spielbar.com

Die kreative Erfahrung

spielbar.com geht jetzt so langsam in den Sommerbetrieb. Dies ist mein letzter Blogeintrag für ein paar Wochen, Georgios schreibt vermutlich noch nächste Woche was. Oder so. Bis Ende August wird hier eher unregelmäßig gepostet. Schaut also sporadisch vorbei. Oder haltet ein Auge auf unseren Discord-Kanal.

Vor 35 Jahren hätte ich unheimlich gerne ein Computeradventure entwickelt. Allerdings nicht so gerne, dass ich dafür coden gelernt hätte, zumal ich -basierend auf dem, was ich über Computerspiele damals wusste – auch kaum die Ressourcen gehabt hätte, um ein Graphikadventure komplett alleine zu programmieren. Das Versprechen der aktuellen Generation der KI-Systeme ist, dass dies spätestens  “bald” möglich sein wird: Schreiben was man will, die KI übernimmt lästige Programmierarbeit. Ich kenne mich nicht gut genug mit KIs aus, um abzuschätzen wie realistisch dies ist. Allerdings bin ich einigermaßen sicher, dass mein 15jähriges Ich nach anfänglicher Begeisterung schon bald festgestellt hätte: Was man denkt zu wollen und was man will sind zwei Paar Schuhe.

Es gibt enorm viel zu kritisieren an der Verwendung von KI im kreativ-produktiven Bereich (von der Umweltproblematik bis zu der Erschwernis der Arbeitsbedingungen von echten Künstler:innen) aber ich möchte mich einmal auf einen Aspekt konzentrieren: Kreativ zu sein ist ein Prozess, eine Erfahrung, und diese Erfahrung durch einen Knopfdruck zu ersetzen ist in etwa so, als wolle man Filme oder Bücher nur noch in ihrer Zusammenfassung auf Wikipedia konsumieren.

Ich beginne einmal mit dem offensichtlichen Teil: Dem Gefühl etwas neues geschaffen zu haben, die Identifikation mit dem eigenen Werk. Angenommen ich hätte damals auf Knopfdruck ein Computeradventure erzeugt – wäre ich begeistert gewesen? Mit Sicherheit nicht. Es gab damals bereits ein paar “Adventure Editoren” und ich war selbst von deren Grenzen schon sehr enttäuscht. Ein Spiel, dass nicht mit einen Vorstellungen entsprechen würde, wäre nicht “mein” Spiel gewesen. Sicher, man kann bei einer AI sehr viel mit Prompts rumspielen, aber um meine Vision wirklich umzusetzen, müsste ich alles haarklein beschreiben und  entsprechend vorab durchplanen. Das ist dann von “Porgrammieren” nicht mehr allzu weit entfernt. Doch es ist nicht nur die Vision, die eben nicht umgesetzt wird:  “ich” hätte das Spiel nicht gemacht, sondern eben ein Algorithmus. Das einzigartige Gefühl etwas neues erschaffen zu haben, kann sich nicht einstellen, wenn das erschaffene weder “neu” noch “von mir” ist.

Es ist nicht “neu”, denn alles was eine KI kann, ist ja das Remixen von Bestehendem. Das kann sie gut, weswegen ein Einsatz im administrativen Bereich, wo es in erster Linie darum geht, dieses Bestehende zu verwalten, funktioniert. Neues kann sie aber nicht erschaffen: KI-Lieder sind Zusammenfassungen von bestehenden Liedern. KI-Filme sind Zusammenschnitte von bestehendem usw. Das Ergebnis mag mal überraschen und kann sogar “nicht schlecht” sein, aber es ist niemals etwas besonderes. Als Beispiel möchte ich Yavalath erwähnen, das erste (und meines Wissen einzige) Spiel, dass von einer KI erstellt wurde. Yavalath ist ein abstraktes Zweipersonen-Spiel aus der Gomuku -Familie (d.h. 5 in einer Reihe auf freiem Brett)  und es hat einen neuen Kniff (5 in einer Reihe gewinnt zwar, aber 4 in einer Reihe verliert), der jedoch spielerisch nach dem ersten Aha-Effekt nichts ändert – man muss sich nur insofern umstellen, dass man -anders als im Original – keine offenen Vierer bildet. Das ist vielleicht vergleichbar mit einer Regel beim Schach, dass man nur Schach geben kann, wenn man gleichzeitog mattsetzt. Yavalath spielt sich OK. Es funktioniert. Es gibt keinen Grund, es zu spielen. Vor allem aber spielt es sich nicht neuartig. Es bietet kein Spielgefühl, dass die zahllosen anderen Gomuku-Variationen nicht auch bieten würden. “Bekannt und stört nicht” ist im wesentlichen die “KI-Experience” . Das ist kein Diss, KIs arbeiten nun einmal durch das weiterführen von Bekanntem. Man kann jetzt argumentieren, dass auch Menschen Bekanntes weiter- und wiederverwenden, dass wirklich originelles selten ist, aber der entscheidene Unterschied ist: Eine KI behandelt alle Mechanismen, alle Vorlagen gleich. Ein Mensch ordnet ein, kann gezielt ungewöhnliche Kombinationen wählen oder mit Konventionen brechen. Stellt ein Mensch fest, dass eine Kombination kein neues Spielgefühl hervorruft, so kann er einen anderen Ansatz wählen. Eine KI ist im Wortsinne emotionslos. Hinter den überraschenden KI-Werken (insbesondere Bilder) stecken kreative Menschen, die zumindest einen originellen Ansatz gewählt haben. Zudem sehen wir die nicht gelungenen Bilder ja gar nicht erst. Auch bei Yavalath hat die KI dutzende von Varianten ausgespuckt und Cameron Browne hat diese als “beste” ausgewählt- man kann sich ausmalen, was das für die anderen Spiele bedeutet.

