Skaipläne für Jedermann: Edition Perlhuhn Teil 1

Nächste Woche ist Weihnachten! Das heißt, dass die Spielbar nächsten Sonntag nichts zählbares produziert. Wer noch kein Geschenk hat, findet hier die Empfehlungen des Beeple-Netzwerkes (inkl. meiner). Ich gehe nicht weiter darauf ein, denn wenn nächste Woche Heiligabend ist, heißt das dass in zwei Wochen der Sylvester vergeben wird (der untransparente, überflüssige Spielepreis ohne Aussage) und wenn ich jetzt schon über Empfehlungen schreibe, wäre das doch ein bisschen redundant.

Also schreibe ich über ein Stück Spielegeschichte: Die Edition Perlhuhn der Franckh´schen Verlagsbuchhandlung (später Franckh-Kosmos oder auch nur Franckh).

Der Perlhuhn-Verlag war damals der Lieblingskleinverlag vieler Kritiker, vermutlich weil das Material in der Rolle so hochwertig war: Holz- oder garSteinfiguren (damals eher eine Seltenheit) und vor allem Skai-Pläne mit oft tollen Graphiken von Reinhold Wittig (Kurzer Einschub: Leider gibt es praktisch keine Skai-Spielpläne mehr. Die sind ein Opfer günstigerer Druckmöglichkeiten und höherer Auflagen geworden. Schade eigentlich). Perlhuhnspiele waren damals ein gern gesehener Gast auf den Nominierungslisten der frühen 80er Jahre.

Vermutlich deshalb entschied 1986 die Franckhsche Verlagsbuchhandlung ausgewählte Spiele in den regulären Handel zu bringen – mit für damalige Verhältnisse schlicht atemberaubenden Material (Kunstlederpläne!) und entsprechend hohen Preisen; 50-60 DM musste damals für ein Spiel bezahlt werden – was inflationsbereinigt etwa 55€ entsprechend dürfte. Das war viel damals, kosteten die meisten Spiele im “stationären Handel”, als Karstadt & Co – doch eher 30 DM. Aber die Idee ging auf: Viele Leute waren von den wenig kindlichen Spielen angetan und griffen zu. Spielerisch würde man heute klar von “Familienspielen” reden (außer dem einen oder anderem abstrakten Zweier), aber damals war die Aufmachung eben nicht kindlich sondern “erwachsen” und sprach entsprechend gezielt neue Zielgruppen an. Ich kenne mehrere Spieler, die damals durch die Reihe angefixt wurden! Daher wollte ich hier die einzelnen Spiele ein wenig vorstellen. Damit der Eintrag nicht zu lang wird, wird die Vorstellung in mehrere Teile augesplittet. So habe ich auch im Januar was zu schreiben :-)

Die erste Welle: Das Spiel, Arbora, Corda, Müller & Sohn und  Ombagi 

(Kurze Anmerkung: Seeräuber GmbH erschien laut Luding im gleichen Jahr, aber meiner Erinnerung nach wurde es erst 6 Monate nach den anderen vorgestellt. Ist prinzipiell aber auch egal – ist jamein Blog und ich kann splitten wie ich will :-) )

Arbora

Arbora war die aufgehübschte Wiederauflage von Waldleben aus dem Perlhuhnverlag. Rolf Asche hatte noch ein weiteres Spiel im Perlhuhnverlag untergebracht, aber Reinhold Wittig ist natürlich der bekanntere Autor. Prinzipiell handelt es sich hier um eine Art zweidimensionales Domino: Die Plättchen zeigen auf vier Seiten verschiedene Baummotive (in Schwarz/Weiß!) und man legt an wenn man kann. Wird dabei eine Reihe oder Spalte fertig gebaut oder man legt das vierte Plättchen in einem 2×2 – Quadrat bekommt man einen Punkt, ggf auch mehrfach. Kann man nicht anlegen, behält man die Karte für eine spätere Runde. Theoretisch besteht Legepflicht, doch durch Abgabe eines Spielsteines kann man sich von dieser Pflicht freikaufen. Meint ein Spieler er könne nicht anlegen, kann ein anderer Spieler, der eben doch eine Möglichkeit sieht, diesen Spieler durch Klopfen auf die verpaßte Möglichkeit aufmerksam machen. Dadurch wird das Spiel etwas grüblerisch, denn natürlich gönnt man niemanden den Punkt.

