spielbar.com

Unforced Error – CGE edition

10.08.2025: Es gab ein Update auf Grund eines weiteren Statements von CGE. Siehe unten.

Der Begriff „unforced error“ beschreibt eine Situation in der ein Fehler begangen wurde, obwohl es dafür keinen Anlass gab. Er findet meist dann Verwendung, wenn Dinge eigentlich ihren geregelten Gang gehen und alle damit zufrieden sind. Bis plötzlich eine Entscheidung dazu führt, dass vollkommen vermeidbarer Schaden entsteht. Wenn man einfach nur die Füße still gehalten hätte, dann wäre nichts Schlimmes passiert.

Czech Games Edition (CGE) hat vor kurzem eine neue Codenames-Version angekündigt, welche als Begriffsrahmen die Welt um Harry Potter nutzt. CGE erlebt gerade was es heißt einen „unforced error“ zu begehen und ihn durch schlechten Umgang mit Kritik zu einem Fiasko in der Szene aufzublasen.

Wer seit dem Lesen (oder Vorgelesen bekommen) der Bücher nicht mehr an Harry Potter gedacht hat, wird sich vielleicht wundern woher die Kritik an dieser Ankündigung kommt. Das Problem mit dieser Lizenz ist finanziell, politisch und für manche Personengruppen in letzter Konsequenz lebensbedrohlich. Das Problem heißt Joanne Rowling, auch bekannt als Robert Galbraith.

Rowling hat in den letzten Jahren ihren immensen Reichtum unter anderem darauf verschwendet, sich zur britischen Gallionsfigur der Anti-Transbewegung zu machen. Sie hat sich dem vermutlich reaktionärsten Teil der Feminismus-Theorie angeschlossen, in dem sowohl Transsexualität als auch Sexarbeit als uneingeschränkter Übergriff auf Frauen und ihre Identität definiert wird. Es steht natürlich jedem Menschen frei an Dinge zu glauben, die lediglich von Fakten und der Realität widersprochen werden. Es gibt ja auch immer noch Leute, die glauben, dass wohlhabende Menschen mehr in die Gesellschaft investieren würden, wenn man nur ihre Steuern senken würde.

Diese Wahnvorstellungen werden erst dann ein Problem, wenn ihre Anhänger*innen Macht und Geld besitzen. Sie werden ein Problem, wenn diese Personen ihr Geld dafür aufwenden konkrete gesellschaftliche Veränderungen anzutreiben, um diese Ideen gerichtlich und damit auch staatlich als geltend zu erklären. So wie etwa Rowling/Galbraith es tut.

Diese hat ihrerseits die finanzielle Grundlage geliefert, um die gesetzliche Gleichstellung von trans* Frauen (und damit auch trans* Menschen generell) vor dem obersten Gerichtshof in Großbritannien für ungültig zu erklären. Mit dem Charme und der Stilverirrung eines Bond-Bösewichtes hatte sie diesen Erfolg im Anschluss auf social media gefeiert.

Mit anderen Worten, es gibt keinen Grund im Jahr 2025 noch zu glauben, dass Joanne Rowling/Robert Galbraith lediglich eine Privatperson mit privaten Meinungen zu einem schwierigen Thema sei. Zum einen ist das Thema alles andere als schwierig, denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Vor allem aber, hat sie deutlich gemacht, dass sie den Gewinn, den sie durch ihre Lizensierungen macht und machen wird auch weiterhin für ihre politischen Ziele nutzen wird. Egal wie realitätsfern und gesellschaftsschädigend sie sind.

Wird CGE also mit ihren Lizenzgebühren Rowlings quichottischen Kreuzzug gegen schwächer gestellte Minderheiten maßgeblich finanzieren? Nein. Vermutlich nicht. Aber die Ablehnung gegenüber dieser Codenames-Variante ist kein finanzpolitisches Manöver einer kleinen Interessensgruppe innerhalb der Spielszene.

Es ist eine deutliche Stellungnahme, dass die Brettspielszene eine inklusive ist. Das bedeutet mehr als nur, dass trans* Menschen an unseren Tischen willkommen sind. Es heißt auch, dass wir uns mit unseren Mitspieler*innen solidarisieren, wenn gegen sie gehetzt wird. Es heißt, wir stellen uns an ihre Seite, wenn ein Verlag mit solchen Hetzern Geschäfte macht und damit manische Transphobie zum normalen Meinungsspektrum der Szene erklärt.

