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[Plagiatswatch] Sandwich Recipe und Unfinished Business

Anja Wrede hat Anfang März einen Blogpost auf Boardgamegeek geschrieben, wo sie auf ein Plagiat ihres Spieles Karla Kuchenfee hinweist. In China ist ein spielerisch identisches Spiel erschienen, bei dem lediglich die Grafiken ausgetauscht wurden – so wurde aus der Kuh ein Schwein. Für einen Außenstehenden ist es nicht ersichtlich, dass es sich hier nicht um eine lizensierte Ausgabe von Karla Kuchenfee handelt (sofern man das Original kennt). Verlag und Autorin können aber nicht wirklich viel gegen diese Ausgabe tun: In einem anderen Land zu klagen ist langwierig und teuer und zudem aufgrund von Unterschieden im Urheberrecht sind auch Erfolgsaussichten alles andere als klar (auch wenn hierzulande Gerichte in der Vergangenheit festgestellt haben, dass eine rein grafische Änderung nicht aureicht, um ein neues Werk zu schaffen). In China ist es schon schwierig genug Fälschungen zu verhindern – also Spiele, die als Original verkauft werden, bei dem es sich aber um (billige) 1:1-Kopien handelt – eine Weile tauchten Fälschungen von 7 Wonders auch hierzulande kurzzeitig bei Amazon auf. Da ist es naturgemäß noch schwieriger gegen Plagiate (also Spiele, die den Anschein erwecken eigenständig zu sein, es inhaltlich aber nicht sind) vorzugehen. Insofern ist es der einzig gangbare Weg, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Sandwich Recipe ist dabei nur eines von vielen Plagiaten, die immer mal wieder irgendwo auftauchen. Die Story ist meistens dieselbe: Entweder fiel eine Lizenz aus – oder wurde gar nicht erst vergeben – aber der Verlag möchte nicht auf den Bestseller verzichten. Oder aber jemand mag ein Spiel sehr und will eine eigenständige Variante des Spieles herausbringen. Statt – wie es der richtige Weg wäre – den Urheber zu kontaktieren, bringt diese Person das Spiel dann als „eigenes“ Werk auf dem Markt. Sei es, um die Herkunft des Spieles zu verschleiern, sei es, weil die Notwendigkeit für eine Lizenz schlicht nicht gesehen wird. Über alle diese Fälle habe ich in der Vergangenheit schon berichtet. Mir persönlich ist es dabei immer ein bisschen schleierhaft, warum man einerseits von einem Werk so begeistert ist, dass man sich die Mühe macht, eine Variante zu kreiieren, aber andererseits den oder die Urheber:In des Werkes versucht zu schneiden – denn anders kann man es ja kaum bezeichnen, wenn man dem Produkt einer anderen Person Geld verdient wird, ohne diese Person zu beteiligen.  Wohlgemerkt: Hier spreche ich nicht von einer Inspiration („Sowas möchte ich auch machen!“) sondern von einer Variante. Den Unterschied erläutere ich einmal an Unfinished Business.

Unfinished Business wird von einem Videobloggerkanal/Contentcommunity herausgebracht. Sowie ich die zum Teil sich wiedersprechenden Aussagen der Macher interpretiere, mochten die das Spiel Big Deal von Brent und Jeffrey Beck so sehr, dass sie es selbst auf dem Markt bringen wollten – als Crowdfunding innerhalb ihrer Community. Die Autoren um eine Lizenz zu fragen, erschien ihnen wohl nicht notwendig, zudem vermuteten sie, dass die Autoren „sowieso ´Nein´gesagt hätten“. Soweit würde ich den Jungs noch zugestehen wollen, dass sie mit einer Mischung aus Begeisterung für das Spiel und Naivität bezüglich Urheberrecht agierten. Doch als dann die (laut Statusbericht auf der Kampagnenseite) „100% fertigen Regeln“ sich in vielen Formulierungen als Kopien der Schmidt-Spiele-Regel herausstellte, wurde versucht die Spuren des Originalspieles zu verschleiern. Erst als auf verschiedenen Seiten, inklusive der SAZ über das Plagiat berichtet wurde, wurde der Hinweis in die Regeln hinzugefügt, dass Unfinished Business von Big Deal inspieirert sei, die Regeln wurden neu formuliert und mit neuen Regeln ergänzt. Im Moment wird an dem Spiel noch weiter gefeilt.

