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Bericht von der UK Games Expo

Wie letzte Woche schon ganz dezent angedeutet, war ich auf der UK Games Expo. Und da dachte ich: Wo ich doch sonst wenig über Essen schreibe, schreibe ich doch mal ein bisschen mehr über die englische Messe :-)

Gleich beim Reingehen fallen zwei Dinge auf: 1. Anders als in Essen, wo man sich immer totschwitzt, ist die Halle hier deutlich kühler, fast schon zu kühl für meinen coolen T-Shirt-Look.

2. Es ist nur eine Halle, vielleicht etwa so groß wie die Halle 2 in Essen. Das ganze ist also einige Nummern kleiner. Da es nur eine Halle gibt, ist dort auch fast alles schön durcheinander: Händler verkaufen bunte Sortimente, große Verlage haben ihre Stände (allerdings eher kleine Stände – Kosmos hatte z.B. ganze zwei Tische aufgebaut), Kleinverlage stellten ihr Spiel vor, Tabletopper hatten Terrain aufgebaut und in einer Ecke wurde mit Schaumgummiwaffen gehandelt. Aber natürlich bedeutet das auch, dass man hier nicht viel an Neuheiten oder gar Spezialitäten findet. Die UK Games Expo hat den Schwerpunkt weniger auf die Verkaufsfläche gesetzt.

Dafür haben die Organisiatoren sich eine ganze Reihe cooler Sachen einfallen lassen, um dennoch Leute zu locken und den Gästen auch ordentlich was zu bieten. Das fängt mit dem großen, farbigen und völlig kostenfreien Katalog an, der wirklich lesenswert ist. Dann gibt es viele freie Spielflächen – sowohl auf dem Messegelände, als auch im naheliegenden Hilton-Hotel, wo bis weit nach Mitternacht gespielt wird und wo auch Turniere und Rollenspielrunden (!) stattfinden. Während der Messezeit in der Halle und danch im Hotel haben alle Gäste zudem Zugriff auf die “Brettspielbibliothek”, wo man sich Spiele ausleihen kann. Außerdem gibt es eine extra “Familiy Zone”, wo speziell Familienspiele vorgestellt und gespielt werden. Auf dieser Messe soll also tatsächlich in erster Linie gespielt werden. Sehr gut war auch die Idee, vor dem Hotel und in einer Hallenecke ein kleines “Street Food Festival” zu veranstalten. Dadurch war die Auswahl groß und etwas flexibler als die üblichen Hot Dogs (Das Hilton war davon nicht begeistert, wie mir ein Organisator mitteilte, aber da die es in den letzten Jahren nicht geschafft haben, eine adäquate Speisenversorgung zu gewährleisten, haben sie sich zu dem Schritt entschlossen um für Konkurrenz zu sorgen). Nun ist englisches Essen immer teuer, insofern würde ich nicht sagen, dass das Essen günstig war, aber es war auf jeden Fall lecker, warm und sättigend :-)

Ebenfalls ein Lob verdienen die Einrichtungen “Bring & Buy”, wo jeder Spiele kaufen und verkaufen konnte (allerdings mit kleiner Gebühr und es war eine enorme Schlange, vor dem B&B-Bereich, so dass ich dort nicht wirklich aktiv war) und “Playtest”. Beim letzten konnte man sich im Vorfeld einen Tisch sichern und dann einen Prototypen testen. Die Organisatoren der Playtest-Area haben dann aktiv Mitspieler rekrutiert und wer mitgetestet hat, konnte Gutscheine für einen Brettspielonlienshop gewinnen. Wenn ich an die Autorentische in Essen denke, die oft ziemlich verwaist sind, wäre das vielleicht auch dort eine Option. Abregundet wurde das Programm durch zahlreiche Veranstaltungen wie Cosplay-Wettbewerbe oder Frage&Antwortstunden oder Live-Podcast-Aufnahmen vom Dice Tower und Shut up and sit down.

Ist die Games Expo ein Muss? Sicher nicht. Ist sie einen Besich wert? Ich denke schon. Ich war jetzt da, weil ich den Besuch mit Verwandtenbesuch in Birmingham am Sonntag verknüpfen konnte und weil Osprey Games vor Ort war und ich so ein bisschen Werbung für The king is dead machen konnte. Ob ich nächstes Jahr wieder hinfahre, weiß ich noch nicht, das hängt aber auch wesentlich von Zeit und Flug- und Hotelkosten ab. Es war schön, aber Essen ist naturgemäß wichtiger und beeindruckender :-)

Nach diesen eher allgemeinen Einschätzungen noch ein paar persönlicherere Messesplitter:

Bei Osprey habe ich nicht nur signiert, sondern konnte auch schon “Pre production copies” (also Vorabexemplare zur Kontrolle) von meinen “Let them eat cake” und Günter Cornetts “Agamemnon” sehen. Natürlich bin ich nicht neutral, aber die sehen beide super aus! Meines sieht “in echt” deutlich besser aus, als auf den Fotos, aber Agamemnon ist totschick. Es sieht wirklich wie ein klassisches Spiel aus und ich würde es mir schon fast wegen der Optik kaufen! Mehr über Cake in zwei Wochen.

