Verlagsvorstellung: Eye Level Entertainment

Vorweg: Ja, ich weiß, dass Montag, dass SdJ gekürt wird. Nein, was darüber schreiben werde ich jetzt nicht. Ich habe bereits bei der Bekanntgabe der Nominierungen viel über die entsprechenden Spiele geschrieben, weitere Worte wären redundant (Vielleicht davon ab, dass ich mittlerweile Wie verhext gespielt habe. Urteil: Nett & Originell, aber auch nicht mehr. Ich würds wieder spielen. Tue ich das nicht, dürften alle Erinnerungen daran wohl bis nächstes Jahr verblasst sein).

Jeder weiß mittlerweile wohl um meine Vorliebe für ungewöhnliche Spiele. So wurde ich gleich hellhörig, als ich von ETI: Estimated Time of Invasion hörte und stellte gleich den Kontakt her – mit den Verlagsangehörigen. Das Resultat ist eine weitere Folge unserer beliebten Reihe “Kleine Verlage aus aller Welt.

F: Vielen Dank für das Interview! Stellt euch doch kurz unseren Lesern vor!

A: Hallo! Wir sind Eye Level Entertainment, ein unabhängiger kleiner Spieleverlag. Hinter unserem Namen verbergen sich drei Brüder: Mark, Matt und Tony. Mark und Matt erfinden die Spiele und kümmern sich so um die täglichen Dinge unseres Verlages. Tony steuert geschäftlichen Rat und Hilfe bei.

Unser erstes Spiel, Nature of the beast, wurde Ende 2005 veröffentlicht. Im Februar diesen Jahres erschien unser zweites Spiel E.T.I. : Estimated Time of Invasion.

F: Erzählt uns doch ein bisschen mehr über euren Verlag! Und wofür steht euer Name, Eye Level Entertainent?

A:

Eigentlich begann unserer Verlag bereits vor 25 Jahren als wir aufwuchsen und alle möglichen Spiele spielten. Wir spielten natürlich die Klassiker wie Risiko, Monopoly oder Axis & Allies, aber wir hatten auch einen tollen Spieleladen namens Tin Soldier in unserer Nachbarschaft, wo wir mit Spiele wie Talisman, Car Wars oder Supremacy in Berührung kamen. Außerdem spielten wir auch Rollenspiele, Karten- und Computerspiele. Wir wussten es damals noch nicht, aber das war wichtige Produktforschung, die wir da betrieben haben: Wir fingen an herauszufinden, welche Elemente wir in Spielen mochten und welche wir in Spielen gerne sehen würden.

 

2001 zeigte uns Mark seine Idee für ein Kartenspiel. Viele Jahre des Testspielens später wurde daraus Nature of the beast.

 

Nun da wir ein Spiel hatten, dass wir veröffentlichen wollten, brauchten wir einen Verlagsnamen. Jeder von uns schlug 10 Namen vor. Während der Diskussion entstand ein weiterer Name: Eye Level Entertainment. „Eye-Level“ (also Augenhöhe) soll heißen, dass sich unsere Spiele genau auf Augenhöhe mit dem Spieler befinden – Weder sind sie zu hoch noch zu flach. Erst wollten wir uns Eye Level Games nennen, wechselten dann aber zum jetzigen Namen, um uns nicht „nur“ auf Spiele festlegen zu müssen. Sobald eines unserer Spiele zu einem Sommer-Blockbuster-Film oder eine Samstag-Morgen-Cartoon-Serie umgesetzt wird, hat sich diese Entscheidung rentiert…

 F: Dass ist sehr interessant, aber könnt ihr uns nicht etwas mehr über eure Spiele erzählen?

 A: Natürlich!

 Nature of the Beast (NotB)ist ein strategisches Kartenspiel über Tierarmeen die im Schatten der Menschheit für die Überlegenheit im Tierreich kämpfen. Die Spieler rüsten hoch und versuchen als erstes ihr Spielbrett zu füllen. Wir haben zwei verschiedene Battle Boxes herausgebracht. Mit einer Box können zwei Spieler spielen und man kann mehrere Boxen für Mehrspielerpartien kombinieren. Rezensenten loben sowohl die strategischen Möglichkeiten als auch den immanenten Humor.

 ETI: Estimated Time of Invasion ist ein Brettspiel für 3 bis 6 Spieler. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Firmenbossen in den 60er Jahren, die sich zu einem geheimen Bündnis zusammengeschlossen haben, um die Technologien zu entwickeln, die nötig sind, um eine bevorstehende (*) Alieninvasion abzuwehren. Die Sache wird dadurch kompliziert, dass einer der Spieler in Wirklichkeit mit den Aliens zusammenarbeitet und am Ende versucht seine Mitspieler zu vernichten! Wir haben bislang seht positive Rezensionen bekommen, sowohl was die Mechanismen als auch was das Thema betrifft und seit seinem Erscheinen verkauft es sich ausgesprochen gut. Viel mehr Informationen gibt es auf unserer Webseite. Dort findet man sogar eine Mini-Bastel-Version von NotB zum Download bereit 

 

F: Was habt ihr für die Zukunft geplant?

