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Das Einsteigerspiel und seine Mythen

Einsteigerspiele dürfen nicht zu komplex sein. Einsteigerspiele müssen möglichst konfliktarm sein. Einsteigerspiele müssen ein ansprechendes Thema haben. Diese Sätze haben alle etwas Wahres an sich, aber können auch schnell in die Irre führen. Heute möchte ich mir diese Ideen mal näher anschauen und ausleuchten, was sie eigentlich ausmacht.

1. Die Komplexität der Regeln. Sicher kennt das so mancher, dass komplexe Spiele auf viele Neuspieler abschreckend wirken. Eventuell erinnert man sich auch an die eigene Anfangszeit als die Masse an Spielmaterial, die man auf fremden Tischen gesehen hat oder daumendicke Regelwerke es unvorstellbar gemacht haben, dass man seine Freizeit eines Tages freiwillig damit zubringen würde.

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Aber wie auch jeder Vielspieler weiß, ist es manchmal eben diese Komplexität, die einen erst reizt. Es ist die Herausforderung sich durch ein vielschichtiges Spiel zu arbeiten und seine Nuancen auszuloten und es in seiner Gesamtheit zu begreifen, die den eigenen Ehrgeiz antreibt. Das ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal von Vielspielern. Kein Spielertypus hat Ehrgeiz für sich gepachtet. Eine Herausforderung spornt jeden Neuspieler an, wenn das zu erreichende Ziel greifbar und vorstellbar ist. Etwas Diffuses wie Spaß reicht nicht, damit sich Leute an komplex wirkende Spiele wagen. Nur wenn man erfolgreich vermitteln kann, was am Ende auf einen wartet, lockt man neue Spieler an den Tisch.

Komplexe Regeln bedeuten immer Aufwand, das ist klar. Nicht jeder hat die Zeit und Muße sich mit einem komplizierten Regelwerk voller fremder Konzepte und Mechanismen auseinander zu setzen. Ganz zu schweigen von den Spielen, die nach abgeschlossenen Regelstudium noch eine unbestimmte Zahl an Übungsrunden benötigen, um überhaupt das Spielgefühl aufkommen zu lassen, für das sie eigentlich gemacht sind. Ein Spiel welches zu oft Frust oder fehlenden Fortschritt verspricht – gerne als anspruchsvolles Spielerlebnis verklärt – weiß Neuspieler nur darin zu bestätigen, dass es gute Gründe gab diesem Hobby fern zu bleiben. Der vielversprechendste Einstieg in die Welt der Brettspiele zeichnet sich immer noch durch (erkennbaren Lern-)Erfolg aus.

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2. Konflikt im Spiel. Machen wir uns nichts vor. In vielen Kreisen hält sich hartnäckig die Ansicht, dass Männer den Konflikt im Spiel suchen und genießen und alle anderen eher zurückhaltend, scheu oder harmoniesuchend wie Glücksbärchis spielen. Wer also nicht mit „echten Kerlen“ spielt, der sollte für die Einsteigerrunde lieber zu einem Spiel greifen, welches ein sachtes und vorsichtiges Miteinander verspricht. Die Annahme, dass diese Vorlieben entlang irgendwelcher Geschlechteridentitäten verlaufen ist augenscheinlich absurd. Weniger absurd hingegen, ist der Grund weshalb vielen Neuspielern diese konflikt-basierten Spiele als Einstieg suspekt vorkommen. Oft versteht man eine Spielrunde als Wettstreit der Intelligenz, der den klügsten Spieler am Tisch bestimmt. Ein Wettkampf an dem sich wohl die wenigsten beteiligen werden, wenn man gegen erfahrene und geübte Spieler antreten muss. Das richtige Einsteigerspiel findet in einem Spielumfeld statt, in dem eine Niederlage nicht negativ auf den Spieler selbst zurückfällt. Spiele mit einem hohen Zufallsfaktor oder Glückselement eignen sich dafür. Man kann sich hier auf das Spiel selbst konzentrieren, statt sich um das Endresultat den Kopf zu zerbrechen.

