Zehntausend BGG-Nutzer können sich nicht irren

Wenn mich etwas derzeit nervt, dann ist es das Wort Hype. Sonja hatte das auf ihrem Blog schon sehr gut zerlegt, aber zeigt auch, dass viele das Wort anders verwenden, als es gedacht war. Was mir daran besonders aufstößt ist die Tatsache, dass scheinbar manche so cool sein wollen, dass sie genau das nicht mögen, was alle anderen mögen. Der Massengeschmack ist falsch und jeder, der wie die anderen denkt, ist ein Fanboy. Noch so ein Wort, das oft abschätzig verwendet wird. Das ist hier natürlich eine sehr vereinfacht gehaltene Gemeinheit, wo sich keiner drin wiederfinden wird. Das ist auch ok.

Als vor 22 Jahren Catan das Licht der Welt erblickte war es auch etwas, was wir heutzutage wohl als Hype bezeichnen würden. Als vor etwas über 6 Jahren 7 Wonders richtig abräumte, wäre der Begriff Hype bestimmt auch korrekt gewesen. Und was Pandemic Legacy vor über einem Jahr abzog, hätte neben diesem Wort bestimmt auch mit einem Ausbruch und einem Vergleich mit den Viren, welche im Spiel vorkommen, verglichen werden können. Hat vielleicht der eine oder andere seine Viren im Spiel nach anderen Spielen benannt?

Das sind alles Phänomene mit denen ich gut leben kann. Da draußen gibt es etliche, die sich immun zeigen sowohl für die Hypes als auch für die Meinung der Leute, die es hypen. Sie schauen sich jedes Spiel selber an und bilden sich ihre Meinung. Ob diese allerdings völlig offen ist, ist schwer zu sagen. Auch ich bin manchmal überrascht, was mir gefällt und was nicht, obwohl ich viel oder wenig von einem Spiel höre. Wir alle versuchen dabei unvoreingenommen zu sein. Ob es gelingt, kann ich nicht sagen.

Im unknowns-Forum ist im Bereich Hype ein Nebendiskussionsobjekt aufgetreten. Die BGG-Rankings. Wer wissen möchte, wie das Ranking System auf BGG funktioniert findet hier eine sehr schöne ausführliche Darstellung (wenn auch in englisch). Kurz gesagt, das System ist nicht perfekt, aber es ist scheinbar das bisher beste. Und dennoch wird weiter über einen Hype gesprochen, wenn gerade die Menge der neueren Spiele angesprochen wird die sich in den Topp 100 rumtreiben. Das kann nur noch mit Hype beschrieben werden. Anders ist es nicht möglich. Da werden Spiele wie Rising Sun bewertet, wo das Spiel nicht nur noch gar nicht erschienen ist, es gibt auch noch gar keine Regeln.

Für mich ist das aber so gar nicht überraschend. Da gibt es einfach zu viele Faktoren. Werfen wir also mal einen Blick auf zwei Tatsachen und wie ich sie mir erkläre. Ob ich recht habe? Keine Ahnung, aber eine Erklärung würde es liefern.

Wertungen für Spiele die noch nicht erschienen sind

In dem Jahr nach Agricola brachte Lookout das grandiose Le Havre raus. In Essen standen alle stundenlang in einer der beiden Schlangen zum Stand, um ein Exemplar des Spiels zu ergattern. Die benachbarten Stände waren davon nicht so angetan. War das ein blindes Vertrauen in den Hype um das nächste große Ding von Uwe Rosenberg? Vermutlich nicht, denn Merkator schaffte nicht dasselbe. Tatsache war eher, dass Uwe Rosenberg ein gründlicher Tester ist. Er hat das Spiel von verdammt vielen Leuten testen lassen und dies in großer Menge auch in der Anleitung dokumentiert. Über Mund-zu-Mund bekamen das immer mehr mit. Das Spiel wurde von den Leuten geliebt. Und so wollten es viele haben als es rauskam.

Auch ein Jamey Stegmaier hat sich Fans aufgebaut. Mit harter Arbeit und viel Kommunikation. Viele Leuten durften sich Scythe anschauen und Spielen bevor es erschien. Es musste ja getestet werden, damit es auch gut wird. Dass diese Spieler dem Spiel dann auch gute Noten geben, ist nicht so verwunderlich, wenn ihnen gefallen hat, was sie gespielt haben. Und das Spiel ist in den Top 10 auf BGG trotz der großen Fehler die beim Kickstarter gemacht wurden, mit einem idiotischen Stretchgoal-System, das das ganze auch hätte implodieren lassen können. Dass Rising Sun getestet wurde, dürfte als sicher gelten. Und das nicht nur von den Leuten in-House.

Viele Spiele der letzten Jahre in den Topp 100

Ist das wirklich ein Wunder, dass gerade moderne Spiele in den oberen Plätzen sind? 67 der Top 100-Spiele sind aus dem Jahr 2010 oder neuer. Das sind zwei Drittel. 33 der Top 50-Spiele sind aus dem Jahr 2012 oder neuer. Auch das sind zwei Drittel. Die Zahlen sprechen da eine spannende Sprache. Aber werfen wir mal einen Blick auf den Markt abseits von BGG.

In den letzten Jahren haben Brettspiele weltweit einen Boom erfahren. Die Messen wachsen und sowohl die Gen Con als auch die Spiel in Essen, als auch die UK Games Expo, die Origins, das Festival des Jeux in Cannes, die Play in Modena, die Comic und Games in Lucca und so viele andere berichten von immer größeren Zahlen. Immer mehr Leute beschäftigen sich mit dem Hobby. Warum das passiert kann nur geraten werden, aber der Will Wheaton mit seiner Tabletop-Show hat bestimmt auch seinen Teil dazu beigetragen. Brettspielen ist etwas geworden, wofür man sich nicht mehr schämen muss. Berühmte Leute aus Film und Fernsehen spielen auch. Das ganze machte deutlich sichtbar Spaß. Viele Spieler sind aus ihren Löchern gekrochen. Andere wurden angesteckt und entdeckten ein Hobby, welches ihnen auch Spaß machte.

