Wir müssen über den Spiel des Jahres reden

Die Nominierungen stehen wieder an. Peer hat ja schon letzte Woche seine Prognosen in die Waagschale geworfen. Damit ist die Pflicht schon mal erfüllt, es folgt nun die Kür.

Spiel des Jahres. Der große deutsche Spielepreis, der seit Ende der 1970er die Spielelandschaft hierzulande prägt und mit wachsender Verbreitung des Hobbies auch zunehmend an wirtschaftlicher Relevanz gewonnen hat. Wer sich den roten Pöppel auf die Packung kleben darf, der kann sich auf einen ordentlichen Schub in den Verkaufszahlen freuen. Wie so viele Spieler in meinem Alter bin auch ich mit dem Preis aufgewachsen. Ich habe zwar nicht seit Kindesbeinen Brettspiele als Hobby gehabt, aber ich kann mich nicht an eine Zeit als Brettspieler erinnern zu der mir der SdJ kein Begriff war.

Mir scheint, dass der Spiel des Jahres Preis nie ein Preis für das erfolgreichste, innovativste oder gar von den Hobbyisten am höchsten geschätzte Spiel der vergangenen 12 Monate war. Es war schon immer ein Preis, der die Aufmerksamkeit des sogenannten Mainstreams auf das Hobby lenken sollte. Ein Preis, der nicht nach innen gerichtet war, also darauf was die „Szene“ gerade feiert, sondern auf die Leute da draußen zielte. Auf Menschen, die zwar neugierig waren was es mit Spielen so auf sich hat, aber womöglich etwas eingeschüchtert und mit respektvollem Abstand das Ganze betrachteten: die „was macht ihr da eigentlich?“-Leute. Ein solcher Preis sollte Leuten eine Chance geben das Hobby kennenzulernen. Dafür musste die richtige Balance gefunden werden zwischen Zugänglichkeit und „State of the Art“.

So sehr Kenner auch ein Spiel wie Gloomhaven, 7th Continent oder Spirit Island feiern, so aufwändig ist es auch diese Spiele Menschen zu öffnen, die nicht eine Vielzahl der darin verwendeten Konzepte und Ideen kennen oder zumindest sorgfältig, wiederholt und mit Engelsgeduld erklärt bekommen. Für den Spiel des Jahres Preis ist Zugänglichkeit ein wichtiges, wenn nicht sogar ausschlaggebendes Kriterium. Diese Erkenntnis ist so offensichtlich, dass sie banal erscheint. Sie ist auch – mit Ausnahme einiger Nörgler, die ihre konstante Unzufriedenheit gerne als Kultiviertheit verkaufen wollen – nicht wirklich streitwürdig. Man kann Spielkultur nicht propagieren, wenn die Beispiele dafür nur Verwirrung und Unverständnis hervorrufen.

Es scheint mir jedoch, dass der zweite Punkt für viel Diskussionsstoff sorgt. Niemand würde heute noch Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder Monopoly als aktuelles Vorzeigebeispiel für den Ideenreichtum und die Vielfalt des Hobbies wählen. Ich würde behaupten, dass es den Preis gar nicht geben würde, wenn sich Spielentwicklung und Design nicht kontinuierlich entwickeln würde. Gerade das will man – und ich behaupte mal die Jury des Spiel des Jahres ebenfalls – Leuten nahe bringen. Aber die Wahl des Spiel des Jahres als Repräsentant für den Stand des Hobbies erlaubt nicht nur differenziertere Standpunkte. Sie werden dadurch sogar notwendig. Man kann sich vortrefflich darüber streiten welches Spiel eben den Zeitgeist trifft, und welches nicht. Das alles ist eine Frage der Perspektive. Wenn man also ein Jahr in Branche und Hobby beurteilen will, dann ist die Perspektive einer Expertenjury wie des SdJ erwünscht und gern gesehen. Der gemeine Spieler wünscht sich durch eine solche Perspektive ja nicht nur Kauf-, sondern auch Orientierungshilfe.

Warum also dann der Unmut, wenn die Jury nominiert und später prämiert? Warum das Kopfschütteln, Augen verdrehen und Schwadronieren? Wie mir scheint ist die Perspektive der Jury zunehmend schwerer zu fassen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Vorlieben oder Zustimmung, was die Entscheidungen angeht. Ich kann durchaus Entscheidungen nicht teilen, aber dennoch eine nachvollziehbare Grundlage dafür sehen, ein Spielverständnis, welches kohärent und stimmig ist. Aber wenn ich Spieler frage, Spieldesigner, Kommentatoren, Verleger oder Verkäufer, dann fällt mir durchaus auf, dass die Reaktion auf Auswahl und Entscheidungen der Jury oft mit einem „Wir verstehen nicht ganz warum.“ die einzig wiederkehrende ist.

Und nun?

Jeder Spieldesigner wird wissen, dass Feedback von Spieletestern mit Vorsicht zu genießen ist. So liegen Spieletester bei ihrer Begründung für ihr negatives Feedback fast immer falsch. Dennoch ist ihre instinktive Reaktion in solchen Spielrunden fast immer richtig. Ich denke, so sollte man auch die Reaktion auf den Spiel des Jahres verstehen. Die Gründe weshalb der SdJ immer und oft von Leuten kritisiert wird, halte ich im Allgemeinen für Unsinn. Aber dass es eben doch eine Unzufriedenheit gibt; dass die lautstarke Minderheit, die sich jedes Jahr zu Wort meldet, doch eine legitime Unstimmigkeit wahrnimmt: darüber sollte man reden. Das ist durchaus etwas, dass man nicht einfach aussitzen und als Geschwätz abtun sollte.

