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Neujahrs-Gedanken 2020

Mit dem kürzlich vollzogenen Jahreswechsel hat auch der Gebrauch des archaischen Neujahrsvorsatzes wieder in Spielerkreisen Einzug gehalten. Ein Satz, der mir in unterschiedlichen Situationen begegnet ist, sprang mir dabei besonders ins Auge: weniger Spiele kaufen, mehr Spiele spielen.

Dieser Satz ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil das eine so wenig mit dem anderen zu tun hat. Ob ich mich häufiger mit Freunden zum Spielen verabrede, hängt vor allem von der Zeitplanung aller Beteiligten ab. Der Kauf neuer Spiele hat damit herzlich wenig zu tun. Stattdessen wirkt dieser Vorsatz wie eine subtile Kritik an der eigenen Person. Vielleicht als augenzwinkernder Kommentar auf die eigene Aufmerksamkeitsspanne oder der selbst-diagnostizierten Anfälligkeit für Hype.

Dabei ist die interessantere Frage woher eigentlich die Überzeugung kommt, dass wir zu viele Spiele kaufen und zu wenige davon spielen. Hier scheinen mir vor allem vier Kernargumente im Raum zu stehen.

1. Die ungespielten Spiele

Ein gekauftes Spiel ist mehr als nur ein Objekt. Es ist mehr als ein Ausstellungsstück, das man in seinen Spieleschrank stellt. Wobei die Aufmachung und Größe vieler Spielschachteln auch schon anderes nahe legen. Aber so ein Spiel wird in der Hoffnung gekauft, dass es zu einem bestimmten Spielerlebnis führt. Ähnlich wie man Filme schaut, weil man sich erhofft bestimmte Emotionen zu erleben. Man kauft sich Spiele, um bestimmte Dinge damit zu erleben. Da sollte ein Stapel unerforschter Spielerlebnisse eher ein Grund zur Zuversicht sei, als ein Grund sich schlecht zu fühlen. Aber in der Praxis wird im halb-ironischen Ton vom „pile of shame“ gesprochen. Der Begriff kommuniziert so etwas wie Schande darüber, dass man noch nicht alle Gefühle erlebt hat, auf die man sich beim Kauf des jeweiligen Spiels gefreut hat. Das halte ich für unfair. Schließlich kommt es gerade bei Spielen darauf an die richtigen Leute in der richtigen Stimmung zusammenzubekommen. Gelingt das, kann man auch das erfahren, was durch das Spiel ermöglicht wird. Diese Hürde zu nehmen wird kaum schwieriger, wenn man mehr oder weniger Spiele sein Eigen nennt.

2. Den Kaufpreis rechtfertigen

Ebenfalls sehr beliebt ist das Geldargument. Schließlich hat man ja so viel Geld ausgeben und hat dafür außer Pappe, Kärtchen und etwas Plastik fast nix bekommen. Beim Versuch einen „objektiven“ Maßstab anzulegen wird der Kaufpreis und die tatsächlich investierten Spielstunden gegeneinander aufgerechnet. Wenn das Ergebnis dann unter einer willkürlich gesetzten Grenze liegt, so hat sich der Kauf rentiert und man kann ausatmen. Die Kaufkosten haben sich nach einer bestimmten Zahl an Spielstunden quasi amortisiert. Die Last, das Spiel unbedingt spielen zu müssen, wurde abgelegt. Diese Last setzt jedoch voraus, dass man sich mit dem Kauf eine Schuld aufgebürdet hat, die man begleichen muss. Die Ausgaben für das Spiel waren derart, dass man sich vor einer undefinierten Instanz dafür rechtfertigen muss. Ein Spielkauf wird per se als nicht notwendig hingenommen und in einzelnen Fällen sogar als angehend unverantwortlich verstanden. Das wiederum ist ein Vorwurf, den man schnell entkräften will. Zum Beispiel, weil man mit dem Spiel seinen Spaß hatte und der Kauf sich damit gelohnt hat. Sollte man wider Erwarten keinen Spaß am Spiel finden, wird es schnell weiterverkauft. Die verantwortungslos getätigte Investition soll mit möglichst wenig Verlust abgestoßen werden. Wer sich schon immer gefragt hat, warum so viele gebrauchte Spiele zum quasi-Neupreis angeboten werden.. findet hier seine Antwort. Weniger Spiele zu erwerben und gleichzeitig ältere Spiele zu spielen, schlägt somit zwei Fliegen mit einer Klappe: man fühlt sich nicht zum Spielen verpflichtet und erhöht parallel den Wert der bereits gekauften Spiele.