Gespielt habe ich auch. Begonnen mit einem Zweipersonen-Kampfkartenspiel – eine Art “Magic mit Aktionspunkten”. Titel vergessen, aber das ist nicht so wichtig. Zum einen mag ich das Genre eh nicht besonders, zum anderen hat mich das Spiel nicht überzeugt. Wenn man nur wenige Karten ziehen kann, bzw. das Karten ziehen Aktionspunkte verbraucht, die dann fehlen, ist es eben noch wichtiger was man zieht. Da schien es aber keine Kompensation zu geben. Jedenfalls zog mein Kontrahent starke Monster und ich Zauber, die ich nicht nutzen konnte, weil die nötigen Bedingungskarten nicht auslagen.

Dann kam Celestria, die Neuauflage von Cloud 9. Da gibt es jede Menge Rezis zu (auch in der aktuellen Spielbox) und ja, ist nett. Mir gefällt das strukturell ähnliche Incan Gold aber besser, aber das ist Geschmackssache. Auf jeden Fall braucht man nicht beide.

Als drittes folgte Bear Valley. Das ist eine Art Push-Your-Luck-Carcassone. Jedenfalls legt man Karten an und kann dann dem so gebildeten Weg entsprechend weiterkommen. Außer eine Karte zeigt einen Bären oder die Anzahl der Ausgänge der Karte entspricht der Anzahl der bereits gelegten Karten, dann muss man stehen bleiben und die anderen können den so gebildeten, jetzt bekannten Weg nutzen. Mmh. Also, wir hatten definitv unseren Spaß – die Schadensfreude ist enorm, wenn ein Spieler einfach nicht dorthin kommt, wo er hinwill, weil die Wege nicht so wollen, wie er. Aber ich weiß nicht, ob das Spiel auch noch ein zweites, drittes Mal Spaß macht. Das Geschehen ist doch sehr zufallsbetont und selbst der Expertenmodus scheint nur zu verhindern, dass jemand den anderen hinterherlaufen kann, aber er schafft nicht wirklich taktische Optionen die über das “Hoffen und Beten” hinausgehen. Aber die Probepartie war definitv keine Zeitverschwendung.

Dann habe ich zu zweit Nina & Pinta von den Ragnar Brothers angespielt (etwas mehr als die Hälfte der Rundenzahl, dann musste ich zum Ospreystand). Das hat durchaus Spaß gemacht! Ein klares Entdeckungsspiel mit einigen schönen Mechanismen, zudem recht flott gespielt. Ich konnte in dieser halben Partie jetzt nicht wirklich sagen, wie sehr die zufälligen Plättchen die eigene Taktik vorgeben, also in wieweit man reagiert statt agiert, aber die Chance für einen Kauf in Essen ist groß :-)

Nach der Signierstunde bei Osprey und Nahrungsaufnahme (Cornish Pastry) und einem kleinen Einkauf (Tin Goose, Birds of a feather, Red 7) ging es dann zum Playtest-Stand, um meinem Polynesia noch einen Abschlusstest zu gönnen. Wie gesagt: Das war toll organisiert (übrigens u.a. von Brett Gilbert) und wir waren recht schnell zu viert. Dann mein erstes Highlight: Ein Spieler kam während der Partie zum Tisch: “Bist Du morgen da? Nein? Schade, ich liebe deine Spiele!” OK, für diese Momente erfinde ich Spiele! Aber es wurde noch besser! Nach der Partie meinte einer der Testspieler: “Das war das beste Spiel, dass ich heute gespielt habe – ich denke Du bis fertig!”. Sowas geht natürlich runter wie Öl, zudem die Kritik auch sonst stimmte.

Nach Messeschluss spielte ich noch Red 7 – ein wirklich nettes Kartenspiel, bei dem man nach seinen Zug das beste Blatt am Tisch ausliegen haben muss, weil man sonst ausscheidet. Um das zu erreichen spielt man 1 oder 2 Karten – maximal eine in die Auslage und/oder eine in die Mitte. Die Mittelkarte legt die Regeln fest, nach denen das beste Blatt bestimmt wird. Das Spiel ist pfiffig. Der Glücksfaktor ist nicht zu unterschätzen, aber man kann durchaus geschickt spielen – oder nicht. Vor allem ist das Spielgefühl auch sehr frisch und das Spiel flott gespielt. Große Empfehlung!

Danach hing ich noch mit der Osprey-Crew ab, spielten zwei Prototypen und ein The king is dead. Letzteres zu dritt, die Spieleranzahl, die ich noch nie gewinnen konnte. Und dabei blieb es auch. Dafür hat Osprey gleich wieder einen Proto von mir eingepackt :-) Also Daumen drücken – Ich habe mit dem Marketing Manager abgemacht, dass ich ein Poloshirt gewinne, wenn ich in vier aufeinanderfolgenden Jahren ein Spiel dort unterbringe. Das ist doch mal ein Anreiz! :-)

ciao

peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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2 Kommentare

  • Auch wenn die Veranstaltung deutlich kleiner ist als Essen, so ist sie doch größer als so manch große Veranstaltung in Deutschland (Herne, Bielefeld, Rattengen, etc…) und sie ist gerade doppelt so groß geworden wie letztes Jahr. Ich finde sie von der Größe schon fast größer als Cannes.

    Fakt ist halt, sie ist die wichtigste Messe in UK. Und als solches sollte sie auch wahrgenommen werden.

    Muss man aus Deutschland da hin? Als normaler Spieler vermutlich wirklich nicht.

  • Ja, die Veranstalter bezeichnen sie als die zweitgrößte Spielemesse Europas und die drittgrößte der Welt.
    Und es waren ca. 10.000 Spieler da. Wer mit der britischen Szene “connecten” will, muss da schon hin ;-)