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Wenn du es baust, werden sie kommen!

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Auch in der Spielbranche gibt es Jahreszeiten. Eine davon ist das Sommerloch zwischen der „Spiel des Jahres“-Verleihung und dem Blick auf die Neuheiten des Herbstes. Es ist die feine Zeit, in der alle über den Pöppel reden, in der alle sich damit auseinandersetzen und in der gerade Leute, die in der Blase sind, sagen, sie können mit dem Preis nichts anfangen. Meist kommt von einer Seite dann der Wunsch, die Jury möge doch bitte noch den Expertenpreis ausgeben. Oft mit dem Farbwunsch in Grün oder Gelb.

Wer länger in der Szene ist, kann dieses Ritual jedes Jahr auf’s Neue erleben und jedes Jahr auf’s Neue kommen die Erklärer, die erst Mal klarstellen, was der Sinn des Pöppels ist und warum es deswegen nicht nur keinen Expertenpreis gibt, sondern es auch keinen geben sollte. Die Argumente muss ich hier nicht mal wiederholen, sind sie doch zumindest aus meiner Sicht alle nachvollziehbar. Was ich heute berühren möchte, ist warum die Jury in dieser Position ist und was es so anders macht.

Die zwei Seiten von Janus

Es gibt zwei Arten von Auszeichnungen. Kategorie A sind die, die etwas oder jemanden ehren und Erreichtes würdigen. Kategorie B sollen fördern und Erreichbares ermöglichen. In der Theorie ist das so einfach. In der Praxis ist die Linie aber sehr schwer zu umreißen. Der Oscar wurde in die Welt gesetzt, um Kategorie A zu sein und wird an der Stelle auch so immer noch genutzt. Aber er hat auch Auswirkungen in Kategorie B, denn Filme, die nicht zeitgleich weltweit erscheinen, werden in anderen Märkten mit dem Preis beworben. Auch kann er langfristig genutzt werden mit Aussagen wie: „Vom Regisseur der schon 5 Oscars erhalten hat; mit Schauspielern mit insgesamt 12 Oscars.“ Sagt das etwas über den Film aus? Nur, dass da Leute involviert sind, die was können. Der Film kann dennoch eine Gurke sein.

Sowas könnte ich mir im Brettspielbereich auch sehr gut vorstellen. Immer noch gibt es selten mehr als den Namen des Autors auf dem Cover. Warum steht da nicht: „Vom 5-fachen Spiel des Jahres-Gewinner Wolfgang Kramer“ drauf? Den Pöppel könnte man nicht mit abdrucken, das würde die Jury nicht erlauben, aber als Verkaufsargument im Handel könnte es dennoch helfen. Vielleicht hätte Abluxxen dann auch mehr Erfolg gehabt. Vielleicht sollten sich Autoren solche Sachen erstreiten.

Denn der „Spiel des Jahres“-Pöppel ist eindeutig ein Kategorie B-Preis. Spiele, die die Auszeichnung erhalten, sind danach große Verkaufsschlager. Die Spiele werden zigfach öfter verkauft und der Pöppel ist eine Marke geworden. Das war nicht immer so. In den ersten Jahren war da ein Anschub nötig. Ravensburger hat den Gewinn des ersten Pöppels Jahrelang überall genutzt. Es gab so gut wie keine Auszeichnungen und selbst der erste Gewinner Hase und Igel war schon eine Weile auf den Markt. Es hatte sogar schon 1978 gewonnen. Der Preis wollte ein Kategorie A-Preis sein.

Der heutigen Jury ist aber bewusst, dass sie kein Kategorie A-Preis sind. Und so wählen sie Spiele aus, welche die Zuordnung nutzen können, um das Spielen an sich hoffähiger zu machen. Die Stärke des Pöppels ist zu wissen, was er heute ist. Ein weiterer Preis von der Jury würde es nur weiter schwammig machen und er würde dem Kunden schwer zu erklären sein. Tut sich doch jetzt schon so mancher damit schwer, warum der Pöppel mal rot, mal blau und mal anthrazit ist. Wer nicht in unserer Blase ist, versteht das nicht.

Der Weg zum Olymp

Und da kommt der Deutsche Spielepreis immer wieder ins Gespräch, denn direkt nach der Verleihung der Jury sind auch die letzten Tage, um für den Deutschen Spielepreis abzustimmen. Dieser Preis ist als Publikumspreis auch ein Gradmesser, welche Verlage eigentlich bei den Spielern angesagt sind und welche die coolsten Spiele für die Blase machen. Das müssen nicht unbedingt Expertenspiele sein, aber etliche auf der Top 10 passen in diese Kategorie.

Dieser Preis ist einzig ein Kategorie A-Preis. Und auch wenn manche es auf ihre Schachtel drucken, so macht keiner Anstalten das zu ändern. Werfen wir mal einen Blick auf die Geschichte mancher Verlage mit dem Preis.

Hans im Glück galt viele Jahre als der Liebling der Spieler. Mit 36 Platzierungen seit 1990 gibt es auch keinen Verlag, der mehr erreicht hätte. Aber zwischen 2015 und 2019 waren es nur noch 2. Vielleicht hat der Verlag sich geändert. Vielleicht ist der Markt aber auch unkontrollierter geworden. Es gibt mehr Konkurrenz. Das Zugpferd für den Verlag ist eindeutig Carcassonne.