Soweit die bisherige Historie, doch die wesentliche Frage: Ist Unfinished Business ein Plagiat oder ist es ein eigenständiges Werk, dass von Big Deal lediglich inspiriert wurde? Ein direktes Plagiat wie Sandwich Recipe ist es nicht, denn über die kosmetischen Änderungen hinaus gibt es kleinere Regeländerungen. Diese gehen aber – soweit ich das anhand der Regellektüre beurteilen kann – nicht über den Status einer einfachen Bearbeitung, also einer Variante, hinaus. Und auch für eine Variante bedarf es der Genehmigung des Urhebers: Wenn ich bei Monopoly mit 3 Würfeln werfe und einen Straßenzug weglasse  habe ich kein eigenständiges Werk erschaffen. Oder, um ein Beispiel aus einem andereen Medium zu bemühen: Ergänze ich einen Roman mit Fußnoten und tausche die Reihenfolge der Kapitel und ändere Titel, Schriftart und Titelbild, begehe ich dennoch ein Plagiat. Bei Unfinished Business gibt es ganz konkret folgende Änderungen: Es wurden einige Kartenwerte verändert und der Teil des Stapels, von dem keine Karten geklaut werden können, wird mit einer eigenständigen Karte abgetrennt. Beides sind normale redaktionelle Veränderungen, durch die kein neues Werk entsteht (sonst wäre eine Verlags-Redaktion, die einen Prototypen verbessert immer automatisch Urheber des jeweiligen Spieles). Die wesentliche Änderung kommen durch Aktionskarten ins Spiel. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich durch diese Aktionskarten das Spielgefühl so stark verschiebt, dass ein neues Werk entsteht, aber ich halte dies zum jetzigen Stand für unwahrscheinlich; Der Schwerpunkt des Spieles wird mMn nicht verschoben, es gibt halt einen gelegentlichen zusätzlichen Ärgerfaktor. Zudem würde ich argumentieren, dass gerade, wenn man sich so offensichtlich an einem anderen Werk orientiert, ja es als Basis nutzt, sollte man sich mechanisch auch sauber von dem Werk abgrenzen. Als Beispiel führe ich einmal Mutant Meeples auf: Das Spiel ist offensichtlich von Alex Randolphs Rasende Roboter inspiriert (was in der Spielregel übrigens auch klar kommuniziert wird). Doch auch wenn der Kern von Rasende Roboter erhalten blieb, ist Mutant Meeples doch eigenständig genug: Nicht nur, weil alle Steine gänzlich andere Bewegungen nutzen, vor allem ist auch das Spielziel ein gänzlich anderes und erfordert daher spätestens in der zweiten Spielhälfte auch eine Anpassung der Herangehensweise (es muss mit anderen Meeples gearbeitet werden). Es ist ein eigenständiges Werk, inspiriert von einem anderen.

Die Abgrenzung zwischen Variante und neuem Werk ist nicht immer einfach. So würde es mir schwer fallen, zu begründen, inwieweit Skull King eine Weiterentwicklung von Wizard ist oder ob Skull King ein gänzlich eigenständiges Werk ist. Zum Glück muss ich das nicht, denn Wizard orientiert sich sehr eng an einem traditionellen Spiel (Oh Hell) und solche Spiele sind nur mit sogenannter „kleiner Münze“ geschützt, d.h. kleine Abweichung markieren hier bereits ein neues Werk. Und traditionelle Spiele haben ja auch keinen Urheber im rechtlichen Sinne, den man kontaktieren könnte (deswegen kann man auch ohne weiteres Schachvarianten auf den Markt werfen, die dann aber entsprechend auch nur geringen Schutz besitzen). Big Deal ist aber nun gerade kein traditionelles Spiel und auch wenn es sich mechanisch an diversen Spielen anlehnt, ist doch die Komposition eigenständig – und auf die kommt es an.

Kleiner Einwurf:Ich schreibe das eigentlich jedes mal,  aber nur zur Sicherheit: Einzelne Mechanismen sind nicht schützbar. Das wird immer als Mantra wiederholt und das stimmt auch, wird aber oft falsch verstanden. Einzelne Wörter oder Noten sind ebenfalls nicht schützbar, und dennoch genießen Schriftwerke und Musikstücke in der Regel Urheberschutz, so denn die Schöpfungshöhe stimmt. Das gilt auch für Spiele. Dass Knizia den Streit um Heckmeck mit einem Buchverlag verloren hat, lag auch daran, weil der Richter die notwenidge Schöpfungshöhe nicht erkannt hat und sich deshalb auf die Spielgeschichte konzentriert hat. In einem anderen Fall, hat Lufthansa aber nach juristischem Druck eine unlizensierte Werbeausgabe von Heckmeck eingestellt. Es hängt eben auch ein bisschen am Richtenden und dessen Kompetenz in Sachen Spielen, gerade wenn es keine 1:1-Kopie ist.

Wie geht es weiter?

