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Ja, ist das Jahr denn schon wieder vorbei?

Ja, ist es,  zumindest Blogtechnisch für mich. Erst kommt Nachwuchs, dann der Weihnachtsmann und dann 2013 und die Verleihung des Sylvesters. Keine Ahnung, ob der Matthias noch was schreibt, ich gehe kommende Woche in die Babypause… Nicht aber ohne noch schnell auf die Rezi von Qin hinzuweisen.

Was hat uns 2012 gebracht und was wird wie 2013 beeinflussen? Hier ein paar Gedanken:

Viele Spiele: Wie immer gab es viele –sehr viele – Spiele dieses Jahr. Ganz direkt bedeutet das für mich, dass ich mir jetzt vorgenommen habe in den nächsten Wochen meinen Spieleschrank auszumisten (es ist ja heutzutage keine Kunst mehr, ein Spiel zu haben, dass sonst keiner hat, also gibt es da auch keinen Grund mehr daran festzuhalten, wenn das Spiel mist ist). Da werde ich meine Verkausfliste etwas aktiver führen müssen.Weniger mittelbar gab es nach meinem Dafürhalten aber kein Spiel, dass die Spielewelt nachhaltig beeinflussen wird. Es gab gute Spiele, keine Frage – Ecclipse oder Hanabi etwa werden sicherlich noch in einigen Jahren gespielt werden – aber es gab kein Spiel, dass einen neuen Mechanismus popularisiert (wie Deckbuilding-Dominion oder WP-Caylus) oder ein vergessenen Mechanismus wieder hoffähig macht (wie Koop-Pandemie). Innovation hielt sich in diesem Jahr innerhalb der bekannten Grenzen, die aber nicht wirklich erweitert worden sind. Spielerisch werden sich die Neuerscheinungen 2013 kaum an denen von 2012 orientieren. Wenn es überhaupt einen Trend gab, dann dass Spiele, welche eher Storybasiert sind (wie Andor), etwas hoffähiger geworden sind.

Andors Werbekonzept: Und wo wir gerade bei Stories sind: Vielleicht mögen die Spiele nicht anders aussehen, aber es werden werbemäßig andere Wege beschritten. Wer in der immer größer werdenen Masse auffallen will, muss neue Wege gehen. Bei den Legenden von Andor ging dieser Weg über neue Medien und Geocaching. Und es wird sicherlich nicht das letzte Spiel gewesen sein, dass sowas probiert. Ähnlich aber anders: Online-Videoerklärungen von Regeln oder Zusatzcontent (oder Regeln) via QR-Code rücken ganz langsam vor. Auch hier werden wir in Zukunft noch viel mehr sehen können. Müssen, wenn die Verlage mithalten wollen.

Risikominimierung: Neben technischen oder Werbeinnovationen suchen die Verlage nach weiteren Wegen der Risikominimierung. In Essen war die Liste der Spielbox selten so unübersichtlich wie in diesem Jahr: Spiel X in Essen am Stand von Y zu sehen, wird in Deutschland von Z vertrieben und in Frankreich von A. Verlage vernetzen sich untereinander immer stärker, um präsenter zu sein, um höhere Stückzahlen veröffentlichen zu können (was Kosten minimiert), um das Risiko abzumindern. Das merke ich auch als Autor: Ein japanischer Verlag sucht z.Z. einen Partner in Frankreich, um ein Kartenspiel von mir zu veröffentlichen.
Wer keine Netzwerke hat oder will, muss andere Wege finden Kosten zu sparen. Beliebtes Mittel zum Zweck: Kickstarter & co.  Nachdem Kickstarter einige Verlage quasi aufgebaut hat (Tasty Minstrel Games, Dice hate me), probieren sich auch die etablierten an Kickstarter (z.B. Queen), was von der Spieleszene nicht nur begeistert aufgenommen wird. Aber bei aller Neutralität, die ich nicht aufbringen kann: Irgendwie muss ein Verlag ja auf die riesige Konkurrenzsituation Rücksicht nehmen. Seit Jahren häufen sich die Armageddonszenarien und die Vergleiche mit den späten 90ern (als eine Reihe großer Verlage umklappten) oder dem französischen Comicmarkt, der unter seinem Eigengewicht kollabierte. Noch hält alles, noch wachsen die Neuerscheinungen und Verlagsgründungen, noch werden die Zyklen zwischen „Neu“ und „Verramscht“ immer kürzer (In zwei Jahren werden die Essen-Neuheiten vom Donnerstag bereits am Sonntag für 10€verramscht, das spart Transportkosten ;-) ). Aber stabil bleibt alles eben nur, weil der Markt International wächst und neue Werkzeuge wie Netzwerke und Crowdfunding zur Verfügung stehen.

