Die Berlin-Con ist so etwa eine Woche her und die ersten Eindrücke werden nun online veröffentlicht. Gerade die Content-Creator Bubble reproduziert nun die Informationen aus der Pressemitteilung der Veranstalter, fasst die Infos aus den Verlagsgesprächen zusammen und bilanziert die eigene Spielrunden.
Wer mehr als nur diese Seite liest, wird hier wohl kaum Interesse an den gleichen Informationen haben, die es andernorts zu Genüge gibt. Die Berlin-Con ist 10 Jahre als. Sie ist größer geworden. Der Flohmarkt ist ein Besuchermagnet. Der Spielbereich ist groß.
Es gibt aber auch ein paar Punkte, die weniger selbstverständlich sind. Zum einen schienen sich die Besucher sehr gut auf dem Gelände zu verteilen. Mit wenigen, seltenen Ausnahmen hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, es wäre eng oder unangenehm voll. Sogar die andern Orts so oft ermahnten Schlangen an den Toiletten, dem Essensstand, dem Eingang oder der Spielausgabe waren zügig, flüssig und forderten kaum Wartezeiten ein. Das halte ich vor allem für ein Resultat der guten Planung und Organisation der Veranstaltung.
Das einzig etwas ungewohnte an den Rahmenbedingungen war vermutlich die Beleuchtung in den Verlagshallen und dem Familienbereich. Hier schien überwiegend Feierabend-Atmosphäre zu sein. So als hätte man gerade Glück gehabt noch kurz vor Schluss hergefunden zu haben, bevor alles dicht gemacht wird. Das war weniger schlimm als nur sehr ungewohnt.
Da der Sonntag als Familientag ausgelegt war, ließ ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, mit meinen Kindern zur Berlin-Con zu fahren. Da sie aber nun in einem Brettspiel-Haushalt groß werden, war der Familienbereich für sie weit weniger interessant als es die große Spielfläche selbst war. Wer in der Grundschule schon Descent Akt I und Akt II durchspielt, wird bei vielen Kinderspielen eher müde lächeln.
Ähnlich erging es mir mit dem mittlerweile berühmten Berlin-Con Flohmarkt. Wenn die eigene Spieleansammlung bereits eine gewisse Größe und Dauer erreicht hat, ist die Zahl der Schnäppchen, die man sich nicht entgehen lassen kann und Juwelen, die man unbedingt besitzen muss, derart gering, dass ein Flohmarkt nur wenig Anziehungskraft auf einen selbst ausübt. Mit anderen Worten: sowohl der Familienbereich als auch der Flohmarkt sind unverzichtbar für jene Personen, die noch in den Anfängen ihrer Hobbybegeisterung stecken.
Allerdings vermute ich, dass das Herzstück der Berlin-Con die große und geräumige „Gaming Hall“ inklusive Spieleausleihe ist. Letztes Jahr hatte ich im Podcast schon davon geschwärmt und dieses Jahr schien es sogar noch besser zu laufen. Per App konnte man ein verfügbares Spiel reservieren, bequem zum Ausgabethresen spazieren und innerhalb kürzester Zeit zum Tisch zurückkehren und das Spielerlebnis (mit Auspacken und Aufbau) starten. Auch dieses Jahr habe ich nichts als uneingeschränkte Begeisterung übrig. Die Zusammenarbeit zwischen der Ausleihe und dem Berlin-Con ist ein Geschenk für alle Besucher*innen.
Eine Besonderheit, die ich zumindest für mein persönliches Erlebnis der Berlin-Con für erwähnenswert halte, hat mit dem Thema Neuheiten zu tun. Wer, wie ich, dauerhaft online ist, wird hier nur sporadische Neuheiten entdeckt haben. Natürlich gab es auch Prämieren, wie die deutsche Ausgabe von Arcs oder auch Compile (Gewinner der Goldenen Tatze). Aber wer tief in der Szene steckt, wird damit vertraut sein.
Allerdings verstehe ich die Berlin-Con auch eher als große Veranstaltung für Spielinteressierte, spielfreudige Familien und Spielgruppen, die weder Content-Creator noch Brettspielpresse am Tisch haben. Natürlich richtet sich die Berlin-Con an Menschen, die keine Berührungsängste vor modernen Brettspielen haben. Aber eben auch an Menschen, die bei Time’s Up noch nicht die Begriffe „Kettenzug“, „dice placement“ und „Gloomhaven“ pantomimisch erklären könnten.

Es ist keine industrieweite Neuheiten-Veranstaltung oder ein B2B-Treffpunkt. Auch wenn Neuheiten angeboten oder als Preview gezeigt werden, und es einen B2B-Bereich für Meetings und ähnliches gab. Aber ich weiß es zu schätzen, dass diese Dinge für mein Empfinden in zweiter Reihe stattfanden. Das Herzstück der Berlin-Con ist der Spielbereich.
Das ist eine Stärke. Der Appeal der Berlin-Con ist deutschlandweit. Durch die große Präsenz des YouTube-Kanals der Veranstalter ist es auch ein sehr großer Anlaufpunkt, um das quasi-öffentliche Spielen weiter zu öffnen. Die Berlin-Con ist damit nicht nur ein großartiges Spieletreffen für die Szene, aber auch ein gutes Vorzeigeschild für die Brettspielszene als solches.

Eben das gilt nicht trotz, sondern gerade weil eine Gruppe wie FLINTA*stisch im Aufenthaltsbereich zwischen den Verlagshallen und der (beeindruckend schnell arbeitenden) Pizzatheke einen kaum zu übersehenden Stand hatte. Ein Stand, der gerade in Folge der wenige Tage vorher stattfindenen Kontroverse um die Ankündigung eines Spiels von CGE, die eigene Relevanz und Notwendigkeit eigentlich nicht weiter erklären müsste. Selbst wer diese Szenediskussion nicht mitbekommen hatte, konnte sich an der prominent aufgestellten „Wall of S###“ ein eigenes Bild von den weniger lobenswerten und weniger einladenden Seiten der Szene machen. (Mehr Informationen zu FLINTA*stisch gibt es übrigens in diesem empfehlenswerten Beeple Talk.) Ich vermeide mir die Anmaßung zu erklären wie man diese Wand lesen sollte und lade jede*n ein, sich das Bild einfach näher anzuschauen.
Auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass meine Meinung vielleicht durch etwas Lokalpatriotismus gefärbt sein mag, bin ich sehr angetan von der Berlin-Con in dieser Form. Ich hatte eine schöne Zeit dort, konnte nach Herzenslust spielen und fand mich von Menschen umgeben, mit denen ich gerne an einem Tisch saß.
Ich blicke mit viel Zuversicht auf die Berlin-Con 2026 und ich hoffe wir sehen uns dort.
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