3. Spieltiefe erforschen

Wenn Spieler beklagen, dass sie ihre Spiele zu selten spielen, wird auch oft der diffuse Begriff der Spieltiefe herangezogen. Ein vermeintlich gutes Spiel ließe sich nur dann voll und ganz genießen, wenn man es wiederholt spielt. Zum einen lassen sich so unterschiedliche Strategien am praktischen Beispiel testen. Man spekuliert aber auch darauf, dass sich neue Situationen und Regelkombinationen ergeben, welche für Überraschungen sorgen. Wer seine Spiele eh nach Kaufpreis und Spielstunden bewertet, findet sich bei Spielen, die sich erst mit deutlichem Zeitaufwand entfalten, sofort wieder. Es erscheint vollkommen logisch, dass ein derartiges Spiel auch zwingend ein großartiges Spiel sein muss. Neben Brettspielen wird diese Eigenschaft nur noch bei sperrigen Konzeptalben als Zeichen großer Qualität gesehen. Aber auch hier ist der Zusammenhang zwischen neuer Anschaffung und Rückkehr zu vertrauten Spielen sehr dünn. Vielmehr sehen sich Spieler hier vor eine oft nicht ganz einfache Entscheidung gestellt. Auf der einen Seite ist das vertraute Spielerlebnis, bei dem man hofft, dass sich mit zunehmender Erfahrung weitere Facetten eröffnen. Auf der anderen Seite steht das Versprechen eines neuen, vielleicht ganz anderen Spielerlebnisses. Aber es stellt sich einem die Frage, wenn die Entdeckung neuer Facetten so viel Mehrwert besitzt, weshalb man sich per Neujahrsvorsatz dazu bringen muss eben diese zu entdecken. Sollte ein Spiel nicht aus sich heraus den Wunsch nach einer weiteren Partie wecken, unabhängig davon wieviele Spiele noch verpackt im Schrank stehen?

4. Spiele sind Luxusgüter

Zum Abschluss fällt auch oft und gerne das Argument, dass es sich bei Spielen letzten Endes nur um Luxusgüter handelt. Auf den Kauf zu verzichten ist nicht nur vernünftig und bodenständig, es ist auch ökologisch verantwortungsvoll. Luxus ist schließlich nicht lebensnotwendig. Sich Luxus zu gönnen und wiederholt Spiele zu kaufen, ist prunkvoll und fast schon vulgär. Ich frage mich, ob ein ähnliches Argument auch für Bücher, Filme oder Musik in Gebrauch ist. Müssen sich Bücherliebhaber, Cineasten oder Musikbegeisterte ihre Regale voller erworbener Produkte ähnlich rechtfertigen? Oder darf man diese erlesenen Medien auch genießen, ohne zu fürchten, dass man der konsumgeilen Völlerei erlegen ist? Vor allem würde irgendjemand aufhören Neues zu lesen, zu schauen oder zu hören, nur weil man die alten Sachen noch nicht zur Erschöpfung durchgekaut hat?

Ich selbst habe mir Neujahrsvorsätze in Sachen Spiele gespart. Sicherlich wünsche ich mir regelmäßiger zu spielen oder Spiele wieder auf den Tisch zu holen, deren Spielgefühl ich vermisst habe; aber das hängt eher von meinen Mitspielern ab als von mir. Die Zahl der Spiele, die ich mir dieses Jahr kaufen werde, hängt davon ab wieviele mich dieses Jahr interessieren, und welche ich nur zu Gesicht bekommen werde, wenn ich sie mir selbst hole. Ist das Völlerei, kopfloses Geld verpulvern oder oberflächliches Neuheiten-Gezocke? Es fühlt sich eigentlich nach nichts davon an. Ich spiele was ich will, so oft ich kann. Das ist kein Vorsatz; das ist lediglich meine Leidenschaft.

Georgios Panagiotidis
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