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Kritiker und ihre Rezensionsexemplare – der Odyssee erster Teil

Es gibt viele Merkmale an denen man einen Spielekritiker von einem typischen Brettspielfreund unterscheiden könnte. Sei es die Fähigkeit das eigene Spielgefühl in Worte zu fassen, oder das analytische Geschick die Ursachen für diese oder jene Spielerfahrung zu finden. Manchmal ist es auch nur das Talent dem Publikum die emotionale Dimension eines Spiels zu vermitteln. Der Punkt, der jedoch in den Köpfen vieler häufig den größten Platz einnimmt lautet: die bekommen Rezensionsexemplare geschenkt. Grund genug sich ein mal anzuschauen was das eigentlich für eine Kritik bedeutet.

Oft und gerne wird behauptet, dass Kritiker ihre Unabhängigkeit aufgeben, wenn sie sich bereit erklären Rezensionsexemplare entgegen zu nehmen. Sie würden in einen Interessenkonflikt geraten, wenn die Aussicht besteht aufgrund einer positiven Rezension in Zukunft weitere Spiele kostengünstig oder sogar kostenfrei vom Verlag zu erhalten. Darum ist es zwingend nötig, hier transparent zu sein und dem Publikum eine solche Zusendung deutlich zu kommunizieren. Das Publikum muss gewarnt werden, dass eine derartige Befangenheit des Kritikers möglich ist.

Das klingt zuerst auch recht einleuchtend. Wie auch die Behauptung, dass Menschen nur 10% ihres Gehirns nutzen; dass Alpha-Männchen sich immer an die Spitze des Wolfrudels kämpfen oder dass es exakt zwei Geschlechter gibt. Das klingt überzeugend, ist aber Unsinn.

Die Gefahr der Befangenheit erklärt sich nicht durch die dem Kritiker unterstellte Gier nach mehr Spielgeschenken, sondern wird viel eher durch ein Phänomen wie dem Endowment-Effekt. Dieser besagt, dass wir die Dinge, die uns gehören für wertvoller und hochwertiger halten als sie es womöglich sind. In der Praxis lautet das, wer sich ein Spiel selbst kauft, ist eher dafür anfällig die Schwächen zu übersehen und die Stärken zu unterstreichen.

Wäre einem also tatsächlich daran gelegen, Transparenz zu beweisen und auf eine mögliche Befangenheit des Kritikers hinzuweisen, müsste man dieses bei selbst erworbenen Spielen tun. Dabei ist die Frage viel interessanter, warum Transparenz in einer Kritik überhaupt so wichtig ist.

Die Antwort darauf findet sich in der Beziehung zwischen Kritiker und Publikum. Transparenz ist in dem Moment notwendig, wenn der Kritiker auf das Verhalten des Publikums Einfluss nehmen will. Konkret: wenn Kaufentscheidungen beeinflusst werden sollen. Das moderne Internetzeitalter hat dafür sogar einen Begriff gefunden: Influencer. Transparenz ist in dem Moment zwingend, wenn der Kritiker als Influencer aktiv wird. Daran ist nichts verwerfliches. Es beschreibt lediglich eine Art wie Kritik präsentiert wird.

Die Wirksamkeit einer Kritik hängt von ihrer Glaubwürdigkeit ab. Diese kann sich zum Beispiel daraus ergeben, dass der Spielgeschmack des Publikums dem des Kritikers ähnelt. Oft wird das Argument geäußert, dass man sich einen Kritiker suchen sollte, der dem eigenen Spielgeschmack am nächsten kommt. Eine Kritik kann aber auch an Glaubwürdigkeit gewinnen, weil sie analytisch und argumentativ Substanz bietet. Fühlt man sich dazu verleitet sich ein Spiel zu kaufen, weil man sich den Spielvorlieben des Kritikers verwandt fühlt, oder machen die dargelegten Argumente neugierig auf das Spiel? Die Trennlinie zwischen den beiden Ansätzen ist nie ganz sauber und es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Rezension mal in die eine oder andere Richtung geht. Das liegt daran, dass Influencer und Kritiker keine gegensätzlichen Positionen sind. Es sind vielmehr zwei eigene Arbeitsbereiche, die sich überschneiden können aber nicht müssen.

Diese Unterscheidung ist jedoch keine Frage der Qualität, sondern der Funktion. Eine Rezension kann als Kaufberatung dienen, oder als tiefere, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Spiel selbst. Ein Publikum, welches in einer Kritik eine Kaufberatung sucht, fühlt sich durch Transparenz beruhigt und vor etwaiger Manipulation durch den Kritiker gewarnt. Wie man auch einem Verkäufer im Spieleladen nur unter Vorbehalt Glauben schenkt, da dieser ein Interesse daran hat ein Spiel zu verkaufen. So versucht man einzuschätzen, ob der Kritiker ebenfalls ein Spiel zu verkaufen versucht, wenn dieser ein Rezensionsexemplar erhalten hat. Die Forderung Rezensionsexemplare immer anzumerken drückt damit auch aus, wie man die eigene Beziehung zum Kritiker versteht. Nämlich die einer Community gegenüber eines Influencers, dessen Ansichten Gewicht zugeschrieben werden, weil man sich der Person in der einen oder anderen Art verbunden fühlt.

Wenn man Rezensionsexemplare thematisiert geht es also nur vordergründig um journalistische Integrität. Im Kern geht es um das Selbstverständnis des Kritikers, seiner Arbeit und die Menschen, die diese Arbeit konsumieren.

 


Photo by Silviu Beniamin Tofan on Unsplash

Georgios Panagiotidis