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Me, myself and I – Solitär ist auch nicht anders

Die vergangene Woche habe ich gegrübelt über was ich schreiben soll und dann kommt ein Tweet von Harald Schrapers und drängt mir das Thema quasi auf. Da sage mal einer, die Jury wäre zu nichts gut!

Es ist schon etwas ironisch, dass der bemerkenswerte Teil von Harald Schrapers Tweet ist,  dass er eine “Vereinzelung der Gesellschaft” sieht – wohlgemerkt in einem Tweet, also social Media. Bevor ich mich mit dem eigentlich Artikel befasse, erst einmal ein paar Worte zur “Vereinzelung”, dem schwächsten Teil des Artikels und des Tweets: Die Vereinsamung/Vereinzelung (hier synonym gebraucht) begann ja schon mit Büchern, als Druckerpressen so günstig waren, dass “das Volk” plötzlich lesen konnte und nicht mehr miteinander reden musste. Auch beim Radio wussten kritische Stimmen, dass die Gefahr besteht, dass man jetzt nur noch dem Radio zuhört und nicht mehr sich gegenseitig. Und so erging es seitdem so ziemlich jedem Medium (Fernsehen erwähne ich gar nicht erst). Die wahren Gründe waren doch eher Landflucht und städtische Strukturen, Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden am Tag, nach denen man tatsächlich wenig interagieren konnte und in den 60er und 70er Jahren kam noch der Massenwohnungsbau hinzu. Heute lassen sich viele Gründe für eine Vereinsamung finden, insbesondere Armut (inkl. Altersarmut), der “digital Gap” zwischen den Generationen oder ein Pflegesystem, dass den Schwerpunkt bei älteren und Kranken nicht auf dem Stärken des Soziallebens setzt. “Medien” haben damit nur am Rande zu tun – tatsächlich haben die sogenannten “neuen  Medien” die Interaktion und Kommunikation zwischen den Menschen verstärkt statt geschwächt – es wird mehr kommuniziert als je zuvor, allerdings auf andere Art und Weise – und ja, wer die nötige Medienkompetenz nicht erwirbt oder erwerben kann, ist von dieser Entwicklung ausgeschlossen. Mit dem Thema “Spielen” hat das alles freilich nur am Rande zu tun.

Schrapers fragt sich im eigentlichen Artikel ob die Vereinzelung der Gesellschaft der Grund ist, dass mehr und mehr Spiele einen Solomodus anbieten. Da diese Vereinzelung in dem Sinne nicht existiert, kann man gutem Gewissens “Nein” sagen. Es sollte aber auch klar sein, denn Schrapers schreibt ja schon richtig, dass Soloversionen von Brettspielen als Konkurrenz von Videospielen nicht geeignet sind, weil sie oft zu aufwendig sind, um sie zu spielen. Da gehe ich absolut mit! Da aber die Verlage eben offensichtlich immer mehr Solospiele und -varianten anbieten muss es ja einen Markt dafür geben. Woran liegt es also? Nun, nicht immer hat man Mitspieler parat und möchte dennoch nicht auf das Gefühl eines Brettspieles verzichten. Auch bieten sich Soloversionen eben perfekt an, um Regeln zu lernen oder auch um ein Brettspiel zu vertiefen, Strategien auszuprobieren und verstehen, wie bestimmte Mechanismen zusammenwirken. Das ist natürlich etwas anderes als das Brettspiel mit anderen zu spielen, aber deswegen nicht schlechter, nur anders. Eine “1” in der Spielzahl nimmt ja den anderen Spieleranzahlen nichts weg – ich spiele ja nicht seltener mit anderen, wenn ich ab und an ein Solospiel auspacke.

Auch möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass Solospiele weniger in direkter Konkurrenz zu Videospielen stehen (es sind halt doch sehr unterschiedliche Medien), sondern eher in Konkurrenz zu anderen physischen (“analogen”) Solohobbies wie “Modelleisenbahn” , “Modellbau” oder “Puzzles”, Hobbies mit Tradition, die alle mehr oder minder auf dem absteigenden Ast sind – weil sich das Freizeitangebot verschiebt, weil sie zu viel Zeit und vor allem zu viel Platz brauchen – ein Gesellschaftsspiel beansprucht meinen Tisch vielleicht 2 Stunden, ein großes Puzzle beende ich* vielleicht in einer Woche und Modelle stehen Jahrelang im Regal. Von Modeleisenbahnen will ich gar nicht erst anfangen! Komischerweise spricht niemand von “Vereinzelung”, wenn Leute ein Kreuzworträtsel (**) lösen oder ein Solitär spielen. Oder auch eine Patience – noch so ein Hobby, dass auf dem absteigenden Ast ist, dass vermutlich mehr online gespielt wird, als mit echten Karten. Glaubt man übrigens den Quellen in David Parletts ausgezeichneten Oxfords History of Card games, sind Patiencen aus Zweipersonenkartenspielen entstanden. Warum? Gab es die Vereinsamung bereits Ende des 18. Jahrhunderts? Oder musste dort irgendjemand wieder schrittweise mit Menschen interagieren lernen (Eine These, die ich in dem Artikel erstmals gehört habe und die mir sehr nach einer Strohpuppe klingt)? Kaum. Vermutet wird, dass die Adligen damals mehr und mehr Freizeit hatten, die sie totschlagen mussten, aber eben nicht immer einen Spielpartner zur Hand hatten. Heute haben die Menschen ebenfalls Freizeit, aber oft zerstückelt. Zeiten des Homeoffice und Gleitzeit ermöglichen eine individuelle Zeitplanung, die aber eben auch bedeutet, dass man nicht unbedingt zurselben Zeit frei hat, wie die bevorzugten Spielpartner. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und feststellen, dass es ein Zeichen für die steigende Akzeptanz der Brettspiele ist, dass mehr Leute jetzt zu einem Brettspiel greifen, als zu einem Puzzle oder einem Sudoku und dass die Anzahl der Solospiele trotz Videospielangebot gestiegen ist – wer ein Brettspiel alleine spielt, spielt ein Brettspiel auch mit mehreren.

Doch was an dem Artikel ärgert ist nicht die unhaltbare These an sich. Auch dass Schrapers Solospiele nicht gut findet, sollte niemanden stören. Ich selbst spiele praktisch nie Solospiele, einfach weil ich, wenn ich zeit hätte, lieber an einem Proto arbeite oder mit meinen Kindern spiele oder tatsächlich mal ein Computerspiel zocke. Nein, jeder nach seiner Fasson. Es gibt allerdings in der Brettspielwelt (und ich vermute mal in jeder Hobbyszene) die Tendenz sehr genau zu begründen, warum etwas, dass man persönlich subjektiv ablehnt, objektiv negativ ist – entweder ist es “kein Spiel” oder es ist gleich etwas, dass schuld am gesellschaftlichen Verfall ist (oder minimal ein Symptom davon). Geht es auch eine Nummer kleiner? Unser Hobby lebt von Vielfalt und Solospiele und Solovarianten erhöhen diese Vielfalt. Abwerten dieser Nische beschneidet das Hobby und ist damit am Ende des Tages nichts anderes als eloquentes Gatekeeping. Schrapers begründet sehr genau und nachvollziehbar, warum er persönlich keine Solospiele mag. Dabei hätte er es belassen sollen.

ciao

peer

 


* “Ich” =garantiert nicht ich

** Oder ein Skaträtsel, die offensichtliche Vorlage einer Crew.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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