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Die Kanadier kommen!

Mit 16 habe ich Kanada bereist (British Columbia und Alberta) und war von dem Land begeistert. Viel Natur, Ruhe und wunderschöne Landschaften. Ein tolles Land. Ich hatte mir geschworen zurückzukommen, aber bislang habe ich noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Die Frage wäre auch: Bietet das Land spielerisch etwas?

Als erstes denkt man natürlich an Crokinole, ein Geschicklichkeitsspiel, dass auf wunderschönen Brettern gespielt wird und entfernt an Carrom erinnert. Hier ein paar schicke Bilder.

Viele Spieleverlage gibt es nicht in Kanada. Aber einen größeren gibt es: Valley Games, bekannt geworden, weil sie das letzte Spiel von Franz-Benno Delonge, Container, in Essen präsentieren konnten. Zu dem Spiel weiter unten mehr.
Ich hab mich mit Torben Sherwood, einer der Köpfe von Valley Games unterhalten:

F: Wie hat Valley Games angefangen?

A: Die Idee zu Valley Games kam uns während wir in unserem Spieleladen spielten. Wir hörten, dass “Die Macher” neu aufgelegt werden sollte und der Autor (Karl-Heinz Schmiel) einen Verlag sucht, der an dieser Neuauflage interessiert sei. Wir dachten uns, dies wäre eine gute Gelegenheit uns in die Brettspielindustrie einzubringen. Also kontaktierten wir den Autoren, besorgten uns Papier und Stift und los gings!

Am Anfang waren es nur Rik Falch und ich (Torben Sherwood), später holten wir noch Kevin Nesbitt mit ins Boot. Die ersten zwei Jahre waren sehr erfolgreich und es sieht so aus, dass es sogar noch besser werden könnte!

F: Nun reden wir einmal über eure Spiele! Was kann man von euren Spielen erwarten?

A: In erster Linie sind wir selbst Spieler. Wir wollen nur großartige Spiele produzieren: Einige für Wargamer, andere für den Strategen und alle für Leute, die gerne Spaß am Spiel haben. Ich will jetzt nicht behaupten, dass wir die absoluten Experten bei der Spieleauswahl sind, aber ich denke doch, dass wir im allgemeinen eine recht gute Wahl treffen! Wir legen viel Wert auf gutes Artwork und auf qualitativ hochwertiges Spielmaterial. Wir wollen, dass der Kunde nach Hause kommt und denkt: “Wow, das war ein guter Einkauf!”

Valley Games will auch großartig in Bezug auf das Spektrum der angebotenen Spiele sein. Früher oder später werden wir eine Art Spiel im Programm haben, dass Dich – Brettspieler! – anspricht. Wir hoffen, dass die Zeit kommt, in der jedes Spieleregal mindestens ein Spiel von uns anbietet.

F: Welche Spiele sind denn gerade in der Mache? Irgendetwas auf das ihr besonders  euer deutsches Publikum hinweisen wollt?

A: Ah die Deutschen haben solches Glück über so viele tolle Spiele zu verfügen! Es gibt so viele tolle Spieleautoren bei euch – Muss am Bier liegen :-)

Nun, jeder weiß wohl dass unser nächstes großes Spiel die Neuauflage von Titan sein wird. Ungefähr zur selben Zeit kommt Municipium von Reiner Knizia raus. Es folgen Supernova, Republic of Rome und eine Reihe Kartenspiele, die jedem Spaß machen werden, egal was er sonst so spielt.

 F: Ich kenne Republic of Rome und habs früher viel gespielt – wird sich etwas ändern?

A: Bei RoR gabs eine ganze Reihe von Regelproblemen und Erratta. Wir werden uns da durch arbeiten und die ganzen Klarstellungen und Verbesserungen in die Regeln und die Karten einarbeiten. Das Spiel wollen wir nicht verändern. Warum sollten wir auch? Das Spiel ist ein Klassiker! Wir werden natürlich das Artwork verbessern und das Layout bekommt ein Facelift verpasst aber davon ab können die Spieler Republic of Rome in all seiner Größe genießen.

F: Wie sieht eigentlich die Brettspielszene in Kanada aus? Ist es ein Nischenmarkt oder ist Brettspielen etablierte Freizeitbeschäftigung? Was wird denn so gespielt?

A: Kanada ist – wie ja jeder weiß – die meiste Zeit über kalt. Da sind Brettspiele natürlich eine gute Möglichkeit sich drinnen seinen Zeit mit Freunden zu vertreiben. Ich würde sagen, dass die Anzahl der Brettspieler in jedem Jahr weiter zunimmt. In unserer Gegend (Calgary, Alberta) gibt es eine Reihe von Spieletreffs und eine kleinere Convention und jedes Jahr kommen mehr und mehr Leute! Vielleicht sind Brettspiele immer noch ein Nischenprodukt, so mit den ganzen Videospielen als Konkurrenz, aber ich denke schon das der Brettspielmarkt wächst.
Was die Spiele betrifft: Es gibt in Kanada mehr Wargamer als man denken würde und ich denke es werden tatsächlich vor allem Wargames gespielt! Welche es nun genau sind, weiß ich nicht, aber ich sehe die ganzen Wargamer auf den Conventions. Auch Eisenbahnspiele sind sehr beliebt. Doch richtig eingeschlagen haben vor allem die Eurogames, dank ihrer interessanten Mechaniken und ihrer kürzeren Spieldauer. Die meisten Leute wollen wenn sie zusammen kommen kurz mal was spielen und dafür sind Eurogames nun einmal bestens geeignet. Ab und an geht aber nichts über epische Brettspielschlacht, die ihre 8 Stunden dauert!

