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Bauchgefühl für die gute Sache

Ich finde die Initiative Spielend für Toleranz gut. Zugegeben, der Name ist nicht perfekt. Der Begriff Toleranz trägt eher den Gedanken der Duldung mit sich, an Stelle der Akzeptanz und Wertschätzung von Menschen mit anderen Hintergründen. Aber ich finde die Initiative gut, weil sie eine einfache Wahrheit als selbstverständlich voraussetzt: unsere Spielrunden sind soziale Räume.

Menschen kommen zusammen, um als Gruppe miteinander zu interagieren. Sämtliche Regeln, welche die Normen und das Verhalten dieser Menschen formen, sind daher in gewisser Art auch politische Regeln. Der Umgang miteinander im Spiel, am Spiel und um das Spiel herum wird dadurch zu einer Frage des politischen Konsens der Spielenden.

Darunter fallen triviale Angelegenheiten, wie etwa die Spielregeln selbst, oder wer zur Spielerunde Knabbereien oder Getränke mitbringt. Aber es fallen auch unausgesprochene Fragen darunter: wie gemein darf man im Spiel miteinander umgehen? Wie wichtig darf uns der Spielsieg sein? Oder eben wer am Spielen teilnehmen darf.

Ein Mitspieler stellt mir immer die Frage, ob er seine Partnerin mitbringen darf, bevor sie für einen Abend an unserer Runde teilnimmt. Aber ich denke das hat eher mit Höflichkeit zu tun und nicht damit, ob er sich tatsächlich unsicher ist, inwieweit ich das als Gastgeber gutheiße. Aber auch das ist eine Regel, die nicht ausdrücklich in Worte gefasst ist. Sowohl wer diese Entscheidung fällt, als auch nach welchen Kriterien entschieden wird, wer an einem Abend teilnehmen darf und wer nicht.

Ja, natürlich sind Partnerinnen und Partner willkommen. Manche Fragen muss man nicht ausdiskutieren oder gar aussprechen. Aber es ist ein Irrtum zu denken, dass wenn bestimmte Fragen nicht gestellt werden müssen, deshalb ein Raum geschaffen wurde, der jenseits eben dieser Fragen steht.

Keiner meiner Mitspieler gehört, soweit ich weiß, dem LGBTQ-Umfeld an. Es ist kein Thema, welches an unserem Spieltisch oft zur Sprache kommt. Da ich mir nicht vorstellen kann, was ich daran auszusetzen hätte, einen solchen Mitspieler in meiner Runde aufzunehmen, könnte ich daraus folgern, dass meine Runde nicht homo- oder transphob ist.

Das mag stimmen. Ich hoffe natürlich sehr, dass es stimmt. Es mag aber auch einfach ein Fall der ungeprüften Vorurteile sein. Wenn ich wenig bis gar nichts mit Menschen anderer Hintergründe und Identitäten zu tun habe, ist es recht gewagt zu behaupten, dass ich ihnen gegenüber nicht voreingenommen sein kann. Es ist genau genommen auch sehr naiv. Denn wir alle wachsen in einer Welt auf, die von sexistischen, rassistischen, homophoben und vielen weiteren Strömungen und Strukturen geprägt ist. Zu glauben ein jeder von uns kann ihrem Einfluss entgehen, nur weil man niemanden körperlich belästigt, Parolen auf Montagsdemos skandiert oder auch mal Rosa als Spielfarbe wählt, ist naiv.

Unsere Gruppen, ob öffentlich oder nicht, sind Orte an denen wir zusammenkommen und bei denen wir bewusst auswählen mit wem wir an einem Tisch sitzen wollen. Wir entscheiden letztendlich nach Bauchgefühl wen wir zu uns an den Tisch einladen. Wir denken meist nicht lange und sorgfältig nach und wägen kein komplexes Für und Wider ab. Ich zumindest gehe danach, ob mir jemand sympathisch ist oder nicht. Das ist alles. Meistens klappt das gut. Aber die Einfachheit mit der diese Entscheidung gefällt wird, macht sie auch anfällig dafür durch unbewusste und auch unbeabsichtigte Vorurteile beeinflusst zu werden.

Geschlechtsneutrale bzw. geschlechtergerechte Sprache in einem Regelwerk wird von manchen als selbstverständliche Notwendigkeit gesehen. Andere sehen es als unästhetisches Ärgernis beim Lesen oder gar als hohle Geste, die den Sexismus schließlich gar nicht beenden wird und überhaupt nur vorübergehende Modeerscheinung ist. Wie wir auf Texte in dieser Art reagieren, hängt vor allem davon ab, ob wir uns persönlich adressiert fühlen. Inwieweit wir das wiederum tun, hängt vielleicht auch stark davon ab, welche unbewussten und unbeabsichtigten Vorurteile wir mit uns herum tragen.

Diese Dynamik ist selbstverständlich nicht nur auf Fragen zu Geschlechteridentität oder sexueller Orientierung beschränkt. Sie gilt ebenso für Ethnien und das weite Feld an sozio-ökonomischen Hintergründen, aus denen Menschen stammen können. Es sind eben diese nicht artikulierten Bauchgefühle, die wenn sie lange Zeit weder geprüft noch kritisch hinterfragt werden, unbemerkt eskalieren und sich als „vernünftige Erkenntnis“ festbeißen können.

„Frauen spielen nicht so viel Brettspiel, weil sie aufgrund ihrer Emotionen nicht mit Konflikten umgehen können. Na klar. Das ist total logisch. Das erklärt ja so viel.“

„Leute aus den unteren Bildungsschichten spielen weniger Brettspiele, weil man halt ein gewisses Maß an Intelligenz dafür braucht. Na klar. Das ist total logisch. Das erklärt ja so viel.“

„Das Hobby wird nie die große gesellschaftliche Relevanz haben, weil die „Geiz ist geil“-Mentalität es wirtschaftlich nicht tragbar macht. Na klar. Das ist total logisch. Das erklärt ja so viel.“

Ich bin nicht der Meinung, dass unser Hobby von Menschen ausgefüllt wird, die andere wegen ihrer Geschlechteridentität, ihrer Herkunft oder ihres Einkommens ausgrenzen wollen. Einzelne Spieler, die das vorsätzlich tun, schießen sich damit meist selbst ins Abseits. Aber ich denke auch, dass es nicht genug ist sich von solchen Extrempositionen fern zu halten. Wir müssen uns auch fragen nach welchen unspezifischen Bauchgefühlen wir unsere sozialen Räume formen und am Laufen halten.

Georgios Panagiotidis
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