Wer jedoch den Reiz des Wettkampfs auch bei Neuspielern nicht missen will, sollte neue Spielern darin bestärken sich mit anderen auf Augenhöhe messen zu können. Zu oft entsteht der Eindruck, dass Erfahrung bei komplexen Spielen einen uneinholbaren Vorteil mit sich bringt. Es sollte niemanden verwundern, dass sich eine Herausforderung weit weniger unterhaltsam anfühlt, wenn man mit dem Wissen hineingeht, kaum eine Chance zu haben.

3. Das Spielthema. Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Für manche muss ein gutes Einsteigerspiel ein möglichst neutrales oder aussageloses Thema haben. Andere vertreten eher die Ansicht, dass ein Einsteigerspiel sich mit Dingen beschäftigen sollte, die der vermeintliche Neuspieler bereits kennt oder interessant findet. Derzeit sehe ich den Vorteil eines Themas vor allem darin, wovon es sich distanziert. Sowohl stereotypische Nerdinhalte, pubertäre Gewaltfantasien als auch ein seichter Umgang mit der Geschichte locken keine neuen Spieler an den Tisch. Aber nicht weil diese Inhalte einem vermeintlich guten Geschmack zuwider stehen, sondern weil sie alle ein sehr oberflächliches und belangloses Spielerlebnis versprechen. Man ist nicht unbedingt zu reif oder gebildet für diese Spiele, aber auf den ersten Blick steht der Aufwand sie zu spielen in keinem guten Verhältnis zu dem was man davon hat.

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Das Thema dient aber auch dazu einen Ersteindruck von Regeln und Spielkonzept zu vermitteln. So kommuniziert eine Vielzahl an Symbolen, Zahlenwerten und Farbunterscheidungen ein vielschichtiges Spiel, welches eine deutliche Lernkurve benötigt. Weiße Sandstrände und einladendes Meeresblau können durchaus abschrecken, wenn diese von einer Lawine an kleinen Pfeilen, Quadraten oder wiederkehrenden Motiven verdeckt werden. Aber die Illustrationen auf der Spielschachtel vermitteln auch welche Art Spielerlebnis einen erwartet. Ein Cover, welches eine gewalttätige Schlacht darstellt, um ein schlichtes Mehrheitenspiel mit Karten zu präsentieren, verfehlt sein Ziel genauso wie knuffige Waldtiere, die in Wirklichkeit für ein Kriegsspiel voller Opportunismus werben.

Das richtige Einsteigerspiel zu finden ist mit Sicherheit keine einfache Aufgabe. Es gilt die Aufmachung zu beachten, um das Spiel überhaupt auf den Tisch zu bekommen. Es muss ein Regelwerk besitzen, welches fordernd genug ist, um ein reizvolles Spielerlebnis zu versprechen. Es darf aber auch nicht so einschüchternd sein, dass man Sorgen haben muss, den Rest des Abends nur der Gelackmeierte zu bleiben. Es muss außerdem noch klar kommunizieren was einen erwartet, wenn man die dafür benötigte Spielzeit investiert. So wie das Genre eines Films bereits eine bestimmte emotionale Erfahrung andeutet, muss ein gut gewähltes Einsteigerspiel es auch schaffen ein gewisses Versprechen zu geben.

Der vielleicht wichtigste Punkt eines gut gewählten Einsteigerspiels hängt aber von der Gruppe ab. Unabhängig der Spielerfahrung und des strategischen Vorwissens muss jeder am Tisch die Gewissheit haben auf Augenhöhe mit den anderen spielen zu können. Dazu gehört ein Maß an sozialer Kompetenz und Fingerspitzengefühl, welches man in keiner Schachtel finden wird. Das muss man im Spiel erlernen.

Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.
Georgios Panagiotidis

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