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Hallen des Wahnsinns

“Halls of Fame” schauen in den USA auf eine lange Geschichte zurück. Sie sind dort sehr viel präsenter als hierzulande. Vielleicht gehen die Köpfe hinter der Boardgamegeek Hall of Fame deswegen davon aus, dass man schon weiß, was es damit auf sich hat. Die einzige wirkliche Beschreibung ist “The BoardGameGeek Hall of Fame honors games that have made meaningful contributions to the board game hobby in the areas of innovation, artistry, and impact.” (Die Boardgamegeek Hall of fame ehrt Spiele, die bedeutungsvollen Einfluss auf das Brettspielhobby bezüglich Innovation, Kunst und Wirkung hatten).Die Frage, die offen ist, ist: Was soll mit einer solchen Liste (und es ist wortwörtlich eine Liste) eigentlich erreicht werden?

Personen können geehrt werden, insbesondere Personen, die vielleicht hinter dem Erreichten verschwinden und deren Leistungen – etwa im Sport – im Laufe der Geschichte durch andere Leistungen aus dem kollektiven bewusstsein verdrängt wurden. “Geeherte” Spiele, also Gegenstände, sorgt eher dafür, dass vergessen wird, dass hinter diesen Spielen Personen stehen (im aktuellen Fall ist das vielleicht sogar gewollt, dazu gleich mehr). In den Texten zu den Spielen werden die Autor:Innen zwar genannt, aber die Spielbeschreibung steht im Mittelpunkt. Das Spiel ist es, dass “geehrt” wird. Nur: Spiele haben keine Ehre, sie können sich nicht geehrt fühlen. Der Sinn einer solchen Ehrung muss also woanders liegen und da bleibt die Frage offen: Wo?

Eine Abhandlung der besten Spiele ist es schon einmal nicht – die wäre auch nicht nötig, denn BGG hat ja bereits ein Ranking. Natürlich ist diese “Top-Liste” aus vielerlei Gründen in der Wahrnehmung deutlich überbewertet (Sample Bias, Individuelle Wertungsunterschiede, kein allgemeiner Konsens was die einzelnen Noten bedeuten und wie sie angewandt werden, Sortieren nach der 3. Nachkommastelle, Erhöhte Wichtigkeit der Abzahl der abgegebenen Stimmen…), aber es gibt sie und wird auch wahrgenommen. Eine Art “Empfehlungsliste für Neulinge” ist die Hall of Fame auch nicht, dazu ist das angebotene Spektrum (von Love Letter zu 1830 via Diplomacy) zu hoch. Nein, es soll -so verstehe ich sie – eine Abbildung der Geschichte der Brettspiele sein. Und die Kriterien sind “modernes Brettspielhobby”  – also keine Traditionellen Spiele – sowie “Innovation, Kunst und Wirkung”. Das scheint mir mit bedacht gewählt: Einerseits soll vermieden werden, dass sich die Aufnahme rein nach Verkaufszahlen richtet – so wie es etwa in der National Toy Hall of Fame geschieht: Hier sind Spiele wie Cluedo, Trivial Pursuit, Uno oder Twister zu finden, Spiele, also die ohne Zweifel großen “kulturellen Impact” haben, dem User von BGG aber nur schwer vermittelbar gewesen wären. Umgekehrt sollen spielegeschichtliche Meilensteine nur ausgezeichnet werden, wenn sie immer noch bekannt (“impact”) und vermutlich in der BGG-Basis beliebt sind – so wird Touring – das erste Aktionskartenspiel (auch “Take That”-Kartenspiel) unter Garantie niemals in die BGG Hall of Fame gelangen (und auch nicht 1000 Kilometer, dass auf Touring aufbaute und den deutlich größeren Impact hatte). Die drei Kategorien im Zusammenspiel sorgen so dafür, dass es eben nicht klar ist, was hier eigentlich erreicht werden soll, außer “Das sind Spiele, die wir in der Szene irgendwie gut finden und die zumindest jede:r vom Namen her kennt oder so”.

Eine solche Liste kann eine nette Spielerei sein, aber die Frage, nach der Motivation stellt sich dennoch: Wenn dies die Spiele sind, die wir eh alle kennen, warum müssen die noch einmal extra aufgezählt werden? Warum auflisten, was man kennt? Der einzige mögliche Grund ist “Ehrung” und wie gesagt, ein Spiel hat keine Ehre. Eine solche Nennung ehrt also ausschließlich die Personen dahinter (wenn auch etwas indirekt).