So wie Anja Wrede nicht in China klagen wird, so ist es unwahrscheinlich, dass die Autoren von Big Deal in Deutschland klagen. Die Autoren sind sich des Plagiats zwar bewusst und prüfen, wie mir auf Anfrage mitgeteilt wurde, mögliche Schritte, aber es ist wahrscheinlich, dass sich ein Rechtstreit für die Amerikaner hier schlicht nicht rechnet, selbst wenn sie Recht bekommen sollten (was bei Urheberrechtsfragen zudem nicht garantiert ist). Schmidt Spiele hat ebenfalls keinen Grund zu klagen, denn Big Deal wurde vor einiger Zeit aus dem Programm genommen. Andere Personen sind nicht unmittelbar geschädgt. Ein neuer Verlag für Big Deal wurde noch nicht gefunden und Unfinished Business dürfte die Chancen für neue deutsche Ausgabe mindern. Potentiell ist das ein größerer Schaden, als „nur“ das fehlenden Autorenhomorar für eine eher kleine Ausgabe. Daher bleibt den Autoren nur derselbe Weg, den Anja Wrede gegangen ist: Aufmerksamkeit erzeugen und zu informieren. Dadurch wird ein gewisser Druck erzeugt, der helfen könnte, dass sich die Beteiligten doch noch einigen. Es ist mMn nicht ausgeschlossen, durchaus möglich, dass sich die Becks auf einen Deal unter der Bedingung einlassen, dass Unfinished Business keine zweite Auflage bekommt, sondern ledilich die Vorbestellungen abverkauft werden. Das Autorenhonorar für die Becks müsste dann noch bezahlt werden. Das wäre auch ein gangbarer Weg für die Contenttreibenden einigermaßen ehrenhaft aus der Sache rauszukommen (gerade wenn weitere Projekte in Planung sind, bei denen es sich dann hoffentlich um lizensierte Ausgaben handeln würde). Die Rhetorik deutet da im Moment allerdings leider weniger darauf hin.

Ist das überhaupt schlimm?

Lassen sich Widersprüche nicht mehr wegreden und kristallisiert sich immer mehr heraus, dass scharfe Beobachter, die von einem Plagiat sprechen, vielleicht doch nicht ganz Unrecht haben, wird gerne ordentlich mit Nebelkerzen agiert. Zuerst werden die Kritiker verunglimpft. So auch hier. Irgendwann wird dann versucht die Diskussion irgendwohin zu verschieben – etwa zum Sinn des Urheberrechts (Gleichstellung von gebauten und erdachten Werken übrigens). Ganz am Ende dann die hingeworfene Frage nach dem Sinn: „Ach, ist doch egal, die paar Kopien schaden doch nicht! Denkt an all die Fahrraddiebe/den Krieg in der Ukraine/den Klimawandel!“ Zur Beantwortung der Sinnfrage noch einmal ein Besuch in China:

Japan, Korea, Taiwan und  Singapur haben starke Brettspielszenen. Auch in Indien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Vietnam und den Philippinen ist eine lebhafte Spieleszene mit kleinen Verlagen und aktiven Autor:innen entstanden. In China wird auch gerne gespielt (insbesondere in Spielecafes), aber gerade wenn man die Größe des Landes und der Szene mit den eben genannten anderen Ländern der Region vergleicht, stellt man fest: Chinesische Verlage und Spieleschaffende sind weitestgehend Fehlanzeige. Der Grund sind Plagiate und Kopien. Geschätzt sind mindestens 40% der verkauften Spiele in China Kopien. Entsprechend lohnt es sich schlicht nicht, eigene Spiele zu veröffentlichen. Die paar Spieleschaffende, die es gibt, verkaufen ihre Spiele nur in ihren Spielecafés , wobei der Umsatz durch die Caféseite kommt, nicht durch die Verlagsseite. Wenn es aber keinen finanziellen Anreiz gibt, Neuentwicklungen herauszubringen, dann bleiben eben auch Innovationen aus und man muss mit dem Massenmarkt leben. Das betrifft aber nicht nur Spielefreaks, die immer neue Spiele haben wollen und auch dafür gibt es ein Beispiel:

Eines der größten Hits in China ist Killers of the three Kingdoms, ein lediglich in Details und Grafik verändertes Plagiat von Bang. Es verkaufte sich ausgezeichnet in China… bis Xiyou Sha auf den Markt kam – ein Plagiat von Killers of the three Kingdoms mit wieder anderer Grafik, dass nur die Hälfte kostete. Es hat Killers… jetzt fast vollständig verdrängt, zumindest bis eine noch billigere Version auf den Markt kommt. Das heißt, das nicht nur Innovationen wegfallen, sondern Spiele langfristig billiger werden. Gar nicht schlecht auf den ersten Blick, doch natürlich wird der Preis durch das Material diktiert. Auch die physische Qualität wird also abnehmen, wenn fleißig plagiiert wird (was auch durch die beiden erwähnten Plagiate bestätigt wird übrigens).

Nur wegen Unfinsihed Business wird es in Deutschland sicherlich nicht zu chinesischen Verhältnissen kommen. Doch es tut ab und an gut, sich bewusst zu machen, was passieren kann, wenn einer Community das Urheberrecht einfach mal egal ist. Wer weiß, vielleicht bringt ja jemand im Sommer „Finished Business“ heraus, ohne Aktionskarten und mit schicker Grafik für 12€ könnte das ein Hit werden.

ciao

peer

 

 

Beitragsbild von Manuel Correia, basierend auf Shrek-Der Film von Dreamworks (fair use)

 

 

Peer Sylvester