Heutzutage ist das Spiel vermutlich etwas zu trocken, zu glückslastig und etwas altbacken- Kaufen würde ich es nicht mehr (obwohl ich es durchaus noch ab und an mit meiner Tochter spiele). Damals haben wir (meine Familie und ich) das aber wirklich rauf und runter gespielt, gerade auch weil es schön ist und jeder annähernd gleiche Gewinnchancen hat (ist halt enorm glückslastig). Es war ein schönes Familienspiel und das Umweltthema “Wald” weiß heute noch zu gefallen, weil es nicht so pädagogisch daherkommt. Vielleicht sollte Wittig eine Neuauflage als “Das geheime Leben der Bäume” ins Auge fassen ;-)

Müller & Sohn

Müller & Sohn dagegen fanden wir schon damals enorm enttäuschend und wir haben es vielleicht einmal tatsächlich zu Ende gespielt (aber mehrfach abgebrochen). Der Grund: Es ist ein reines Würfelspiel. Man würfelt, man setzt, kommt man auf ein besetztes Feld, bekommt man “Mühlsteine” geschenkt. Aktionskarten schenken oder klauen weitere Mühlsteine. Wer durch Glück 15 beisammen hat, darf eine Mühle kaufen und ist noch mehr dem Glück ausgeliefert, denn jetzt hat man nur noch einen Spielstein (statt 2). Bekommt auch der Sohn seine Mühle, darf man das Spiel beenden.

Dass sich das Spiel dennoch gut verkauft haben dürfte, dürfte an der Auszeichnung “Schönes Spiel” der Jury gelegen haben – tatsächlich ist Müller & Sohn vermutlich das schickeste Spiel der ersten Welle. Der Spielplan in Schwarzweiß würde auch heute noch Aufsehen erregen, da jede Mühle individuell gestaltet ist (und echten Mühlen nachempfunden sind). Die Aktionskarten sind mit launigen Sprichwörtern aufgepeppt. Das rettet das Spiel nicht, aber für die Serie wars Werbung:

Corda

Corda war das “kleine” Spiel der Reihe (Verkaufspreis: 30 DM), mit dem damals eher ungewöhnlichen Quadratformat einer König von Siamschachtel (glaube ich, habe kein Exemplar zur Hand zum abmessen). Hier hat Wittig auch in die Edition Perlhuhn auch gleich Ombagassa eingeführt, jenes fiktionale Land, in dem viele Perlhuhnspiele spielen. Damit gibt es einen roten Faden, der die (meistens eher abstrakten) Spiele verbindet – eine schöne Idee, die komischerweise kaum kopiert wurde (nur AEG hatte mal etwas ähnliches für Eurospiele geplant, das Experiment m.W. aber nach 3 Spielen eingestellt).

Das Spiel selber war ein Solitärpuzzel – das war mutig, denn es sollte ja eine Brettspielreihe eingeführt werden. Es galt alle Plättchen (bei Varianten auch nur ein paar) so zu legen, dass die Ranken alle geschlossen sind – es erinnert ein bisschen an diese “Verflixten Legespiele”, bei dem man 3×3 Quadrate so legen muss, dass alles passt. Dies hier war schöner, aber kniffliger. Weil man wohl Bauchschmerzen hatte, die Reihe mit einem reinen Solitär zu starten, gab es auch eine Mehrpersonenvariante, bei der man halt versuchte derjenige zu sein, der Kreise schloss. Das war ein reines Glücksspiel und funktionierte nur so halb.

