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In Kennerlaune

Angesichts der neuen Erkenntnisse über den neuen SdJ-Preis – dem “Kennerspiel des Jahres” – möchte ich noch einmal kurz über den formlosen Begriff des “Anspruchs” reden. (Und anmerken: aus etymologischer Sicht würde mich interessieren, wann und ob sich “Kennerspiel” in der Szene gegenüber “Vielspielerspiel” durchsetzt)

Im Pressebericht der Jury ist von “anspruchsvollen” Spielen die Rede. Die Skala mit der die Jury die Spiele von 1-4 bewertet ist allerdings mit “Einstieg” betitelt und in der Tat handelt es sich um zweierlei Dinge. Anspruchsvolle Spiele haben zwar potentiell eine höhere Anspruchshürde, aber was gerne vergessen wird, das muss nicht so sein. Alles ist, wie immer, viel komplizierter:

Die Komplexität eines Spieles kann die Einstiegshürde erhöhen, sie muss es aber nicht. Das hängt in erster Linie davon ab, ob ich auch aus dem Bauch herausspielen kann oder ob man von den Möglichkeiten “erschlagen” wird und nur spaßbringend spielen kann, wenn man die Möglichkeiten ansatzweise erfasst. Burgen von Burgund z.B. stellt den Spieler in seinem Zug in der Regel vor so viele Möglichkeiten, dass ein Drauflosspielen spielen ohne großes Nachdenken eher frustrierend wirkt. Zwei Anfänger können dagegen ohne große Probleme Kamisado spielen und sehen was passiert. Auch ist die Frage inwieweit man sich einarbeiten muss, bevor man sieht, was überhaupt sinnvoll ist. Paradebeispiel ist das (von der Jury damals auf die Auswahlliste gesetzte) Casablanca – bis man sich an das um-die-Ecke-denken gewöhnt hat, vergehen einige Partien. Man kann schlichtweg noch nicht einschätzen, wie man spielen muss, und nach meiner Erfahrung weiß man das nach der ersten Partie auch noch nicht. Ein aktuelles Beispiel ist Haggis: Gutes Spiel, aber um einen Ansatzpunkt zu finden, bedarf es doch einiger Spielerfahrung. Gerade Casablanca ist nun aber nicht das, was man unter einem „hochkomplexen“ Spiel versteht.

Bei der Spielregel wird’s noch interessanter: Klar sind komplizierte Spiele schwieriger zu erfassen. Doch ist das keine proportionale Zuordnung. Spiele mit vielen Regeldetails lassen sich leichter erfassen, wenn diese Details intuitiv sind, sich z.B. aus dem Thema heraus ableiten lassen. Ein aktuelles Beispiel: Schwarzer Freitag ist im Kern ein sehr einfaches Spiel, doch durch relativ viele kleine Regeldetails, die sich weder aus dem Spiel heraus noch vom Thema her ableiten lassen, wird es fast unmöglich die erste Partie korrekt hinter sich zu bringen (mehr dazu in der in Bälde erscheinenden Rezi). Umgekehrt nenne ich mal den Primus Siedler: Ein recht komplexes Spiel, aber viele Regeln ergeben spielerisch unmittelbar einen Sinn: Das ich erst eine Straße bauen muss, bevor ich eine Siedlung gründe, dass keine zwei Siedlungen am selben Fleck stehen etc. Auch das Material kann hier helfen, z.B. durch Übersichten, Pfeilbezüge o.ä. (Man stelle sich Drachenherz ohne Spielplan vor!) Wie gut sowas funktioniert zeigt das Spiel Eselsbrücke recht eindrucksvoll: Man ist erstaunt wie viele zufällige Begriffe man sich merken kann, sind sie in einer guten Geschichte irgendwie sinnvoll verpackt.

Worauf wird die Jury achten? Auf alles? Oder doch nur auf das mittlere Gefühl ein Spiel ist recht anspruchsvoll? Im schlimmsten Fall wird die Regellänge und der Anspruch beachtet, ohne auf die oben erwähnten Hilfen zu achten. Welchen Kurs die Jury einschlägt wird bei der Nominierungsliste zum Kennerspiel zu beobachten sein.

Als Grenzstein betrachte ich 7 Wonders. Das Spiel selbst ist strunzeinfach. Aber es müssen zahlreiche Kartenfunktionen gelernt werden (mehr als bei der ersten Dominionpartie) und die vielen Wertungsmöglichkeiten erhöhen die Einstiegshürde ebenso. Es gibt also gute Argumente für beide Einordnungen und wo immer sie das Spiel auch platziert, wird es zumindest für die nahe Zukunft den Anspruch der beiden Preise definieren. Das Spiel ist zu bedeutend, als dass die Kenner eine inkonsistente Nominierungsstrategie in den nächsten Jahren verzeihen würden.

Und diese Nominierungsstrategie ist doch deutlich interessanter als die Pöppelfarbe oder –größe…

Ciao

peer

Peer Sylvester
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4 Kommentare

  • Dir liegt es mehr das auf den Punkt zu bringen als mir, merke ich immer wieder. Ich lese hier raus, das auch du die Eingrenzung der Jury für schwammig hältst. Das kann man gar nicht mehr unterstreichen.

  • Ich sehe den Maßstab für “Kennerspiel” bei der Regelerklärung. Denn sie ist das erste, womit der potentielle Spieler konfrontiert ist. Und sie ist das, was oft den “Normalmenschen” scheitern lässt. “Kennerspiel des Jahres” heißt also: ACHTUNG – DIESE REGEL SOLLTEST DU VORHER STUDIERT HABEN, BEVOR DU SIE EINEM UNBEDARFTEN ZIELPUBLIKUM VORLEGST. Das Spiel selbst kann natürlich gaaanz einfach sein. (7 Wonders?)

    Ob der Umkehrschluss auch zu denken ist, weiß ich nicht.

    Johannes

  • […] die Spieleszene wird auch die diesjährige Listenorgie der Jury überleben . Ansonsten wurde alles zur Lage der Preisträgerei gesagt und auch von allen. Zeit wieder den sinnlosen Seiten unseres Hobby zu widmen und versuchen […]

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