So spielt man in China moderne Brettspiele

Gespielt wird in China natürlich schon sehr lange – Go, Mahjong, Chinesisches Schach, “Chinesisches Poker” (praktisch mehrere Pokerhände gleichzeitig aufbauen) oder “Climbing Games” we Da Lao Er (entspricht dem “Big Two” dessen Regeln in meinen “So spielt die Welt” beschrieben sind) sind in China durchaus verbreitet und werden mehr oder minder überall gespielt. Doch wie sieht es mit modernen Brettspielen aus?

Hier liegt die Wiege in Shanghai, genauer gesagt bei Funbox 365, einer Kette von Spielecafes. Der Gründer Jomy Huanng fragte bei Swan Panasia an, ob er dessen Spiele und vor allem das Brettspielkonzept übernehme dürfe. Er durfte und seitdem arbeiten die beiden Firmen in Partnerschaft zusammen. Das Konzept des Brettspielcafes war ein voller Erfolg und so ist die Anzahl der Shops von 20 (2008) auf 750 (Stand 2009) gestiegen. Etwa 22,000 bis 25,000 Spieler dürfte es mittlerweile alleine in Shanghai geben. Und natürlich werden auch in anderen chinesischen Großstädten fleißig Brettspielcafes gegründet. Sogar ein gedrucktes Spielemagazin soll in China existieren, leider kenne ich den Titel nicht.
Laut Jomy Huang spielen Chinesen besonders gerne Spiele, bei denen man Geld machen kann – insbesondere Manila erfreut sich großer Beliebtheit. Auch Spiele, in denen man andere verraten kann (z.B. “Rette sich wer kann” von Wettering) sind beliebt. Reine Männerspiele also? Weit gefehlt! Über die Hälfte der chinesischen Brettspieler sind Frauen!

Das Brettspielcafes so beliebt sind hat zwei Gründe: Zum einen mag die Zielgruppe (hauptsächlich Studenten) Cafes und damit die Möglichkeit das Spiel erklärt zu bekommen, zum anderen unterläuft das Spielecafekonzept das Hauptproblem des chinesischen Marktes: Raubkopien!
Tatsächlich sind unlizensierte Kopien (oft aber nicht nur minderer Qualität) von Brettspielen im Umlauf. Die sind deutlich günstiger als die Originale, weil weder Verlage noch Autoren noch Graphiker an den Verkäufen beteiligt sind. Nur die Onlineshops, welche diese Spiele verkaufen, machen damit Gewinn. Schätzungen zufolge sind Raubkopien von etwa 40 Spielen in China im Umlauf.
Daher ist es kein Wunder, dass kaum jemand in China Brettspiele verlegt. Und daher ist auch die Anzahl der chinesischen Eigenproduktionen überschaubar. Und die Spiele, die es gibt, sind zum Großteil bekannte Spiele mit neuer Graphik und neuem Thema.
Das berühmteste Beispiel ist “Killers of the three kingdoms”, dass genauso funktioniert wie “Bang”, aber in einer anderen Welt angesiedelt ist. Es hat sich bereits eine halbe Million mal verkauft und es gibt eine Online-Version davon. Wie gesagt – regeltechnisch ist es mit “Bang!” identisch, ohne dass deren Schöpfer davon profitieren!

Aber es gibt eine Art poetische Gerechtigkeit: Xiyou Sha ist wiederrum dasselbe Spiel wie Killers of the three Kingdoms mit neuer Graphik und noch kostengünstiger zu haben. Und da sich das ebenso gut verkauft wurde es ebenso wieder plagiatisiert: Shuihu Sha heißt das noch billigere Plagiat eines Plagiats eines Plagiats. Da die Herstellungsgeschichte aber den Spielern egal ist, verkaufen sich all diese Produkte gut in China, erweitern die Anzahl der Spieler und werden ihrerseits raubkopiert und zu Dumpingpreisen im Internet angeboten.
Und so schließt sich der Kreis: Funbox 365 und Swanpanasia bieten Verlagen, die den chinesischen Markt erobern möchten, als Service an gegen Raubkopien vorzugehen, aber vor allem den Markt zu verstehen. Chinesische Plagiate haben nicht zuletzt deswegen den Vorteil gegenüber den Originalen, dass sie eine chinesische Geschichte transportieren. Und das ist den Chinesen wichtig. So wurde das Spiel Burn Rate mit einem neuen, passenden Thema zu People Commune, und hat statt der Dotcom-Blase das Aufbauen ländlicher Kommunen in China zum Thema. Solche Anpassungen erhöhen den potentiellen Verkauferfolg in China.

ciao
peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

4 Gedanken zu „So spielt man in China moderne Brettspiele“

  1. Das Problem mit Raubkopien in China war mir natürlich schon bewusst, nicht wusste ich aber, dass es keine Verleger gibt. Würde mich allgemein interessieren, wie viele Chinesen noch Brettspiele tatsächlich spielen und nicht irgendeine Version davon elektronisch. Da “lobe” ich mir doch noch unsere etwas entspannte Kultur.

  2. Tatsächlich nimmt die Anzahl der Chinesen, die moderne Brettspiele spielen weiterhin zu – dank der Spielecafes. Schätzungen sind schwierig, wie gesagt in Shangai haben die Brettspielcafes etwa 22.000 bis 25.000 Besucher zu Stoßzeiten (alle zusammen natürlich). Jomy Huang schätzt dass etwa 1 Mio Chinesen schon moderne Brettspiele gespielt haben.

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