A: Im Sommer werden wir eine Reihe von amerikanischen Conventions besuchen, z.B. Origins, Anthrocon und Gencon. Das ist immer eine gute Gelegenheit mit Menschen von Überall zu sprechen und zu spielen. Essen ist uns aber noch zu weit – Dazu sind wir zu klein, unser Budget ist zu knapp. Vielleicht in ein paar Jahren!

Außerdem arbeiten wir an unserem dritten Spiel und sind gerade in Verhandlungen mit der Druckerei, die ETI gemacht hat, was die Produktionskosten betrifft. Ich darf nichts genaueres bekannt geben, aber wer zur GenCon kommt, kann es eventuell Testspielen!

F: Vielen Dank für die Informationen und viel Glück!

Mir liegt ETI vor und ich bin sehr beeindruckt: Man sieht richtig den Spaß den die Entwickler mit diesem Spiel hatten! Wie im Interview nachzulesen ist das Setting sehr ungewöhnlich: In den 60er Jahren steht eine Alieninvasion bevor (natürlich weiß die Öffentlichkeit nichts davon) und die Spieler müssen entwickeln was das Zeug hält, um diese Invasion abzuwehren (Der Untertitel des Spieles lautet grob übersetzt: “Das Schicksal der Menschheit hängt von all dem ab, was du noch nicht erfunden hast!”. Spielerisch werden Projekte fertig gestellt, in dem Entwicklungskarten im entsprechendem Wert abgegeben werden. Diese müssen natürlich gesammelt werden. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Die sichere Methode weißt jeder Karte einen Durchschnittswert zu. Die riskantere (aber potentiell lukrativere) Methode ist, dass die Karten ihren tatsächlichen Wert bekommen. Leider kennt der Spieler nur eine begrenzte Anzahl von Karten mit ihrem Wert und es befinden sich durchaus auch negative Karten dabei. Außerdem forschen die Spieler in Konkurrenz zueinander – wer zuerst ein Projekt beendet, mahlt zuerst, der andere muss sich ein neues Projekt suchen und verliert dabei einen Teil der bereits gesammelten Karten. Die Projekte helfen nicht nur bei Spielende sondern verbessern bereits während des Spieles die Fähigkeiten des Spielers, was weitere Forschungen begünstigt. Beim Endspiel stellt sich einer der Spieler als Verräter heraus. Nicht nur dass dessen Projekte nicht zur Rettung der Menschheit zur Verfügung stehen, sie werden verwendet um die anderen Mitspieler anzugreifen! Entsprechend gibt es zwei mögliche Ausgänge: Entweder kann der Verräter mit seinen Alienfreunden die Erde erobern (und hat gewonnen) oder eine oder mehrere Firmen schlagen die Angriffe zurück. Im letzteren Fall gewinnt derjenige, der am meisten Berühmtheit auf seinen Projekten stehen hat (generell muss man sich beim Spiel entscheiden ob man lieber auf Siegpunkte oder Verteidigung setzt – ein schönes Dilemma, dass rudimentär an den Wertungsmechanismus von Himalaya erinnert).

Tatsächlich lebt das Spiel von der Athmosphäre. Rein optisch betrachtet haben wir es hier nämlich mit einem stellenweise etwas zu komplizierten Kartensammelspiel mit origineller Endwertung zu tun. “Etwas zu kompliziert” betrifft dabei vor allem das Endspiel, bei dem vielleicht weniger mehr gewesen wäre. Doch hier interessiert gar nicht was sozusagen “unter der Haube steckt”, sondern eben die Verräter-Athmosphäre und das originelle und witzige Setting. Und hier steckt wirklich Liebe drin: Alle Karten sind mit netten Sprüchen und/oder Anspielungen auf Bücher oder Filme versehen (mein Liebling: “Super-Computer III: If it asks ´Wanna play a game´ just say ´no!´” – wohl dem der das Zitat kennt!) und dadurch kommen Fans des Genres wirklich auf ihre Kosten. Auch die Regel ist witzig geschrieben (Am Ende heisst es:  “Überlebt keine Firma, gewinnt der Verräter. Für das Protokoll: Ich heisse unsere neuen Alien-Herrscher herzlich willkommen!”), allerdings nicht immer ganz klar strukturiert. Ein weiterer Pluspunkt ist dass mehrere Schwierigkeitsgrade und 3 unterschiedliche Spieldauern (kurz, mittel, lang) für Langzeitspaß sorgen sollten. Fazit: Wer das Thema mag findet definitv ein sehr empfehlenswertes Spiel. Wenn aber ein starker Hauptmechanismus im Mittelpunkt stehen soll und das Thema nur zweitrangig ist, findet ebenso definitv besseres. Auch diesseits des Atlantiks.

ciao

peer

(*) Endlich kenne ich den Unterschied zwischen immanent und imminent. :-)

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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