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Die heiße Schlacht am kalten Spiel

Ein Tweet in meiner Timeline vor ein paar Wochen hat mich nicht losgelassen. Es geht speziell um diesen hier, in dem steht:

Warum haben alle deutschen Videorezensenten von Spielen ein Video zu #MarcoPolo, aber keins zu #Kanban ?

Meine erste interne Reaktion: Weil es gerade das heiße Ding ist. Hans im Glück ist ein bekannter Verlag, während Schwerkraft eher neu und kaum bekannt ist. Das ist schon mal richtig, aber eigentlich nicht wirklich der Grund, oder? Schließlich gibt es auch Hans im Glück-Spiele, die von den Leuten missachtet werden. Was gibt es also noch für Gründe?

Der nächste, der mir eingefallen ist, ist natürlich logischerweise das Bedürfnis, das Neueste vorzustellen. Zu Nürnberg kommen nicht so viele Spieler-Spiele raus und zu Essen sind es so viele, dass es nicht verwundert, dass es da schon Spiele gibt, die in der Menge untergehen. Bei der dünnen Schicht an Spielen in Nürnberg nimmt natürlich jeder gleich das Coolste. Man sah die Masse an Cacao- und The Game-Vorstellungen. Dennoch ist Helios seinerzeit eher untergegangen und Russian Railroads ist es nicht. Das Argument kann also alleine nicht wirklich ziehen.

Dann ist mir aufgefallen, dass ja Marco Polo eines der Spiele ist, welches auch in der Endrunde der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Brettspiel gespielt wird. Viele mussten es also spielen, um sich für die selbige vorzubereiten. Aber auch das traf auf Helios letztes Jahr zu. Und vor allem testen die Leute meist in einer Gruppe und nicht mit den Rezensenten. Das alles kann es nicht sein.

Vielleicht ist es tatsächliche eine Frage der Nachfrage. Wenn ich mir ein aktuelles und nachgefragtes Spiel in meinem Blog vorgenommen habe, dann war das halt das heiße Ding, was viele Klicks gebracht hat. Wenn also viele Infos dazu haben wollen, dann ist die Nachfrage hoch genug, dass alle gleich das gute Stück spielen wollen. Und wenn alle im Reigen mitsingen, müsste ich doch auch was bringen, um nicht mit meinem Blog nach hinten zu fallen. Aber was macht Marco Polo so genial, das es gleich alle spielen wollen?

Aber es gibt noch ein anderes Argument. Wer mitbekommen hat, was da zwischen der Fairplay und dem Schwerkraft Verlag letztes Jahr in Essen passiert sein soll (ich war nicht dabei und kann alles nur aus zweiter Hand berichten), der merkt, dass dieser Verlag auch ein bisschen Eigensinn zu haben scheint. Sie wollten wohl der FairPlay kein Exemplar eines Spiels für die Topp10 zum Ausstellen geben. Diese wollte daraufhin das Spiel dann auch nicht erwähnen. Keine Ahnung ob das so stimmt, aber so hat es die Runde gemacht.

Dabei ist für einen kleinen Verlag der Umgang mit Rezensions- und Freiexemplaren auch nicht so einfach wie für die großen Verlage. Die Auflagen sind kleiner und das Budget ist enger. Oft werden Exemplare an die interessierten Blogger nicht kostenlos sondern zum Selbstkostenpreis abgegeben. Umso wichtiger sind eigentlich solche Aktionen, wie die der FairPlay.

Ich kann wie gesagt nicht beurteilen, was da schief gelaufen ist, aber da werden einige Blogger vielleicht gesagt haben, wir lassen die Finger davon. Vielleicht hat der Schwerkraft Verlag auch zu viele Anfragen bekommen und kann diese nicht in einer Form priorisieren, dass es Sinn macht. Oder einige sind einfach abgeschreckt und trauen sich gar nicht mehr anzufragen. Aber ich gleite in weitere Vermutungen ab. Vermutungen die wie ein Teufelskreis wirken. Denn wenn keiner berichtet, wird auch keiner mit-berichten.

Der wichtigste Punkt wird am Ende sein, dass es kleine Verlage im Umgang mit Freiexemplaren immer schwerer haben und deswegen nie dieselbe Visibilität erhalten werden wie etablierte Verlage.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy

2 Kommentare

  • Danke für die Antwort auf meine Fragestellung bei Twitter. Auch ich habe mir natürlich gedacht, dass es einen Unterschied geben muss, ob man ein großer bekannter Verlag ist oder eher ein Kleinverlag. Als reiner Spaß-Blogger habe ich keine Kontakte zu den Verlagen, kann mir aber vorstellen, dass die persönlichen Kontakte zu den Verlagspersonen eine große Rolle spielen. Ist man vielleicht sogar freundschaftlich verbunden oder ist es eher eine reine distanziert berufliche Beziehung. Diese kostenlosen Rezensionsexemplare, die die Verlage an die Profi-Blogger schicken, sehe ich zumindest Zwiespältig. Es hat was von “Hier hast du es umsonst, nun schreib bitte was nettes darüber”. Und was ist, wenn neue kleine Verlage sich das nicht leisten können? Wie dem auch sei, ich mag die deutschen Brettspiel-Blogger-Seiten. Ich lese und sehe gerne die Berichte zu guten Spielen. Eigentlich wollte ich mit meinem damaligen Tweet nur eines sagen: Manchmal wünschte ich mir, dass es manche Blogger schaffen unbekannte Perlen vorzustellen. Bei mehreren hundert neuen Spielen jedes Jahr gibt es bestimmt viel zu endecken. Wo sind die Entdecker?

  • Reziexemplare spielen eine Rolle – klar! Wenn ich ein Spiel habe und ein anderes nicht, dann kann ich nur ersteres testen. Außerdem stehe ich bei ersterem in der Verpflichtung, auch wirklich was zu schreiben bei letzterem nicht (wobei ich nicht automatisch etwas gutes schreibe – aber das weiß der Leser dieses Blogs ja ;-)

    Es spielt auch ein Auto-Effekt eine Rolle: Bekommt ein Spiel gute Vorabkritiken und ordentlich “Buzz”, dann interessiert das auch eher die Blogger und die werden auch das eher spielen- nicht nur um mitredenn zu können (das sicherlich auch), aber eben auch, weil die meisten Blogger/Rezensenten in erster Linie SPIELER sind und natürlich auch gute Spiele spielen wollen. Und dann kennen sie das und spielen es auch und rezensieren das auch. Das ist ein Selbstverstärkender Effekt.
    Nun, wie man den “Buzz” am Anfang weckt ist sicherlich noch etwas schwieriger… Da spielen viele Faktoren eine Rolle (Autor, Thema, vielleicht ein Vorabbericht, Verlag) – aber nicht zuletzt acuh jede Menge Glück.