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Mein Senf

Der Mai ist ein Monat voller Termine; Es gibt viel zu korrigieren, es ist Herne, es sind erste Anzeichen von Sommer zu beachten und so haben wir in der Redaktion recht oft unsere Schreibtermine hin- und herschieben müssen. Irgendwie landete ich auf den 26. Mai und zu meiner Überraschung durfte ich feststellen, dass dies das Wochenende nach der Bekanntgabe der Nominierungen ist. Nun gut, wenn ich den Termin schon habe, kann ich auch was zum diesjährigen Ergebnis sagen.

Vorab aber erst einmal Glückwünsche an alle Beteiligten (und zur Gedächtsnisauffrischung seien die Auserwählten noch einmal gelistet):

Auf den roten Hauptpreis dürfen hoffen: L.A.M.A. (Knizia/Amigo), Just One (Roudy und Sautter / Repos, Asmodee), Werwörter (Alspach/Ravensburger). Um den Kennerspielpreis sind im Rennen: Capre Diem (Feld/Alea), Detective (Trzewiczek, Rymer, Łapot/Portal,Pegasus) sowie Flügelschlag (Hargrave/Feuerland). Schließlich sind Fabulantica (Teubner/Pegasus), Go, Gecko Go! (Adamas/Zoch) und Tal der Wikinger (Wilfried und Marie Fort/Haba) für den Kinderspielpreis nominiert.

Auffällig ist erst einmal, dass der Großteil der Nominierten einen Titel hat, der nur aus einem einzigen Wort besteht – und eine der Ausnahmen heißt “Just One”, was natürlich ganz klar den Meta-Kommentar dieses Sachverhaltes darstellt. Nur beim Kinderspiel dürfen es gleich drei Wörter im Titel sein! Das ist leider auch schon alles, was ich zu den Kinderspielen sagen kann. Hier fehlt der Überblick, auch wenn ich es etwas schade finde, dass es Concept Kids “nur” auf die Empfehlungsliste geschafft hat.

Wenn ich mir die zum Hauptpreis nominierten Spiele ansehe, so muss ich sagen, dass dies mehr oder minder die erwarteten Spiele waren. Nicht weil es sich um überragende Spiele handeln würde, sondern weil der Jahrgang eher arm an herausragenden Spielen war – generell kann ich aus meinen Spielrunden sagen, dass ich vieles gut fand, mich aber wenig wirklich begeistern konnte. Dennoch nominiert die Jury immer drei Spiele und so kann sich vermutlich das eine oder andere Spiel glücklich schätzen, dass es in diesem Jahr erschienen ist und sich nicht mit etwa einem Azul oder The Mind messen musste. Ohne die Nominierung abwerten zu wollen (unter die drei besten eines Jahrgangs zu kommen ist immer eine Leistung, egal wie gut oder schwach der Jahrgang ist) – in anderen Jahren hätte es gute Gründe gegeben auf eine Nominierung zu verzichten:

Werwörter kenne ich nicht aus eigener Erfahrung. Anbedacht der Kontroverse um Insider (verlinkt meine Darstellung des Falles) habe ich mit der Nominierung aber meine Bauchschmerzen. Ich halte es für absolut möglich, dass der Autor die Grundidee aus Insider variiert hat, so wie er aus Rasende Roboter Mutant Meeples gemacht hat – das war absolut in Ordnung, aber er hat Randolph klar als Inspiration benannt, was hier nicht der Fall war. Weil er das Spiel unabhängig entwickelt hat? Man weiß es nicht. Schwierige Geschichte.

Mit L.A.M.A werde ich mich in einem zukünftigem Post näher befassen – ich werde einen Blick auf “Uno-Killer” werfen und das deutet schon an, dass LAMA (Ich lasse mal die Punkte weg, weil ich sonst wahnsinnig werde) ein gutes, einfaches Kartenspiel ist – ähnlicher Anspruch wie Uno, aber viel besser. Als solches würde ich es eher auf der Empfehlungs- als auf der Nominierungsliste sehen – einfach aus dem Grund, dass es auf einem Spielprinzip beruht, das in Nichtspielerkreisen geradezu als klassisches Spiel bekannt ist.  Der Zielgruppe des Spiel des Jahres wird hier nicht gezeigt, dass es noch sehr viel mehr gibt, als “Zahl bedienen und Karten loswerden”. Skyjo etwa bietet denselben Anspruch und Spielspaß mit einem neuartigerem Spielprinzip, wurde von der Jury aber bei Erscheinen glatt übersehen. Auf der Meta-Ebene wäre es allerdings auch irgendwie wieder witzig wenn Spielautorengott Reiner Knizia den Hauptpreis nach “Ausgerechnet Keltis” mit LAMA gewinnen würde, wo er doch eigentlich für ganz andere Spiele bekannt ist…

Just One hat m.E. die größten Titelchancen: Es ist ein netter Zeitvertreib, der dem Spielen im Vergleich zu den letzten Jahren wieder eine andere Seite abgewinnt. Wer nur die Spiel des Jahres-Preisträger kauft bekommt eine schön diffuse Sammlung. Es hat den Beeple Award gewonnen und konnte daher auch viele meiner Blogger Kollegen überzeugen. Allerdings ist mir auch hier (womöglich als jemand der sehr viel Partyspiele gespielt und Pädagogik studiert hat) die Idee auf Dauer ein bisschen zu dünn, ein bisschen zu wenig für den Titel. Georgios hat dies hier m.E. schon sehr treffend beschrieben.

