ganz ehrlich: Das ist ein bisschen Zeitverschwendung. The Lie spielt sich nicht groß anders als die anderen – Anscheinend sollten möglichst wenig Regeln, für diesen Nicht-Lie-Teil draufgehen (die Rückseiten der anderen sieht man nicht), daher gibt es auch nicht viele Kniffe oder Feinheiten. Eher im Gegenteil: Dass man nicht nur eine bessere Kombi spielen muss, sondern dabei auch noch Farbe bedienen soll, ist eher ein Anti-Kniff, der dafür sorgt, dass Auspieler:in einen noch größeren Vorteil hat, als bei vergleichbaren Spielen. Dies gilt insbesondere zu dritt (und natürlich zu zweit), wo ein Durchgang bereits endet, wenn eine Person fertig ist – sind doch die anderen schuld, dass sie die falsche Farbe gesammelt haben und nicht bedienen können! Das wird noch dadurch verstärkt, dass Flushes die einzige mögliche „Kombi“ darstellen, so dass wenig Entscheidungsmöglichkeiten bestehen: Entweder ich kann oder ich kann nicht. Dadurch werden die Blätter eher abgewickelt, denn ausgespielt. Doch das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Kartenrückseitenmechanismus im eigentlichen Spiel überhaupt keine Rolle spielt. Ja, man erntet, was man gesammelt hat – was vermutlich die Idee ist – aber man sammelt eben nur Karten aufgrund unvollständiger Information und hofft, zufällig auf der richtigen Seite der 50:50-Chance zu sitzen (Farbgleichheit ist sehr viel wichtiger als Zahlengleichheit).

Der Infomechanismus auf den Kartenrückseiten ist eine gute Idee. Es ist aber auch die im Titel erzählte Lüge, denn mit diesem Mechanismus wird nicht viel gemacht: Man baut sich vor dem eigentlichen Spiel die Kartenhand zusammen und weil das vielleicht der Lüge zu wenig ist, wird nach dem eigentlichen Spiel ganz analog ein Punktestapel aufgebaut, bei dem dann noch einmal belohnt wird, wer richtig geraten, also passende Karten gezogen hat.

Die elaborierte Lüge des Spieles ist, dass die Lüge einen Zweck verfolgt, dass sie aufgespürt, verwendet werden kann. Tatsächlich tut sie nichts davon. Sie macht nichts anderes als die Chance, eine passende Karte zu ziehen, zu erhöhen. Das ist zu wenig.

Die Erwartungshaltung an ein Spiel färbt zwangsläufig das Spielerlebnis. Wer ein Spiel mit einem cleveren Kniff spielt, erwartet, dass dieser Kniff tatsächlich auch eine Rolle spielt. Geschieht das nicht, ist das Spiel zwangsläufig erst einmal enttäuschend. Ist der Rest des Spieles originell oder clever oder lustig, kann das Spiel diese Enttäuschung überwinden und dennoch seinen Platz finden. The Lie kann das nicht.

Peer Sylvester