Die Entscheidung eine weitere Harry-Potter-Version von Codenames zu veröffentlichen, war ohne Frage eine finanzielle und keine ethische. Bei anderen Lizenzen hätte man das genauso gehandhabt. Mit den meisten anderen Lizenzen wäre auch keine ethische Abwägung nötig gewesen. Nun ist aber Joanne Rowling/Robert Galbraith keine private Person, die konsensfähige Werte vertritt. Damit ist eine Geschäftsbeziehung auch – ob gewollt oder nicht – eine Normalisierung ihrer politischen Ziele.

Dagegen sprechen sich nun viele Personen in der Szene aus. Darunter Efka Bladukas von No Pun Included, Tom Brewster von Shut up & Sit Down, Elizabeth Hargrave und Matt Leacock von der Tabletop Game Designer Association, Rodney Smith von Watch It Played, James Keagy vom The Secret Cabal Podcast und einige mehr. Auch einige deutsch-sprachige Spieler*innen und Content Creator*innen haben sich dazu geäußert und ihre Solidarität mit trans* Spieler*innen bekundet.

Für CGE entpuppt sich ihre Produktoffensive für 2025 als PR-Katastrophe. Darunter wird wohl auch der deutsche Vertriebspartner Heidelbär leiden. Dieser muss überlegen, ob sich eine von CGE unabhängige Position formulieren lässt, ohne dabei eine eigentlich gute Geschäftsbeziehung zu riskieren. Michael Kränzle hat sich dahingegen auf Bluesky geäußert, dass sich Heidelbär gegen Transfeindlichkeit positioniert. Da der GenCon unmittelbar bevorsteht, wird eine umfassendere Stellungnahme noch einige Tage warten müssen. So oder so ist es eine bedauerliche, unnötige Situation. CGE befindet sich im Zentrum einer selbst-verschuldeten Kontroverse. Der Verlag muss nun einiges an Empathie, Verständnis und Kritikfähigkeit aufbringen, um seinen guten Ruf in der Szene zu retten.

UPDATE: CGE hat auf die Kritik reagiert und ein umfassenderes Statement auf Instagram veröffentlicht. Darin kündigen sie an den Profit aus dem Verkauf vollständig zu spenden, sowie um eine weitere Spende in Höhe der Lizenzabgaben zu ergänzen. Ob das ein Schritt in die richtige Richtung ist, oder noch lange nicht weit genug geht, darüber gibt es in der Szene unterschiedliche Ansichten. Fest halten sollte man jedoch zwei Dinge.

Zum einen: direkter, unbequemer und deutlicher Protest zeigt Wirkung. Es ist sehr bequem und selbstgefällig einem Verlag nacktes Profitstreben in allen seinem Handeln zu unterstellen, denn damit kann man immer erklären warum man selbst nichts tut. Aber wer laut wird, deutlich wird und bereit ist sich zu organisieren, kann etwas verändern. Zum anderen: dass es überhaupt zu Überraschung und Bedauern kommen konnte (wenige Tage später blamierte sich Devir mit Ace of Spades in ähnlich extremer Art, reagierte aber deutlich schneller), zeigt dass die Gespräche über Transfeindlichkeit, Rassismus, Mysoginie, Ableismus, usw. noch lange nicht so feinkörnig in der Szene vorhanden sind wie es nötig wäre, um tatsächlich so inklusiv zu sein wie wir uns auch selbst verstehen wollen. Es gibt viel zu tun, wir sollten also alle öfter den Mund aufmachen.

—-

NACHTRAG: Das Titelbild stammt von Marceline Leimans Bluesky-Account. Sie hat ein Zine zusammengestellt hat, welches die Situation ebenfalls umreißt. Es kann unter diesem Link heruntergeladen werden.

Edit: Schreibweisen vereinheitlicht und korrigiert.

Georgios Panagiotidis
Letzte Artikel von Georgios Panagiotidis (Alle anzeigen)