F: Hast Du noch gute Tipps für den reisenden Spieler, der Kanada besucht?
A: Wir haben ein paar kleinere Conventions, aber nichts, dass mit den Veranstaltungen in den USA oder in Deutschland vergleichbar wäre. Unser Land ist einfach zu groß und zu dünn besiedelt, um eine größere Veranstaltung zu rechtfertigen. Ich hoffe aber trotzdem, dass es mal jemand tut – Wir würden denjenigen dabei auf jeden Fall unterstützen!

Der reisende Spieler kann sich hier aber an den wunderschönen Bergen, den fantastischen Wäldern, den interessanten Städten, dem ausgezeichneten Bier und den netten Leuten erfreuen – eine Brettspielpartie ist dabei auch niemals weit weg…

F: Vielen Dank für das Interview!

Container hab ich bereits gespielt: Es ist ein ausgesprochen ungewöhnliches Wirtschaftsspiel: Man kauf Container vom Mitspieler, packt sie in sein Lagerhaus und verkauft sie wieder an einen Mitspieler, der sie dann zu einer Insel verschifft und dann versteigert. Der Versteigerer kann sich aussuchen, ob er dann das Höchstgebot animmt oder den Container selbst für den Preis vehält. Verkauft er den Container bekommt er von der Bank eine Subventionszahlung in Höhe des Preises. Das sorgt für eine interessante Dynamik: Haben alle Spieler wenig Geld (Depression), kommt auch nur wenig Geld in die Kasse und alle bleiben arm. Sobald aber ein, zwei Spieler zu Geld kommen (oder einen Kredit aufnehmen) und die Gebote dadurch höher werden, kommen letztlich auch die anderen Spieler durch diese Verdopplung zu Geld und alle werden reicher: Ein echter Aufschwung. Dadurch wird elegant schon fast ein ganzes Wirtschaftssystem simuliert. Die Container am Ende bringen bei Spielende weiteres Geld (wobei jeder Spieler für andere Farben Geld bekommt, so dass der Wert eines Containers von Spieler zu Spieler verschieden ist). Allerdings spielt sich das System so unintuitiv und ungewöhnlich, dass ich mir noch kein abschließendes Urteil bilden konnte. Es kann passieren, dass das Spiel nicht recht in Gang kommt. Es ist zudem sehr anfällig für Group-Think-Phänomene und eine “falsche” Gruppe kann aus dem Spiel eine sehr schmalgeistige Angelegenheit machen, weil kein Geld in die Kassen kommt. Und zu viert sollte man auch mindestens sein. Auf jeden Fall sollte es jeder Wirtschaftsfan einmal probieren!
Republic of Rom habe ich zu Studentenzeiten gerne gespielt. Es ist ein echtes Zeitmonster mit sehr langer Spieldauer und nicht gerade einfachen Regeln. Aber dafür ist ein sehr einzigartiges Spiel: Alle Spieler spielen gegen das System: Geht Rom unter, haben alle verloren und als Senatoren müssen wird genau das verhindern. Aber: Alle Spieler spielen auch und vor allem gegeneinander und da werden auch mal Niederlagen gegen die Feinde Roms in Kauf genommen, damit ja der gegnerische Feldherr nicht zu mächtig wird. Es wird also verhandelt und abgestimmt und sich gegenseitig betrogen was das Zeug hält. Einzigartig und auch klasse gemacht! Aber ein Problem hat das Spiel imho: Das kürzeste und regeltechnisch einfachste Szenario ist zugleich das langweiligste. Erst die späteren Szenarien erlauben richtig viel Spielraum in den Entscheidungen. Aber gerade bei denen ist die Einstiegshürde am höchsten. Damit bleibt es ein Spiel für Freaks. Aber was für eines!

In den Berliner Akzenten wurde ich (mit falschem Vornamen) zitiert. Allerdings habe ich in dem Zitat Wolfgang Kramer zitiert, mit der Ergänzung “Kramer meinte 99% Transpiration und 1% Inspiration, ich würde das Verhältnis auf 20% Inspiration und  80% Arbeit schätzen… Daraus ist das abgedruckte Zitat geworden, dass dem Insider geklaut vorkommen muss.

 Naja, da dort mein Blog als Seite für Spieleautoren genannt wird, sollte ich demnächst mal wieder was zum Thema Spieldesign schreiben, oder? ;-)
ciao
peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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