Lookout ist auch so ein Spieler-Liebling, mit 9 Platzierungen von 2005 bis 2016. Seitdem ist es aber ruhiger geworden um den Verlag. So als wollten die Spieler das nicht mehr sehen. Zugpferd ist hier ganz vorne Agricola.

Eggertspiele hat auch von 2006 bis 2018 insgesamt 14 Platzierungen erreicht und war fast jedes Jahr vertreten. Sowas passiert mit harter Arbeit und einem guten Näschen. Und der Verkauf des Verlages wird mit solchen Titeln auch leichter gewesen sein.

Feuerland ist der aktuelle Darling mit 8 Platzierungen seit 2013. Frank hat eine Nase für sehr gute Entwicklungen und natürlich auch passende Partner. Die Partner-Auswahl hilft ungemein, um zu zeigen, was die Spieler wollen. Ich gehe davon aus, dass dieses Jahr nochmal mindestens 2 Platzierungen dazukommen. Der Wert des Verlages kann sich daran gut messen lassen.

Der Deutsche Spielepreis ist etwas, was vor allem Verlage auszeichnet. Aber er wird von diesen nicht genauso genutzt. Es wird von ihnen nicht in derselben Form beworben. Sogar Kosmos hat 26 Platzierungen und Pegasus Spiele 20. Aber solche Zahlen werden nicht im Marketing verwendet. Warum eigentlich nicht?

Der Hund der seinem Schwanz nachläuft

Das große Problem ist eine Art Spirale. Je wertvoller der Preis, desto mehr wird damit geworben. Wenn damit nicht geworben wird, dann kann er sich auch nicht verbreiten. Aber damit er sich verbreitert, müssten alle an diesem Marketing-Strang ziehen. Gar nicht so einfach. Man könnte dem Preis ein Gesicht verleihen mit einem Untertitel wie: „Das Anspruchsvolle Spiel des Jahres,“ aber ich glaube die Verlage haben davor sogar eher Angst. Sie wollen leichte Unterhaltung sein und nicht anspruchsvoll. In der Literatur ist das ja auch gefühlt keine Hilfe.

Bei Buchpreisen haben mir die Ohren geschlackert als ich das genauer betrachtet habe. Wikipedia listet 372 Auszeichnungen auf. Und das sind nur die deutschsprachigen. Im Internationalen Markt wird es noch unübersichtlicher. Kennen tue ich vielleicht zwei davon. Also im Sinne von schon mal gehört. Was gewonnen hat, kann ich nicht beantworten. Für keinen einzigen Jahrgang.

Wird mit diesen Preisen geworben? Nicht das ich es mitbekomme. Ich bin in der Blase nicht drin. Und selbst in der Blase wäre das vermutlich eher nur eine Randnotiz für die meisten dieser Auszeichnungen. Einige dotieren ihren Preis auch noch mit Geld. Ob dies wirklich zur Förderung des Preisträgers ist, oder um sich etwas bekannter zu machen, kann ich auch nicht beurteilen. Mein Gefühl sagt aber letzteres. Und das ohne großen Erfolg.

Wenn ich mir anschaue womit geworben wird, dann ist es mit solch einfachen Aussagen wie: „New York Times Bestseller,“ oder „ 10 Wochen in der Spiegel Bestseller-Liste.“ Das sind noch nicht mal Preise, sondern einzig Charts. Der Verkauf wird durch Verkauf gefördert. Ein Buch ist ein Erfolg, also sollten andere das auch mitbekommen und an diesem Erfolg teilhaben. Mehr Kategorie B geht nicht. Bei Brettspielen sieht man die Charts dann in einem Karstadt und denkt sich: „WTF. Warum denn immer dasselbe mit Monopoly und Co.“ Ein Buch-Autor der es in diese Charts geschafft hat, wirbt damit: „Ein neuer Roman vom New York Times Bestseller-Autor.“ Das könnte man auch im Brettspielbereich machen. Es tut aber keiner.

Am Ende tragen die Gondeln Trauer

Ignacy Trzewiczek, Chef von Portal Games hatte vor ein paar Monaten über die Golden Geek Awards und über Auszeichnungen im Allgemeinen gesprochen. Der Golden Geek ist nicht nur ein Publikumspreis – und dabei vermutlich der größte weltweit – sondern auch ein Preis, der vor allem etliche Kategorien hat und versucht etwas in Richtung Oscar zu sein. Und Ignacy macht deutlich, was nicht Kategorie B ist, kann auch weg. Die Verlage brauchen keine Kategorie A-Preise. Davon gibt es tatsächlich ordentlich viele.

Es gibt auch genug Kategorie B-Preise die keiner braucht, wie den Mensa-Select oder den Toy-Award. Denn am Ende zählt nur was für das Marketing genutzt werden kann. Aber die Wahrheit ist, das wenn die Verlage da an einem Strang ziehen würden, meiner bescheidenen Meinung nach, der Deutsche Spielepreis derjenige ist, der am nächsten dran käme genau diese Stelle zu füllen und das Spiel des Jahres zu ergänzen. Auch Außerhalb unserer Blase. Als Kategorie B-Preis für Spiele, die alles abdecken. Den Einsteiger und die Vielspieler und den Experten. Ergänzt um den innoSpiel, für das innovativste Spiel des Jahres. Für die Verlage ist das bestimmt mehr wert als Twiddle.

Matthias Nagy

SPIEL.digital

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