Insofern ist es mehr als ungünstig, wenn Terraforming Mars als neuestes Spiel geehrt wird. Über die Problmatik von Fryxgames habe ich hier ausführlich geschrieben. Kurz zusammengefasst: Enoch Fryxelius ist durch Anti-Trans und zumindest latent Rassistische Aussagen aufgefallen, seit Jahren kursieren Gerüchte über eine Nähe der Fryx-Familie zu Schwedischen Rechtspopulisten. Hinzu kommt ein großer Einsatz von KI-Graphiken, mit all der Kritik die dazugehört und zudem der “Artistry” als Kriterium wiedersprichend. Die Köpfe hinter der Hall of Fame werden diese Problematiken kennen (sie finden ja auch vor Ort statt) und haben sich dennoch dazu entschlossen Terraforming Mars auszuzeichnen. Das war nicht nötig, immerhin hätte es ja auch ausreichend andere Kandidaten gegeben und Zeitdruck gibt es bei einer solchen Liste auch keinen. Dennoch wurde das Spiel jetzt – immerhin bereits als 30. Spiel – aufgenommen. Ich kann mir nur vorstellen, dass die Argumentation war: Das Spiel ist an der Basis sehr beliebt (immerhin auf Platz 9 der BGG-Liste), also müssen wir es auch aufnehmen. In den Diskussionen unter der Ankündigung, ist dies auch die Argumentation der Befürworter – oft im Vergleich mit Love Letter, dass in der Szene weniger hoch bewertet wird und so, nach dieser Argumentation weniger verdient hat, in die Liste aufgenommen zu werden (Hier spiegelt sich erneut auch die Verwirrung bezüglich des Sinnes der Liste wieder, die durch die schwammige Beschreibung erzeugt wird). Die problematischen Aspekte der Macher (hier ausschließlich männlich zu lesen) hinter dem Spiel, werden ausgeblendet, mumaßlich weil ja das Spiel, keine Person geehrt wird. Genau das ist aber, wie eben argumentiert, nicht möglich.

Was bleibt ist eine weitere Schwächung einer in dieser Form eh wenig ausgereift erscheinenden Idee. Es bleibt unklar, was mit der Hall of Fame eigentlich genau erreicht werden soll und was genau Terraforming Mars, trotz der damit assozierten Probleme, für diese Ziele so essentiell macht. Gleichzeitig wird der Wert einer Listeninklusion auch für die anderen Spiele abgewertet: Wenn ein Spiel ausschließlich nach der Frage bewertet wird “Welchen Einfluss hatte es in der Community”, egal wie dieser Einfluss aussah und wie man heute auf das Spiel schaut, dann wirkt eine Aufnahme nicht ganzheitlich. Das Konzept einer Ehrung selbst wiederspricht zudem fundamental dem Argument, dass es irgendeine eine Art von Zwang gibt, ein bestimmtes Produkt/eine bestimmte Person auszeichnen zu müssen. Eine Ehrung ist immer freiwllig -sonst ist es keine Ehrung-  und fällt daher immer auch auf die Ehrenden zurück. Bestenfalls taugt eine Ehrung als Signal an die Basis, dass wir alle zusammengehören. Aber gerade auch dafür ist ein Spiel mit solchem Gepäck ungeeignet, da spaltend, statt vereinigend.

Ich möchte mit einem anderen Beispiel schließen: Die Nebel von Avalon galt lange Zeit als absolutes Vorzeige-Fantasy-Buch. Es würde mich nicht wundern, wenn es vor 30 Jahren in Literatur-Ruhmenshallen zu finden gewesen wäre. Dann kam heraus dass Marion Zimmer Bradley zusammen mit ihrem Mann jahrelang die gemeinsame Tochter missbrauchte. An der künstlerischen, innovativen Einordnung des Buches oder auch im Impact, die das Buch gehabt hat, hat dies erst einmal keine Auswirkungen – sollte es dennoch aus Fantasy-Ruhmeshallen herausgestrichen werden? Meiner Meinung nach, ist dies gar keine Frage, aus den eben beschriebenen Gründen. Und auch wenn das Beispiel sehr viel extremer ist, als die Causa Terraforming Mars, hängen beide Fälle an der Beantwortung derselben Frage: Warum eigentlich?

ciao

peer

 

Peer Sylvester
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