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Kein Lorbeeer für den Aussteiger

Ich bin inzwischen Ex-Jury-Mitglied. Ich war nie in der Jury Spiel des Jahres, aber ich war die letzten drei Jahre in der innoSpiel-Jury. Als wir mit dem InnoSpiel Preis vor inzwischen drei Jahren angefangen haben, war da nur die Idee von Frau Metzler einen Preis zu haben der deutlich macht, dass es Innovationen gibt, dass diese auch Motor sind unsere Szene, unser Business voranzutreiben und die gewürdigt werden müssen. Es war Frau Metzler die uns als bunte Truppe ((Michael Blumöhr, Chriswart Conrad, Karsten Höser, Nadine Pick, Christoph Post und ich) zusammengewürfelt hat und wir haben als solche an allem gefeilt, was den Preis jetzt ausmachen dürfte aber genug offengelassen, dass der Preis noch weiterwachsen kann. Wir hatten Diskussionen über den Namen des Preises, welche Spiele dafür in Frage kommen und vor allem, was wir als innovativ ansehen. Und da kann alles dazugehören, wie die neun Nominierten in dieser Zeit schon deutlich machen.

Nun bin ich aus der Jury ausgetreten und zwei andere Kollegen füllen die Lücke. Aber warum bin ich ausgetreten? Seit dem ersten Jahr habe ich von den Leuten gehört, ein toller Preis, aber was machst du in der Jury? Ich habe das von anderen Verlagen gehört. Ich habe das von Autoren gehört. Ich habe das von anderen Journalisten gehört. Ich habe das sogar von regulären Spielern gehört. Woher kommt diese Frage?

Transparenz und Vertrauen sind heute sehr wichtige Güter. Vermutlich viel wichtiger als sie es früher waren, ohne dass die Leute sich je vorstellen konnten das sie nicht wichtig waren. Im Jahre 2001 traten etliche Mitglieder der Jury Spiel des Jahres aus. Auch wenn die Aussagen sehr schwammig sind und die Spielbox damals zwar 8 Seiten dazu gefüllt hatte, so erscheint es nicht immer deutlich. 2 Gründe sind mir in Erinnerung geblieben zu sein.

Zum einen waren einige Mitglieder nicht ausreichend vorbereitet und hatten zum Teil keine Ahnung für was sie da abstimmten. Ein Umstand, den ich gut verstehen kann, aber einer der definitiv schon lange nicht mehr gilt. Die Jury ist dank moderner Medien noch stärker mit einander im Gespräch und tauscht sich regelmäßig aus. Da wird wirklich viel gespielt.

Zum anderen war es die Verknüpfung mit dem Archiv in Marburg. Da flossen wohl Gelder in die Subvention des Archivs und auch sonst war das wohl alles nicht ganz sauber in den Augen der Austretenden. Der Umstand ist etwas was die Jury aber sehr stark bekämpft hat. Keiner in der Jury darf irgendeine Verbindung zu einem Verlag haben oder zu einem Vertrieb oder auch nur zu einem Autor. Kein Jurymitglied erhält Geld von der Jury für sein Tätigkeit und erst durch den Ausstieg von Wieland Herold beispielsweise konnte sein Sohn nun selber ein Spiel veröffentlichen. Eine saubere Trennung.

Und diese scharfe Trennung trägt die Jury nach außen. Aber da geht es um die Jury, und da geht es im Geld. Und immer, wenn es um Geld geht ist Transparenz um so wichtiger. Beim innoSpiel geht es nicht um Geld. Weder hat auch nur ein Jurymitglied Geld bekommen, noch nimmt der Merz-Verlag mit dem Logo Geld ein. Das heißt nicht, dass man keine Transparenz walten lassen muss. Und deswegen wurde die Jury auch nicht verheimlicht, sondern bekannt gemacht und auf die Bühne geschickt bei der Preisverleihung.

Die innoSpiel-Jury ist sogar vielseitig, etwas was wir als Stärke nutzen konnten und wollten. Da gibt es nicht nur gestandene Journalisten, sondern auch die Händlerin, den Autor und mich als Verleger. Wir hatten in mehreren Meetings und regem Austausch unsere Sichtweise eingebracht und wir haben auch diskutiert was Innovation für jeden von uns bedeutet. Und ich denke wir haben auch alle dabei was gelernt. Wir haben unsere Sicht auf Produkte in Diskussionen geschärft und festgestellt das manchmal die Innovationen klein und manchmal groß sind. Manchmal sind sie ein großer Wurf und manchmal ein feines Rad. Manchmal mechanisch und manchmal thematisch. Manchmal kann man sie gut sehen oder springen einen an und manchmal muss man sie selber erspüren und erleben, um zu begreifen was da passiert. Und vieles war nur möglich, weil wir von verschiedenen Seiten gekommen sind.