OK, die Graphik ist nicht schlecht, haut aber heute niemand mehr vom Hocker:

Das Spiel

Jede neue Serie braucht den Einsteiger, den Eye-Catcher, dass worüber alle sprechen. Für diese Reihe war es Das Spiel, ein Kunstobjekt, dass über Hundert D-Mark kostete (damals unerhört!) und in der ersten Auflage ohne Spielregel ausgeliefert wurde- die Konsumenten waren dazu aufgerufen, mit dem Material zu spielen. Und das hatte es in sich: Insgesamt 281 Würfel in mehreren Farben waren in der Schachtel zusammen mit einem Pyramidensockel, der durch eine geraffelte Oberfläche eben diese Würfel auffangen konnte. Und zwar so, dass sich eine Pyramide ergibt. Mit dem Material wurde dann wohl auch gespielt, denn in späteren Ausgaben wurden zahlreiche der Spiele vorgestellt, die von Benutzern dieser Pyramide eingestellt wurden (in meiner Ausgabe 57). Die Spannbreite der Spiele umfasst von reinen Glücksspielen über Geschicklichkeitspielen bis hin zum Strategiespiel fast alle Fascetten. Dennoch: Wirklich atemberaubendes habe ich unter den Spielideen noch nicht gefunden (zugegebenermassen aber auch noch nicht alle durchprobiert) – Als dekoratives Element wird die Pyramide wohl eher eine Verwendung finden, denn als Spiel … Kreative Geister können es aber natürlich immer noch als Ideenplattform nutzen.

Immerhin war das Komnzept so ungewöhnlich (und wohl auch erfolgreich), dass Abacus das Spiel noch zweimal wieederauflegte, aber die Anzahl der Würfel verringerte (erst auf 166 dann auf 121 Würfel) und damit den Preis etwas drücken konnte.

Ombagi

Während ich diese Zeilen schreibe überlege ich , ob Ombagi wirklich in der ersten Welle erschien oder ob es wie Seeräuber GmbH einen Nachzügler bildete. Ich meine es waren nur drei Spiele in der ersten Welle gewesen, Plus Das Spiel. Aber ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr und die Seiten im Netz wissen nur das Jahr. Der Grund warum ich hier unsicher bin, ist einfach, dass es als abstraktes Zweier erst viel später in meine Sammlung fand. Zudem ist es optisch das am wenigsten aufregende der Reihe:

Die Spielsteine sind aber schön klobig und machen durchaus was her. Aber für die 50-60 DM war das zu wenig.

Spielerisch ist das Spiel von dieser ersten Welle vermutlich das interessanteste. Jeder Spieler hat auf seiner Spielplanseite vier Türme á Drei Steine stehen. Dabei stehen die Steine mit dem Aufdruck 1 ganz unten, die 2er in der Mitte und die 3er ganz oben. Ziel ist es nun, den Spielplan zu überqueren und die Türme entsprechend wieder aufzubauen. Abwechselnd setzt nun jeder Spieler einen Stein. Dabei gibt die Zahl die Zugweite an – Dabei zählt auch ein Schritt auf einen anderen Stein rauf oder von einem Stein runter ebenfalls als ein Schritt. Blockiert werden kann auch: Indem man einfach auf fremde Steine raufhüpft. Allerdings muss eine Blockade aufgegeben werden, wenn der blockierte Stein der hinterste Stein des Gegners ist. Im Prinzip ist dies also eine taktische Halma-Variante und die war durchaus gut. Meine letzte Partie ist zu lange her, als dass ich noch wüsste, ob das Spiel immer noch etwas taugt, aber schlecht wars nicht.

Bei BGG habe ich eine Einerwertung gefunden, die das Spiel vielleicht beschreibt: “Das Spiel ist kaputt, wer seine Steine nicht von den Startfeldern bewegt, kann nicht verlieren!” Das stimmt, aber man kann auch nicht gewinnen. Das Spiel kann sich so theoretisch aufhängen und das ist unschön. Andererseits: Warum möchte man denn destruktiv spielen, statt zu versuchen zu gewinnen? Naja, war halt ne andere Zeit damals…

Prinzipiell ist diese erste Welle ziemlich charakteristisch für die Reihe: Spielerisch ist das alles heute nicht mehr interessant (und zum Teil war es das auch schon damals nicht). Aber das Material ist topp und spielhistorisch ging die Reihe neue Wege. Ähnlich wie die 3M-Spiele oder die Bütehornreihe ist auch die Edition Perlhuhn daher ein Stück Spielegeschichte, unabhängig vom spielerischen Nährwert.

Fortsetzung folgt…

Aber erst mal: Frohe Weihnachten!

ciao

peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Ein Gedanke zu „Skaipläne für Jedermann: Edition Perlhuhn Teil 1“

Kommentare sind geschlossen.