Was bei den drei Titeln noch auffällt: Die Titel sind eher für gesellige Runden gedacht: Werwörter für 3-10 (laut BGG am besten zu 6-7, zu dritt nicht empfehlenswert), Just One macht auch erst ab fünf Spieler richtig sinn. LAMA funktioniert noch am besten mit geringen Spielerzahlen, aber selbst da ist das Spiel zu fünft und zu sechst signifikant besser als zu dritt oder zu viert und zu zweit würde ich es gar nicht mehr spielen wollen (anders als Skyjo, um das nochmal so richtig zu betonen). Das ist ein interessanter Trend, aber per se jetzt weder negativ noch positiv – Bereits bei Codenames hatte die Jury klargemacht, dass es nicht mehr nur um die klassische Familie geht, sondern auch um WGs, Studenten etc. Das ist hier -außer vielleicht bei LAMA – auch der Fall. Es mag aber auch ein Zeichen des schwachen Jahrgangs sein, denn Jubel, Trubel, Heiterkeit ist in einer großen Runde leichter zu erzeugen, als in einer kleinen (Daher sind Partyspiele meistens in größeren und ernste Euros eher in kleinen Gruppen spielbar).

Was auch immer es wird: Positiv für mich ist, dass die Schachtel klein ein wird. Ich habe ein eigenes Regelfach für alle Haupttitelträger und was auch immer es wird, ich muss nicht anbauen. Kleine Titel sind nicht unbedingt schlecht, da man sie mal schnell verschenken und mitnehmen kann, ein Selbstläufer sind sie aber auch nicht, da sie unter dem Weihnachtsbaum einfach nicht viel hermachen. Und dort werden viele Titelträger landen. Hanabi war jetzt nicht so unbedingt das bestverkaufteste SdJ aller Zeiten.


Beim Kennerspielpreis gab es für mich genau eine Überraschung: Carpe Diem. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass viele Leute das Spiel deutlich besser finden als ich. Aber es ist auch so hässlich und unansprechend. Macht man damit Werbung für unser Hobby? DAS ist der “nächste Schritt”? Shut Up & Sit Down (glaube ich) hatten mal die Diskussion angestoßen, dass lieblose Graphik genauso ein Ausschlußkriterium für den Preis sein sollte wie eine schlechte Spielanleitung (Davon habe ich übrigens dieses Jahr nichts gehört, aber Tom Felber ist ja auch nicht mehr Vorsitzender). Ich sehe das mittlerweile ähnlich, zumindest bei ansonsten relativ gleichwertigen Kandidaten. Ich hatte Newton auf diesen Platz gesehen oder noch lieber Treasure Island, wobei das auch an der Verfügbarkeit gescheitert sein kann. Ich vermute aber, dass die Jury Alea dafür belohnen wollte, eine überarbeitete Auflage auf den Markt zu bringen, die -wie man hört – einiges verbessert.

Detective und Flügelschlag habe ich beide nicht gespielt, aber das erste im Schrank, das zweite werde ich mir zulegen, sobald es bei Feuerland Ende Juli wieder verfügbar wird. Die Spiele sind also keine großen Unbekannten aus meiner Sicht und die beiden werden den Titel (hoffentlich) auch unter sich ausspielen. Flügelschlag ist dabei natürlich erst einmal hübscher, vor allem aber das klassischere Spiel – Ein Engine-Builder mit schickem Thema und flotten, wenn auch wohl etwas solitärem Spielablauf. Detective ist deutlich innovativer, aber auch deutlich länger – der Grund warum ich es noch nicht gespielt habe, ist die Spieldauer, die drei Stunden wohl locker überschreiten kann. Die Jury hat sich in der Vergangenheit im Kennerspielsegment schon für innovative Spiele entschieden und die Prämierung der Exit-Reihe zeigt auch eine Affinität zu Rätselspielen. Aber die zeitliche Verpflichtung ist eben doch schon recht hoch. Ob zu hoch für den Kennerspielpreis, wo es ja eben um Leute gehen soll, die sich intensiver mit Spielen befassen mögen? Keine Ahnung – wird es in dieser Hinsicht ein Exit oder ein Isle of Skye? Schwer zu sagen, wohin die Reise dieses Mal geht!

ciao

peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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