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Wenn eine Liste als Licht im Dunkeln wirken soll

Vor etwa einer Woche hat die Jury Spiel des Jahres ihre Nominierungen für das Kennerspiel des Jahres, Kinderspiel des Jahres und natürlich das Spiel des Jahres veröffentlicht. Wie so oft gab es in Folge dessen umgehend Reaktionen online und in der einen oder anderen Spielrunde sicherlich auch. Mir ging das nicht anders. Ich habe meine Verwunderung und auch Freude auf Twitter gepostet. Die Liste der nominierten und empfohlenen Kennerspiele halte ich dieses Jahr für wirklich gelungen. Sicherlich fehlt hier oder da ein Favorit des letzten Jahres, aber dafür ist diese Liste auch nicht gemacht. Es ist keine umfassende Nennung aller Spiele, die in der Szene Begeisterung entfachen konnten. Es ist eine bisweilen etwas kurz wirkende Aufreihung an Spielen, die sich an ein bestimmtes Publikum richten. Eben dieses Publikum scheint mir dieses Jahr mit der Auswahl recht nachvollziehbar gezeichnet zu sein.

Das Anthrazit der Herzen

Das Kennerspiel des Jahres 2020 setzt voraus, dass die Spieler gewillt sind ihre gemeinsame Spielerfahrung mit der Einarbeitung in neue Regeln, Ideen und Konzepte zu beginnen. Ist diese Hürde bei Die Crew, Der Kartograph und auch The King‘s Dilemma genommen, dann eröffnet sich eine Spielerfahrung, die merklich facettenreicher ist als die, welche man beim Spiel des Jahres findet. Diesen Vorgang mit Lernkurve zu verkürzen ist zwar bequem, aber auch irreführend. Bei einem Kennerspiel muss man auch gewillt sein sich auf die besonderen Anforderungen des Spiels einzulassen, bevor es sich entfalten kann. Kennerspiele holen die Spieler eben nicht ab, sondern verlangen mehr Aufwand. Kognitiv, emotional oder auch sozial. Die Kennerspiel-Liste ist ein Mittel, um den Horizont frisch gewonnener Spielefans zu erweitern. Gerade in diesem Jahr präsentiert sie die Vielfalt und Breite des modernen, anspruchsvollen Brettspiels sehr gut.

Wer hier die Spiele vermisst, die mit besonders vielen oder komplexen Regeln daherkommen, tritt mit den falschen Erwartungen ans Thema. Ein Spiel, das wegen dieser Eigenschaften heraussticht, wird eher in die – mit schmerzlich fehlender Ironie bezeichnete – Expertenkategorie geschoben. Oder anders gesagt, es handelt sich um ein Spiel der extremen Nische. Damit kann man die Bandbreite des Hobbies vielleicht abstecken, aber neue Spieler derart einschüchtern, dass die frisch entdeckte Begeisterung umgehend zu Nichte gemacht wird.

So gelungen und rund ich die Kennerspiel-Nominierungen auch sehe, umso mehr Verwunderung löste die Spiel des Jahres-Liste bei mir aus. Warum fehlten manche Spiele auf der Empfehlungsliste? Warum wurden andere mit einer Nominierung in den Mittelpunkt gerückt? Dieses Unverständnis ist weniger ein Zeichen der Ablehnung, sondern eine Folge des für mich fehlenden Kontexts für die Entscheidungen.

Wie stehen wohl die Chancen, dass in sechs Monaten ein roter Aufkleber hier zu sehen ist?

Aus der Auswahl selbst kann ich nur schwer abzuleiten nach welchen Kriterien hier unterschieden wurde. Natürlich sind My City, Nova Luna und Pictures gute Spiele. Schließlich sind sie einfach und verständlich, ohne dabei trivial zu sein. Ja, auch die Präsentation ist ansprechend und lädt zum Spielen ein. Aber mittlerweile scheint es mir ja eine Seltenheit zu sein, dass neue Autorenspiele an solchen Hürden scheitern. Die Zahl an einfach zugänglichen Spielen, die einladend präsentiert werden, verdoppelt sich gefühlt jedes Jahr. Wenn dies das einzige Kriterium wäre, dann müsste die Nominierungsliste um ein Vielfaches erweitert werden.

Ist es das Spielgefühl, das hier besonders leichtfüßig daherkommt und der Gruppe nur wenig wirklich tief frustrierende Spielmomente liefert? Das würde zumindest erklären, weshalb ein Spiel wie Push nirgends Erwähnung findet. Aber dann wiederum verwundert das Fehlen von Perfect Match. Geht es darum das Gemeinschaftliche im Spiel in den Mittelpunkt zu stellen? Dann muss man auch Team3 erwähnen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es plausible Gründe gab, weshalb diese Spiele nicht erwähnt wurden und das ich sie hier erwähne ist nicht als Gegenvorschlag oder Ermahnung gedacht.

Aber auch nach einer Woche kann ich keinen roten Faden in den Nennungen für das Spiel des Jahres erkennen. Das ist bedauerlich. Ich schätze die Arbeit der Jury sehr und was mir einst als Leuchtturm in der stürmischen See der neuen Spiele beschrieben wurde, sehe ich als wertvollen Beitrag zum Hobby an. Aber ich würde auch gern verstehen warum sie ihren Scheinwerfer auf die Spiele wirft, die sie dieses Jahr ausgesucht hat.

Jede Kritik ist besser verständlich, wenn sie vermitteln kann aus welcher Perspektive sie geschrieben wurde. Das gilt meiner Meinung auch für die Auswahl einer Kritikerjury.

Georgios Panagiotidis
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