Sicherlich kann kaum jemand den Vorwurf machen, dass ein Spiel wie Sherlock Holmes Criminal Cabinet heutzutage nicht mehr den SdJ erhalten würde. Dafür sind die Unterschiede im Spielangebot und der Spielkultur in diesem Land zwischen 1985 und 2018 zu groß. Auch ist es absurd einer Spieljury Fehlentscheidungen nicht zu gestehen zu wollen. So ist etwa Villa Palletti deutlich schlechter gealtert, als etwa Puerto Rico oder sogar TransAmerica. Dass eine Jury auch mal eine Entscheidung fällt, die sich aus dem sicheren Abstand mehrerer Jahre als Irrtum erweist, ist nur menschlich und beweist nichts, außer dass auch eine Expertenjury nur nach bestem Wissen und Gewissen Entscheidungen fällt. Aber wenn es darum geht zu verstehen warum dieses Spiel statt jenes eine Nominierung wert ist; oder warum es bei den Kennerspielen gelandet ist; oder sogar was den Kennerspiel-Preis vom Spiel des Jahres-Preis unterscheidet, kommt man schnell in Erklärungsnöte.

Der Preis (und zu einem gewissen Grad die Nominierung ebenfalls) sorgt immer wieder für einen Verkaufsschub des betreffenden Spiels. Mehr als noch ein Prestigeobjekt für den Verlag, ist es auch fast immer ein Garant dafür, dass es dieses Jahr auch Weihnachtsgeld gibt. Der große, rote Pöppel ist ein Zugpferd in dieser Branche. Daher ist es durchaus auch legitim zu fragen, in welche Richtung denn dieses Zugpferd geritten wird. Genau das scheint unklar zu sein.

Die Erklärung, dass der Spiel des Jahres-Preis nicht für Vielspieler gedacht ist, scheint mir einige Fragen aufzuwerfen. Die Jury besteht ja ebenfalls nicht aus Frischlingen, denen die Augen in Verwunderung aufgehen, wenn sie das erste Mal von „card drafting“ oder „worker placement“ hören.

Wie der Titel schon sagt: wir müssen einfach mal über den Spiel des Jahres reden. Vor allem müssen wir uns fragen: warum ist der Preis uns wichtig?

Ist es die reine Kaufempfehlung?
Ist es der definitive Kommentar zum Zustand der Spielszene in Deutschland?
Oder ist es einfach nur die Bestätigung für die eigene Vorlieben?

Ich weiß, welche der drei Fragen auf mich zutreffen. Aber ich weiß nicht wo sich die Jury selbst verortet.

Autor: Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.

3 Gedanken zu „Wir müssen über den Spiel des Jahres reden“

  1. Ich finde gerade die Quelle nicht, aber ich meine gelesen zu haben, dass Felber mal meinte, dass Ziel des Vereins ist die Förderung des Kulturgut Brettspielens und der Preis ist da quasi nur Mittel zum Zweck.
    Insofern wäre es (so interpretiere ich mal) die Kaufempfehlung im doppelten Sinne: Einmal um Wenigspieler das Hobby nahezulegen (und zu zeigen, dass da mehr ist als Monopoly, Tabu und Siedler) und einmal als Signal an die Verlage, dass man mit Spielen von Typ X auch ERfolg haben kann.

    Ich vermute aber auch, dass jedes Jurymitglied ein etwas unterschiedliches Verständnis von der Zielsetzung des Preises mitbringt. Und der Kurs der Jury ist daher von den Mitgliedern abhängig und deswegen nicht linear.

    1. Ich denke auch, dass sich die Jury darüber im Klaren ist, dass sie Umsatz-lenkend auf den deutschen Spielemarkt wirkt. Indirekt ist das auch ein Signal an die Verlage. Das sehe ich auch so.

      Sollte das aber die einzige, verlässliche Gemeinsamkeit zwischen den Jury-Mitgliedern sein und das Kulturgut Brettspiel bei jedem für etwas anderes stehen, empfände ich das als sehr ernüchternd und enttäuschend.

  2. Echt jetzt? Müssen wir wirklich über das Spiel des Jahres reden?
    Spätestens seit dem Dixit-Skandal sollte jedem klar sein, dass die Preise für den Hobbyspieler keinerlei Relevanz haben. Und den Gelegenheitsspielern kann man genau das erläutern, was es ist – ein Preis, den einige Spielejournalisten verleihen für Spiele, die sie empfehlen möchten – nicht mehr, nicht weniger. Sie können aber auch meine Tante Lise nach ihrer Spieleempfehlung fragen. Das heißt konkret: Augen auf beim Spielekauf, weder ist der rote Pöppel ein Muss noch sollte sich der Gelegenheitsspieler vom “Kennerspiel” abschrecken lassen. Oder vielleicht, ohne schlechtes Gewissen, gleich zu anderen Spielen greifen und den Spielekenner des Vertrauens fragen, wenn solcher bekannt.
    Während der Fachhandel wegen der schieren Menge an Neuerscheinungen stöhnt, ist das SdJ ein Umsatzbringer – gewiss – und fokussiert die Spieleumsätze auf wenige Spieletitel im Jahr. Ich vermute, dass dies mit ein Grund ist, warum sich in vielen Fachhandelsgeschäften die Spieleauswahl auf immer die gleichen und wenige Spieletitel reduziert hat. SDJ und einige Klassiker, einige Schnelldreher und das war es dann. Ob das dem “Kulturgut Spiel”, übrigens nur eines unter vielen Kulturgütern, dient, mag dahingestellt bleiben. Für Hobbyspieler ist das Spiel des Jahres vor allen Dingen eines: irrelevant.

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