Ex-Partnerschaften: Und wo viel Druck ist, ist auch viel Reibung. Neue  Partnerschaften werden gegründet, aber alte zersetzen sich: Asmodee vertreibt Matagot nicht mehr. Der Grund bleibt unklar, vielleicht warens die Produktionsprobleme? Dann wäre Matagot jetzt doppelt bestraft. Noch überraschender: Heidelberger kündigt Pegasus. Hier scheinen die Reibungseffekte zwischen den Partnern zu groß zu sein, aber über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

China als Markt: Doch wo sich eine Tür schließt, da öffnet sich eine neue. Der riesige Markt China hat jetzt Asmodee angelockt. Und die Spielbox, die dort jetzt auf chinesisch erscheint. Letztere hat imho sogar bessere Chancen sich durchzusetzen: Ein Verlag in China muss mit den dortigen, sehr speziellen, Gegebenheiten kämpfen. Asmodee wird sich das (hoffentlich) gut überlegt haben. Wir werden bald erfahren, wie es geklappt hat: Entweder sie ziehen sich wieder zurück oder andere Verlage folgen.

Crowd Funding made in Germany: Eine andere Tür öffnet seit 2012 zur Spieleschmiede, einer deutschen Crowd-Funding-Seite für Spiele, die aber (bislang) nur Projekten offen steht, die von Verlagen betreut werden. Ein weiteres Symptom der Risikominimierung und der Suche nach neuen Möglichkeiten. Das erste Projekt war ein großer Erfolg, aber große Macht bedeutet große Verantwortung und der Hype erzeugte eine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt werden konnte. Immerhin wissen jetzt auch Nicht-Kickstarter, dass Vorbestellung eines unveröffentlichen Spieles mit dem Risiko behaftet ist, dass das Produkt den Erwartungen nicht entspricht (oha, Leserbeschimpfung…).

 TipToi: Eine Million Tiptoi-Stifte sind verkauft. Andere Stifte sind bislang eher untergegangen. Haba versucht es jetzt mit einem eigenen System. Wieso ist das hier anführe? Weil Tiptoi (und ähnliche Systeme) eine gute Möglichkeit bietet Elektronik und Brettspiel zu verbinden und so Mechanismen möglich macht, die vorher zu aufwendig oder gar nicht verwendbar wären. Allerdings beschränkt Ravensburger das System auf Kinderspiele. Und die Systemvielfalt macht die Angelegenheit für einen Autor nicht leichter. Aber: Vielleicht nicht 2013 aber 2020 werden wir auch Erwachsenenspiele sehen, die dieses oder ein ähnliches System nutzen!

Letzte Spiel in gewohnter Umgebung: Etwas Wehmut in diesem Jahr: Vermutlich wars 2012 die letzte Spiel im gewohnten Layout („Vermutlich“ weil ich als (Wahl-)Berliner Großbauprojekten etwas zynisch gegenüberstehe). Gar nicht schlecht, wenn man mich fragt, denn die Messe passt nicht mehr ins alte Korsett. Die Schlauchhallen 5 und 9 sind zu voll. Da sind große Rechteckige Plätze freundlicher, auch Neulingen gegenüber. Allerdings auch potentiell lauter. Man wird sehen.

 Alte Hasen: Stichwort Wehmut: Teuber wurde 60, Kramer 70. Beide sind noch aktiv (Kramer mit einem neuen Spiel auf der Spiel, Teuber mit neuer Siedler-Erweiterung. Womit auch sonst?), aber wie lange noch? Wie schrieb Chris Farell: Gerade jetzt wo es immer mehr Spiele von Amateuren gibt, werden die Profis Kramer, Teuber nd Knizia sehr vermisst.“ (Knizia ist natürlich immer noch aktiv, aber kaum noch mit Vielspielerspielen). Ein langes Leben den beiden!

ciao

peer

Peer Sylvester
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