Der Blick über den Altersrand

Ich hasse den Ausdruck: „Die guten alten Spiele.“ Synes Ernst hatte das letztes Jahr gut in einer Radiosendung aufgebracht. Die Leute die sowas sagen meinen meistens Monopoly, Mensch ärger Dich nicht und andere Spiele die 50 oder 100 Jahre alt sind. Diese Spiele sind sehr oft nach heutigen Gesichtspunkten nicht mehr gut. Das bedeutet nicht das sie nicht auch eine Daseinsberechtigung hätten und sei es nur um Leute ans Spiel heranzubringen, weil keiner die Regeln lesen muss. Aber diese Spiele sind alt, aber nicht gut.

Gleichzeitig stelle ich mich hin und Erwähne #WorthyClassics und bin der Meinung das es viele gute alte Spiele gibt. Ich bin ein Fan von den guten alten Spielen. Nur halt nicht 50 Jahre alte sondern nur 10, 15, 20 Jahre alte. Und selbst vor 10 Jahren gab es Gurken. Aber halt auch geniale Spiele.

Gleichzeitig bin ich einer der den Cult of the New verteidigt. Nur durch viel neues, durch viel Iteration, durch viele Ideen kommen wir an dem Punkt an, wo wirkliche echte Innovationen entstehen. Diese kommen nicht über Nacht und nicht zufällig und schon gar nicht in einem Hinterzimmer. Manchmal vielleicht auch nicht augenfällig, sondern erst wenn jemand das geniale nimmt und nochmal genialer macht und es dadurch erst in der Masse landet. 10% Genie und 90% Handwerk.

Gleichzeitig gibt es eine Gruppe von Spielern die sich versuchen Standhaft gegen den Cult of the New zu stellen. Als wäre es verteufelt sich auf alles neue zu stürzen. Als wären alle die Zombies, die sich auf jeden neuen Strohhalm stürzen verblendet und würden die guten Spiele gar nicht wahrnehmen. Und hier geht es nicht um Early Adopter oder Perlentaucher. Es geht um eine Grundsatzfrage des Alters oder der Einstellung.

Für die Werbewirtschaft gibt es die Gruppe der 19- bis 49-jährigen. Diese ist werberelevant, weil Menschen die älter sind, nicht mehr mit der Werbung erreicht werden können. Diese Menschen wissen was sie wollen und denen geht der Rest vorbei. Über diese Grenze lässt sich vortrefflich streiten und es gibt ja auch Menschen, die sie erst bei 59 ziehen. Solche Gesellschaftlichen Bewegungen sind normal und da zieht sich der politische Begriff von Konservativ und Progressiv durch.

Und natürlich kann man neben persönlichen Empfindungen mit Zahlen jonglieren. Die Zahl der Neuerscheinungen jedes Jahr steigt. Die Zahl der Verkäufe steigen, gleichzeitig fragmentiert der Markt. Er fragmentiert in die Jungen und Alten. In die Spieler für Kommunikation und Strategiespiele. Er teilt sich in Leute, die es einfach und schnell, und die, denen 6 Stunden ein guter Aufwärmer ist. Und die Verlage versuchen möglichst viele dieser Gruppen zu erreichen um möglichst viel im Markt an den Mann zu bringen. Das führt wiederum zu noch mehr Spielen.

Aber, und das ist das schöne für mich, es führt zu mehr spannenden Ideen. Autoren die versuchen zu schauen, was sich unter einem engen Korsett machen lässt. Zu wissen ich versuche diese Zielgruppe zu bedienen und habe dafür nur den engen Rahmen von folgenden Materialien, bringt oft die coolsten Ideen. Oder die Grundlagen für die nächste geniale Idee, welche Spiel des Jahres werden kann.

Wenn also Ben postuliert, spielt ruhig weniger verschiedene Spiele, dann sei ihm das gelassen. Ich sage spielt mehr verschiedene Spiele. Und spielt öfters. Und mehr. Und spielt. Seid neugierig. Einen Grundsatz, den eigentlich die Sesamstraße schon den Kindern vorlebt. Für mich ist Monopoly Stillstand und die Neuheitenliste Fortschritt. Doch die #WorthyClassics helfen einzuschätzen wo wir sind und was wir erreicht haben. Und nur durch Neuheiten erreichen wir die Spiele die wir in 10 oder 25 oder 100 Jahren wieder als gute alte Spiele wahrnehmen können.

Matthias Nagy

Autor: Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.

2 Gedanken zu „Der Blick über den Altersrand“

  1. Hey, eines der besten Spiele für Nichtspieler, DAS Spiel, das bei meinen Schülern immer noch ankommt ist Pit, erschienen 1903.

    Das Erscheinungsjahr gibt bestenfalls eine Wahrschenlichkeit an, ob ein Spiel gut oder schlecht ist, aber keine absolute Aussage – da gebe ich dir völlig recht!

  2. Interessanter Artikel.
    Größtenteils stimme ich dir zu. Neue Spiele würden vielen Menschen gut tun. Den Horizont erweitern ist immer eine gute Sache, finde ich.
    Trotzdem gibt es auch einige alte gute Spiele. Aber auch ich spiele diese kaum noch bis gar nicht mehr. Dafür gibt es einfach zu spannende, gute Spiele, die jedes Jahr auf den Markt kommen.
    Viele Grüße

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