Und über die Neuen können wir auf jeden Fall reden. Denn es gibt sehr viele Leute, die haben erst in den letzten fünf Jahren angefangen zu spielen. Die kennen die meisten Spiele vor ihrer Zeit nicht. Die modernen Klassiker wie Catan, Carcassonne, Zug um Zug oder auch Dominion sind ihnen bekannt, aber viele andere Spiele aus der alten Zeit nicht. Sie wissen nicht, was es da alles für tolle Spiele schon vor 10, 20 oder 30 Jahren gab. Da gab es aber auch weniger Spiele und einige sind nicht gut gealtert.

Und so sind die Spiele besser geworden. Mit mehr Spielen ist zwar auch mehr Schund, aber natürlich sind auch immer bessere Spiele auf dem Markt gekommen. Und mit mehr Menschen die Spielen, sind auch immer mehr Anmeldungen auf BGG erfolgt und somit immer mehr Spieler, die ihre Spiele bewerten. Und abgesehen von ein paar Pappenheimer, welche alles mit 1 Punkt bewerten, sorgt das System von BGG dafür, dass oft bewertete Spiele weiter nach oben schwappen, denn ihre Noten sind aussagekräftiger.

Wir könnten also dem Hype die Schuld geben oder der Masse an Spielern, die noch gar nicht wusste, was die alten Spiele alles können. Mir könnte es nicht egaler sein, denn viel wichtiger finde ich, dass es mehr geworden sind. Und mehr Spieler sind immer was Gutes. Es ist auch eine gute Gelegenheit all diesen Spielern die guten Klassiker aus den alten Jahren zu zeigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese auch kennenzulernen. Sie müssen dabei nicht mal so alt sein wie die Spiele die Rob Daviau für Restoration Games aus der Gruft holt. Es reicht schon, wenn sie älter als 7 Jahre sind. Lasst uns die #WorthyClassics rausholen und den Spielern beibringen.

Matthias Nagy

Autor: Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.

4 Gedanken zu „Zehntausend BGG-Nutzer können sich nicht irren“

  1. Deinem letzten Satz stimme ich zu 100% zu – bei der Vorauswahl für meine Spielerunden versuchte ich genau darauf zu achten – damit wenigstens einmal im Jahr auch Spiele wie Full Metal Planète, Atlantic Storm, Civilization und Nuclear War eine Chance bekommen.

    Was mich am Hype abstößt ist, dass er oftmals Faktoren berücksichtigt, die nichts über ein Spiel aussagen. Insbesondere der “Ich-hab-es-und-Ihr-nicht”-Faktor bei Spielen, die neu und schwer verfügbar (weil KS, limitiert oder Auflage vergriffen) sind. Da geht im Endorphin-Rausch schnell jede Verhältnismäßigkeit verloren, was sich gerne mit GROSS GESCHRIEBENEM TEXT, “Oh mein Gott!” Geschrei, Paket-Fotos (gerne noch zu und mit “Ratet mal was da drin ist” Kommentar versehen) sowie Emoji- und Ausrufezeichen-Overkill manifestiert!!!!!1elf

    Schon klar, das kommt in der von Leuten, die noch nicht so lange dabei sind oder viel Aufmerksamkeit brauchen, aber genauso viel oder wenig, wie die etwas für ihr Verhalten können, kann ich für meines: Am Anfang kopfschütteln, dann ein ironisch-sarkastischer Kommentar, und entweder hab ich danach einfach keinen Bock mehr auf das Spiel, oder ich spiele es nur, um die positiven Eindrücke zu überprüfen und nach negativen zu suchen, quasi als Ausgleich.

    Der Grund, warum ich durch so ein Phänomen schnell die Lust auf ein gehyptes Spiel verliere, ist womöglich der, dass ich es extrem schade finde, dass dadurch andere, womöglich auch gute Spiele ignoriert werden, nur weil alle 10 Minuten jemand glaubt, das beste Spiel der Welt entdeckt zu haben, was er für den Rest seines Lebens ununterbrochen spielen will. Und als Liebhaber von echten Raritäten, unterschätzten Underdog-Spielen und alten Schätzen fühle ich mich berufen, hier entgegen zu wirken, damit nicht wie auf dem Schulhof der Lauteste die meiste Beachtung erhält.

  2. Hey, Matthias und Oli,

    ihr beide seid einfach gut und fast alles, was ihr schreibt, hätte ich synchron mitsprechen können.
    Mir geht´s in Essen auch jedes Jahr so (naja, WENN ich mal vom Stand wegkomme…), daß ich manchmal denke: “Ihr Pfeifen!!!! Da steht ihr ewig an, um ein Exemplar des Mega-Sellers zu ergattern, und den Newcomer mit seinem Erstling um die Ecke nehmt ihr noch nicht mal wahr…!” Obwohl das Spiel, das da suboptimal präsentiert wird (Grafik von einer Freundin und so), vielleicht vom spielerischen her den Mega-Seller komplett ins Abseits stellt.
    Mag sein, daß nicht, aber wenn man sich nicht drum kümmert und eher Konsument als Spieler ist, dann bekommt man es auch nicht mit. Baaaah…!
    Anyway, danke für deinen Artikel, Matthias, und danke für deinen Kommentar, Oli.
    All the Best
    till

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