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Rassismus und Spiele

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  • Update: Sonntag abend ging ein neues Statement von Ion Game Design ein: Sie sind vertraglich verpflichtet die Spiele von Eklund weiter zu vertreiben, aber es wird keine Essays oder Fußnoten geben, die über die Erläuterungen der Regeln hinausgehen. Also keine wilden Weltanschauungen mehr von Eklund in den Spielen. Ob Eklund weiter neue Spiele für Ion betreuen oder kreieren darf, geht nicht aus dem Text hervor.
  • Update 2: Der Hans im Glück-Verlag hat sich entschlossen die SpieleAuf den Spuren von Marco Polo und Auf den Spuren von Marco Polo II nicht weiter zu vertreiben. Alle Einnahmen die noch durch diese Spiele für den Verlag generiert werden, werden Anti-Rassismus-Organisationen gespendet. Das lesenswerte und m.E. vorbildliche Statement gibt es hier

Board&Dice ist der Verlag von Spiele wie Teotihuacan, Tawantinsuyu oder  Tekhenu. Einer der Autoren dieser Spieler ist der Italiener Daniele Tascini. Dieser hat in den letzten Tagen ein Facebookpost verfasst, bei dem es ursprünglich um die Frage ging, ob Orcs eine schwarze Hautfarbe haben müssen und was dies aussagt. Tascini ging in dem Post von den Orcs auf Schwarzafrikaner über, die er “nicht als schwarz” bezeichnet, weil “die Hautfarbe varriert”. Er würde seine schwarzen Freunde stattdessen mit dem N-Wort bezeichnen, aber die müssen ja wissen dass das nicht als Beleidigung gemeint sei.

Kurz nachdem ein Screenshot des Posts im englischsprachigem Sprachraum geteilt wurde, wurde der Original-Post gelöscht. Nun hat Tascini ein weiteres Statement geschrieben, bei dem er sein Bedauern darüber ausdrückte, dass seine Worte übersetzt und entdeckt wurden und dass er sich dafür entschuldige, da er als Autor ja hätte besser wissen müssen, als sich so in der Öffentlichkeit zu äußern.

Board&Dice haben jetzt ihrerseits ein Statement veröffentlicht, dass sie zwar vertraglich verpflichtet sind, die bereits produzierten Spiele weiter zu vertreiben, aber keine Spiele mehr von Tascini zeichnen werden. Sie halten  die Entschuldigung als für nicht ausreichend, ablenkend und relativierend und erkennen keinen Willen zur Änderung des Verhaltens, nur ein Bedauern darüber, dass seine Aussagen in die Öffentlichkeit gelangten.

Board&Dice wird damit m.E. ihrer Verantwortung als Verlag gerecht. Rassismus hat im Brettspielbereich, nein im Leben!, nichts zu suchen und sogenanntes “Deplatforming” ist ein effizientes Mittel dazu: Nicht nur nimmt man rassistischen Ideen ihre Kanäle, sondern es wird eben auch ein deutlichen Zeichen nach außen gesetzt was akzeptabel ist, und was nicht. Menschen orientieren sich an anderen Menschen und deren Handlungen. Deswegen ist Vielfalt und Diversität, deswegen ist das deutliche Aufzeigen von Werten nach außen, so wichtig.

(Als Gegenbeispiel mag Ion Game Design dienen: Das ist der Verlag, der die Phil Eklund Spiele herausbringt und vertreibt. Phil Eklund hat in Fußnoten seiner Spiele, in den Design Notes aber auch auf seinen Social Media-Kanälen immer wieder den Kolonialismus verherrlicht sowie rassistische und sexistische Äußerungen verteidigt und auch selbst getätigt. Jetzt wo er zudem Anti-Coronamaßnahmen angreift und Corona verharmlost hat sich jetzt mal der Verlag zu Wort gemeldet: Zwar wäre das nicht richtig, was der Phil da tut und der Kopf des Verlages verurteilt es auch, aber er wird dennoch keine Aussagen Eklunds irgendwie verändern, geschweige denn dessen Spiele einzustellen. Besonders pikant ist, dass dagegen ein Artikel von Cole Wehrle, der sich mit diesen Punkten befasst und der in einer Spielanleitung abgedruckt werden sollte, ohne Wissen Wehrles  zusammengestrichen wurde, so dass es jetzt nur noch um strategische Überlegungen geht, nicht mehr um Inhaltliches. Das zeichnet ein klares Bild: Eklund kann schreiben was er will, kritisiert werden sollte er bitte nur außerhalb des Mediums, quasi in der Sekundärliteratur des Internets, wo die Reichweite geringer ist.) Siehe Update oben

Eines muss klar sein: Sowohl als Autor als auch als Verlag trägt man durchaus eine Verantwortung. Ein Autor, der einigermaßen regelmäßig Spiele veröffentlicht, steht eben in der Öffentlichkeit. Wenn ein Steffen Benndorf etwa auf Facebook regelmäßig Corona verharmlost, so profitiert er dort auch von eben jener Reichweite, die er durch seine regelmäßigen Veröffentlichungen bei NSV erhalten hat. Als Käufer kann man entscheiden, ob man dies ignorieren will oder daraus Rückschlüsse auf sein Kaufverhalten schließt. Als Verlag muss einem aber bewusst sein, dass ein öffentliches Schweigen von Verlagsseite wenn nicht als Zustimmung, dann zumindest als Duldung gewertet werden kann.

Die Spieleszene gilt immer als progressiv und es gibt auch definitv sehr viele sehr korrekte Leute. Aber das bedeutet eben nicht, dass Rassismus/Sexismus ein “Problem anderer Leute” wäre. Gerade auch latenter Alltagsrassismus findet sich schnell schon an den Oberflächen: Sei es zum Beispiel stereotypische Graphiken oder Werbeaktionen (wie z.B. “chinesische” oder andere vermeidlich ethnische aber letztlich stereotypische Verkleidungen bei Messen oder Werbefotos), sei es das mixen von “exotischen” Themen ohne jegliche Basis auf der tatsächlichen Historie, oder auch nur die Behandlung von sensiblen Themen als leere Leinwand, die vom privilegierten Autoren beliebig bemalt werden könnte (Artikeltipp). Es ist wichtig, dass wir uns diesen Problemen bewusst werden und dass war sie klar und öffentlich benennen. Das betrifft insbesondere diejenigen mit großer Reichweite: Verlage, Jurymitglieder und Blogger/Youtuber/podcaster (die leider immer noch zu oft Mechanismen und Spielspaß über thematische Entgleisungen stellen), aber auch Autoren, die sich ihrer Rolle als Kulturschaffenden mehr bewusst sein müssen, als sie es jetzt vielleicht tun. Tascini ist bereits vorher dadurch aufgefallen, dass er sich über die komplizierten Schreibweisen Aztekischer Namen lustig machte und dass die Themen seiner Spiele untergegangene Kulturen nur als Spielplatz wahrnimmt, wo er sich beliebig austoben kann, ohne groß recherchieren oder Rücksicht nehmen zu müssen. Das hätte man auch vor den deutlicheren Entgleisungen schon einmal be- und anmerken können.

ciao

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Peer Sylvester
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