Die Kluft zwischen den Vielspielenden der Szene und den Gelegenheitsspielenden fällt vor allem dann auf, wenn es darum geht die Komplexität eines Spiels einzuschätzen. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu wie komplex ein Spiel sein muss, um unterhaltsam zu sein. Aber auch wie komplex es sein darf, ohne sich wie Arbeit anzufühlen.
Auch wenn man die genaue Schwelle nur selten in Worte fassen kann, hat jede*r ein Gespür dafür wann ein Spiel über oder unter dieser Messlatte bleibt. Wenn sich die Komplexität von Spielen allein an dieser Leiste messen ließe, wäre dieser Artikel hier zu Ende. Ein Spiel sollte komplex genug sein, um zu unterhalten aber nicht derart aufwändig, dass man sich beim Spielen daran abmühen muss.
Ärgerlicherweise haben Spielgruppen aber noch eine weitere Messgröße bestimmt, nach der man ein Spiel dem einen oder anderen Spieler*innen-Segment zuordnen kann: die strategische Tiefe.
Zumindest wird oft behauptet, dass es sich dabei um ein eigenes Qualitätsmaß handelt. Dennoch fällt verblüffend oft auf, wie sehr Komplexität und strategische Tiefe einander begleiten. Selbst wenn diese beiden Konzepte nicht deckungsgleich sind, so scheinen sie zumindest oft in Verbindung zu einander zu stehen. Natürlich gibt es Spiele wie Go, in denen der Abstand zwischen Komplexität und strategischer Tiefe kaum größer sein kann. Aber dann gibt es auch Spiele wie Civolution, dessen Komplexität nicht von seiner strategischen Tiefe getrennt werden kann. Die beiden Konzepte haben ein dehnbares, aber dennoch schwer zu fassendes Verhältnis zu einander.
Nun habe ich diese beiden Dinge bisher unter einem positivem Blickwinkel besprochen. Sowohl Komplexität als auch strategische Tiefe behandelt man meistens als Stärken eines Designs welches bestimmte Spieler*innen anspricht. Aber auch die Umkehrung ist bekannt. Spiele, deren Komplexität Menschen Abstand nehmen lässt. Als Beispiele sein hier Mage Knight oder auch Twilight Imperium genannt. Das Regelvolumen und auch der Aufwand, der nötig ist, um diese Spiele zu spielen, wird als derart hoch angesehen, dass sie viele eher abschreckt.
Weniger naheliegend ist es jedoch, wenn strategische Tiefe der Grund ist weshalb Spieler*innen ein Spiel nicht spielen wollen. Gilt doch ein Spiel, bei dem es „viel zu entdecken gibt“ als das Non-Plus-Ultra des modernen Spielegeschmacks. Kaum ein Satz ist aktuellen Spielkritiken verheerender als die Feststellung, dass man nach wenigen Partien schon „alles gesehen hat“. Ein gutes Spiel *muss* viel bieten, aus welchem anderen Grund sollte man es spielen?
Die Spielfrequenz der oben erwähnten Gruppen mag hier auf den ersten Blick eine Erklärung bieten. Vielspieler*innen haben ein neues Spiel schneller „ausgespielt“ als Gelegenheitsspielende. Aber dieser Gedanke setzt bereits voraus, dass beide Gruppen aus den gleichen Gründen Spiele spielen: um das Spiel zu entdecken; um von neuen Taktiken und Strategien überrascht zu werden; um den Entscheidungsraum des Spiels zu ergründen.

Ich behaupte, dass gerade unter Gelegenheitsspielenden diese Motivation selten bis gar nicht vorhanden ist. Für Gelegenheitsspielende ist das gemeinsame Spielen an sich ein besonderes Ereignis. Es findet zumindest nicht derart regelmäßig und mit dem gleichen Spiel statt, dass ein Gefühl der Routine und Gleichförmigkeit als Nachteil empfunden wird. Im Gegenteil: diese Routine führt zu Vertrautheit und damit zu einem Gefühl der Sicherheit, auf welches das Spielerlebnis selbst aufbauen kann.
Als Vielspieler*innen vergessen wir nur zu schnell, dass ein Gesellschaftsspiel zu spielen kein gewöhnliches soziales Miteinander ist. Das Einhalten von expliziten Regeln (aus einem Regelheft) und das gleichzeitige Beachten impliziter Regeln (d.h. wie verändert sich unser Umgang untereinander, wenn wir ein Spiel spielen) ist für Gelegenheitsspielende weder selbstverständlich noch selbsterklärend. Hier muss man sich in jeder Spielgruppe erst finden und einpendeln.
Die Aussicht nach diesem Aufwand dann noch ein vielschichtiges, facettenreiches und immer wieder anders forderndes Spiel ergründen zu müssen, ist hier weniger reizvoll als einschüchternd. Nicht zuletzt, weil auch immer die unausgesprochene Befürchtung mitschwingt, dass eine falsche Entscheidung den Spielspaß aller Beteiligten schmälern könnte. Es ist die Sorge, dass ein „dummer“ Zug das schöne Spielgefühl verderben könnte. Warum Spiele immer unter Leistungsdruck gespielt werden, ist eine Vielspielenden-Marotte, die vielleicht einen eigenen Artikel wert ist.
Komplexität hat immer einen Schwellenwert an dem der leichtgängige (bzw. vereinnahmende) Spielgenuss zu aufwändiger Verwaltungsarbeit führt. Ähnliches gilt auch für strategische Tiefe, die als reizvolles Enigma beginnt aber auch irgendwann in ein mühsames Durchexerzieren von Abwägungsentscheidungen führt. Die unterschiedlichen Vorstellungen darüber wo diese Grenzen verlaufen, entzweien nicht nur Vielspielende und Gelegenheitsspielende. Sie werfen auch oft die Frage auf warum man eigentlich Spiele spielt.
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