spielbar.com

Kritiker und ihre Rezensionsexemplare 2 – Wasser auf Mühlen

Im ersten Teil dieser nun schon zweiteiligen Artikelreihe habe ich meine Überlegungen aufgeschrieben, ob Rezensionsexemplare zu einer Befangenheit bei Kritikern führen. Unabhängig davon wie man dazu steht, fällt irgendwann auch die Frage, welchen Zweck Rezensionsexemplare überhaupt erfüllen. Spielkritik könnte doch auch ohne sie vorstellbar sein. Wenn die Vergabe eines Rezensionsexemplars den Verkauf nicht direkt ankurbelt, hat der Verlag ja nach Schildbürger-Logik keinen Grund sie zu vergeben.

Rezensionsexemplare ermöglichen aber gerade Kritiken, welche mehr einbeziehen als allein die Sicht eines potentiellen Käufers. Sie kann unser Verständnis von Spielen erweitern und so nicht nur zu einer höheren Wertschätzung, als auch zu einer größeren Verbreitung des Mediums führen.

Denn wer ein Spiel kauft, ist unweigerlich Konsument. Aus Sicht eines Verlags ist dessen Meinung und Beurteilung des Produkts nur eine gehobene Form der Mundpropaganda. Es ist eine öffentlich verbreitete Kundenempfehlung, um neue Kunden anzuwerben.

Erhält ein Kritiker jedoch ein Spiel ohne Kosten, so ist dessen Urteil entweder ein Beleg für die Qualität des Spiels oder dient womöglich als Indikator dafür wie erfolgreich das Spiel in einem bestimmten Marktsegment sein wird. Statt als Werbemittel zu fungieren, nutzt man die Kritik als eine Art der Marktforschung. Ist die Besprechung positiv, so kann man die Werbetrommel rühren in der Erwartung den Umsatz steigern zu können. (Näheres dazu findet ihr in dieser Podcastfolge von Das Thema.)

Ein kompetenter Verkäufer im Spielgeschäft berät potentielle Kunden derart, dass diese Vertrauen aufbauen, um auch in Zukunft in diesem Laden einzukaufen. Als Kritiker kann man sich entscheiden diese Aufgabe erfüllen, auch wenn es nicht das ist, was den Kritiker ausmacht. Eine effektive Werbeinitiative führt dazu, dass potentielle Kunden neugierig auf ein Produkt werden und erwägen es sich zu kaufen. Auch diese Aufgabe kann man als Kritiker erfüllen, aber für das Verteilen von Flyern werden Studenten zumindest bezahlt. Daher sollte ein Kritiker auf dieses Geld nicht freiwillig verzichten. Auch wenn das ebenfalls nicht seine Hauptbeschäftigung ist.

Was die Funktion eines Kritikers am Stärksten ausmacht, ist eine der Stimmen zu sein, die zeigen wie über ein Spiel gesprochen wird und werden kann. Eine Kritik spiegelt immer die aktuelle Spielkultur wider. Sie drückt aus was Spiele tun, wofür sie stehen und was wir an ihnen wichtig finden.

Wer sich nun fragt, ob es dafür wirklich Rezensionsexemplare benötigt, begnügt sich vielleicht damit eine zu enge Perspektive einzunehmen. Es ist nicht unvorstellbar, dass Kritik ihre Funktion auch ohne solche Rezensionsexemplare erfüllen könnte.

Es gibt schließlich genug Spielende, die ausreichend Aufmerksamkeit und Sprachtalent besitzen, um gute Kritik zu üben. Natürlich gibt es auch Spielende, die in der Lage sind neue Spiele in kurzer Zeit mehrfach und in unterschiedlichen Kombinationen zu spielen. Es gibt sogar solche, die die finanziellen Mittel besitzen (oder aufzubringen bereit sind), um alle relevanten und vielversprechenden Veröffentlichungen eines Spielejahrs zu kaufen.

Die Überschneidungen dieser drei Personengruppen ist jedoch klein. Sie ist zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr weiß, männlich und Teil der oberen Mittelschicht. Das ist kein Vorwurf, sondern schlichte Feststellung. Es sollte niemanden überraschen, dass eine derart homogene Gruppe nur wenige Facetten des Mediums beleuchten kann. Es braucht unterschiedliche Perspektiven.

Rezensionsexemplare weichen eine dieser Barrieren nun auf. Sie ermöglichen Spielenden als Kritiker in Aktion zu treten ohne den hohen Eintrittspreis zu zahlen, um aus der reinen Konsumentenrolle in die des Kritikers zu wechseln.

Das Spiel wird sich erst dann als Kulturgut etablieren können, wenn es auch als ein solches besprochen wird. Dafür braucht es eine kritische Auseinandersetzung an der sich so viele unterschiedliche Stimmen beteiligen können, wie nur möglich.


Photo by BP Miller on Unsplash

Georgios Panagiotidis