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Cozy Stickerville

Autor: Corey Konieczka

Für 1-6 Spielende ab 8 Jahren (eher 1-4 Personen)

Spieldauer: ca 30 Minuten (ein Kompletter Durchgang dann ca. 300 Minuten, also ca. 10 Stunden bis man das Spiel wirklich komplett durchgenudelt hat)

Probiers mal mit Gemütlichkeit? Was soll das denn heißen??? Sind Gesellschaftsspiele nicht die Definition von „Urgemütlichkeit“? Wie kann Cozy Stickerville noch gemütlicher sein?

Ganz einfach: Mit einer kleinen Revolution! Cozy Stickerville verzichtet auf ein Spielziel. Es ist nicht nur kooperativ (und motiviert daher nicht über einen Wettbewerb), sondern es gibt auch keine konkrete Aufgabe, die gelöst werden müsste. Anders als z.B. bei Dorfromantik gibt es nichts zu optimieren, denn es gibt keine Wertung in dem Sinne am Ende. Es gibt kein Puzzle, das entknotet werden muss, um einen Fall zu lösen, man kann in Cozy Stickerville nicht scheitern oder verlieren und daher auch nicht gewinnen. Abseits von vielleicht einigen Kinderspielen läuft Stickerville so der Kernidentität der meisten Brettspielen zuwider.

So ganz revolutionär ist das aber auch wieder nicht, denn im Computerspielbereich gibt es diese Art von Spielen schon lange: Man denke an Die Sims. Oder an Stardew Valley, ein aktuelleres Spiel, dass die Vorlage von Cozy Stickerville sein könnte: In beiden Spielen baut man ein kleines Dorf auf: Man arbeitet, man baut Gebäude und es gibt Sidequests die man ignorieren kann oder auch nicht. Ziel ist es sich angenehm zu beschäftigen und sich ästhetisch auszutoben: Hier kommt etwas Schönes hin, weil ich das will! Und ich möchte unbedingt dort einen Baum pflanzen! Ressourcen schränken ein, aber eher, um Entscheidungen treffen zu können oder Ereignisse zu ermögliche, denn um optimiert zu werden.

Von Stardew Valley gab es auch eine Brettspielumsetzung, aber die ersetzte den Sandkasten des Computerspieles durch eine knifflige Aufgabe und übertrug so zwar Mechanismen, aber nicht das Spielgefühl. Cozy Stickerville ist somit noch Stardewvalley-iger als Stadew Valley- Das Brettspiel: Wir decken ein Ereignis auf, treffen meistens eine binäre Entscheidung und dann wird eine Handlung durchgeführt. Am Anfang ist dies oft die Beschaffung von Holz oder Nahrung (also Äste sammeln oder Angeln z.B.) häufiger wird auch mal was gebaut oder mit etwas Gebautem interagiert, was eine kleine Nebenstory zur Folge hat. Gebautes wird -wie namenstechnisch dezent angedeutet – als Aufkleber auf den Spielplan geklebt. Dabei ist man sehr frei, wo man baut und tatsächlich sind die ästhetischen Entscheidungen in diesem Spiel für die Gemütlichkeit ebenso wichtig wie die Story-Entscheidungen.

Ein Haus und so.

Das Leben im Dorf ist durch eine gewisse Romantik verklärt, trotz Gemütlichkeitsanspruch aber weniger als etwa Dorfromantik – hier muss schon mal gearbeitet werden, es gibt auch Streit und man könnte sogar die Hochfinanz bei sich einziehen lassen…. Teilweise ist mir das schon fast zu stressig, wenn der Kapitalismus mit seinen Auswüchsen im Dorf einfallen will. Aber zum Glück drückt das Spiel sanft dagegen – man kann in die Richtung gehen, in die man will. Und wer konfliktscheu ist, kann beruhigt sein: Sich gut zu mit seinen Bewohner:innen zu stellen, wird vom Spiel belohnt. Sich generell gut zu verhalten, wird belohnt – Rücksicht, Toleranz und Miteinander sind die gefragten Werte in Stickerville. Zwar belohnt das Spiel nicht über irgendwelche Siegpunkte, aber wie bei Stardew Valley gibt es durchaus Archievements und einige Boni, mit denen man sein Dorf schöner machen kann. Und am Ende weiß man auch ohne Wertung, was sein Dorf „wert“ ist und ob man ein schönes Werk vollbracht hat. (Bevor sich jetzt Empörte bei mir melden: Ja, es gibt eine Art Wertung am Ende, aber die ist im wesentlichen ein Abgleich welche Dinge erreicht wurden und sagt nichts aus, was man nicht ohnehin schon wüsste)

Ein Durchgang bei Cozy Stickerville entspricht einem Jahr, nach deren Zehn ist ein Durchlauf zu Ende. Wir haben immer zwei Jahre am Stück gespielt, aber auch hier bietet Stickerville die Flexibilität eines Computerspieles: Ob alles auf einmal oder häppchenweise oder wies passt – nur keinen Stress! Auch nicht bei der Terminwahl. Das letzte Jahr sorgt auch dafür, dass man schon das meiste schaffen dürfte, was man sich so vorgenommen hat. Das ist nicht ganz unwichtig, denn für Komplettspieler ist Stickerville Gift: Viele kleine Ereignisbäume die hier wachsen und in unterschiedliche Richtungen austreiben können. Auch wenn man das Spiel zweimal durchspielt – was ausdrücklich vorgesehen ist – wird man nicht jedes Detail gesehen, nicht jedes Minispiel perfekt abgeschlossen haben. Das ist aber völlig in Ordnung – Cozy Stickerville spielt man eben doch in erster Linie für sich. Das gemütliche Schlendern ist das Ziel auf dem Weg.

Peer Sylvester