Neben den drei Siegern und den sechs weiteren Nominierten hatte ich in den drei Jahren auch etwa 100 Spiele erlebt welche innovativ waren aber leider nicht gut. Spiele wo es einen selber schmerzt zu sehen, welch grandiose Idee da nicht zu Ende bearbeitet wurde. Gleichzeitig aber zu wissen, ich hätte es selber vielleicht nicht besser machen können bringt einen auf den Boden zurück. Es hat auch meine Sicht auf Innovation geschärft.

Und das ist und war auch möglich, weil wir halt alle einen anderen Hintergrund in dieser Jury haben. Jeder bringt seine eigene Sicht auf die Produkte und was sie erfüllen müssen. Und ich glaube das diese verschiedenen Sichten den Preis eher stärken und ihm mehr Charakter und Wert verleihen. Aber ich (und scheinbar nur ich) wurde aber auch in jedem Jahr gefragt, was ich in dieser Jury mache. Eine Frage die mich Zwang in eine Verteidigungshaltung zu gehen, eine Haltung, die ich nicht möchte.

Unterm Strich habe ich die Jury nun verlassen, weil ich meine Zeit anderen Aufgaben in Zukunft widmen möchte und nicht wegen all der Fragen. Und wenn die Aufgaben vor mir nicht wären, würde ich noch in der Jury sitzen.

Es bringt einen aber auch zum Nachdenken, was der Szene, dem Business fehlt. Was ist das Ziel von Preisen und Auszeichnungen? Zum einen sollen sie einen Wegweiser für Leute darstellen, die nicht so tief in der Materie stecken. Zum anderen sollen sie aber auch Anerkennung für Erfolge und Resultate bringen. Echte Highlights sollen unterstrichen werden.

Der Pöppel des Spiel des Jahres wird oft als der Oscar der Brettspielszene bezeichnet. Aber der Oscar ist so viel mehr. Er steht dafür das eine gesamte Wirtschaft sich selber feiert. Sie sind vor allem Anerkennung für alle die an dem Erfolg mitarbeiten. Hier wird nicht nur der beste Film ausgezeichnet, sondern auch die beste Regie, die beste Kamera, die beste Musik, der beste Schnitt und viele weitere in derzeit insgesamt 24 Kategorien. Und das seit 1929. Völlig Neidfrei wählen dabei Schauspieler die Leistung anderer Schauspieler. Regisseure die Leistung anderer Regisseure und Bühnenbildner die Leistung anderer Bühnenbildner. Es ist ein Preis aus dem Business für das Business. Und das funktioniert, weil nicht der Neid und die Gier dafür im Vordergrund stehen, sondern die Leistung und die Anerkennung.

Wenn ich an Treffen in Willingen, Oberhof, Mallorca oder Göttingen schaue, dann merke ich das wir Verlage in Deutschland ein gepflegtes Miteinander können. Wir arbeiten zusammen und helfen uns Gegenseitig. Ohne dass wir uns nur als Konkurrenten begreifen. Denn wenn es allen besser geht, dann geht es auch dem Business für alle besser. Und ich wünschte mir wir könnten gute Arbeit der Redakteure auszeichnen oder grandiose Marketingkampagnen die den Markt für alle Stärken. Stärkung durch positive Belohnungen. Durch Auszeichnungen.

Im Brettspielmarkt gibt es zwei große Preise.

  • Der Spiel des Jahres ist der Preis der (ausgewählten) Presse.
  • Der Deutsche Spielepreis ist der Preis der Spieler.

Aber …

  • Wo ist der Preis des Handels?
  • Wo ist der Preis der Verlage?

Ich würde mir einen Preis wünschen, den die Verlage vergeben. Und einen der nicht nur für Spiele ist, sondern vor allem auch für Personen. Denn Gesellschaftsspiel kommt nicht nur vom geselligen Spielen zusammen, denn das ist auch nur ein (wenn auch vermutlich der größte) Teil der Spieler, sondern auch vom Austausch und der Gesellschaft, für die sie steht. Und am Ende stehen auch die Köpfe für das soziale Miteinander.

Wir haben kleine Preise die versuchen Lücken zu füllen, wie den a la carte Preis das beste Kartenspiel auszeichnet oder den Graf Ludo, der sich um die Illustrationen und die optische Präsenz, aber rundum ist das noch nicht. Warum sollten Verlage in Deutschland nicht auch die Leistung anderer Verlage in Deutschland anerkennen. Warum sollte eine Gruppe, wie die Spieleverlage e.V. nicht nur versuchen die Verlage beim Marketing zu unterstützen, sondern auch bei all ihrer anderen Arbeit.

Der innoSpiel will nicht dieser Preis sein, aber er eröffnet Dimensionen. Er ist verständlich und transparent. Er füllt diese Lücke durch die Kombination vieler verschiedener Teilnehmer. Er ergänzt das Angebot hervorragend. Ein bisschen betrauere ich die Jury verlassen zu haben, aber den Blick, den ich in den 3 Jahren gewonnen habe, betrachte ich als etwas, dass ich nicht vergessen möchte. Und vielen Dank an Dominique für die Chance mich einbringen zu können und von einem tollen Team was gelernt zu haben.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy