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Mehr Punk wagen!

Mit dem recht stetigem Wachstum der Spiele (der jüngste Einbruch nicht mitgerechnet) und der zunehmenden Internationalisierung ist auch die Themenvielfalt gestiegen. Allen Witzen über Turmbau im Mittelalter oder Schatzjagd am Bosporus zum Trotz, werden immer mehr Themen umgesetzt. Spiele mit Krimi- oder Naturthemen sind im Moment mindestens ebenso zahlreich vertreten wie das vermeidlich allgegenwärtige Mittelalter. Fantasy erlebt nicht zuletzt dank Gloomhaven einen großen Boom. Science Fiction, einst von den Spieleverlagen als „Box Office Poison“ verschriehen, ist nicht zuletzt durch Crowdfundin-Projekte mittlerweile so etabliert, dass wohl niemand mehr zugreift, nur weil es ein SF -Spiel ist.

Doch trotz dieser neuen Vielfalt ist Cyberpunk in seinen Faszetten nach wie vor sehr selten im Spieleversum. Man könnte nun anmerken, dass Cyberpunk ja eine solche 90er-Jahre-Erfindung ist, die heutzutage ja veraltet sei, aber das lässt außer acht, dass Cyberpunk z.B. in Mangas, aber auch im Computerspielbereich immer noch recht beliebt ist. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen die Ästhetik. So trivial des klingt: Cyberpunk sieht gut aus und vor allem ikonisch. Gerade natürlich ein Graphikmedium wie Mangas sind ideal. Das auch Spiele davon profitieren können, zeigt Netrunner, das außerdem so ganz nebenbei eines der diversten Spiele sein dürfte. Auch Spiele können davon profitieren und es würde mich sehr wundern, wenn ich in der Minderheit derjenigen Personen wäre, für die Cyberpunkt-Graphiken gleich ein Anziehungspunkt sind!

Der zweite Grund liegt daran, dass in der mordernen Ost/Südoastiatischen Erzähkultur (Mangas, Serien…) der Kampf gegen die Mächtigen ein sehr viel stärkeres Motiv ist, als in der hiesigen. Genau das macht aber Cyberpunk aus: Die „kleinen“ kämpfen mit allen Mitteln gegen die vermeidlich übermächtigen Konzerne und/oder Politiker. Meiner Meinung nach liegt genau hier der Grund, warum einem das Thema im Spielebereich verhältnismäßig selten begegnet: Hier ist in den meisten Fällen der Kapitalismus immer noch das Gute. Selbst in dem Android-Universum von FFG spielen wir in New Angeles Konzerne, die gegeneinander antreten. Das Spiel bedient also lediglich das Setting, aber nicht die Motive des Cyberpunks. Spiele in denen die Spielenden gegen den Kapitalismus antreten und ums überleben kämpfen oder gar „die da oben“ angreifen sind selten. Das hat ganz zweifellos auch mechanische Gründe: Es herrschen Aufbauspiele vor, also Spiele, in denen etwas konstruktives geschaffen wird. In einem Cyberpunk-Spiel würde eher etwas zerstört werden. Hinzu kommt, das Cyberpunk im Kern eine Dystopie ist, also eher frustrierend als belohnend aufgebaut ist. Insofern wird Cyberpunk leider wohl auch auf absehbare Zeit Nischenthema bleiben.

Aber seit etwa 15 Jahren gibt es die Idee des Solarpunks, der quasi das Gegenteil der düsteren Cyberpunk-Dystopie darstellt. Hierbei handelt es sich um eine Utopie: Dank moderner Technologie kann die Menschheit mit der Natur koexistieren, ohne diese zu zerstören. Fossile Brennstoffe wurden durch alternative Energien ersetzt, Umweltverschmutzung gehört der Vergangenheit hat, auch dank biologischer Wertstoffe. Der Kapitalismus wurde durch eine Art Star-Trek-Sozialismus ersetzt, bei der niemand mehr in Armut leben muss, weil  Rohstoffe ausreichend vorhanden und gleichmäßig verteilt sind.

Im literarischen Bereich hat Solarpunk erst begonnen Fuß zu fassen und das liegt vermutlich auch daran, dass es in Utopien schwieriger ist, Konflikte zu erschaffen. Für Brettspiele ist  Solarpunk aber ausgesprochen gut geeignet; Das Aufbauen einer Utopie, einer idealen Gesellschaft ist eben ein Aufbauspiel. Gerade das Ausbalanzieren zwischen Natürlichen und urbanen Teilen ist ja nun geradezu eindeutig ein mögliches Brettspielmotiv. Tatsächlich hatte bereits Ginkopolis 2012 ein Solarpunk-Thema: Das Spiel war im Kern abstrakt, aber die Autoren entschieden sich bewusst nicht dafür eine „normale“ Stadt oder ein Einkaufzentrum oder etwas ähnliches zu legen, sondern eben eine Utopie erschaffen zu lassen. Auch das neuere Legespiel Terra Futura schlägt in diese Kerbe. Bedenkt man dass Tier- und Naturthemen zur Zeit voll im Trend liegen, ist es meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit, bis Solarpunkspiele sich gegenüber normalen Stadtentwicklungsspielen durchsetzten. Das in einem Spiel Anreize gesetzt werden, die Probleme unserer Zeit zu lösen, mag die realen Probleme nicht lösen. Sie hilft aber sich vorzustellen zu können, dass diese Probleme prinzipiell lösbar sind und dass wir auf dem richtigen Weg sein könnten. Und wäre das nicht die Aufgabe eines Kulturmediums?

ciao

peer

Peer Sylvester