To boardgame journalist or not to boardgame jornalist?

Nach GenCon hat Osprey-Redakteur Duncan Molloy eine Reihe von Tweets abgesetzt, wo er die Brettspielszene im Moment sieht. Kurz zusammengefasst, freut er sich, dass die Diversität der Szene (sowohl der Spieler als auch der Spiele) zunimmt. Auch graphisch wird mehr Individualität gewagt. Wo er noch starken Verbesserungsbedarf sieht, ist beim Rezensieren von Spielen, insbesondere wenn es darum geht, mehr zu bieten als nur “Ich mag es” / “Ich mag es nicht”.

Guido Heinecke hatte anlässlich des Geburtstags von TricTrac bedauert, dass sich seine Ideen zum “New Boardgame Journalism” nicht wirklich durchgesetzt haben.

Viel Gesprächsstoff also! Nun bilden “Rezensionen” natürlich ein ziemlich komplexes Themenknäuel. Offene Form oder Strukturiert? Unterhaltung oder Information? Sind wir zu kritisch? Sollte man auf Verrisse grundsätzlich verzichten? Sind wir zu positiv? Müssen wir negativer werden? Objektiver? Subjektiver? Kürzer? Länger?

Die Antwort auf diese Fragen ist natürlich immer ein “JA!” und abhängig von der Zielgruppe und der Motivation des Schreibers. Außerdem soll jeder spielen, sammeln und rezensieren wie er will, ist ja schließlich (meistens) ein Hobby! Doch ebenso natürlich sollte man sein tun ab und an hinterfragen und es ist schön, wenn man weiß, wo man irgendwann einmal hin will – und es ist schön, wenn die Spieleszene sich auch verbessern kann. Daher einmal mein Senf dazu:

Ich konzentriere mich hier einmal auf den “New Boardgame Journalism”: Abgeleitet war der von der neuen Bewegung im Computerspielbereich, wo es weniger darum gehen sollte, Polygone und Endgegner zu zählen, sondern sich bitteschön wieder mehr auf das Spielgefühl zu beschränken. Aber das war nicht alles!(*) – sehr, sehr schnell wurde der gewonnene Platz dazu genutzt das Spiel tatsächlich von kultureller Warte her zu besprechen. Das konnte eine Einordnung in das Genre sein, das konnte ein Beschäftigen mit der Gewalt in dem Spiel sein (etwa bei Egoschootern) oder auch eine generelle Beschäftigung mit dem Thema oder der Spielperspektive, die man einnimmt: Wen spiele ich da eigentlich und was macht das Spiel dadurch mit mir? (Das klingt jetzt durch die Verkürzung vielleicht schrecklich pädagogisch,klappt aber in der Praxis recht gut)

Das Problem ist jetzt, dass letzteres in vielen Brettspielrezensionen komplett fehlt. Als Resultat beschränken sich viele Rezensionen eben entweder auf die nakten Mechanismen oder auf das reine, persönliche Spielgefühl. Wenn das gut klappt, habe ich zumindest eine Ahnung, ob mir das Spiel vielleicht rein spielerisch zusagen könnte.  Mehr muss ja auch gar nicht. Oder? Nun, einmal ist das bei weitem nicht gewähtleistet, denn wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum das Spiel bestimmte Emotionen fördert, kann ich auch kaum für mich entscheiden, ob ich das überhaupt will, geschweige denn, ob das Spiel bei mir dieselben Emotionen triggert. Außerdem können weitergehende Rezensionen mehr als nur eine Kaufempfehlung zu geben: Legen Rezensionen mehr wert auf z.B. Diversität bei Spielercharakteren oder Settings, dann werden Autoren und Verlage da auch verstärkt darauf achten (Man darf nicht vergessen: Der Verlag hat prinzipiell nur  drei Rückmeldemöglichkeiten: Verkaufszahlen – die sagen aber nichts darüber aus, warum sich ein Spiel verkauft/nicht verkauft, Persönliche Rückmeldungen etwa bei Messen und Events und Rezensionen). Gute Rezensionen erschließen vielleicht sogar neue Zielgruppen, wenn man z.B. erfährt das ein Genre sich weiterentwickelt hat und jetzt bestimmte Dinge nicht mehr bietet, die bislang vielleicht abschreckend wirken.

Das Hauptargument gegen eine solche weitergehende Betrachtung ist  “Ist ja nur ein Spiel”. Ich will jetzt gar nicht den Kultur-Aspekt rausholen, sondern daran erinnern, dass Du hier gerade einen Text über Rezensionen liest. Will sagen: Spiele bieten mehr, als nur “Macht Spaß” und Spieler interessieren sich durchaus dafür! Und warum nicht? Natürlich wäre eine kulturhistorische Untersuchung zu Pie Face eine relativ sinnentleerte Überhöhung. Nicht für jedes Spiel muss jeder kulturelle Aspekt bewertet werden. Aber es schadet eben nicht, wenn man dort wo es passt (sic) den Blick auf andere Dinge richtet: Was bietet das Spiel dem Genre neues? Werden neue Käuferschichten angesprochen und wenn ja Wie? Haben wir das übliche Mittelaltersetting? Was ist an dem Spiel vielleicht Eurozentrisch? Wie steht es mit den Charakteren, sind die divers?  Was mache ich innerhalb des Spieles? Ist das bedenklich und wenn ja, wie geht das Spiel damit um? Wird das Thema adäquat umgesetzt oder aufgestülpt? Wird mit dem Spiel Neuland bestritten? Werden vielleicht Spielertypen gewollt/ungewollt ausgegrenzt und ist das in Ordnung (nicht jedes Spiel ist für jeden)?

Das selbst klare Elfmeter verschossen werden, sieht man immer dann, wenn es bei potentiell kritischen Spielen heißt, dass nur Gutmenschen daran etwas finden können. Das Phänomen habe ich hier bereits beschrieben und will das nicht noch einmal wiederholen. Wenn sich die Beschäftigung mit potentiell kritischen Themen aber darin erschöpft, darauf hinzuweisen, dass man selbst moralisch integer ist, wie soll man dann erwarten, dass bei harmlosen Spielen irgendetwas tiefergehendes bei rum kommt? Wir haben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir dahin wollen, wo Computerspiele längst sind.

ciao

peer

P.S. Als Positivbeispiel mal wieder Shut up and Sit down, die sich immer damit befassen, was das Thema für Implikationen hat und/oder wie und ob das Spiel neue Spielergruppen erschließt.

(*) Ich betone das noch einmal, weil gerne so getan wird, der New Games Journalism hätte quasi die Rezension auf das Fazit beschränkt ,was defacto falsch ist.

 

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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