Klischees töten

Angenommen man stolpert in Essen über ein Eurogame eines koreanischen Verlages namens “Kopheister”, bei dem man das “Münsteraner Kloster” bauen muss. Alle Arbeiter im Spiel tragen Lederhosen. Als Währung dienen Ablassbriefe. Sonderaktionen können mit “Wundern” durchgeführt werden, für die man die Gebeine von christlichen Heiligen braucht. Wer davon zu viele verwendet wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch Wikinger und Almwiesen kommen vor. Und nein, das war nicht als Parodie gemeint oder so – Man würde sicherlich denken, dass der Verlag da ein bisschen was durcheinander gebracht hat.

Dennoch gibt es diese Spiele – nur sie spielen eben nicht in Europa, sondern in anderen Kulturen – Kulturen wo man Fehler vielleicht nicht so mitbekommt. Chitwitch hat einmal exemplarisch die Herkunft verschiedener Elemente bei Waka Taka untersucht. Sagen wir mal so: Gegenüber diesem Spiel ist mein Beispiel ein Waisenknabe; rein geographisch wären Schottenröcke und Baskenmützen beim Bauen von Eifeltürmen in Griechenland bessere Beispiele gewesen!

Bruno Faidutti selbst meint, die Europäer sind weniger sensibel, sondern machen eben auch mal Spaß mit Klischees. Und wenn man Klischees ordentlich mischt, dann ist das ja so übertrieben, dass man sich über die Klischees lustig macht und nicht über die Realität dahinter.

Ist das schlimm? Wie schon gesagt eine Frage des persönlichen Geschmacks (Auch Suzanne/chitwich   lässt die Frage offen). Aber ohne Bruno zu nahe treten zu wollen: Ein Klischeemix wie Waka Tanka (oder ähnliche Mixes über Afrika, Fernost oder den Orient) ist für mich auch ein Zeichen für eine gewisse Faulheit. Wer nicht einmal den Wikipediaartikel zum Thema lesen möchte, kann in meinen Augen auch nicht allzu viel Zeit in das eigentliche Spiel gesteckt haben. Zur weiteren Erläuterung rufe ich einmal Brunos Landsmann Hergé in den Zeugenstand (*):

Tim in Kongo und Tim in Amerika steckten voller Klischees (von Tim bei den Sowjets ganz zu schweigen – der Band war ja Hergé selbst peinlich). Als er nach den Zigarren des Pharos dann ankündigte, dass der nächste Band in China spielen würde, wurde er von einem Studenten gebeten, etwas weniger klischeehaft zu berichten. Mit dessen Hilfe recherchierte er und der blaue Lotus war deutlich differenzierter und damit auch besser als die Vorgänger. Hergé selbst betonte, wie viel Spaß ihm die Recherche machte und wie inspirierend die war – und steckte in alle weiteren Bände ähnlich viel Vorbereitung.

Mittlerweile kann ich Tim und Kongo aufgrund des Fremdschämfaktors nicht mehr wirklich genießen. Dennoch bin ich ein Fan von Tim und Struppi – und wer ist das nicht? Ich glaube kaum, dass die Bände immer noch so bekannt und beliebt wären, wenn Hergé nicht damit aufgehört hätte, sie auf Klischees zu stützen.

Recherchieren und das Verzichten auf Klischees ist nichts schlimmes, nichts nerviges! Im Gegenteil: Es inspiriert und ist deutlich interessanter, als nur die ersten Assioziationen mit dem Thema zusammenzuwürfeln. Es ist auch nicht so, dass das Verzichten auf Klischees irgendwelche Nachteile hätte – es müssen nun nicht unbedingt “Traumfänger” sein, die man in Waka Tanka benutzt, es wird sich in der Kultur der Tlingit genügend anderes finden, dass funktioniert – vielleicht sogar besser! Wie Hergé sagte: Das Recherechieren ist ja selbst auch inspirierend und sollte mehr sein als eine lästige Pflichtaufgabe. Sie istr Bestandteil der Spieleentwicklung und sollte auch entsprechend ernst genommen werden. Das meinte ich weiter oben, als ich davon sprach, dass ein Klischeemix für mich auch irgendwo ein Zeichen für Faulheit ist.

Was die Spielerseite betrifft kann ich nur für mich sprechen, aber ich finde es interessant, wenn mir im Spiel ein nettes Detail vermittelt wird – so weiß ich dank Spielen jetzt, was “Wampum” ist. Den Spielspaß erhöhen Klischees jedenfalls nicht, verkürzen aber eventuell die Lebenszeit des Spieles – siehe Tim in Kongo. Mit anderen Worten: Realistischeres Abbilden von Kulturen verbessert das Spiel. Und nebenbei sorgt man auch dafür, dass andere Kulturen weniger fremdartig erscheinen, weniger wie eine Freakshow ausgestellt werden. Letztlich sind Klischees nicht anderes als eine übermäßige Hervorhebung von “exotischen” Unterschieden. Dabei sind die Unterschiede zwischen Kulturen geringer als die Gemeinsamkeiten: In jeder Kultur sind Menschen der Mittelpunkt, Menschen die essen, schlafen, essen und arbeiten. Klischees vergessen das ganz gerne.

ciao

peer

(*) Ja ich weiß, dass Bruno Faidutti Franzose ist und Hergé Belgier. Aber wir Deutschen sind da nicht so sensibel.

 

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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