“Von mir” ist das KI-Werk ebenfalls nicht, denn ich habe es nicht geschaffen. Kreative Arbeit ist, nun ja, Arbeit, aber vor allem auch ein Prozess. Ich will jetzt gar nicht “Der Weg ist das Ziel”-Kalendersprüche zitieren, aber der kreative Prozess sorgt dafür, dass ich mich mit meinem Werk auseinandersetze und zwar wortwörtlich von Anfang bis Ende – durchdenken, analysieren, umsetzen, verstehen, was man braucht, verstehen was man eigentlich will (siehe oben), verbessern, ausprobieren… Man beschäftigt sich mit dem Werk auf eine Art und Weise, wie man es sonst schlicht nicht kann. Auch das ist ein Wert. Durch diesen Prozess wird man gezwungen seine Perspektive von “Wie setze ich die Idee um” zu “Warum will ich die Idee umsetzen? Was reizt mich eigentlich daran?” zu verschieben. Ich bin überzeugt, dass Spiele ohne die Warum-Frage niemals etwas besonderes sein können, erst durch die Beschäftigung selbst, kann eine Idee sinnhaftig werden. Auch wird durch den Prozess die Identifizierung mit dem eigenen Werk ermöglicht. Wer schon einmal eine Graphik oder einen Text mit eine KI erstellt hat, wird wissen: Diese Identifizierung stellt sich nicht ein. Die KI hat das Werk erschaffen, nicht man selbst. Zur Selbstverwirklichung ist eine KI nicht geeignet, denn man outsourced den Teil, der die Selbstverwirklichung ausmacht.

Kann eine AI sowas?

Vielleicht aber der wichtigste Punkt: Der kreative Prozess ist immer auch ein Lernprozess. Man lernt nicht nur über Struktur, Zusammenhänge und Motivation des jeweiligen Werkes, sondern auch immer grundsätzliches für zukünftige Projekte. Der Gemeinplatz, dass das erste Werk immer misslingt, kommt nicht von ungefähr – Analyse- Hinterfragungs- und Verbesserungsfähigkeiten müssen geübt werden. Niemand erschafft aus dem Nichts ein Wunderwerk. Und das ist mMn die größte Gefahr besteht, wenn kreative Arbeit an KIs abgegeben wird: Wenn niemand mehr lernt, geht kreatives Handwerk verloren. Reproduktives Recyclen von Werken wird dann zu zur einzigen Möglichkeit etwa neue Spiele zu machen. Nun kann man dies als sehr dystopische Sicht abtun, schließlich werden immer Menschen privat kreativ tätig sein. Nur: Wenn tatsächlich -wie in der Computerspielbranche zu beobachten (und auch in der Musikszene gibt es erste Ansätze in diese Richtung) – Kreative nicht mehr professionell arbeiten können, weil sie teurer sind als als die KI und im Mainstreambereich daher sukzessive ersetzt werden, dann heißt dass eben, dass ausgerechnet genau dort ein kreatives Defizit herrscht. Das bedeutet auch das Fehlen von Vorbildern, von richtungsweisenden Werken. Wer soll einen inspirieren, wenn alles nur “nicht stört”?

Es ist nicht unbedingt leicht, der Versuchung der AI zu wiederstehen. Inwieweit man AIs als Werkzeuge einsetzen kann, um den kreativen Weg zu beschreiten, lässt sich sicherlich streiten. Wozu AIs aber nicht dienen sollen ist als Abkürzung, um den kreativen Prozess an sich zu umgehen. Denn damit tut man weder sich, noch allen anderen einen Gefallen.

ciao

peer

 

Peer Sylvester
Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)