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Das Spiel jenseits der Regeln

Eine der ulkigen kleinen Besonderheiten des Brettspiels ist die Art wie sich Spieler angewöhnen ihre Aktionen beim Spielen zu kommentieren. Manche tun das, um sich die engmaschige Vernetzung der Regeln besser merken zu können. Andere tun es, um ihren ansonsten eher ruhigen Bewegungen etwas Pfiff zu verleihen. Manche tun es sogar, damit sie nicht in andächtiger Stille auf das Spielbrett starren, während alle ihren nächsten Zug planen.

Unabhängig davon was der Grund ist, durch das laute Aussprechen wird das Spiel unweigerlich erweitert. Es beinhaltet nun mehr als die rein mechanische Befolgung und Ausführung der Prozedere, die im Regelheft aufgeführt sind. Obwohl ein Spiel vornehmlich in unserem Kopf stattfindet, wenn wir die Spielsituation analysieren, unsere Chancen berechnen (oder grob einschätzen) und unser Handlungsoptionen abwägen, können wir unser Handeln in der Sprache des Spiels formulieren und so eine eigenbrötlerische Knobelarbeit kurzzeitig in ein gemeinsames Erlebnis verwandeln. Die Handlungen, die wir uns vor dem geistigen Auge ausgemalt haben, sind Realität geworden. Nicht nur weil wir sie ausgeführt haben, sondern weil wir ihnen auch einen Namen gegeben haben. Wir haben einen Baum gefällt und ein Geräusch gemacht, damit andere Spieler es hören konnten.

Beschreibungen sind eine subtile Art, um ein Spiel unterhaltsamer und plastischer zu machen. In manchen Spielen ist das wirkungsvoller als in anderen. Die eigenen Aktionen bei Im Wandel der Zeiten zu erklären, fügt dem Spielgefühl nur ein paar Schnörkel hinzu. Wir sind meist zu sehr darin vertieft unsere aufstrebende Zivilisation in eine beachtliche, d.h. Punkte-generierende, Form zu pressen, um unseren Gegnern viel Beachtung oder Wertschätzung auf dem Weg zur Weltherrschaft zu schenken. Aber wenn man ein Spiel wie 7 Wonders völlig wortlos spielt, ähnelt die Runde eher einer unheimlichen Sekte, die ein okkultes Ritual durchführt um ein vielfarbiges Gespenst der Grundschulmathematik heraufzubeschwören.

Reine Anwendung der Spielregeln ist hier fatal

Es geht um folgendes: damit man ein Spiel ganz auskosten kann, können wir nicht annehmen, dass es reicht die Regeln so umfassend und effizient es geht anzuwenden und dann erwarten, dass Spielspaß hervorschießt als hätte jemand eine Rolle Mentos in ein Faß voll Coca-Cola geworfen. Damit ist nicht die alte Leier von Thema oder Mechanismen gemeint. Ich rede nicht davon, dass man sich auf das Thema eines Spiels „einlassen muss“. Man muss nicht Märchenstunde mit seinen Miniaturen spielen, oder seine Stimme verstellen während man Erzähltexte vorliest. Schon gar nicht während man schwer damit beschäftigt ist seinen nächsten Zug auf maximalen Punktegewinn hin zu planen.

Der Zweck eines Spiels ist nicht darin begrenzt die sorgfältig formulierten Regeln auswendig zu lernen und sie klug kombiniert darauf anzuwenden das irgendwie geartete Ziel zu erreichen, das im Regelwerk benannt wurde. Der Zweck eines Spiels ist genau so oft darin zu finden, welches erwartete Spielerverhalten innerhalb des Regelrahmens an den Tag gelegt wird. Es kann genauso darum gehen was passiert, wenn man die lebhafte Dynamik und chaotische Energie von 3-5 unterschiedlichen Persönlichkeiten in ein Umfeld steckt, welchem man vorsätzlich Grenzen aufgelegt hat. Vielleicht in etwas wie einem Spiel.

Wer schon ein Mal Werwolf, Der Widerstand oder die meisten Partyspiele gespielt hat, sollte erkennen wie die Regeln dieser Spiele, obwohl sie immer noch die wichtige Grundlage für das Erlebnis liefern, nicht die Ursache für den Spielspaß oder auch nur die verlockendste Eigenschaft am Spielen sind. Es sind die überraschenden Wendungen, die stattfinden, wenn Spieler ihre Ziele verfolgen aus denen Gelächter, Spielspaß und sogar ein Gefühl des gemeinsamen Spielerlebnis entsteht.

Aber es ist falsch zu glauben, dass diese neue Ausrichtung des Spielerlebnis – ein bis zwei Schritte neben den Regeln selbst – nur für regelarme Spiele gilt. Auch Spiele wie Wiz-War, Cosmic Encounter oder Twilight Imperium entfalten ihr gesamtes Potential erst, wenn Spieler die Regeln nicht als beengendes Labyrinth wahrnehmen durch das sie sich gewieft bewegen müssen, um an ihr Stück Käse zu gelangen. Diese Spiele bekommen erst genug Luft zu atmen, wenn wir sie als offenes Feld wahrnehmen auf dem wir uns mit anderen Spieler auseinandersetzen können.

Innerhalb der unsichtbaren Linien, die unterscheiden was Teil des Spiels ist und was nicht, können wir erforschen wie wir mit anderen Menschen in einem neuen Kontext umgehen könnten. Wir können uns neu kennenlernen, oder auch einfach nur in andere Rollen schlüpfen. Zum Beispiel knallharte Wettstreiter statt gesellige Freunde. Ein gutes Spiel ist mehr als nur die Summe der Dinge, die in der Schachtel sind. Es lebt auch und vor allem davon was wir beim Spielen tun. Das richtige Gespür und Talent dafür zu haben ist jedoch keine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern schlicht Übung und Gewohnheit. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Georgios Panagiotidis
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